Islamfeindlichkeit und Islamkritik

In meinem letzen Beitrag habe ich u.a. die Frage aufgeworfen, warum die Unterscheidung zwischen Islamkritik und Islamfeindlichkeit so schwer fällt. Daher folgen hierzu einige grundlegende Überlegungen und Fragestellungen, die insbesondere für eine sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Problemfeld heute und in der nächsten Zeit von Relevanz sein werden.

Der Prozess der Sälularisierung wurde nicht unwesentlich durch Kritik vorangetrieben (und darüber hinaus durch zunehmende Kriegsmüdigkeit indirekt erkämpft). Diese Kritik ist nicht allein aus dem Christentum selbst entstanden, sondern insbesondere auch durch die Auseinandersetzung von Christen mit antiken Texten (also mit Ideen aus vorchristlichen Zeiten), Ideen anderer Kulturen (auch und insbesondere arabischer Denker) sowie mit (natur)wissenschaftlichen Erkenntnissen. Von zentraler Bedeutung war das Wechselspiel zwischen äußeren Einflüssen und interner Verarbeitung – das galt im Übringen auch für die Ideen von individueller Freiheit und Demokratie.

Religionskritik gegenüber dem Islam ist genauso notwendig, wie sie einst gegenüber dem Christentum war. Sie kann jedoch nicht in gleicher Weise vollzogen werden, denn sie steht vor grundlegend anderen Herausforderungen. Diese lassen sich in mindestens 5 Punkten zusammenfassen:

Erstens kann man die Kritik nicht an eine hierarchisch organisierte Institution richten, da die islamische Tradition diese zentrale Organisationsform nicht in vergleichbarer Weise kennt – das gilt für Muslime in Europa in ganz besonderer Weise. In den größeren Verbänden ist lediglich ein Bruchteil der in Deutschland lebenden Muslime organisiert. Die Kritik kann sich daher nicht an einen organisierten Akteur richten.

Die Kritik läuft daher zweitens immer Gefahr, zu wenige oder zu viele zu erreichen. Denn Muslime sind bereits äußerst divers (positiv formuliert) bzw. gespalten (negativ formuliert). Kritisiert man den Islam insgesamt, dann kritisiert man sehr viele Menschen zu unrecht und erweckt den Eindruck der „Sippenhaft“, wodurch man insbesondere progressive Kräfte in eine defensive Position drängt. Kritisiert man hingegen nur die extremsten Auswüchse, dann findet in aller Regel eine kritische Auseinandersetzung gar nicht statt, etwa mit dem Hinweis, diese hätten mit dem Islam nichts zu tun.

Drittens handelt es sich bei den Muslimen in Deutschland quantitativ um eine Minderheit. Nur etwa 5% der in Deutschland lebenden Menschen lassen sich irgendeiner islamischen Glaubensrichtung zuordnen. Religionskritik gegenüber einer religiösen Diaspora ist hochkomplex und birgt viele Gefahren.

Viertens sind die Angehörigen dieser Minderheit in jedem EU-Staat in einer sozial benachteiligten Position. Die Kritik hat sich also nicht nur gegen einen Teil einer quantitativen Minderheit zu richten, sondern zugleich auch gegen eine tendenziell marginalisierte Gruppe.

Als fünften Punkt könnte man hinzufügen, dass terroristische Organisationen bereits seit den 1990ern sich zum Ziel gemacht haben, die europäischen Muslime von der nicht-muslimischen Bevölkerungsmehrheit durch Angst und Hass zu isolieren, damit sie für Radikalisierung anfällig werden – eine erstaunlich erfolgreiche Strategie, in der die Schwachstellen der offenen Gesellschaften zielsicher erkannt wurden. Die Einflussnahme von Außen (sowohl Regierungen als auch theokratische Strömungen) muss immer mitbedacht werden. (Die Betrachtung internationaler Konflikte und der politisch und sozial prekären Lage vieler arabischer Staaten klammere ich an dieser Stelle aus – auch wenn sie zweifelsfrei von Relevanz ist.)

Diese Rahmenbedingungen weichen grundlegend von jenen vergangener Zeiten ab, wohingegen es inhaltlich sehr viele Gemeinsamkeiten gibt.  Die Anwendung gängiger Methoden der (öffentlichen) Religionskritik kann kaum von Islamfeindlichkeit und Rassismus unterschieden werden. Allein schon die diversen Begifflichkeiten, wie etwa „Islamophobie“, „Islamfeindlichkeit“ oder „Muslimenfeindlichkeit“ sowie „antimuslimischer Rassismus“, allesamt Konzepte mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen und plausiblen Herleitungen, lassen sich auf die komplexen und diffusen Rahmenbedingungen zurückführen. Religionskritik im herkömmlichen Sinne läuft derzeit Gefahr, zu weiterer Ausgrenzung zu führen, wodurch sich die Lage zusätzlich verschärfen kann. Dies gilt unabhängig davon, ob die inhaltliche Kritik berechtigt ist oder nicht. Eine ungünstige Reaktion kann sein, dass Religionskritik ausbleibt. Vielleicht müsste man zeitgleich an der inhaltlichen Kritik und an den schwierigen Rahmenbedingungen arbeiten. Vielleicht müsste man den innerislamischen Dialog stärken. Wie diese „Vielleichts“ umgesetzt werden können oder andere funktionale Formen und Methoden der Religionskritik entwickelt werden können, bleibt auch an dieser Stelle offen.

Aber vielleicht hat der Eine oder die Andere Ideen?

Wie kann es eigentlich sein, dass sich die Soziologie kaum für Flucht und Grenzen interessiert (hat)?

In einem Kommentar zu einem der vorausgegangenen Blog-Einträge hat der geschätzte Kollege Albert Scherr folgende Fragen aufgeworfen, die ich hiermit aufgreifen möchte:

„Die „Flüchtlingskrise“ kann als Bewährungsprobe für die Soziologie verstanden werden, als Herausforderung an ihre Begriffsbildung, ihr analytisches Instrumentarium und ihr Selbstverständnis. Was wäre kritische Soziologie im Kontext der Flüchtlingsdiskurse? Beim Kongress entstand bei mir der Eindruck, dass sie jedoch schlicht als ein Feld unter anderen, ggf. als eine neue spezielle Soziologie kleingearbeitet und eingegrenzt wird. Verweigert die Soziologie die Auseinandersetzung mit der Herausforderung, die in der „Flüchtlingskrise“ deutlich wird, weil sie sich erfolgreich als nationale Sozialwissenschaft etabliert hat? Diese Frage bedarf m.E. der Diskussion.“

Diese Fragen erfordern auch aus meiner Sicht eine intensive Auseinandersetzung. Auf dem Soziologiekongress in Bamberg war zu beobachten, dass es den Vertreter/inne/n des Fachs durchaus gelungen ist, relativ flexibel und solide auf das aktuelle Thema zu reagieren. Die akute Bewährungsprobe – nach dem Versäumnis, sich des Themas Flucht bereits vor der „Krise“ deutlich umfassender und systematischer anzunehmen – führte keineswegs zu einem Totalausfall. Das Thema scheint also in die soziologische Forschung zugewandert zu sein, es ist aber noch lange nicht voll inkludiert. Denn in der aktuellen Situation werden Problemstellungen deutlich, die im Prinzip jeden Soziologen und jede Soziologin auffordern, sich zu überdenken. An dem Thema Flucht stellen sich u.a. auch grundlegendere Fragen der Soziologie neu oder zumindest anders.

Welche Funktion kann der Nationalstaat überhaupt noch erfüllen, welche muss er erfüllen, was sind die Grenzen des Nationalstaats? Welche Rolle spielen Staatsgrenzen überhaupt noch? Nachdem die Durchlässigkeit für Geld, Güterproduktion und -transport sowie Kommunikation enorm ist, stellt sich die Frage: Sind es lediglich Grenzen für (bestimmte) Menschen? Oder sind es Verwaltungsgrenzen und damit auch Grenzen des öffentlichen Dienstes (dessen Teil ja auch die soziologischen Forscher/innen beheimatet sind). Der Organisation der Weltgesellschaft führt derzeit dazu, dass sich die in einem Staat Entrechteten – wenn sie denn können – auf einen Weg durch andere Staaten machen müssen, wobei sie auf diesem Weg zum Teil größten Gefahren ausgesetzt sind und meist weiter entrechtet werden. Wenn sie dann in einem aufnehmenden Staat ankommen, werden ihre Rechte (gar ihre Rechtmäßigkeit) geprüft, wobei in jedem Fall weiterhin eine prekäre Rechtslage (meist auf Dauer) erhalten bleibt. Wir haben also ein globales System, in dem gerade die Rechte eingegrenzt werden, die wir mit dem größten Adjektiv bezeichnen: universal. Dies ist nicht lediglich ein Abstraktum, es bedeutet, dass Menschen sterben. Nicht nur am Mittelmeer. Diese Grenzen erzeugen selbst ein weiteres Elend. Und das Desinteresse für dieses Elend erzeugt wiederum ein drittes Elend.

Ernst gemeinte Frage: Wie kann es eigentlich sein, dass sich die Soziologie kaum für Flucht und Grenzen interessiert (hat)? Wir beschäftigen uns so sehr mit den feinen Unterschieden, dass uns offenbar die Sensorik für die dramatischen und existentiellen Unterschieden fehlt. Dieser methodologische Nationalismus, mit dem der verstorbene Ulrich Beck die als selbstverständlich vorgegebene nationalstaatlich begrenzte Forschungsperspektive begrifflich erfasste, ist offenbar ein strukturelles Problem.

Und dadurch entsteht aus meiner Perspektive eine Sprachlosigkeit der (deutschen) Soziologie, der es nicht mehr gelingt, zu den Themen des öffentlichen Diskurses Gehaltvolles beizusteuern (zumindest beobachte ich dies sowohl auf Kongressen als auch bei der Sichtung der Publikationen, insbesondere in Fachzeitschriften). Etwa zum vielschichtigen Verhältnis zwischen reichen und zugleich alternden Bevölkerungen auf der einen und armen und zugleich jungen Bevölkerungen auf der anderen Seite innerhalb dessen, was wir Weltgesellschaft nennen; dadurch haben wir es (zumindest) in Europa mit einem zunehmenden durchschnittlichen Altersunterschied zwischen Migranten und einheimischer Bevölkerung zu tun (mit welchen Problemen geht diese Diskrepanz einher?); zum Verhältnis zwischen sozialen Ungleichheiten auf globaler und nationaler Ebene (muss es so sein, dass die soziale Ungleichheit innerhalb der Staaten zunimmt, wenn sie zwischen den Staaten abnimmt – wenn der Befund denn überhaupt stimmt?); zum Verhältnis zwischen (notwendiger) Islamkritik und Islamfeindlichkeit (ist die Unterscheidung vielleicht gerade deshalb so schwer, weil es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt?)…

Selbst zu einer so naheliegenden Frage, wie der Entstehung salafistisch orientierter (Jugend-)Milieus in Westeuropa gibt es kaum soziologische Analysen. Wie überhaupt zu den vielfältigen global beobachtbaren Radikalisierungsprozessen. Entsprechend sprachlos stehen wir da, wenn dann der Hass auch gegen Soziologinnen und Soziologen gerichtet wird. Sicher ist es richtig, wenn die Freiheit der Forschung dazu führt, dass Fragestellungen unabhängig davon bearbeitet werde, ob sie (derzeit) von öffentlichem Interesse sind oder nicht. Wenn aber gesellschaftlich zentrale Themen in der Soziologie kaum eine Rolle spielen, dann darf man doch mal naiv fragen: Warum ist das so?

„Kampf der Kulturen“ revisited

Ein Highlight des Kongresses war für mich der Vortrag von Andreas Reckwitz. Ohne das Themenfeld Flucht anzusprechen, behandelt er die Rahmenbedingungen der hitzigen Debatten und entwickelt ein Modell, mit dem sich die derzeitigen Diskurse einordnen lassen. Unter dem Titel „Kultur als Modus der Öffnung und Schließung in der Spätmoderne“ rekonstruiert er eine idealtypische Konfliktlinie in der gegenwärtigen nationalen und internationalen Auseinandersetzung mit kulturellen Unterschieden. Dabei seien zwei Regime der Kulturalisierung spezifisch für die Postmoderne. Den Begriff der Kulturalisierung versteht er zunächst in Opposition zum Begriff Rationalisierung. Während es bei der Rationalisierung als zentrales Strukturmerkmal der Moderne um Optimierung und Standardisierung (im Sinne des Mittels zum Zweck) geht, meint Kulturalisierung das Bewerten von Dingen, Werten und Symbolen (Valorisierung). Es geht also um die Konstruktion von Eigenwerten und Schützenswertem und infolgedessen um die Intensivierung von Affekten.

Reckwitz entwickelt in einer analytischen Unterscheidung zwei Kulturalisierungsformen, die quer durch national gedachte Kulturen gehen, sowie deren Relationen: Zum einen die Hyperkultur (Kulturalisierung I), zum anderen den Kulturessentialismus (Kulturalisierung II).

Kulturalisierung I meint den Wettbewerb kultureller Güter, die selbst als Ressource für Selbstverwirklichung dienen. Die zentrale Instanz dieser Kulturform ist das Subjekt, das nach einem patchworkartig zusammengesetzten „Guten Leben“ strebt. Infolgedessen entwickeln Individuen durch Ästhetisierungen und Hybridisierungen eine subjektive Kultur. Grundsätzlich kann hier nahezu alles als wertvoll bewertet werden, insbesondere Optionenvielfalt und Diversität an sich. Dadurch werde die Auflösung herkömmlicher kultureller Grenzen hin zu einer Hyperkultur vorangetrieben, zugleich aber auch ein Wettbewerb – auch und insbesondere um Aufmerksamkeit – erzeugt (Reckwitz spricht hier auch von globalem Kulturkapitalismus).

Demgegenüber meint Kulturalisierung II die Konstruktion kollektiv-moralischer Gemeinschaften, bei der jeweils der Innen-Außen-Dualismus konstitutiv ist: Das wertvolle (kollektiv) Eigene wird dem weniger wertvollen Fremden gegenübergestellt. Der zentrale Referenzpunkt ist hierbei das Kollektiv, wodurch der Rahmen dessen, was als Eigenwert und damit als schützenswert gelten kann, geschlossen ist. Hierbei wird regelmäßig das historisch „Alte“ in Reinform idealisiert – sei es durch den Begriff des Volkes bei nationalistischen oder identitären Bewegungen oder durch die Rückbesinnung salafistischer Strömungen an die Entstehungszeit des Islams.

Durch diese Unterscheidung gelingt es Reckwitz nun, eine Vielzahl von weltweiten Phänomenen einheitlich zu beschreiben, indem er diese als Strukturmerkmal der globalisierten Welt bzw. der Postmoderne begreift. In „guten Zeiten“ können diese beiden Kulturalisierungstypen koexistieren: Während die Idee des Multikulturalismus radikalere Gemeinschaftsbildungen als eine Option unter vielen innerhalb der Hyperkultur vereinnahmen kann, ist es möglich, dass im Rahmen eines Kulturessentialismus alle „Kulturen“ wertgeschätzt werden, solange es zu keiner Durchmischung kommt (Kulturkreislehre). Diese (unproblematische) Koexistenz basiert nach Reckwitz jedoch auf dem systematischen Missverstehen der jeweils anderen Seite. Denn für die einen ist der Essentialismus nicht lediglich eine Option unter vielen. Und für die anderen kann die Trennung kultureller Gemeinschaften (als Kollektive gedacht) kein Leitprinzip sein.

Sobald sich diese beiden Typen der Kulturalisierung als gegensätzliche Regime verstehen, manifestiert sich die Konfliktlinie und zugleich kommt es zu eigentümlichen Solidarisierungen innerhalb einer Regimeform. Es kommt zu Koalitionen konträrer Gruppierungen, etwa zwischen gemäßigt Konservativen, Linken usw., die sich gemeinsam für eine offene (westliche) Gesellschaft aussprechen und gegen „ihre Feinde“ stellen. Die Feinde der offenen Gesellschaft, die Kulturessentialisten, können hier wiederum Bündnisse eingehen (etwa verschiedene religiöse Orientierungen oder rechte Gruppen aus unterschiedlichen Ländern) und die „Dekadenz des Westens“ proklamieren, ein expansives System, das andere vereinnahmt und dabei auch die eigene Identität gefährde. Entsprechend können die Institutionen der „offenen Gesellschaft“ als Volksverräter (Politik) oder Lügenpresse (Medien) dargestellt werden.

Durch die Metaperspektive kann zum einen beschrieben werden, wann und weshalb es zu Kooperationen von Akteuren kommt, die „eigentlich“ gar nicht zusammenpassen, aber demselben Kulturalisierungstypus entsprechen. Zum anderen wird erkennbar, wie es zu Paralleldiskursen kommt, zwischen denen kaum Austausch stattfindet – etwa wenn es um das Kopftuch geht. Während das Kopftuch und die damit verbundene Religiosität für die einen eine Option der Lebensführung ist, repräsentiert genau dies für die anderen ein Zeichen des Dominanzanspruchs eines Kollektivs und damit eine Bedrohung der eigenen Gemeinschaft (Islamisierung des Abendlandes). Und selbst innerhalb der Muslime gibt es bekanntermaßen sowohl jene, die (das Ausleben von) Religiosität als eine individuelle Option verstehen, die dann auch „zeitgemäß“ gelebt werden kann, als auch jene, für die Religiosität eng verbunden ist mit Dominanzanspruch und der Abwertung der Nicht-Dazugehörigen.

Die Pointe ist also, dass die Unterscheidung, die Reckwitz macht, quer durch alle für die Soziologie so wichtigen Merkmale verläuft, etwa Religionszugehörigkeit (inklusive Atheisten), ethnische Herkunft, Schichtzugehörigkeit, Geschlecht. Zugleich kennzeichnet sie nicht etwa eine globale Konfliktlinie zwischen Staaten, sondern vielmehr eine Konfliktlinie innerhalb der Staaten selbst. Aus dieser Perspektive könnte man also wieder von einem Kampf der Kulturen sprechen, allerdings nicht im vergleichsweise übersichtlichen Sinne Samuel Huntingtons.

Das Thema FLUCHT auf dem DGS Kongress

Aufgrund gesundheitlicher Probleme setze ich erst heute die Berichterstattung zum Soziologie-Kongress fort. Etwas spät, aber vielleicht lassen sich mit dem zeitlichen Abstand von etwa einer Woche die vielen Eindrücke übersichtlicher darstellen. Die Vielzahl parallel laufender Veranstaltungen erlaubte es lediglich einen Bruchteil der Vorträge zu hören. Daher sei vorab gesagt, dass es deutlich mehr Auseinandersetzungen mit dem Thema Flucht gab, als ich selbst beobachten konnte.

Spannend war etwa der Vortrag von Albert Scherr, der zunächst darauf aufmerksam machte, dass ihm auf dem Kongress 2014 in Trier vorgeworfen wurde, er würde das Flüchtlingsthema zu stark dramatisieren. Hierzu bedarf es keiner weiteren Kommentierung. Als einer der ganz wenigen Vertreter des Fachs, die sich dauerhaft mit Flucht beschäftigt haben, kann Scherr die aktuellen Entwicklungen – und hier insbesondere die Gesetzesänderungen – in einen Gesamtzusammenhang einordnen: Zum einen werde auf verschiedenen Ebenen Distanz hergestellt, zum anderen sei eine Tendenz zur Passivierung feststellbar.

U.a. durch die Nicht-Bekanntgabe von Abschiebeterminen und die Segregation von Flüchtlingen aus sogenannten sicheren Herkunftsländern werde zivilgesellschaftlicher Protest zunehmend erschwert oder gänzlich vermieden. Insbesondere durch die entstehende Distanz zwischen Einheimischen und den Flüchtlingen, die in Gemeinschaftsunterkünften nun bis zu 6 Monaten verweilen, werde eine Solidarisierung zwischen „Menschen“ kaum noch möglich. Diese und eine ganze Reihe weiterer Maßnahmen, die seit Herbst 2016 in Gesetztestext gegossen wurden, sind unter dem Titel „Vollzugsdefizite“ von der AG Rück (Arbeitsgemeinschaft Rückführung) bereits vor mehr als 5 Jahren gefordert worden. Es ist doch recht naheliegend, dass die „Krisensituation“ (aus)genutzt wurde, um diese AG Rück-Forderungen nahezu vollständig umzusetzen.

Darüber hinaus beschreibt Scherr die Ent-Verselbstständigung von Flüchtlingen, etwa durch die lange Zeit in der Erstaufnahme und die Wohnsitzauflage. Die zunächst äußerst aktiven Flüchtlinge würden so zunehmend passiviert, wodurch Eigeninitiative und proaktives Bewältigen der vielen Herausforderungen ausgehebelt werde.

Ohne auf alle Details näher eingehen zu können, wurde eine Strategie zur Abkühlung und Kanalisierung (öffentlicher) moralischer Empörung rekonstruiert. Zugleich entwickelt Scherr grundsätzliche Spannungsfelder und Fragestellungen, die nach soziologischen Analysen schreien. Etwa die Frage, um welche Krise es sich denn überhaupt handele: Ist es denn eine Krise staatlicher Kontrolle von Migrationsdynamiken oder aber eine Krise des Flüchtlingsschutzes mit fatalen Konsequenzen – entlang dieser Spannungslinie bewegen sich entsprechend auch die parallelen Diskurse. Oder auch, inwieweit die Soziologie derzeit in der Lage ist, umfassende Analysen vorzulegen, die über eine gute journalistische Arbeit hinausgehen. Das ihm wohl wichtigste Anliegen ist die Frage, ob – und wenn ja: wie – sich Sozialwissenschaftler/innen positionieren sollten und inwieweit sie Verantwortung für ihre öffentliche Wirkung tragen.

In Bezug auf die öffentliche Wirksamkeit und die Positionierung von Vertreter/inne/n des Fachs wurde – ähnlich wie schon beim Kongress 2014 – viel diskutiert. Etwa der Preisträger des DGS-Preises für öffentliche Soziologie, Heinz Bude, der dafür hinwies, dass Öffentliche Soziologie nur dann funktioniere, wenn man Position bezieht und damit den Diskurs nicht mehr nur beobachtet, sondern aktiv an ihm teilnimmt. Das bedeutet dann aber immer auch, dass man sich öffentlich angreifbar macht – und auch angegriffen wird.

Mit der gleichen Intention plädierte Ludger Pries in seinem Vortrag zur Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen für ein engagierteres Wirken von Wissenschaftler/inne/n. Dabei ginge es nicht darum normativ zu argumentieren, sondern viel stärker die normative Kraft des Faktischen in Analyse und Schlussfolgerungen zu berücksichtigen. Hierfür wäre eine umfassende Betrachtung notwendig, bei der nicht nur nationale und europäische Interessen und Herausforderungen relevant sind, sondern darüber hinaus auch globale Zusammenhänge, humanitäre Aspekte sowie Erkenntnisse der Migrationsforschung. Das Mittelmeer und das dortige Sterben, das „Rosinenpicken“ (also die selektive Immigration von Hochqualifizierten), rein demographische Argumentationen in Bezug auf Migration uvm. müssten demnach einer kritischen Analyse unterzogen und in den öffentlichen Diskurs gebracht werden. Aus einer solchen Perspektive käme man auf Schlussfolgerungen, die weitreichende Veränderungen heute und in Zukunft notwendig machen – nicht zuletzt müsse Fluchtmigration zu einem zentralen Thema der Soziologie werden und deutlich über dem nationalstaatlichen Horizont hinaus systematisch integriert werden.

Auf konkrete Schwierigkeiten und negative Folgen einer öffentlichen Positionierung hat auch Annette Treibel hingewiesen, die sich in ihrem aktuellen Buch „Integriert Euch!“ mit dem Diskurs über Deutschland als Einwanderungsland auseinandersetzte. Aber auch darüber hinaus habe ich mehrfach gehört, dass Anfeindungen mittlerweile an der Tagesordnung stehen – interessanterweise haben überwiegend Migrationsforscherinnen von Hassmails und Drohungen (z.T. mit Vergewaltigungsphantasien) berichtet. Ein Phänomen, das wir aus der Genderforschung schon länger kennen und das womöglich zeigt, dass hier nicht nur das Thema Migration verhandelt wird…

Die Eröffnungsveranstaltung in Bamberg

Feierliche Eröffnungsveranstaltungen sind so eine Sache. Wissenschaftliche Kongresse sind keine Parteitage, bei denen die Eröffnungsreden die Richtung vorgeben und eine gewisse Stimmung erzeugen. Was bei der Eröffnung passiert ist mehr oder weniger unabhängig von dem, was vorab von Sektionen und Vortragenden vorbereitet wurde. Daher sollte man nicht zu viel erwarten. Andererseits wurden die Soziologinnen und Soziologen vom Krisenjahr 2015 kalt erwischt – es gibt keine etablierte soziologische Flüchtlingsforschung in Deutschland. Daher war ich durchaus gespannt, inwieweit es bei der Eröffnung gelingen kann, auf ein bisher wenig berücksichtigtes Themenfeld zu reagieren.  „Die Eröffnungsveranstaltung in Bamberg“ weiterlesen

Auf dem Weg nach Bamberg…

 

Soziologische Beobachtungen haben in aller Regel einen bestimmten Anlass – eine Forschungsfrage oder eine Problemstellung. Nimmt man sich nun vor, den 38. Soziologie-Kongress der DGS in Bamberg zu beobachten, dann wird eine spezifische Fragestellung umso notwendiger, denn es handelt sich um eine 5-tägige Veranstaltung mit etwa 2000 Teilnehmenden, mit etlichen Vorträgen von hunderten Personen, die zu beobachten wären. Naheliegend wäre es, sich zu fragen, was denn diesen Kongress von anderen Veranstaltungen unterscheidet. Den Vergleichshorizont könnten etwa 70 Tagungen und Kongresse bilden, an denen ich im Jahr 2016 bereits teilgenommen habe. Dabei handelte es sich um ganz unterschiedliche Vergleichsveranstaltungen, darunter etwa jene von Fachgesellschaften (u.a. Erziehungswissenschaft und Psychologie), Universitäten und Instituten im In- und Ausland (u.a. Israel, Kanada, Indien), Verbänden, Unternehmen, Kommunen, Ministerien und Parteien. Fast alle hatten gemein, dass – auf extrem unterschiedlichem Niveau – Fragen rund um das Themenfeld „Flucht“ aufgeworfen wurden. Und an dieser Stelle könnte man meinen, dass die Soziologie auf ihrer Hauptveranstaltung, zumal unter dem Rahmenthema „Geschlossene Gesellschaft“, hier die entscheidenden Fragen in unnachahmlicher Weise aufwirft und bearbeitet. Dieser Erwartung könnte man gegenüberstellen, dass man mit gutem Willen auf (vielleicht) eine Hand voll Veranstaltungen in den letzten Jahren verweisen könnte, in denen das Themenfeld „Flucht“ ernsthaft diskutiert wurde. Dieser Befund ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass die letzten Kongressthemen – aus heutiger Perspektive – genauso gut in die derzeitige Flüchtlingssituation gepasst hätten („Routinen der Krise – Krise der Routinen“, „Vielfalt und Zusammenhalt“, „Transnationale Vergesellschaftungen“). „Auf dem Weg nach Bamberg…“ weiterlesen

Einladung zur Mittelbauversammlung 2016

Liebe Soziolog*innen,

hier im Blog der DGS haben wir, die Initiative „Für Gute Arbeit in der Wissenschaft“, in den letzten zwei Monaten Facetten der Arbeits- und Lebenssituation  des sog. akademischen Mittelbaus vorgestellt. Neben der fachlichen Auseinandersetzung mit Beschäftigungsbedinungen und -praktiken in der Wissenschaft und deren Auswirkungen auf die wissenschaftliche Praxis geht es uns insbesondere darum, die bestehenden Strukturen zu verändern. Einen Anfang stellen hier die Gremien der DGS dar, in welchen der Mittelbau nicht repräsentiert ist, obwohl er die Mehrheit der DGS-Mitgliedschaft stellt. Aus diesem Grund wird auf dem diesjährigen DGS-Kongress erstmalig eine Mittelbauversammlung stattfinden, um sich über Interessen und Ziele des Mittelbaus in der DGS zu verständigen.

Dienstag, 27. September 2016, 18 – 20.00 Uhr,
Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie,
Audimax der Universität Bamberg

Ein konkretes Anliegen dieser Mittelbauversammlung ist es, Vorschläge für ein Wahlprozedere in der DGS zu diskutieren, das eine Vertretung des Mittelbaus in den Gremien sicherstellt. Erste Vorschläge hierzu wurden auf der Tagung „Soziologie als Beruf. Wissenschaftliche Praxis in der soziologischen Reflexion“ im Februar 2016 vorgestellt und stehen seit letzter Woche auf dem SozBlog zur weiteren Diskussion (bitte Kommentarfunktion nutzen!). „Einladung zur Mittelbauversammlung 2016“ weiterlesen

Diskussion: Wahlverfahren zu den DGS-Gremien

Vorschläge zur Reform des Wahlverfahrens und zur Repräsentation des Mittelbaus in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)

Eines der wichtigsten Ziele unserer Initiative ist eine größere demokratische Legitimation der Gremien und eine breitere Partizipation der Mitgliedschaft in den Strukturen der DGS.

Das bisherige Wahlverfahren der Gremien der DGS ist intransparent und sorgt bisher dafür, dass von den insgesamt 37 Personen in Vorstand und Konzil 36 Professor*innen sind. Weder der akademische Mittelbau, der den Großteil der DGS-Mitglieder ausmacht noch die Studierenden sind vertreten. Für mehr Inklusion, Partizipation, Demokratie und Interessenvertretung bisher noch nicht oder schlecht repräsentierter Gruppen hat die Initiative „Für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ Vorschläge zur Reform des Wahlprozederes von Vorstand und Konzil der DGS erarbeitet. Für die Umsetzung dieser Vorschläge müssten sowohl die Satzung, als auch die Wahlordnung der DGS geändert werden.

Die Diskussion zur Reform des Wahlverfahrens soll hiermit eröffnet werden, Alternativen müssen gegeneinander abgewogen werden. Deshalb ist Eure und Ihre Meinung zu unseren Vorschlägen zu Veränderungen in den Gremien sowie dem Wahlprozedere hier im Blog gefragt. Basierend auf dieser Diskussion soll ein überarbeiteter Entwurf sowohl auf der Mittelbauversammlung als auch der Mitgliederversammlung während des 38. Kongresses der DGS Ende September 2016 in Bamberg vorgestellt werden. „Diskussion: Wahlverfahren zu den DGS-Gremien“ weiterlesen

Die Rolle von Fachgesellschaften im Kampf für gute Arbeit in der Wissenschaft – am Beispiel der DVPW

Ein Gastbeitrag von Antonia Schmid, Berlin, und Thorsten Thiel, Frankfurt am Main

 

Zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt in der Blogserie möchten wir den Blick noch einmal weg von den Diagnosen lenken – wie sie von Peter Ullrich, Richard Münch, Tino Heim und Silke van Dyk/Tilman Reitz so nachdrücklich geleistet wurden – und stattdessen auf die Frage der Organisation von prekär beschäftigten Akademiker*innen zu sprechen kommen. Dieser Punkt wurde von Peter Ullrich auch bereits im zweiten und dritten Teil seines Beitrags thematisiert (und er war auch Thema der Beiträge zu studentischen Hilfskräften und Mitarbeiter*innen sowie Lars Frers Überlegungen zum Streik). Die Perspektive, die wir hier einnehmen wollen, ist aber eine sehr viel konkretere: Wir fokussieren die Rolle der Fachgesellschaften bei der Repräsentation prekär beschäftigter Akademiker*innen und fragen nach deren Aufgaben und Möglichkeiten. Wir werden hierfür unsere Erfahrungen in einer der Schwestergesellschaften der DGS reflektieren, der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW), deren Vorstand (Thorsten Thiel) und Beirat (Antonia Schmid) wir seit 2015 angehören (Thorsten Thiel war zudem bereits in der Amtsperiode 2012-2015 Mitglied des Beirats).

„Die Rolle von Fachgesellschaften im Kampf für gute Arbeit in der Wissenschaft – am Beispiel der DVPW“ weiterlesen

Für eine kompromisslose Diskussion der Modi von Wissensarbeit

Ein Gastbeitrag von Tino Heim, Dresden

 

Politische und akademische Debatten um die Krise der Wissensarbeit reproduzieren seit Jahren die gleichen Argumente und versanden in Symptom-Skandalisierungen, Mitleidsbekundungen für den ‚Nachwuchs‘ und Verheißungen ‚planbarer Karrieren‘. Diskutiert wird dabei mit Begriffen, die bestenfalls ideologische Funktion haben. Die gesellschaftliche Relevanz einer sich oft als ‚kritisch‘ attribuierenden Soziologie muss sich auch daran erweisen, ob diesbezügliche Diskurse in der DGS analytisch radikaler geführt werden und die Hinterfragung akademischer Hierarchien einschließen. „Für eine kompromisslose Diskussion der Modi von Wissensarbeit“ weiterlesen

Projektförmige Polis und akademische Prekarität im universitären Feudalsystem (Teil 2)

Zwei Diagnosen und eine Fünf-Jahres-Perspektive

Ein Gastbeitrag in zwei Teilen von Silke van Dyk und Tilman Reitz, Jena

Dies ist die Fortsetzung von Teil 1 vom 09. Juni.

 

Wettbewerbsregimes und akademischer Neofeudalismus

Inwiefern sind angesichts dieser gegenwärtig gebliebenen Vergangenheit soziologische Diagnosen der Refeudalisierung von Ökonomie und Klassenstruktur im Finanzmarktkapitalismus hilfreich, um Strukturen und Wandlungsprozesse im Wissenschaftsbetrieb zu analysieren? Einerseits scheinen sich Analogien aus zwei Gründen zu verbieten: Das akademische Feld funktioniert erstens aller Ökonomisierung zum Trotz nach anderen Maßgaben als die Sphäre des Finanzmarktkapitalismus; zweitens ist mehr als fraglich, ob mit Blick auf Statuspositionen, persönliche Abhängigkeiten und ständische Mitbestimmungsregeln überhaupt je von einer Ent-Feudalisierung des Wissenschaftsbetriebs die Rede sein konnte. Andererseits ist gerade angesichts der Gleichzeitigkeit von fortgesetzten Feudalstrukturen und zunehmendem Wettbewerb die Analyse des Hochschulsystems als Neo-Feudalismus reizvoll. „Projektförmige Polis und akademische Prekarität im universitären Feudalsystem (Teil 2)“ weiterlesen

Projektförmige Polis und akademische Prekarität im universitären Feudalsystem (Teil 1)

Zwei Diagnosen und eine Fünf-Jahres-Perspektive

Ein Gastbeitrag in zwei Teilen von Silke van Dyk und Tilman Reitz, Jena

 

Die Aussichten des akademischen Mittelbaus in Deutschland, seine Beschäftigungslage zu verbessern, scheinen auf den ersten Blick so gut zu sein wie lange nicht mehr. Die Staatskassen sind vergleichsweise voll, an fast allen Universitäten haben sich Mittelbau-Initiativen gebildet, die prekäre Beschäftigung des akademischen Nachwuchses ist zum Hauptthema der GEW avanciert, die Presse berichtet vermehrt über das Problem, Hochschulleitungen, Expertenkommissionen und Fachverbände wie die Deutsche Gesellschaft für Soziologie arbeiten an Lösungsvorschlägen. Doch trotz der lauter werdenden Kritik und der Einigkeit darüber, dass es für den mit einiger Penetranz so bezeichneten „Nachwuchs“ nicht optimal läuft, sind bislang bestenfalls kosmetische Lösungen und kleine Verbesserungen zu beobachten – die im konkreten Einzelfall natürlich wirklich helfen können. Wir wollen im Folgenden argumentieren, dass die Rahmenbedingungen akademischer Lehre und Forschung in Deutschland trotz solcher punktuellen Verbesserungen eine fortgesetzte Ausbeutung des Mittelbaus wahrscheinlich machen. Systematisch wollen wir die Beharrungskraft der Ausbeutung an den Hochschulen mithilfe zweier Muster aus soziologischen Zeitdiagnosen analysieren: der projektbasierten Polis als „neue[m] Geist des Kapitalismus“ (Boltanski/Chiapello 2006) und der „Refeudalisierung“ im flexiblen Finanzmarktkapitalismus (vgl. Neckel 2010). Interessanterweise produziert die Soziologie eine Vielzahl kritischer Diagnosen, ohne diese selbstreflexiv auf die (Arbeits-)Bedingungen der eigenen Wissensproduktion zu beziehen. „Projektförmige Polis und akademische Prekarität im universitären Feudalsystem (Teil 1)“ weiterlesen

Ich soll streiken?

Zu Verantwortung und alten Stühlen

Ein Gastbeitrag von Lars Frers, Telemark

 

Information – Warnung zu möglichem Streik

[…] Sollte ein Streik stattfinden, so würde das folgende Konsequenzen haben:
* Unterricht und Sprechstunden fallen für die Studierenden aus, deren Dozierende im Streik sind.
* Mündliche und schriftliche Prüfungen fallen aus, wenn die verantwortlichen Dozierenden im Streik sind.
* Dozierende im Streik können keine Fragen zu Prüfungen beantworten. Sollte dies Auswirkungen auf die Studierenden haben, so wird dies im Nachhinein behandelt.
* Dozierende im Streik können keine Benotungsaufgaben übernehmen. Die Benotung  verspätet sich deshalb und wird nach dem Streik wieder aufgenommen. […]

Andere Mitarbeitende sollen keine Arbeitsaufgaben von streikenden Mitarbeitenden übernehmen. Statt dessen müssen Aufgaben später neu priorisiert werden. […]

Eine E-Mail mit diesem Inhalt, hier in meiner Übersetzung aus dem norwegischen Original, tauchte vor einigen Tagen in meinem Posteingang auf. Ich fühlte mich regelrecht betroffen und musste die E-Mail mehrfach durchgehen. Ich soll streiken? Und das hat all diese und noch eine ganze Reihe anderer Konsequenzen? Ein Streik an der Uni, durchgeführt von Dozierenden und nicht von Studierenden, mit ernsthaften und damit auch für viele unerwünschten Auswirkungen? Ja. Das ist möglich. „Ich soll streiken?“ weiterlesen

Sackgasse Hochschullehre

Ein Beitrag von Eva-Christina Edinger, Zürich

 

„Eines der tragenden Fundamente jedes modernen Staates ist sein Bildungswesen. Niemand müsste das besser wissen als die Deutschen. Der Aufstieg Deutschlands in den Kreis der großen Kulturnationen wurde im 19. Jahrhundert durch den Ausbau der Universitäten und der Schulen begründet. […] Jetzt aber ist dieses Kapital verbraucht […]. Die jungen Wissenschaftler wandern zu Tausenden aus, weil sie in ihrem Vaterland nicht mehr die Arbeitsmöglichkeiten finden, die sie brauchen.“ [1]

Diese Krisenbeschreibung von Georg Picht aus dem Jahr 1964 könnte aktueller nicht sein. Es steht in mancherlei Hinsicht nicht sonderlich gut um die Bildung an unseren Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen. Obwohl die Lehre eine der Hauptaufgaben unserer Hochschulen ist, wird im Kompositum „Hochschule“ allzu oft der Baustein „Schule“ in den Hintergrund gedrängt; Richard Münch hat dies in Bezug auf die Finanzierung der Lehre in seinem Beitrag bereits deutlich gemacht, hinzufügen muss man allerdings, dass sich ein Engagement in der Lehre – gerade für den Mittelbau – weder finanziell noch hinsichtlich des beruflichen Fortkommens lohnt. Kein Wunder also, dass gerade engagierte Hochschullehrende entweder Deutschland oder der Wissenschaft den Rücken kehren. „Sackgasse Hochschullehre“ weiterlesen

Kapital und Arbeit im akademischen Shareholder-Kapitalismus (Teil 2)

Fatale Allianzen auf dem deutschen Sonderweg zur wissenschaftlichen Exzellenz

Ein Gastbeitrag in zwei Teilen von Richard Münch, Bamberg

Dies ist die Fortsetzung von Teil 1 vom 27. Mai

 

Nachdem im ersten Teil dieses Beitrags drei zentrale Entwicklungstrends des akademischen Shareholder-Kapitalismus skizziert wurden, sollen in diesem abschließenden Teil zwei Faktoren beleuchtet werden, die erklären, warum diese Entwicklung trotz ihrer unübersehbaren negativen Konsequenzen unbeirrt vorangetrieben wird.

„Kapital und Arbeit im akademischen Shareholder-Kapitalismus (Teil 2)“ weiterlesen