Vom Recht auf einen verlässlichen Feierabend oder: Wie wollen „wir“ leben und arbeiten?

Das Arbeitsministerium und einige Unternehmen haben bereits, was Yasmin Fahimi jüngst im Tagesspiegel forderte: Das Recht auf einen verlässlichen Feierabend. Die SPD-Generalsekretärin erklärt, die Politik müsse den „Rahmen“ für „neue Formen der Arbeit“ aushandeln. Dies hätten die neuen Medien erforderlich gemacht, durch die Beschäftigte zunehmend permanent erreichbar geworden sind. Vor Fahimi forderte Katja Kipping, die Vorsitzende der Partei Die Linke, im vergangenen Herbst ein Recht auf Feierabend und verband diese Forderung mit dem Vorschlag der Einführung einer 30-Stunden Woche. Doch wer wünscht sich eigentlich ein Recht auf Feierabend? Und wie sieht es in unserem Fach aus: Wer will überhaupt abends und am Wochenende vor Fachliteratur, Studienarbeiten und Forschungsanträgen, vor Emails, Twitter und (Soz-)Blogs geschützt werden?

Die Arbeitssoziologie spricht von einer zunehmenden Entgrenzung von „Arbeit“ und „Leben“. Sie diagnostiziert im Zuge einer „doppelten Subjektivierung von Arbeit“ (Kleemann et al. 2002), dass die Beschäftigten – vor allem gut qualifizierte Wissensarbeiter_innen – mit ihren Tätigkeiten zunehmend Ansprüche der Selbstverwirklichung verbinden. Dies birgt durchaus Prekarisierungspotential, da zwar Raum für neue Freiheiten, Flexibilität und Autonomiegewinne geschaffen wird. Zugleich greifen die Unternehmen aber auch – im Sinne einer umfassenden Verwertbarkeit – vermehrt auf die subjektiven Potentiale der Beschäftigten und auf ihre ‚ganze Person‘ zu.

Postoperaistische Ansätze gehen noch einen Schritt weiter und nehmen eine Auflösung der Grenzziehung von Arbeit und Leben an (etwa Virno 2008). Deutlicher noch als die Arbeitssoziologie betonen sie die Ambivalenzen: Einerseits wird das gesamte Leben produktiv gemacht. Auf diese Weise wird Prekarität zu einer verallgemeinerten Erfahrung, denn es droht auch Selbstausbeutung. Andererseits wird diesem Produktionsprozess aber auch emanzipatorisches Potenzial zugesprochen, da in der Arbeit von Kreativen oder in der Care-Arbeit nicht vorrangig materielle Waren entstehen, sondern immaterielle Güter wie soziale Beziehungen und Empfindungen. Schließlich sind immaterielle Produkte überwiegend solche, in denen Gemeinschaftliches, eben Beziehungen und Netzwerke, hervorgebracht werden.

Sowohl arbeitssoziologisch als auch postoperaistisch argumentiert: Wenn Beschäftigte mit ihrer Tätigkeit Ansprüche der Selbstverwirklichung verbinden, die Grenzziehung von Arbeit und Leben prekär wird oder für manche keinen Sinn mehr ergibt, erscheint die Forderung eines Rechts auf Feierabend zunächst als seltsam verstaubt – als Relikt eines längst vergangenen fordistischen Zeitalters.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Die neuen Entgrenzungen und Grenzverwischungen stellen uns auch vor neue Herausforderungen. Mit den Entgrenzungen ist für viele ein ins Unendliche steigerbarer Optimierungsdruck entstanden. Wir wollen und sollen gleichermaßen permanent an uns selbst arbeiten. Dieser Optimierungsdruck hat alarmierende gesundheitliche Folgen, wie Studien zu Burnout und Depressionen deutlich zeigen. Diese Diagnosen waren zunächst auf den hochqualifizierten Bereich beschränkt – etwa entgrenzt arbeitende Wissensarbeiter_innen, hoch qualifizierte Führungskräfte mit überlangen, rund-um-die-Uhr-Arbeitszeiten und 150%-Beschäftigung (spricht: mit einer zweiten Person – oft der Frau – im Rücken, die sich um alles jenseits der Erwerbsarbeit kümmert). Viele aktuelle Studien zeigen mittlerweile die Verbreitung in den verschiedensten Qualifikationsstufen auf: Besonders oft von Burnout betroffen sind auch Beschäftigte im Bereich personennaher Dienstleistungen wie Lehrer_innen sowie Pfleger_innen und Erzieher_innen, bei denen zu den oft persönlich herausfordernden und belastenden Aufgaben auch schlechte Arbeitsbedingungen wie Schicht- und Nachtdienste, permanentes Arbeiten unter Zeit- und Effizienzdruck und eine geringe Bezahlung usw. dazukommen.

Aus dieser Blickrichtung ist ein Recht auf Feierabend also alles andere als obsolet. Wenn es um die Frage geht, wie es um die seelische und körperliche Gesundheit bestellt ist, erscheint das Recht auf Feierabend vielmehr als ein notwendiger, wenn auch vereinzelter Topfen auf dem heißen Stein.

Bei diesen Arbeitsbedingungen steht schließlich auch nicht nur die seelische und körperliche Gesundheit auf dem Spiel. Wie eine eigene Untersuchung von Doppelkarriere-Paaren zeigte (Wimbauer 2012), kann sich ein ausgreifendes Erwerbsarbeitsengagement nicht nur auf die eigene Person gesundheitsschädigend – und damit selbstdestruktiv – auswirken. Vielmehr kann sie auch sozial destruktiv werden: wenn ausgreifende „Arbeit“ die „Liebe“ (z)ersetzt, also Paarbeziehungen, die Beziehung zu den Kindern, Freundschaften u.v.a.m prekär werden. Kurz, wenn die „Arbeit“ keinen Platz und keine Zeit mehr lässt, die eigenen Bedürfnisse und die der Anderen wahrzunehmen und anzuerkennen.

Ein wesentlicher Grund hierfür erscheint die zunehmende alleinige Anerkennungsrelevanz von Erwerbsarbeit zu sein, die wesentlich zur Bedeutungssteigerung von Erwerbsarbeit beiträgt. Im Zuge der Sozialstaatsreformen der letzten Jahre, dem Wandel hin zum aktivierenden Sozialstaat und einem Adult-Worker-Modell sollen alle erwerbstätig sein, auch Frauen und Mütter (kleiner Kinder). Nichterwerbstätigkeit wird zunehmend delegitimiert.

Ein weiterer wesentlicher Grund ist die zentrale Bedeutung von Erwerbsarbeit für die Existenzsicherung. Sind oder werden Beschäftigungsverhältnisse prekär und Arbeitsbedingungen schlecht, müssen die Einzelnen belastende, oft auch entgrenzte Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen, um überhaupt Einkommen zu erzielen. Damit sind nicht nur Hochqualifizierte potentiell von den Entgrenzungen der Arbeit betroffen, sondern sogar mehr noch auch weniger gut Qualifizierte und prekär Beschäftigte. Hier scheint es naheliegend, dass weniger die Selbstverwirklichungsversprechen von Erwerbsarbeit dazu führen können, dass „Arbeit“ womöglich die „Liebe“ ersetzt, sondern die schlichte Notwendigkeit, überhaupt einen Job zu haben. Wie sich prekäre Beschäftigung, Schichtdienst, Planungsunsicherheit, wechselnde Arbeitsorte, schwankende und / oder niedrige Einkommen, belastende Arbeitsbedingungen im Lebenszusammenhang zeigen und welche Auswirkungen sie auf die Einzelnen und ihre Paar- und Nahbeziehungen haben, ob und wie hier Fürsorge und Selbstsorge (noch) möglich sind, erforschen wir derzeit in einem kürzlich begonnenen Forschungsprojekt.

Ein Feierabend von Erwerbsarbeit erscheint vor diesem Hintergrund überhaupt erst als Grundbedingung, um mit anderen in Beziehungen zu leben und um für sich und für andere sorgen zu können. Hier schließen sich aber viele Fragen an, etwa: Feierabend wovon eigentlich?

Einmal von Erwerbsarbeit: Denn Arbeit wird nicht weniger, und sie wird, wie erwähnt, auch wichtiger. Aber nicht alle – und hier sind wir bei einem weiteren ungleichheitsrelevanten Punkt – können arbeiten, selbst wenn sie dies möchten. Zum einen existieren gar nicht für alle ausreichend Arbeitsplätze, vor allem auch im geringer qualifizierten Bereich. Während die einen also zu viel Arbeit haben, haben die anderen zu wenig. Zum anderen stoßen gerade Personen mit Fürsorgeverantwortung – v.a. Mütter und besonders Alleinerziehende, aber auch Männer und Väter mit Fürsorgeverantwortung (siehe hierzu bspw. ein laufendes Kooperations-Forschungsprojekt) oft auf Hürden, an Erwerbsarbeit zu partizipieren, selbst wenn Sie dies möchten. Trotz einiger Fortschritte mit Blick auf die Vereinbarkeit sind Familie und (Vollzeit-)Berufstätigkeit oftmals schwer unter einen Hut zu bringen.

Doch nicht nur Erwerbsarbeit ist Arbeit, wie eine feministische Grundannahme lautet. Bei der Frage nach dem „Feierabend“ ist die Engführung auf Erwerbsarbeit daher zu kurz gegriffen. Denn was hierbei unberücksichtigt bleibt, sind Fürsorgetätigkeiten – Sorge für andere, für Kinder, Eltern, pflegebedürftige Angehörige, aber auch für Freundschaften, Partner_innen, und Sorge für sich selbst, also Selbstsorge. Nun lässt sich sicherlich über einen weiten und wenn, wie weiten Arbeitsbegriff diskutieren. Nicht alles hiervon mag der eine oder die andere unter Arbeit fassen, und auch die Trennung von Arbeit und Leben wird bei einem derart umfassenden Arbeitsbegriff vollends obsolet. Fasst man aber Fürsorge als Arbeit, als gesellschaftlich notwendige oder sinnvolle Tätigkeit, dann stellt sich die Frage nach dem Recht auf Feierabend von Fürsorge. Nach wie vor wird die care-ethische Frage, was Fürsorge alles (nicht) ist, kontrovers diskutiert. Diskussionswürdig erscheint uns aber: Kann es ein solches Recht auf einen Feierabend von Fürsorge geben? Wie würde es aussehen? Lässt es sich überhaupt einfordern? Was ist mit dem Recht auf (oder gar: Pflicht zur) Selbstsorge? Wenn Individuen mit sich selbst in ein unternehmerisches Verhältnis treten, ist auch Selbstsorge mitnichten ein Raum, der jenseits von Verwertungslogiken steht. Wo bleibt dann überhaupt noch „sorge(n)freie Zeit“ (hieß früher „Muße“)?

Aber zurück zur Ausgangsfrage. Mit Blick auf Erwerbsarbeit ist unser Fazit: Ja, ein Recht auf Feierabend, auf verlässliche arbeitsfreie Zeit ist erforderlich. Doch damit ist es nicht getan. Dazu kommt, dass Arbeitszeiten arbeitsrechtlich bereits begrenzt sind, was aber wiederum teils unfreiwillig, teils freiwillig und teils aus vermeintlich freien Stücken überschritten wird. Viel weitergehend stellen sich die Fragen: Wie können „wir“ arbeiten? Wie wollen „wir“ arbeiten? Und was ist „gute Arbeit“ (auch im globalen Rahmen)?

Hier sind nicht nur die Arbeitszeiten ein wichtiger Faktor, sondern auch die Arbeitsbedingungen: Welche Prekaritätsrisiken, welche körperlichen und psychischen Belastungen sind mit der Arbeit verbunden? Wer ist hiervon wie betroffen? Wie lassen sich Ungleichheiten in der Verteilung dieser Risiken verringern? Zentral ist zudem auch die (Un-)Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit mit Fürsorge, Selbstsorge und anderen Tätigkeiten, auf betrieblicher, arbeitsorganisationaler und sozialstaatlicher Ebene. Hierzu gehörten beispielsweise andere Arbeitszeitmodelle, etwa eine Familienarbeitszeit, eine nicht hauptsächlich auf Frauen zielende betriebliche Vereinbarkeitspolitik und Familienpolitik, das Angebot einer quantitativ ausreichenden, qualitativ hochwertigen und finanzierbaren Kinderbetreuungsinfrastruktur. Der seit 2013 geltende Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ist ein Schritt in diese Richtung, das Elterngeld ebenso. Mittlerweile nimmt jeder dritte Vater Elternzeit, aber meist nur zwei Monate. Auch die Pflege für Angehörige wird häufig von Frauen übernommen, die ihre Erwerbstätigkeit dann reduzieren oder ganz aussteigen.

Schwieriger hingegen dürfte sich ein Rechtsanspruch auf Feierabend mit Blick auf Für- und mehr noch auf Selbstsorge gestalten und vielleicht auch wenig zielführend sein. Notwendig aber wäre eine größere gesellschaftliche Anerkennung von Fürsorge- und Familientätigkeiten und von Selbstsorge– also eine Umwertung dessen, was als ‚Leistung‘ zählt, was als anerkennenswerte Tätigkeiten. Hierzu bedürfte es einer Abkehr von der Zentralstellung von Erwerbsarbeit als zunehmend alleiniger Anerkennungsreferenz und einer größeren Legitimität des „Feierabends“. Ihn zu verabschieden, wäre potentiell selbst- und sozialdestruktiv. Womit wir letztlich auch bei der Frage wären: Wie wollen „wir“ eigentlich leben?

 

Literatur

Kleemann, Frank/Matuschek, Ingo/Voß, G. Günter (2002), Subjektivierung von Arbeit. Ein Überblick über den Stand der soziologischen Diskussion, in: Moldaschl, Manfred/Voß, G. Günter (Hg.), Subjektivierung von Arbeit, München/Mering, S. 53–100.

Virno, Paolo (2008): Grammatik der Multitude. Die Engel und der General Intellect. Wien: Turia + Kant.

Wimbauer, Christine (2012): Wenn Arbeit Liebe ersetzt. Doppelkarriere-Paare zwischen Anerkennung und Ungleichheit. Frankfurt/New York: Campus.

Prekäre Rechte? Kämpfe um Asyl, Repräsentationskritik und Prekärsein

Der enorme Widerstand der rund vierzig Refugees in Berlin-Kreuzberg gegen die angekündigte Räumung der von ihnen besetzten Gerhard-Hauptmann-Schule in den vergangenen Wochen führte wieder einmal vor Augen, wie hart umkämpft das Recht auf Asyl ist. Während sich auf staatlicher Ebene in Deutschland und in der EU stark restriktive Tendenzen in der Flüchtlingspolitik abzeichnen, die – pointiert gefasst – nicht nur darauf abzielt, die Rechte von Flüchtlingen, sondern europäische Grenzen zu schützen, kämpfen Flüchtlinge für ihr Bleiberecht und damit um ihre Existenz.

Politisch wurde das Asylrecht in Deutschland bereits 1993 verschärft und im Zuge dessen sogar das Grundgesetz geändert. Auf eine Verordnung des Rates der EU wurde vor zehn Jahren Frontex gegründet, eine Behörde zum europaweiten Grenzschutz, die nicht zuletzt aufgrund ihrer unterlassenen Hilfeleistung von in Seenot geratenen Flüchtlingen im Mittelmeer immer wieder in die Kritik gerät. Im Oktober 2013 kenterte vor Lampedusa ein Boot mit etwa 500 Passagieren aus Eritrea und Somalia, 360 der Passagiere wurden tot geborgen, gegen die Überlebenden wurde umgehend wegen illegaler Einreise ermittelt. Nach Angaben des UNHCR starben seit Anfang diesen Jahres bereits knapp 200 Menschen auf ihrem Weg über das Meer nach Europa. Aber die italienische Mittelmeerinsel ist nicht nur zum Symbol der Politik der EU gegen sogenannte illegale Einwanderung geworden, sondern mit Protestaktionen wie Lampedusa in Hamburg steht sie auch für das Aufbegehren asylsuchender Menschen im Kampf um das Recht auf Asyl.

Seit 2012 tragen Geflüchtete in Deutschland verstärkt ihre Anliegen mit unterschiedlichen Protest- und Aktionsformen in den öffentlichen Raum. Was in Würzburg mit einem Hungerstreik von Geflüchteten aus dem Iran begann, entwickelte sich zu einer Vielzahl unterschiedlicher Aktionen wie dem Protestmarsch von Würzburg nach Berlin. In zahlreichen Städten fanden weitere Hungerstreiks und Protestcamps statt, in München wurde ein internationaler Refugee Struggle Congress (März 2013) und in Hamburg eine Flüchtlingsfrauenkonferenz (April 2013) veranstaltet. Der Kampf der Refugees in der besetzten Gerhard-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg steht dabei paradigmatisch für die deutschlandweiten Kämpfe um Asyl, deren Fluchtpunkt ein umfassendes Bleiberecht ist. Die Geflüchteten skandalisieren in ihren Protesten aber auch die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften, die Residenzpflicht und die Zuteilung von Essenspaketen. Sie fordern ein Ende der Abschiebungen und eine Aufhebung des Arbeitsverbots. Die Aufnahme eines Studiums und auch die Möglichkeit der Familienzusammenführung sollen vereinfacht werden. Kurzum: Sie wehren sich dagegen, in eine äußert prekäre Lebenslage gedrängt zu werden. Ihre prekäre Lebenslage wird dabei zum Ausgangspunkt für ihre Suche nach potentiellen Bündnisbildungen.

Diese Kämpfe um Asyl fordern „Sehgewohnheiten“ heraus, da sich die Geflüchteten weigern, ein in den Medien verbreitetes Klischee über sich zu bedienen, das sie als Opfer zeichnet. Ganz im Gegenteil erheben sie Ansprüche auf Rechte und widersetzen sich aktiv restriktiven Regelungen. Wir möchten dies zum Anlass nehmen, über Möglichkeiten der Repräsentationskritik nachzudenken, wenn wir über Prekarisierung sprechen. Bisher tauchen in der soziologischen Prekarisierungsdebatte Fragen zu Asyl nur am Rande auf. Wir möchten deshalb in diesem Blog-Eintrag die Argumentation weiterentwickeln, dass die Bestimmung von Prekarisierung unzureichend bleibt, wenn nur Veränderungen in der Erwerbssphäre betrachtet werden. Zum einen müssen nationalstaatliche und EU-politische Steuerungen stärker berücksichtigt werden, die Aufenthalte sowie Zugänge zu Arbeit, Bildung und Gesundheit regulieren. Zum anderen soll aber auch das produktive Element von Prekarisierung in den Blick genommen werden. Das sind auch Fragen danach, was eigentlich die Kämpfe der Refugees mit uns als Wissenschaftler_innen und als Bürger_innen zu tun haben.

Als Wissenschaft des Sozialen und der Gesellschaft ist die Soziologie selbst Teil des Geschehens, das sie beobachtet. Sie beeinflusst mit ihren Begriffen und Perspektiven die Wahrnehmung und Vergegenwärtigung von sozialen Ungleichheiten. Als Soziolog_innen arbeiten auch wir an der Repräsentation dessen mit, was als prekär empfunden wird. Uns stellt sich also die Frage, welche Sichtbarkeiten durch die soziologische Beobachtung, aber auch durch die mediale Berichterstattung produziert und welche verhindert werden. In einer genealogischen Perspektive ist nach dem Gewordensein jener wirkmächtigen Unterscheidung zu fragen, welche die Prekarität des Einen als Normalität und des Anderen als Skandal erscheinen lässt und damit die Unterscheidung zwischen einem ‚Wir’ und ‚den Anderen’ aufrecht erhält.

Wenn man Prekarisierung nicht nur über die Erwerbssphäre bestimmt, sondern, wie wir vorschlagen, breiter fasst und beispielsweise die Umsetzung des Rechts auf Asyl zum Ausgangspunkt nimmt, gelangt man zu einem sehr weiten Begriff von Prekarisierung (hierzu ausführlich die ersten beiden Blog-Einträge). Berechtigterweise mag man sich die Frage stellen, welchen analytischen Wert ein Begriff hat, wenn man ihn so weit ausdehnt, wie wir es vorschlagen. Was ist dann eigentlich nicht prekär?

Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler entwirft in ihrem Buch Frames of War: When Life is grievable ein breites Konzept von Prekarisierung, in dem sie zwischen Prekärsein (precariousness) und Prekarität (precarity) unterscheidet. Prekärsein ist für sie die grundlegende Bedingung menschlichen Lebens. Weil wir körperliche und soziale (und damit immer auch verwundbare) Wesen sind, sind wir von Geburt an immer auf andere Menschen angewiesen. Dieses grundlegende Prekärsein wird durch soziale und politische Bedingungen reguliert, was in dem Begriff Prekarität zum Ausdruck kommt. Für Butler ist dieses weite Konzept von Prekarisierung ein wichtiger Ausgangspunkt, weil es in der Verknüpfung von anthropologischen und sozio-politischen Dimensionen – kurz: der allen Menschen gemeinsamen Erfahrung potentieller Verwundbarkeit – das Potenzial birgt, neue Bündnisbildungen zu initiieren.

Vor dem Hintergrund ihres weiten Prekarisierungsbegriffs stellt Butler Überlegungen an, die für unsere Fragen der Möglichkeiten der Repräsentationskritik bedeutsam sind. Butler stellt hierbei das Verhältnis von Normen und Anerkennbarkeit ins Zentrum und fragt zunächst, wie die angesetzten „Normen eigentlich operieren, um bestimmte Subjekte zu ‚anerkennbaren’ Personen zu machen, während sie zugleich die Anerkennbarkeit anderer Subjekte entschieden erschweren“ (2010: 14).

Während also im vergangenen Monat asylsuchende Menschen in Berlin-Kreuzberg mit dem Berliner Senat ihr Bleiberecht verhandelten, beschloss der Deutsche Bundestag zeitgleich zwei Tage vor der parlamentarischen Sommerpause und im Schatten der Fußball-Weltmeisterschaft eine Verschärfung des Asylrechts: Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina gelten nun als sichere Drittstaaten, so dass Möglichkeiten für Abschiebungen erweitert werden können.

Bemerkenswert an dieser Entscheidung ist, dass Innenminister de Maizière mehr Kapazitäten für hilfsbedürftige Flüchtlinge aus Syrien verspricht und insbesondere gut qualifizierten Flüchtlingen die Möglichkeit geben möchte, in Deutschland zu arbeiten, indem die Wartefrist für die Aufnahme einer Beschäftigung von neun bis zwölf Monaten einheitlich auf drei Monate verkürzt werden soll. Was aber unterbunden werden soll, ist die Migration von Roma-Familien nach Deutschland – eine Gruppe, die weltweit erhebliche Diskriminierungen hinsichtlich ihres Zugangs zu Bildung, Arbeit, Wohnraum und Gesundheitsfürsorge erfährt.

Mit Butler gesprochen, scheint im Fall dieser Entscheidung das Prekärsein der einen Gruppe schutzbedürftiger als das Prekärsein der anderen. Aber welchen Maßstäben, welchen Kategorisierungen liegen diese Einschätzungen zugrunde?

Entkoppelt eine solche Logik nicht auch gleichzeitig den universellen Anspruch der Menschenrechte und damit auch ihre Gleichwertigkeit in Bezug auf ihre Schutzwürdigkeit? Wie ist vor diesem Hintergrund die Entscheidung des Berliner Senats zu verstehen, nicht von der Möglichkeit des Paragraphen 23 des Aufenthaltsgesetzes Gebrauch zu machen, um einer Gruppe von Menschen ein Bleiberecht zu erteilen? Gleichzeitig zeigt es aber auch, dass die politischen und rechtlichen Probleme nicht nur auf der Ebene von Kommunal- und Landespolitik gelöst werden können. Es geht, um weiter Butler (2010: 14) zu zitieren, „nicht nur um das Problem, einen größeren Kreis von Menschen in den Geltungsbereich bestehender Normen aufzunehmen, sondern vielmehr darum zu klären, wie bestehende Normen Anerkennung ab- und ausgrenzend zuweisen. Welche neuen Normen sind möglich und wie werden sie ausgestaltet? Wie kann man zu mehr egalitär angelegten Bedingungen der Anerkennbarkeit gelangen? Wie lassen sich, anders gefragt, die Bedingungen der Anerkennbarkeit selbst so verschieben, dass sie zu radikaler demokratischen Ergebnissen führen?“.

Wir schlagen also vor, die Kämpfe um Asyl, wie jüngst in Berlin, nicht als das Interesse einer partikularen Gruppe zu deuten. Der weite Prekarisierungsbegriff und Butlers Überlegungen zum grundlegenden Prekärsein öffnen vielmehr den Raum für ein Denken, das Prekärsein der Flüchtlinge mit Fragen danach zu verknüpfen, welche Konsequenzen ‚wir’ als privilegierte Bürger_innen der Europäischen Union daraus ziehen wollen. Wie wollen wir in einem Europa leben, in dem zunehmend mehr Menschen ihr Grundrecht auf die Unantastbarkeit der Menschenwürde nicht verwirklichen können? Was sagt die prekäre Situation von Geflüchteten über die Prekarisierung oder Verletzbarkeit demokratisch verfasster Strukturen aus?

Die Situation asylsuchender Menschen muss stärker in ihrer Verwobenheit mit der Verletzbarkeit bzw. dem Prekärsein aller Menschen gedacht werden. Nur so wird auch jene wirkmächtige Unterscheidung prekär, die einen schützenswerten europäischen Subjektstatus einem nicht schützenswerten Anderen (‚Eindringling‚) gegenüberstellt. Vor diesem Hintergrund ist ein weites Verständnis von Prekarisierung zentral, weil es Bündnisbildungen erst denkmöglich macht. Die eingangs erwähnten Kämpfe um Asyl stehen schließlich dafür, wie eng das Recht auf Asyl mit den Möglichkeiten, aber auch mit dem Abbau von Demokratie verknüpft ist.

 

Butler, Judith (2010): Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen, Frankfurt/M./New York: Campus.

 

Appell_Stipendienprogramm für Studierende aus Syrien

Bis 1. August 2014 werden Professorinnen und Professoren gesucht, die als Erstunterzeichnende einen Aufruf unterstützen, in dem ein Stipendienprogramm für Studierende aus Syrien gefordert wird.

Berliner Bleiberechtskampagne

Auf dieser Seite findet sich ein Aufruf, der für die Berliner Geflüchteten ein Bleiberecht nach § 23, Abs. 1 Aufenthaltsgesetz fordert.

Solidaritätsaufruf. Gegen eine anti-genderistische Kampagne

In unserem ersten Blog-Eintrag thematisierten wir anti-genderistische Positionen, die sich gegen die Geschlechterforschung wenden. In der Zwischenzeit erreichte uns ein Solidaritätsaufruf von Heinz-Jürgen Voß, der sich gegen eine von Akif Pirinçci angeführte anti-genderistische Kampagne positioniert, die eine Kollegin an den Pranger stellt. Wir unterstützen den Aufruf und möchten auf diesem Wege für ihn werben.

 Gegen rechten Hass – für eine engagierte Wissenschaftler_in

Veröffentlicht am 8. Juli 2014

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Was ist normal? Was ist prekär? Überlegungen zur Ambivalenz eines zeitdiagnostischen Konzepts

In diesem Blog-Eintrag soll die soziologische Prekarisierungsdebatte im Zentrum stehen. Wir möchten sie auf ihre Auslassungen abklopfen und ein weit gefasstes Konzept von Prekarisierung vorschlagen. Aber alles der Reihe nach. Gehen wir also wieder ein paar Schritte zurück. Was heißt überhaupt Prekarisierung?

Wenn man den Duden aufschlägt, findet man folgende Definition: Prekär bedeutet mit »durch Bitten erlangt; widerruflich« sowie »misslich, schwierig, heikel«. Zudem findet sich ein Hinweis auf das römische Recht: Das Prekarium umfasst eine auf »Bitte hin erfolgende Einräumung eines Rechts, das keinen Rechtsanspruch begründet«.

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Prekarisierung Unbound? Über alte und neue Ungleichheiten und prekäre Allianzen. Ein Intro

In knapp zwei Wochen liegen die Semesterferien vor uns und danach steht schon – diesmal unter dem Zeichen der Krise – der 37. DGS-Kongress an. Für die kommenden zwei Sommermonate kommt uns die Ehre zu, das Ruder für den DGS-Blog zu übernehmen und auch wir möchten die Gelegenheit nutzen, einige Gedanken zu Krisen zu formulieren.

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“Wer möchte nicht …”

Mein Blog startete mit einer Referenz! Hans Paul Bahrdt zum Gedächtnis! Daher soll er nun auch das letzte Wort haben – ein Schüttelreim aus seinem Einführungswerk „Schlüsselbegriffe der Soziologie“.

Die Gabe des Humors ist – wie so vieles – ungleich verteilt und: Humor ist eine Methode, sich der Gesellschaft zu nähern, sie ernst zu nehmen, sie sich aber auch vom Leib zu halten. Humor ist gleichermaßen Annäherungs- und Distanzierungstechnik! Hans Paul Bahrdt hatte diese analytische Gabe des Humors in reichem Maße! Und so leitet er das Kapitel zum Thema „Soziales Handeln“ mit den Worten ein:

„Wer möchte nicht durch`s Leben heiter wandeln? Die Welt ist schlecht. So muß ich weiter handeln. Doch wenn ich mich nicht straff am Bändel halt`, entstehen aus meinem Handeln Händel bald.”

Zwei Monate als Sozblogger – interessante Sache und wen wundert es: Humor braucht`s auf jeden Fall! Schon wegen Handeln, Händel und Bändel ….

Kritik der Arbeit

Dieser Blog enthält immer wieder Annoncen zu Autorinnen und Autoren sowie zu Themen bzw. Fragestellungen, die nach meinem Dafürhalten für eine Weiterentwicklung soziologischer Zeitdiagnostik relevant sind: das Recht, die öffentlichen Güter und Infrastrukturen, die Urbanität und Kommunalität des Sozialen. Wichtig ist hierbei Max Webers Dreiklang aus Interessen, Ideen und Institutionen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ohne Akteure (soziale Klassen) und ihre Handlungsbereitschaft (soziale Interessen) verfehlen wir in der Soziologie die konstruktive wie destruktive Konfliktdynamik der gesellschaftlichen Entwicklungen, die wir analysieren.

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Öffentlichkeit und die Energie des Informellen

Wenn ich meine letzten Beiträge noch ein wenig fortführen darf – mit Akzentverschiebung und als unsystematische Stichwortsammlung! Einen Ort für sich finden; die dramatisch dicht gedrängte Bühne der Öffentlichkeit; die Freiheit, sich öffentliche Räume zu schaffen, aber auch: sich gegen die Öffentlichkeit zur Wehr zu setzen; die soziale Kraft des Eigentums und die Betonung von Privatheit statt Kollektivität.

Diese Stichworte deuten Fragen an: Welches Bild von Urbanität haben wir? Was ist ein Ankunftsort („arrival city“, Doug Saunders)? Welche Art von Öffentlichkeit konstituiert sich an unterschiedlichen Orten? Welche Aufstiegshoffnungen und Abstiegsängste werden sichtbar? Welche Rolle spielen informelle Strukturen? Welche Art von öffentlichen Gütern wird hier hergestellt und angeboten?

Diese Fragen können ein Anlass sein, die Seite www.megacitiesproject.org zu besuchen und Texte der Anthropologin Janice Perlman zu Megastädten und informellen Siedlungen zu lesen. Großartig und hoch interessant. Perlmans Texte sind ein Lob der Stadt, ein Lob der Freiheit, „mit den Füßen“ abzustimmen und ein neues Leben zu beginnen. Und vor allem: sie sind ein Lob des Informellen!

Perlman hebt die soziale Energie und die gesellschaftliche Produktivität der informellen Siedlungen, der Favelas, der Barackenstädte, der Slums hervor – ohne die Armut, die Gewalt, die Destruktivität dieser urbanen Orte zu verschweigen. Es ist interessant, die Texte Janice Perlmans beispielsweise im Kontrast zu den Überlegungen Hans Paul Bahrdts zum „humanen Städtebau“ zu lesen oder in Auseinandersetzung mit der These der Renaissance des Kommunalen im neuen Buch von Benjamin Barber „If mayors ruled the world. Dysfunctional nations, rising cities“.

Die Begriffe des „Öffentlichen“, der „öffentlichen Güter“, des „Eigentums“ oder der „Freiheit“ erscheinen in einem anderen Licht, wenn wir die soziale Energie des Informellen berücksichtigen. Das zeigt uns Janice Perlman. Bei dem Fotografen Mauricio Bustamente tauchen diese unterschiedlichen Beleuchtungen des Sozialen auch auf, wenn wir beispielsweise die Hamburger Fotoserie mit den Fotografien von Wanderarbeitskräften kontrastieren!

Öffentliche Güter III – Open City!

Zur Illustration! Der Photograph Mauricio Bustamente hat im Auftrag einer Hamburger Arbeitsgruppe, die u.a. von der Evangelischen Akademie der Nordkirche, dem Diakonischen Werk und dem Hamburger Institut für Sozialforschung getragen wird, eine Photo-Slideshow zum Thema “Öffentliche Güter” zusammengestellt. Der Anlaß war eine Konferenz zum Thema im Februar 2014! Unter folgenden Links ist die Slideshow abrufbar:

http://mauriciobustamante.photoshelter.com/#!/video

Auf diesem Wege sei auch für Mauricio Bustamente geworben, der zuletzt eine sehr interessante Ausstellung zu Wanderarbeitern im “Hamburger Museum der Arbeit” gezeigt hat. Hinweise und Bilder finden sich unter den angegebenen Links.

 

 

Öffentliche Güter II – eine Klassenfrage?

Verfügen öffentliche Güter über eine Klassenbasis, eine soziale Trägerschaft? Es ist vor allen Dingen die Mittelklasse, die ein Interesse an der Verfügbarkeit öffentlicher Güter, Institutionen und Infrastrukturen hat. In doppelter Hinsicht:

Zum einen erweitern öffentliche Güter die Ressourcen der Mittelklasse und erhöhen deutlich das Wohlstandsniveau. Eine Politik des Ausbaus öffentlicher Güter vermehrt den Zugang zu kollektiv verfügbarem Wohlstand – vom öffentlichen Schwimmbad über den Stadtpark bis zur Konzerthalle.

Zum anderen: öffentliche Güter bieten berufliche Perspektiven und Erwerbschancen. Vom Ausbau des Bildungswesens, der Krankenhäuser, der Wohlfahrtspflege, der Stromnetze, der Verwaltung usw., usf. profitieren die gut Ausgebildeten, die im kommunalen, staatlichen, aber auch in dem von öffentlichen Aufträgen abhängigen Privatsektor arbeiten. Der Ausbau öffentlicher Güter ist ein Expansions- und Wohlstandsvermehrungsprogramm für eine breite und differenzierte Mittelschicht!

Und so verwundert es auch nicht, dass sich weltweit die Konflikte einer jungen, gut ausgebildeten Mittelklasse an der Qualität öffentlicher Güter und an deren Ungleichverteilung entzünden. Die Türkei und insbesondere Brasilien sind in diesen Tagen sehr gute Beispiele …

Öffentliche Güter I – Konflikt und Verantwortung

Wir hatten in den vergangenen Wochen im SozBlog eine Debatte zum Verhältnis von Recht und Gesellschaft bzw. von Recht und Soziologie. Wenn wir uns auf dieser Linie weiter bewegen, dann ist auch die Frage nach den öffentlichen Gütern und Dienstleistungen nicht allzu weit entfernt. Der soziale Rechtsstaat ist ja gerade das Ergebnis einer institutionellen Balance privater Aktivitätsspielräume und öffentlicher Verantwortungsbereitschaft – mit Blick auf die Angelegenheiten des Allgemeinen: die Erziehung, die Gesundheitsvorsorge, die technische Infrastruktur, die Mobilitätsermöglichung, die Verwaltung und Wohlfahrtspflege. Diese Balance hat einen volkwirtschaftlichen und verwaltungsrechtlichen Kern, aber sie provoziert ebenso eine Reihe soziologischer Fragestellungen.

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Aufmerksamkeit

Der Mai ist fast vorüber und es ist schon Halbzeit für meine Aktivität als SozBlogger. Die Konzentration auf das Bloggen fehlt häufig, zwischen Forschungsanträgen, die auf den Weg zu bringen sind, Lehrverpflichtungen und – in diesem Monat sehr intensiv – Veranstaltungsreihen in den jeweiligen Instituten. Zurzeit gestalte ich am Hamburger Institut eine Vortragsreihe „Hamburger Gespräche zur Zukunft der Arbeit“, in der die Juristin Eva Kocher sowie die Soziologinnen Kerstin Jürgens und Stefanie Hürtgen sowie der Soziologe Harald Wolf auftreten. Bislang hatten wir sehr interessante Abende mit einem weitgehend nicht-soziologischen Publikum. Aktuelle Forschungen werden vorgestellt, ein Versuch, öffentliche Soziologie zu praktizieren. Hierzu passt auch, dass am vergangenen Wochenende zum dritten Mal in Folge die Jahrestagung des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) Göttingen stattfand. Auch hier ist die programmatische Absicht, die aktuelle Forschung des Instituts einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen.

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Das Recht als soziale Praxis?

Wie könnte die Debatte um das Verhältnis von Recht und soziologischer Theoriebildung bzw. Forschung belebt werden? Zum Beispiel durch den Blick über den Tellerrand der eigenen Disziplin.

Interessante Literatur finden wir zu unserer Frage in einer Reihe von Nachbardisziplinen! Die Stiftung für die Weiterbildung schweizerischer Richterinnen und Richter publizierte etwa schon vor einigen Jahren die Studie „Der Richter und sein Bild/ Le juge et son image“. Welches Bild haben Richterinnen und Richter von sich selbst? Welches Bild finden wir in der Öffentlichkeit über das Recht und seine Richter? Damit verknüpft ist ein weiterer Band aus der schweizerischen Diskussion von Bernhard Ehrenzeller und Revital Ludewig-Kedmi zu den „Moraldilemmata“ von Richterinnen und Richtern sowie von Rechtsanwälten. Beide Bände zeigen das Recht als Praxis. Die Professionalität des Rechts wird sichtbar, vor allen Dingen ihre Handlungsbegrenzungen und ihre normativen Konflikte.

Wenn wir das Recht als soziologische Frage behandeln wollen, und wenn wir darauf abzielen, das Recht von der Gesellschaft her, und die Gesellschaft vom Recht her zu thematisieren, dann müssen wir das Recht auch von den Personen her betrachten, die es tragen und mit Leben füllen.

Hierzu gehören auch die Überlegungen zum „Ethos der Juristen“ von Ernst-Wolfgang Böckenförde, publiziert 2011. Wie geht gesellschaftlich „Rechtsfindung“ oder „Rechtsverwirklichung“? Das ist ja beileibe nicht nur eine institutionelle oder systemische, sondern vor allen Dingen eine stark personale Frage. Schließlich Cornelia Vismann, die Juristin, Historikerin und Kulturwissenschaftlerin, die „das Recht“ in den Bänden „Medien der Rechtsprechung“ oder „Das Recht und seine Mittel“ auf bemerkenswerte Weise ausleuchtet. Das Theater des Rechts wird hier zum Gegenstand. Sein Personal, sein Bühnenaufbau, seine Requisiten. Die Tische im Gerichtssaal und die unterschiedliche Polsterung der Stühle, der Aktenvermerk und das Verschwinden von Akten, das Reden und das Schweigen in der Inszenierung des Rechts, das Regieren und Verwalten in den Rechtsordnungen der Bürokratie. Nebenbei wird auf diese Weise auch noch die Geschichte des modernen (Rechts-)Staates erzählt. Sehr empfehlenswert!

Soziologie und Recht

Die Soziologie sollte die Probleme anpacken, die tatsächlich „vor unseren Füßen liegen“ (Hans Paul Bahrdt, sic!). Am 2.5. lese ich in der Süddeutschen Zeitung einen sehr interessanten, gesellschaftsanalytisch heraus fordernden Text! Unter der Überschrift „Sieg über das Gesetz“ beschreibt der Journalist Andreas Zielcke einen anhaltenden Zerfallsprozeß der internationelen Rechtsordnung und eine sich verschärfende Erosion demokratischer Souveränität. Ein Wandel, so Zielcke, „der das Recht modernisiert und zugleich entstellt“. Das Recht als formative und formierte Kraft des Sozialen zerfällt von innen her – so die überzeugend vorgetragene These.

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Referenz!

In einem Blog kann man über sich schreiben: was man so tut, was man so liest, was man so denkt. Das ist eine Möglichkeit. Ein Blogeintrag kann aber auch eine Anzeige sein, eine Erinnerung, eine Referenz. So möchte ich starten. Ich möchte an ein Datum erinnern. Vor zwanzig Jahren, im Juni 1994 starb Hans Paul Bahrdt. Er war ein Soziologe ganz eigener Art. Universal gebildet, empirisch innovativ, gesellschaftspolitisch engagiert. Ein Lehrer und Forscher gleichermaßen. Er gehörte zu jener Soziologengeneration, die in der jungen Bundesrepublik fest davon überzeugt war, dass Soziologie als Wissenschaft eine Geburtshelferin der Demokratie sein kann, ja sein muss. Ihm ging es nicht um die Frage, ob die Soziologie bessere Menschen macht. Mit Mission hatte er nichts am Hut. Soziologie ist im Sinne Bahrdts eine bestimmte Art und Weise, auf das soziale Leben zu blicken – aber sicher kein Sozialknigge, der den Leuten eine soziologisch für richtig befundene Lebensführung vermittelt.

Bahrdt ging es um die Frage, in welcher Weise die Gesellschaft, die Betriebe, die Dörfer, Städte und Gemeinden, die Institutionen im Allgemeinen gebaut sein müssen, damit Menschen darin würdig, ihren Interessen und Bedürfnissen angemessen leben können. Ja, noch mehr: damit Menschen sich in ihrer und aus ihrer Gesellschaft heraus entwickeln und entfalten können. Demokratie mit Leben füllen, dazu sollte Soziologie einen Beitrag leisten. Und diesen Beitrag kann sie nur leisten, indem sie eine offene, forschende Wissenschaft ist. Unter dieser Perspektive betrachtet, wirkt die Soziologie als Lehrfach und Forschungspraxis heute oft hermetisch, in methodischer und theoretischer Hinsicht. Alles das war Hans Paul Bahrdt nicht. Er war ein bedächtiger, begriffsgenauer und nachdenklicher, aber auch um öffentliche Aufmerksamkeit bemühter Soziologe. Er war Institutsgründer, Berater und engagierter Bürger seiner Stadt – ein öffentlicher Soziologe avant la lettre. Von ihm soll in den beiden kommenden Monaten in diesem Blog immer wieder die Rede sein. Denn Hans Paul Bahrdt ist für den Blogger dieser Zeilen ein intellektueller, aber auch ein wissenschaftsethischer Referenzpunkt.

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