Nachdem bisher vor allem der Nerd im Vordergrund meiner Überlegungen stand – auf die Gender-Dimension nicht nur dieser, sondern auch vieler anderer Sozialfiguren wies ich bereits in einem früheren Post hin – wird es heute um die Nerdette gehen. Ich werde heute kein geschlossenes Argument präsentieren, sondern dazu einladen, die Geschlechtsdimension der Nerdiness als weibliche* Seite einer binär codierten Geschlechterunterscheidung (männlich/weiblich) zu debattieren.
Zuvor aber wieder ein Exkurs. Angeregt durch die Kommentare zum ersten und zum zweiten Beitrag würde ich gerne einen Hinweis bezüglich meiner Lesart der Sozialfigur ergänzen, genauer: zum Verhältnis von theoretischem Begriff und dem empirischen Material, das mit diesem Begriff beobachtet wird.
/Leser*innen, die sich dafür nicht interessieren, springen bitte jetzt weiter zum Absatz Nerdettes, Nerdinen, female Nerds/
#Exkurs: Zerstreute Tatsachen und das soziologische Sehnen nach Ordnung#
In den Kommentaren zu den vorhergehenden Beiträgen kristallisierten sich vor allem zwei Fragekomplexe heraus: Erstens die Frage danach, was denn nun wirklich ein Nerd/eine Nerdette sei, wenn offenbar ganz unterschiedliche Adressierungen stattfänden, nerdism positiv und negativ bewertet werden kann, subversiv oder warenförmig vorkommt.
Die zweite Frage schloß hieran an und war die nach der Potenz einer Sozialfigur des Nerd, wenn diese offenbar im empirischen Material zerfasert, so wenig auf eindeutige Attribute “festzuzurren” ist. Beide Fragen sind wichtig, weil sie das Verhältnis der soziologischen Beobachtungen und Theorien zu empirischen Daten, zum “Feld” thematisieren.
Zum Verhältnis von empirischen Beschreibungen und Theorie, das in Fragen nach der Präzision und Verallgemeinerbarkeit einer Sozialfigur für n Fälle und ihrer ”wirklichen” Repräsentation in der sozialen Welt immer wieder thematisiert wird, lohnt es sich, Adornos Ausführungen zu Soziologie und empirischer Forschung zu lesen.
Adorno argumentiert nämlich, dass die Übereinstimmung von Theorie und empirischer Beobachtung gar nicht möglich bzw. erst notwendig sei. Adorno schreibt:
“Theoretische Gedanken über die Gesellschaft insgesamt sind nicht bruchlos durch empirische Befunde einzulösen: sie wollen diesen entwischen wie spirits der parapsychologischen Versuchsanordnung. Eine jede Ansicht von der Gesellschaft als ganzer transzendiert notwendig deren zerstreute Tatsachen. Die Konstruktion der Totale hat zur ersten Bedingung einen Begriff von der Sache, an dem die disparaten Daten sich organisieren” (Adorno 1957: 197).
Ich verstehe das so, dass die Gesellschaft vor allem in der beobachtenden Konstruktion der Soziologie ‘zu sich’ kommt. Die disparaten Daten organisieren sich anhand theoretischer Unterscheidungen, um historische Betrachtungen, um Begriffe. Am Begriff des Nerd*der Nerdette lässt sich das gut beobachten: Je mehr empirische Daten und je mehr Beispiele in den Kommentaren zum ersten und zweiten Beitrag dem Begriff “nahe kommen”, umso reicher – und zugleich unschärfer wird er! ”Derb historisch verlaufen die Daten sich ins Vage”, schreibt Adorno (Theodor W. Adorno 1970: 11).
Adorno favorisiert aber keinesfalls eine Soziologie ohne Empirie:
“Will Theorie aber nicht trotzdem jenem Dogmatismus verfallen, über dessen Entdeckung zu jubeln die zum Denkverbot fortgeschrittene Skepsis stets auf dem Sprung steht, so darf sie dabei nicht sich beruhigen. Sie muß die Begriffe, die sie gleichsam von außen mitbringt, umsetzen in jene, welche die Sache von sich selber hat, in das, was die Sache von sich aus sein möchte, und es konfrontieren mit dem, was sie ist. Sie muss die Starrheit des hier und heute fixierten Gegenstandes auflösen in ein Spannungsfeld des Möglichen und des Wirklichen: jedes von beiden ist, um nur sein zu können, aufs andere verwiesen.” (ebd.)
Wenn Theorie sich von empirischen Daten vollends befreie, verliere sie ihren Erkenntniswert genauso, als wenn sie sich konkretistisch als Hypothese ausgebe (ebd.: 198f.). Eine kritische Betrachtung der Gesellschaft fürchte sich nicht vor der sozialen Welt, sondern konfrontiere die Sachen – luhmannianisch gesprochen – mit den blinden Flecken ihrer Selbstbeschreibung. Nie hätte bedeutende Gesellschafttheorie “empirische Untersuchungen verschmäht”, sagt Adorno. Als Beispiele führt er u.a. Aristoteles’ Studie über griechische Städte und die empirischen Studien von Marx und Weber an (Adorno 1969: 540).
Das Verhältnis von Empirie und Theorie ‘ein für allemal’ zu klären, sollte also aus dieser Sicht nicht im Interesse von Soziolog*innen liegen. Was man von Adorno lernen kann, ist die Variabilität der Daten und die Beteiligung der Wissenschaft an ihrer Konstruktion immer im Auge zu behalten. Sie “zu glätten und zu harmonisieren” (ebd.: 198) verspricht keinen Erkenntnisgewinn, sondern kommt dem Sieg des eines anti-aufklärerischen Ordnungswunsches über die Soziologie gleich. Die Frage nach der objektiven Verallgemeinerbarkeit einer Sozialfigur, danach, ob sie ‘wirklich’ alle möglichen Fälle umfasse, darf und soll aus dieser Perspektive vernachlässigt werden. In den Blick geraten statt dessen nicht-harmonisierbare Selbstbeschreibungen, blinde Flecken oder – wie es BlogLeserin in einem Kommentar nannte – ein Gerangel von Konzepten, Idealen und Beschreibungen (Kommentar vom 12.5.13, 00:20).
#Exkurs Ende#Exkurs Ende#Exkurs Ende#Exkurs Ende#Exkurs Ende#
#Nerdettes, Nerdinen, female Nerds
Wie funktioniert nun also die weibliche* Darstellung von nerdiness? Beim Nachdenken über Sozialfiguren wird die Geschlechterdimension meist ausgeblendet, was dazu führt, dass wir Manager, Berater, Politiker und Amokläufer oft unreflektiert als männlich denken. Mag sein, dass sich alle Nerds, ungeachtet des Geschlechts, gleich beschreiben: Das kann aber nur ein Blick in die Empirie und eine Auseinandersetzung mit ‘dem weiblichen Nerd’ zeigen. In diesem Sinne: Was ist die Funktion einer Selbstbeschreibung als Nerd für weibliche Identitäten?
In der (freilich v.a. männlich dominierten) Netzöffentlichkeit finden sich viele nerdige Selbstbeschreibungen von Frauen. Diese unterscheiden sich in ihrer Darstellung (zumindest auf den ersten Blick) nicht von männlichen Beschreibungen. Nerdige Frauen mögen über dieselben Themen bloggen, wie männlichen Nerds. Sie schreiben vielleicht über Technik, Star Wars, Heavy Metal oder Rollenspiele, bringen sich in die Arbeit des Chaos Computer Club und andere Hacker-Kontexte ein. (Einen Überblick über ‘normale’ nerdige Interessen kann dieses Nerd-Wiki verschaffen, vgl. auch den zugehörigen Kommentar des Verfassers zum ersten Beitrag diesen Kommentar).
In den Berichten über die Gender(in)kompetenzen der Piratenpartei konnte man beobachten, wie diskriminierende Beschreibungen männlicher Nerds durch Medien und politische Gegner auf eine weibliche Beschreibung der nerdiness traf, die sich mit den betroffenen Männern solidarisierte (Siri/Villa 2012: 161ff.). Auf die von ‘außen’ formulierte Kritik an den Macho-Nerds, die ich im dritten Beitrag beschreibe, reagierten weibliche Piratinnen mit dem empörten Hinweis, auch Nerds zu sein (ebd.): Ein Fall von Undoing Gender via nerdiness? (vgl. Hirschauer 2001)
Zudem wird der Einzugsbereich der nerdiness - wenn man sie denn als eine nicht auf Wertschöpfung gerichtete, obsessive Beschäftigung mit Abseitigem fassen will - erweitert. Es kommen ggf. neue Betätigungsfelder für weibliche* Nerds hinzu: Sind Frauen, die wöchentlich Schminktutorials bei Youtube einstellen, nicht auch nerdy? Unterscheidet sich die exzessive Beschäftigung mit Star Trek von der mit den Gilmore Girls?
Vielleicht ist es hier besonders sinnvoll zwischen female Geeks und ‘allgemeiner’ nerdiness zu unterscheiden. In einem Kommentar zum zweiten Beitrag hat Fritz Iversen argumentiert, dass die Figur des Nerd nicht ohne den Link zum Technischen zu verstehen sei (Kommentar vom vom 12.5.13, 12:48). Für jene, die erst nun hinzukommen, eine die bisherigen Diskussionen m.E. gut zusammenfassende Beschreibung von t. Den Nerd zeichne folgendes aus:
“Also als eine bemerkenswerte und vielleicht von der Mehrheit der Außenstehenden vor allem in ihrer Intensität als “abnormal” empfundene Hingabe an bestimmte Inhalte. Das ist vielleicht das auffälligste Merkmal. Dazu käme sicher in den meisten Fällen eine hohe Technikbegeisterung und auch Technikakzeptanz und eine hoher Bildungsstand. (Ein Teil der früher sog. Streber würde heute wohl problemlos als Nerds durchgehen).” (Kommentar vom 5. Mai 2013 um 00:26)
Noch immer ist das Vorurteil, dass Frauen sich ‘natürlich’ nicht oder weniger für Technik interessieren als Männer, weit verbreitet. Die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung hat an vielen Feldern gezeigt, dass das was so natürlich aussieht, das Produkt eines aufwendigen gesellschaftlichen Konstruktionsprozesses ist. Man denke nur an die geschlechtsspezifischen Verkaufsstrategien für Kinderspielzeug, die Mädchen mit rosa Glitzerpartikeln und Jungen mit blauem Werkzeug eindecken wollen (vgl. hierzu lehrreiche Beiträge des Kotzenden Einhorns wie diesen). Sind weibliche Nerds also eine späte Chiffre einer um 1900 entstehenden Vergeschlechtlichung der Kultur? (vgl. Bublitz 2000: 44ff.)
Meine erste Annäherung an die Nerdette will ich mit einer Diskussionsthese beschließen: Die These lautet, dass nerdiness weiblichen Identitäten eine Abgrenzung von stereotypen und sexualisierenden Geschlechtererwartungen an Weiblichkeit ermöglicht.
Streberin/Nerd zu sein, mag zwar bedeuten, als Partnerin für ‘normale’ Männer im Sinne einer hegemonialen Männlichkeitskonstruktion (Connell) nicht mehr sichtbar oder attraktiv zu sein. Dies kann einerseits schmerzhafte Ausschlüsse produzieren, andererseits zur Entlastung und Befreiung beitragen. nerdiness bedeutet in diesem Sinne, sich gesellschaftlich als männlich* konnotierte Inhalte anzueignen (bzw. sich gegen ihre Zuschreibung nicht zu wehren), und dadurch dem Korsett dessen, was Frauen sein, leisten, performen sollen, zu entkommen.
Darum ist die Nerdette auch für feministische Akteur*innen nicht uninteressant. Das Missy Magazine, ein feministisches Journal, besitzt bspw. die Kategorie Lieblingsstreberin. (Danke an P. Villa für den Link!) Hier treffen wir zum Beispiel Leslie Winkle aus The Big Bang Theory und Willow Rosenbeg aus Buffy – Im Bann der Dämonen an. Leslie Winkle – die gealterte Darlene aus Roseanne – tritt in der Big Bang Theory als selbstbewusste Physikerin auf, die ihre sexuellen Bedürfnisse ebenso unkompliziert und naturwissenschaftlich reguliert wie ihren Umgang mit den vor allem männlichen Kollegen. Streberhaft-Sein wird als Möglichkeit für eine erfolgreiche weibliche Inszenierung in den Ring geworfen.
Ich will es abschließend am Beispiel Winkles’ zuspitzen: Das Streberhaft- und Anders-Sein unterscheidet die Nerdette von einer (Hipster-)Frau, die sich nur die Insignien der Nerdette aneignet, sei es die Nerdbrille oder eine karierte Bluse (wie dieser Link von BlogLeserin zeigt). Winkle trägt übrigens meiner Erinnerung nach weder Brille (?) noch keine besonders nerdige Kleidung. Die Nerdette ist also eine Frau, die sich ihrer Streberhaftigkeit nicht schämt und sich vor möglichen “Weiblichkeitsverlusten” durch offenes Zurschaustellung von Begabungen, Anderssein oder gar geistiger Überlegenheit nicht fürchtet. Die Nerdette freut sich über ihre Erfolge und gibt sogar damit an. Während die Darstellung der meisten Serien- und Filmfrauen um die Frage kreist, ob sie einen Freund/Mann hat, findet oder verliert, sucht sich die Nerdette ihre Erfüllung außerhalb der privaten Sphäre. Die Frage, ob sie (k)einen Freund hat, stellt sich nicht (vgl. Kommentar von kasonze am 6.05.13 um 12:34).
Nachtrag: Leslie Winkle trägt durchaus Brillen. Angeblich sogar mal zwei. Danke, Erik Meyer, für den Hinweis.
Leseempfehlungen
Literatur
Adorno, Th. W. (1957): Soziologie und empirische Forschung. In: Soziologische Schriften I. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 196-216.
Adorno, Th. W. (1969): Gesellschaftstheorie und empirische Forschung. In: Soziologische Schriften I. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 538-546.
Adorno, Th. W. (1970): Ästhetische Theorie. Gesammelte Schriften Bd. 7. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Bublitz, Hannelore (2000): Zur Konstitution von ‘Kultur’ und ‘Geschlecht’ um 1900. In: Bublitz, Hannelore, Hanke, Christiane & Seier, Andrea (Hg.): Der Gesellschaftskörper. Zur Neuordnung von Kultur und Geschlecht um 1900. Frankfurt/New York: Campus, S. 19-87.
Hirschauer, Stefan (2001): Das Vergessen des Geschlechts. Zur Praxeologie einer Kategorie sozialer Ordnung. In: KZfSS Sonderheft 41, S. 208-235.









