Fuzzy denken!

In meinem ersten Beitrag wurde gefordert, dass die Gesellschaft mehr Soziologie wagen sollte. Der zweite Beitrag richtete sich an die Soziologie, mehr und gezielter Komplexität aufzunehmen.

Jetzt möchte ich Gesellschaft und Soziologie adressieren und beide auffordern, fuzzy-logisch zu denken. Damit ist gemeint, die Welt nicht nur in sich ausschließenden Gegensatzpaaren zu beobachten, sondern die Möglichkeit zu berücksichtigen, dass etwas sachlich und sozial zugleich seinem Gegenteil entsprechen kann. Buddha statt Aristoteles – oder wie es Ulrich Beck genannt hat: inklusives statt exklusives Unterscheiden.

Warum sollte man dies tun? Becks Antwort wäre, der ich mich anschließe: weil die Welt mittels Dichotomien oftmals nicht mehr angemessen erfasst wird. Wer etwa den transnationalen Terrorismus vom Typ Al-Qaida mit einfachen Unterscheidungen á la Freund vs. Feind oder „McWorld vs Jihad“ (B. Barber) zu erfassen versucht, der denkt an dem Phänomen vorbei. Und wird folglich Schwierigkeiten bekommen, Lösungen für derartige Probleme zu finden.

Wichtig ist mir, sowohl der Gesellschaft als auch der Soziologie einen solchen fuzzy-logischen Blick beizubringen. Die Gesellschaft würde auf diese Weise bestimmte Grausamkeiten vermeiden können, welche entstehen, wenn sie sich für die Reinheit ihrer dichotomen Unterscheidungen meint einsetzen zu müssen. An einem konkreten Beispiel: Wenn man Männer dichotom von Frauen unterscheidet, dann muss der auf Reinhaltung dieser bipolaren Unterscheidung bedachte Mensch jegliche „Zwischenstufen“ eliminieren. Noch konkreter: Intersexuelle Kinder werden dann einer chirurgischen Anpassung unterzogen mit jenen schlimmen Folgen, auf die der Ethikrat der Bundesrepublik 2012 aufmerksam gemacht hat. Ein fuzzy-logischer Blick könnte die nahezu unendlichen graduellen Zugehörigkeiten zu den beiden Seiten der Unterscheidung bis zu dem Punkt wahrnehmen und akzeptieren, an dem „Mann“ zugleich „Frau“ ist – ohne Zwang der Reinigung dieser Unterscheidung.

Die Soziologie (besonders die Soziologische Theorie) tut sich schwer mit der Anerkennung einer solchen Anschauung (die übrigens dem „methodologischen Kosmopolitismus“ von Beck entspricht). Sie hat sich – von Rational-Choice bis zur luhmannschen Systemtheorie – in vielen Variationen einem soziologischen Manichäismus verschrieben. Ein Glaubensbekenntnis, das oftmals dazu führt, dass die Kollegen und Kolleginnen überhaupt nicht verstehen, wovon die Rede ist, weil blinde Flecken so schwierig aufzudecken sind – und man an dem eigenen Glauben nur ungern kratzen lässt.

Meine Welt jedenfalls ist fuzzy und nur manchmal, in Ausnahmesituationen, erachte ich die Anwendung von Zweiwertigkeiten für sinnvoll. Fahre ich auf ein Hindernis mit hoher Geschwindigkeit zu, dann weiche ich links oder rechts aus und mache mir über Zwischenstufen besser keine Gedanken. Glücklicherweise sind solche Situationen selten.

Die Fuzzy-Logik kann dies ebenfalls abbilden, die 0 und 1 genauso wie die Zahlen dazwischen. Das Sowohl-als-Auch umfasst eben sowohl das zweiwertige Entweder-Oder als auch das fuzzige Sowohl-als-Auch. Fuzzy-logisches Denken ist selbstreferentiell – nach Luhmann ein Ausweis guter Theorie.

http://www.ethikrat.org/intersexualitaet

Zu komplex!

Ich hatte in meinem ersten Beitrag „mehr Soziologie“ gefordert, ein Kommentar auf Twitter dazu lautete: „Mehr Soziologie wagen!“ – so schön hätte ich es auch gerne ausgedrückt. An dem Fall Edathy hatte ich zu zeigen versucht, dass die Soziologie zur gesellschaftlichen Abklärung beitragen kann. Und sie sollte es auch tun!

Aus den Kommentaren habe ich die Hinweise entnommen, dass die Soziologie sich erstens auch um ihr wissenschaftstheoretisches Fundament bemühen sollte. Mein Eindruck ist, dass das geschieht und dass dies aber nichts ist, was als PR-Maßnahme besonders geeignet ist. Kurz: Das sind öffentlich schwierig vermittelbare wissenschaftliche Diskurse, die man auch besser zunächst in der Wissenschaft belässt.

Ein zweiter Hinweis ist, dass die Soziologie sich sachkundig machen muss, wenn sie über etwas spricht. Sofern sie dabei mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten kann, müssen sich die beteiligten Soziologen selbstverständlich nicht, um bei dem von den Kommentatoren diskutierten Beispiel zu bleiben, ebenfalls zu einem Technikexperten machen. Hier darf man durchaus auf Arbeitsteilung setzen, die Vorteile der Arbeitsteilung sind schließlich die Kehrseite der Polyoptik.

Ich möchte nun behaupten, dass die Soziologie allerdings manchmal zu wenig über diesen Tellerrand schaut und sich interdisziplinär aufklären lässt. „Manchmal“ bedeutet: Die Soziologie nutzt die Erkenntnisse anderer Disziplinen durchaus produktiv. So hat die Soziologische Theorie immer schon andere Disziplinen zur Theorieentwicklung herangezogen, sei es das Modell des Homo Oeconomicus, sei es die Kybernetik, die Zellbiologie usw. Diese Transfers werden innerhalb der Soziologie wiederum kritisch begutachtet – gut so.

Manchmal werden allerdings Begriffe unterspezifiziert verwendet und sorglos übernommen. Auch dies könnte ein Grund sein, weshalb die Soziologie aktuell in der Öffentlichkeit auf erstaunlich wenig wohlwollende Resonanz trifft, denn ein Begriff wie „Komplexität“ erklärt für sich zunächst einmal sehr wenig. Um diesen Begriff soll es hier exemplarisch gehen.

In der Soziologie ist es durchaus üblich, Komplexität als Startpunkt der Erforschung gesellschaftlicher Phänomene zu markieren. Komplexität ist z.B. die Problemausgangslage, die nicht nur Luhmann zur Entwicklung seiner Systemtheorie, sondern das gesamte systemische Denken motivierte. Der soziologische Anschluss an Elemente der Komplexitätsforschung wundert auch gar nicht, da die Komplexitätsforschung dem eigenen Anspruch nach auf die Erklärung der Entstehung, Stabilisierung und Wandel komplexer Ordnungen ausgerichtet ist – und nichts anderes möchte die Soziologie ebenfalls erklären, mit dem Zusatz, dass es um soziale Ordnungen geht.

Wenn man nun aber von Komplexität spricht, dann muss man auch ausführen, worum es geht. Dirk Helbing etwa unterscheidet strukturelle, dynamische, funktionale und algorithmische Komplexität. Ich picke mal die dynamische Komplexität raus, bei der sich ein System durch nicht-periodische Wandlungen, deterministisches Chaos und pfadabhängiges Verhalten auszeichnet und die Elemente des Systems sich gerne auch mal wechselseitig aneinander anpassend fortentwickeln. Und dann kann es im Ergebnis zu der allseits bekannten „Sensibilität gegenüber den Anfangsbedingungen“ und dem „Schmetterlingseffekt“ kommen: kleines Ereignis, große Wirkung.

Es genügt also nicht, einfach auf eine mögliche Komplexität im Sinne eines „Das ist komplex“ hinzuweisen, sondern man muss im Einzelfall zumindest versuchen zu zeigen, dass jene Strukturen und Elemente auch vorliegen, die komplexes Systemverhalten überhaupt erlauben. Ich vermute, dass die Soziologie zwar kaum eine Chance hat, sich an formalen Nachweisen bestimmter Strukturen zu beteiligen, aber dennoch hilfreich ist in der Beschreibung der empirisch jeweils vorliegenden Struktur. Zu dem ersten Blog-Beitrag wurde in den Kommentaren ja mit Hinblick auf neue technologische Möglichkeiten z.B. angedeutet, dass für „Atomkraftwerke“ eben nicht zwingend gelten müsste, was Charles Perrow einst als Fazit formulierte: „Selbst das Auswechseln von Glühbirnen bringt bei diesen hoch entwickelten, komplexen Systemen [gemeint sind Kernkraftwerke, T.K.] Gefahren mit sich.“ Ganz im Sinne der genannten Arbeitsteilung unterstellt, dass es richtig ist und viel bessere Techniken vorliegen, könnte die Soziologie an dieser Stelle ergänzend darauf hinweisen, dass die Entwicklung wie die Anwendung von Technik immer sozial eingebettet ist und solche Dinge wie politische Entscheidungsfindung, Legitimität, Gedächtnis, Antizipation, Erwartungen, Kommunikation, individuelle Intentionen, Kultur, Interpretationen, Strategien, Emotionen etc. mitwirken – eventuell zu einem Grade, mit dem auch die sicherste Technik ausgehebelt wird. Es könnten diese Elemente sein, die in ihrer Wechselwirkung ein System „komplex“ werden lassen, so dass z.B. eine kleine politische Entscheidung letztlich dann doch zu einem Unfall führt.

In einem: Wenn die Soziologie von „Komplexität“ spricht, muss sie genauer werden und sagen, welche Komplexität sie meint. Wenn sie das Vorliegen von Komplexität behauptet, muss sie sich daran beteiligen zu zeigen, dass dies der Fall ist. Ansonsten verwendet sie nur inflationär ein Schlagwort, um Zustände zu beschreiben, die gefühlt sowieso alle kennen. Soziologen konkurrieren dann in der Beschreibung der komplexen Gegenwart mit Journalisten oder Schriftstellern – und da sehen sie vermutlich oft genug im Vergleich eher schlecht aus.

Ein letztes Wort in eigener Sache: Ich bin bereit, alles zu diskutieren und auf alles zu reagieren. Es ist ja eine wunderbare Chance für mich, produktiv irritiert zu werden. Zudem gehe ich hier bewusst das Risiko ein, ungeschützt und dennoch ein bisschen provokativ zu versuchen, Diskussionen in Gang zu setzen. Allerdings wird kein Kommentar mehr von mir seit heute zugelassen, der nicht in der Lage ist, den etwa bei soziologischen Fachtagungen oder auch sonst üblichen Umgangston zu respektieren und anzunehmen. Bewertungen von Personen etwa sollen hier keine Rolle spielen. Der Grund für diese Maßnahmen ist weniger, dass ich mich persönlich besonders betroffen fühlen würde, als dass diese Art des Kommentierens verhindert, dass sich noch weitere Personen beteiligen.

Zu wenig Soziologie?

Eigentlich wollte ich hier etwas ganz anderes schreiben. Es sollte erst das Thema „Komplexität“, dann „Terror“ und dann (selbstverständlich) „Fuzzy-Logik“ behandelt werden. Dann aber habe ich mich zweimal geärgert: Das erste Mal nach einer Veranstaltung im Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen nach einem Vortrag von Herfried Münkler. Schöner Vortrag! Danach gesellte sich an den Schnittchenstehtisch ein mir bis heute unbekannter Mensch zu uns und fragte zunächst, ob mein von mir sehr geschätzter Gesprächspartner (Prof. Dr. El-Mafaalani) und ich auch Promovenden am KWI seien. Darüber müsste man sich nicht gleich ärgern, sondern könnte das unserem jugendlichen Antlitz zuschreiben und als Kompliment verstehen. Ich fürchte nur, so war es nicht gemeint. Denn wir hatten uns zuvor bereits als Soziologen „geoutet“ – und wenn die dann auch noch lange Haare haben…. Da haben wohl alle Vorurteile direkt getriggert. So ging es direkt dann auch (sinngemäß) weiter mit der Frage, wieso die Soziologie denn der Gesellschaft nichts mehr zu sagen habe und eigentlich sei deren Wissenschaftlichkeit ja in Frage zu stellen, wenn dieser gesellschaftliche Output nicht vorhanden sei. Nun ja, Rückzug, das Gespräch mit Aladin El-Mafaalani über die eigenen Forschungen zu Terrorismus und die Salafistenszene wurde vor der Tür fortgesetzt.

Tage danach hat mich die aktuelle Erkältungswelle erwischt und ich habe fiebrig im Bett liegend Gelegenheit gehabt, mich mehr im Internet auf Facebook, Twitter und diversen Blogs umzugucken. Die Behauptung, die Soziologie sei keine Wissenschaft und sie verdiene es, abgeschafft zu werden, scheint dort Konjunktur zu haben. Da kann man sich direkt wieder ärgern. Bekanntermaßen sind da exemplarisch die Gender Studies brutal in den Mittelpunkt gerückt (auf diese Diskussion möchte und werde ich hier nicht eingehen), aber die Soziologie in Gänze angegriffen worden.

Zweimal ärgern und nun blogge ich hier aus der Perspektive der Soziologischen Theorien, wohl wissend (gerade weil ich weiß), welch seriöse und gute Arbeit mit gesellschaftsrelevanter Reichweite die Kolleginnen und Kollegen in anderen Bereichen dieser Disziplin machen! Vielleicht nicht jede(r) einzelne, aber alle! Hier nun die Frage: Haben die Soziologischen Theorien der Gesellschaft nichts mehr zu sagen?

Oh doch, haben sie! Man beachte nur – das nächste Ärgernis – den „Fall Edathy“ und das, was es dazu an Argumenten und Einlassungen im Internet gibt (von empörten Vergleichen der 5000€, die Edathy zur Einstellung des Verfahrens zu zahlen hat mit zu den 540.000€, die der Fußballer Marco Reus für eine Strafe wegen Fahrens ohne Führerschein zahlen musste; über direkte „Schwanz ab“-Forderungen bis zu Anstiftungen zum Mord). Von der oft gepriesenen „Weisheit der Massen“ ist hier sehr wenig zu spüren, eher dieselbe Brutalität, von der oben schon die Rede war. Es scheint sich Nietzsches Vermutung aus „Menschliches, Allzumenschliches“ zu bestätigen: „Einer Erkenntnis zum Siege verhelfen heißt oft nur: sie so mit der Dummheit verschwistern, daß das Schwergewicht der letzteren auch den Sieg für die erstere erzwingt.“

Es mag sein, dass Diskussionen um das Frame-Selection-Model, die richtige Auslegung von Emergenz oder zur Frage nach der angemessenen epistemologischen Verknüpfung von handlungsfähigen Akteuren und Materialität möglicherweise (!) hier keine direkte Rolle spielen.

Aber Wissen um und über die funktionale Differenzierung der Gesellschaft beispielsweise, an der RWTH Teil der Theorien-Vorlesung im 2. Semester, sollte helfen zu verstehen, dass die Unterscheidung von Recht/Unrecht nicht dieselbe ist wie die von Achtung/Missachtung. Recht ist nicht die Moral der Gesellschaft und umgekehrt – und das ist auch gut so. Derartige Komplexität zu verstehen, dass es heutzutage immer verschiedene Blicke auf ein Ereignis gibt, welche ganz unterschiedliche Welten öffnen, diese Polyoptik lehrt u.a. die Soziologische Theorie. Und auch, welche Probleme es mit sich bringen kann, wenn die eine Welt ungeordnet in eine andere übergreift.

 

Mehr Soziologie für die Massen – vielleicht wird sie dann etwas weiser!

Infrastrukturen als gesellschaftliche Weichensteller

Heute melde ich mich zum letzten Mal. Ich möchte in meinem letzten Beitrag nochmals das Thema der Infrastrukturen aufnehmen und ein bisschen erweitern. Infrastrukturen werden bislang kaum soziologisch beforscht, obwohl sie gesellschaftlich und politisch gegenwärtig viel  Aufmerksamkeit erfahren. Blättert man politische Verlautbarungen, Medienbeiträge, Forschungsausschreibungen, Feuilletonbeiträge etc. durch, gewinnt man schnell den Eindruck: So viel Infrastruktur gab es nie. Offenbar Beliebiges wird zur Infrastruktur erklärt. Nicht nur klassische Einrichtungen wie Eisenbahn, Brücken, Wasserleitungen und die Nahversorgung mit Lebensmittelgeschäften rubrizieren darunter, auch Friseure, Tankstellen, Dorfgasthäuser, Zeitungshändler oder „Schlecker“-Filialen werden immer häufiger als „daseinsvorsorgende Infrastruktur“ (Kersten et al. 2012) qualifiziert. „Mentale“ und „intellektuelle Infrastrukturen“ sind neuere Wortschöpfungen des Feuilletons, worunter dort „betonierte Bahnen“ des Denkens verstanden werden, die nicht nur in der Gegenwart wirken, sondern auch die Denkbarkeit von Zukunft beschränken würden. Weiterlesen

Soziologie und wissenschaftliche Infrastrukturen

Nun brechen schon die letzten Wochen der zwei Monate an, die ich für den SozBlog schreibe. Vermutlich werde sich einige Leser_innen gewundert haben, dass ich die Soziologie und das Web ins Zentrum meiner Ausführungen gerückt habe. Heute möchte ich offenlegen, was mich an dieser Thematik interessiert. Zentral für die Soziologie sind Fragen, ob sich mit dem Web neue Formen der Sozialität entwickeln, wie sie sich mit etablierten sozialen Formen verbinden und wie dies alles theoretisch verstanden und methodisch erfasst werden kann. Mich persönlich interessiert etwas anderes: Um das Web soziologisch zu erschließen, sind einerseits neue Forschungsinstrumente erforderlich, andererseits eröffnet das Web selbst neue Forschungszugänge: Weiterlesen

Sozialität im Web (2)

Heute möchte ich nochmals auf die Fragen zurückkommen, die ich zu Beginn unter der Überschrift „Nos réseaux de sociabilité“ versucht habe zu behandeln. Sie lauteten: Ob sich eine neue Art der Sozialität mit dem Web konstituiert? Ob man das Web versteht, wenn man es mit früheren Formen der Sozialität vergleicht? Mein Zurückkommen hat verschiedene Gründe. Einer liegt darin begründet, dass, wie einige Kommentare zu Recht kritisiert haben, ich die Fragen nicht zufriedenstellend beantwortet habe. Dies werde ich auch dies Mal nicht leisten. Ein weiterer Grund ist, dass ich – nicht zuletzt durch Leser_innen des Blogs – auf einige Studien zum Themenkomplex „Soziologe und Web“ aufmerksam gemacht wurde. Herzlichen Dank für die Lektüre und die Lesehinweise. Drei Untersuchungen möchte ich Ihnen heute kurz vorstellen. Dabei interessiere ich mich dafür, wie sich die Studien dem Web soziologisch nähern, beispielsweise als empirische Quelle, als Erhebungsort, als Ort mit eigener Sozialität etc. Weiterlesen

Und die soziologische Lehre?

Der Kommentar von „Ein Soziologe“ regte das vorletzte Mal an, zu überlegen, welche Herausforderungen sich für die soziologische Lehre aus der Analyse des Webs und den Digital Humanities ergeben. Ob Studiengänge zu “computational sociology” – wie beispielsweise in den USA – zu entwickeln sind. Auch ich finde diese Frage wichtig, weil sie das disziplinäre Selbstverständnis der Soziologie berührt. Dies möchte ich heute an drei Aspekten, darunter die Lehre, verdeutlichen. Weiterlesen

Digital Humanties ohne Soziologie?

Bevor ich auf diese Frage eingehe, möchte ich versuchen, die Frage von Gina Atzeni zu beantworten. In ihrem Kommentar fragt sie, was es konkret heißt, dass das Interesse der Web Science darauf konzentriert ist, „Muster in großen Datenmengen zu visualisieren“. Zunächst basiert dieses Interesse auf der Annahme, dass sich durch die Auswertung großer Datenmengen Muster entdecken lassen, die bislang nicht sichtbar waren oder sich bei weniger großen Daten nicht „entdecken“ lassen. Für ein Beispiel, was mit solchen Visualisierungen „entdeckt“ werden kann, schauen Sie sich am besten ein Demo des L3S-Forschungszentrums an. Dort können Sie neben einer Visualisierung auch noch weitere Anwendungen studieren. Für spannende Forschungsfrage in diese Richtung finden Sie bei den Kolleg_innen vom L3S immer ein offenes Ohr. Sie forschen gerne zusammen mit Soziolog_innen und suchen nach Möglichkeiten, ihre Methoden mit interessanten soziologischen Forschungen zu verknüpfen. Weiterlesen

Streetart im Web

Das letzte Mal habe ich angekündigt, dass ich von dem Projekt berichten möchte, dass Axel Philipps gemeinsam mit dem L3S – dem Web Science Institut – an unserer Uni durchgeführt hat. In meinen vorangegangenen Ausführungen habe ich unsere Begegnung mit den Kolleg_innen vom L3S und unsere Überlegungen zur Bildersuche geschildert, um beispielhaft darzustellen, welche theoretischen und methodischen Probleme auftreten können. Keineswegs möchte ich mit meinen Berichten beanspruchen, Antworten und Lösungen parat zu haben, ganz im Gegenteil will ich eher unbewältigte Herausforderungen benennen. Allerdings vermute ich, dass auch andere Soziolog_innen, die das Web als Forschungsgegenstand erschließen wollen, mit diesen und ähnlichen Problemen konfrontiert sind. Weiterlesen

Soziologie begegnet Informatik

In meinem letzten Eintrag habe ich anhand der französischen Studie von Rémy Rieffel zu neuen Formen von Sozialität im Web mit der Frage geendet, wie man die vorgefundene Sozialität im Web adäquat untersuchen kann. Ich habe selbst keine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage parat. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich aber um die Schwierigkeit, mein soziologisches Forschungsinteresse mit den Möglichkeiten des Web zu vereinbaren. Ich befasse mich als Ungleichheitssoziologin, wie vielleicht einige von Ihnen wissen, seit geraumer Zeit mit bildlichen Repräsentationen der Sozialstruktur. So habe ich deutsche und US-amerikanische Sozialstrukturbilder vergleichend analysiert. Anfangs habe ich die Bilder „zufällig“ gefunden, was nicht gerade zufriedenstellend ist. Danach habe ich systematisch Schulbücher und Lehrbücher durchgeschaut, um auf diese Weise zu einem Sample zu gelangen, das methodisch besser zu verantworten ist. Aber dies bedeutete wiederum eine enorme Einschränkung, weil es sich um quasi „offizielle“ bildliche Repräsentationen handelt, womit beispielsweise kritische, humorvolle oder künstlerische selten erfasst werden. Weiterlesen

Nos réseaux de sociabilité (1)

Heute habe ich einen französischen Titel gewählt, um meine Solidarität mit Charlie Hebdo und den Angehörigen der Opfer der Attentate auszudrücken. Als ich mich an den Computer setzte, den Blog öffnete, fragte ich mich, ob ich meine ursprüngliche Planung, zwei Monate mit Ihnen über die Soziologie und das Web zu diskutieren, aufgeben sollte. Verpflichten die technischen Möglichkeiten eines Blog nicht dazu, in „Echtzeit“ zu reagieren? Gewiss, trotzdem möchte ich wie geplant fortfahren. Weiterlesen

Das Web und die Soziologie

Liebe Leserin, lieber Leser,

als ich vor einigen Monaten gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, für zwei Monate den Soziologie-Blog zu bestreiten, habe ich spontan zugesagt. Bislang habe ich keinerlei Erfahrung mit der Praxis des Bloggens. In den letzten Semestern haben mir aber die Studentinnen und Studenten klar gemacht, dass dies ein „professionelles Manko“ sein könnte. Weiterlesen

„Von uns selber reden wir“ (frei nach M. Kohli)

1981 veröffentlichte der Soziologe Martin Kohli einen Aufsatz zu Wissenschaftler(auto)biografien: „Von uns selber schweigen wir“. Wissenschaftler als Personen kämen in solchen biografischen Texten kaum vor, lautete seine zentrale These. Der Grund: „Es ist für die Selbstdeutung der modernen Wissenschaften zentral, daß es in ihnen um die ‚Sache‘ gehe und nicht um die ‚Person‘. Daraus erwächst für diese — strenggenommen — eine Schweigepflicht; zumindest ist das Reden von sich selber problematisch“. In einem Film des Instituts für den wissenschaftlichen Film in Göttingen kann man dieses Schweigegebot regelrecht sehen. Das Institut hatte mehrere Historiker vor die Kamera gebeten, 1965 unter anderem den alten Gerhard Ritter. Der saß steif vor der Kamera und las hölzern seinen Text vom Papier. Ein Blatt fiel ihm unterdessen auf die Erde. Und sein Credo lautete: „Ein Professor soll durch seine Schriften wirken, die für sich selbst sprechen müssen, nicht aber sich selbst gewissermaßen auf die Bühne stellen und vor unbekannten und unsichtbaren Betrachtern produzieren. Das Persönliche ist unwichtig, das wissenschaftliche Werk allein wichtig“. Weiterlesen

„cross over“ (D/CH 1996)

Ich habe diesen Film das erste Mal 1997 im Tübinger „Arsenal“ gesehen, seitdem hat er mich nicht mehr losgelassen. „Cross over“ ist kein Dokumentarfilm, sondern ein Filmessay über das Verhältnis von Tradition und Moderne. Er beginnt in Basel und führt in einem weiten Bogen den Rhein entlang über Kärnten und das Appenzeller Land zurück nach Basel. Ein Roadmovie, bei dem Bild und Tonspur, Musik und die Sprecherstimme von Stefan Kurt ein ästhetisch überwältigendes, poetisches Gemälde bilden. Es geht um Grenzüberschreitungen und Rückkoppelungen, die Erfindung von Traditionen in der Moderne und die Integration der Moderne in die Tradition. Linie und Kreis: 1958 verließ der Bauer Gsellmann seinen Hof, um das Brüsseler Atomium zu besuchen. Zurück, begann er unverzüglich mit dem Bau einer Weltmaschine, in die er die Artefakte des andauernden Fortschritts integrierte und in eine Kreisform zwang. „Cross over als Lebenswerk“ (Filmausschnitt 1). Weiterlesen

Warum Schweden?

Schweden wird „normal“, so wie der Kontinent. Zum ersten Mal seit langer Zeit funktioniert die Konsensmaschine nicht mehr richtig und die Regierung stürzt nach nur zwei Monaten. Das ist die erste Regierungskrise seit 1978 und die erste vorgezogene Neuwahl seit 1958. Stefan Löfven hatte, wie üblich, eine Minderheitsregierung gebildet, die in der Regel vergleichsweise bequem regieren kann, solange sie keine Mehrheit gegen sich hat. Auch in diesem Fall wäre das gelungen, denn der alternative Haushaltsentwurf der bürgerlichen Parteien hätte keine Mehrheit gefunden — wenn ihm nicht die rechtsextremen „Schwedendemokraten“ zugestimmt hätten. Der bürgerliche Entwurf unterschied sich zwar nicht sehr von dem der Regierung, aber die müsste nun einen Haushalt der Opposition umsetzen. Im März dürften Neuwahlen stattfinden, und dann wird sich zeigen, ob die Aufteilung des politischen Lebens in zwei Blöcke und die Rechtsextremen als Zünglein an der Waage Bestand haben wird. Weiterlesen

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