‚Wir sind nie nicht prekär gewesen’ – Politiken der Ent_Prekarisierung. Konturen und Herausforderungen

Um mit Frank Sinatra zu eröffnen: „the end is near“. Als SozBloggerinnen ist dieser Beitrag unser letzter Eintrag. Trotz Urlaubszeit war auf diesen Seiten in den vergangenen Wochen viel Trubel. Es wurde viel geklickt und kommentiert, was uns außerordentlich freut. Von Sommerloch konnte keine Rede sein.

In den vergangenen Wochen beschäftigten wir uns mit Prekarisierungsprozessen. Als conditio humana sehr weit gefasst, diskutierten wir darunter verschiedene gesellschaftliche Dynamiken, wie die Kämpfe um Asyl oder die Folgen der Erwerbsarbeitszentriertheit.

Das ‚Phänomen’ des Antigenderismus bildete einen weiteren zentralen Referenzpunkt. Als Diskurs richtet er sich gegen Politiken des Gender Mainstreamings, die Geschlechterforschung und die soziale Bewegung des Feminismus. In Auseinandersetzung mit den hier vertretenen Positionen und Meinungen haben wir in unserem ersten Eintrag die Argumentation entfaltet, dass der Antigenderismus u.a. die Geschlechterforschung und den Feminismus als zentrale Ursachen derzeitiger Prekarisierungsprozesse ausmacht. Grundsätzlich ist das Verantwortlichmachen des Feminismus und der wesentlich jüngeren Geschlechterforschung für gesellschaftliche Missstände aber alles andere als ein neues Phänomen. Eine sozial-historische Einordnung gegenwärtiger antigenderistischer Positionen in die lange Geschichte des Feminismus-Bashing steht unseres Erachtens noch aus.

Wir wurden an verschiedenen Stellen gefragt, warum wir uns überhaupt mit dem Antigenderismus beschäftigen. Es gehe doch nur um eine Handvoll Querulanten. Eine gesellschaftliche Bedeutung sei nicht erkennbar. Das sehen wir anders. Wir können die Verbreitung antigenderistischer Positionen zwar nicht exakt quantifizieren, auch die antigenderistischen Bestseller lassen sich nicht als verlässliche Zeugnisse anführen. Wir haben dennoch den Eindruck, dass diese Positionen durchaus verbreitet sind. Einen mithin ernüchternden Einblick vermitteln häufig die Kommentarfunktionen einschlägiger Blogs, Zeitungsartikel oder Petitionen.

Aus diesem Grund war es unser Anliegen, ein Verständnis für die Widersprüche und Ambivalenzen von Prekarisierungsprozessen zu entwickeln. Kurzum: Anstatt den Feminismus oder die Geschlechterforschung an den Pranger zu stellen, gilt es, die gesellschaftlichen (Ungleichheits-)Dynamiken zu entziffern und die geschlechtersoziologischen Herausforderungen ernst zu nehmen.

Dass der Feminismus und die Geschlechterforschung für Phänomene verantwortlich gemacht werden, die wir als Prekarisierungsprozesse bezeichnen, schien uns ein interessanter Vorwurf zu sein, den es zu diskutieren lohnt. Wenngleich wir diese Position in sehr vielem nicht teilen, ist der Vorwurf aber insofern nicht ganz von der Hand zu weisen, als für das – wenn auch stark heterogene – geschlechtersoziologische Forschungsprogramm kennzeichnend ist, dass es die Strategie der Denaturalisierung verfolgt. Hinterfragt werden also die Annahmen einer natürlichen Ordnung und deren machtvolle Ausschlüsse.

Nehmen wir beispielweise die Norm der männlichen Alleinernährerehe, die an Selbstverständlichkeit verliert. Dies liegt vor allem am neoliberalen Umbau des Sozialstaates (zur Diskussion siehe Blog 6), daneben trägt aber auch die Einführung des Elterngeldes dazu bei, dass es nicht mehr selbstverständlich ist, dass Männer in Fragen der Betreuung und Erziehung von Kindern ausgenommen werden. Infrage steht ebenfalls ein Familienbegriff, der unter Familie lediglich die heterosexuelle Kleinfamilie fasst, da, wie wir etwa hier ausführten, die Norm der Heterosexualität kritisiert wird.

Es ist verständlich, dass dieses Hinterfragen bisheriger ‚Gewissheiten‘ nicht grundsätzlich und von allen als Freiheitsgewinn begrüßt wird, sondern auch durchaus als bedrohlich empfunden werden kann. Schließlich stehen tatsächlich Privilegien auf dem Spiel, wenn etwa die bürgerliche Kleinfamilie als gesellschaftliche Norm hinterfragt wird. Gleiches gilt für die These einer Konstruktion von Geschlecht, die alle irritieren muss, die etwa davon ausgehen, dass Geschlecht durch Gott gegeben ist.

Wenn man die Geschlechterforschung und den Feminismus in diesem Sinne als Forciererin von Prekarisierungsprozessen versteht, stellt sich, so unser Plädoyer, aber nicht die Frage, wie man eine vermeintlich natürliche Ordnung zurückgewinnt, sondern welche sozialen, rechtlichen und politischen Herausforderungen aus den Verunsicherung erwachsen können und sollen.

Verlassen wir also abschließend den antigenderistischen Diskurs und begeben wir uns auf die Suche nach Antworten auf diese Herausforderungen. Für diese Suche schlagen wir – prekarisierungstheoretisch formuliert – Politiken der Ent_Prekarisierung vor. Politik soll hier nicht auf staatliche Regulierungen begrenzt, sondern in einem weiten Sinne verstanden werden. Was verbirgt sich also dahinter?

Auch wenn es paradox klingt, sollte es darum gehen, »Bedingungen der Anerkennbarkeit« (Butler 2010: 14) zu schaffen, die auf der Prekarisierung von traditionellen Geschlechternormen gründen, aber trotzdem und zugleich auf die Absicherung und den Schutz prekärer Lebenslagen – also auf Entprekarisierung – gerichtet sind. Wir können solche Politiken der Ent_Prekarisierung hier nicht umfassend entfalten, stellen sie – und die in ihnen angelegten Ambivalenzen zwischen Sicherung und Entsicherung / Verunsicherung – aber in Konturen vor (Motakef i.E.).

Ein zentraler Bereich ist die Erwerbssphäre. Beispielsweise resultierte aus der Erosion der männlichen Ernährerehe auch ein Brüchigwerden ökonomischer Abhängigkeiten von Frauen, deren Erwerbstätigkeit – wenn auch nicht im Arbeitsvolumen – angestiegen ist. Wo Prekarisierung hier auf der einen Seite als Chance und Befreiung von persönlichen Abhängigkeiten erscheint, ist aber der Ausbau atypischer und schlecht abgesicherter Beschäftigungsverhältnisse zu kritisieren. Schließlich führen diese schlechten Bedingungen in der Erwerbsphäre etwa auch dazu, dass Menschen ihre Kinderwünsche aus finanzieller Unsicherheit nicht umsetzen oder auf später verschieben. Griffig brachte dies jüngst Familienministerin Manuela Schwesig im Focus auf den Punkt: „Befristete Jobs wirken wie die Anti-Baby-Pille“. An dieser Stelle kann also die Forderung abgeleitet werden, (prekäre, flexibilisierte, schlecht bezahlte …) Beschäftigungsverhältnisse wieder stärker abzusichern, allerdings nicht um den Preis, die männliche Ernährerehe zu reaktualisieren. Je nach Ressourcenlage kann es zudem für bestimme Berufsgruppen, wie etwa Kreative, attraktiv sein, nicht in ein enges Korsett eines sicheren Beschäftigungsverhältnisses eingebunden zu sein. Flexibilität, Unsicherheit, Arbeitsverdichtung und (psychische) Belastungen am Arbeitsplatz können aber auch gesundheitsschädigende und letztlich sozial destruktive Folgen haben – weshalb die Frage nach „Guter (Erwerbs-)Arbeit“ eine zentrale Säule einer Politik der Ent-Prekarisierung ist (vgl. Blog-Eintrag zum Recht auf Feierabend).

Es geht also um eine Beschäftigungs- und Arbeitsmarkt-Ent-Prekarisierungspolitik, daneben stellt sich aber zudem die Frage, was eine Sozialpolitik der Ent_Prekarisierung bedeuten könnte: Mit der feministischen Forderung einer Anerkennung und Umverteilung von Sorgearbeiten erscheint die sozialpolitische zentrale Ausrichtung auf Beschäftigung als einseitig, wie wir ebenfalls in dem Blogeintrag zum Recht auf Feierabend ausgeführt haben. Eine Herausforderung besteht also darin, die Zentralität der Erwerbssphäre zu prekarisieren (siehe auch Wimbauer 2012) und Sorgearbeiten zu einem weiteren zentralen Ausgangspunkt sozialpolitischer Sicherungen zu erheben. Dazu bedarf es eines kulturellen, sozialen und politischen Kontexts, der es Menschen ermöglicht, gleichberechtigt in der Reproduktions- als auch in der Erwerbsarbeit partizipieren können. Eine gleichberechtigte Beteiligung in beiden Sphären wird nicht nur durch Aushandlungen innerhalb der Beziehung, sondern auch von äußeren Einflüssen wie familienfreundliche gesellschaftliche Diskurse und soziale Institutionen bestimmt. Dies zeigt sich z.B. auch an höheren Geburtenzahlen in Ländern wie Frankreich und Schweden, die nicht obwohl, sondern gerade weil Frauen erwerbstätig sind vergleichsweise höher sind. Frauen und Mütter können dort erwerbstätig sein, weil es in diesen Ländern eine verlässlichere Betreuungsinfrastruktur gibt. Zudem müssten sich sozialpolitische Regelungen insgesamt stärker am Abbau von Ungleichheiten orientieren und hier ent-prekarisierend wirken.

Mit Blick auf Familie und Lebensformen birgt das Brüchigwerden der bürgerlichen Kleinfamilie das Risiko einer prekären Lebenslage, etwa mit Blick auf die hohen Armutsrisiken Alleinerziehender – hier wären Politiken der Ent-Prekarisierung erforderlich. Gleichzeitig beinhaltet es aber auch Chancen und Freiheiten, da, um nur ein Beispiel zu nennen, die heterosexuelle Norm der Kleinfamilie mitsamt der darin enthaltenen ökonomischen und anderen Abhängigkeiten der Fürsorge-Leistenden ebenfalls prekär wird. Hier stellen sich also die Fragen, wie einerseits einschränkende und ausschließende Normen prekarisiert und andererseits Verantwortungsgemeinschaften jenseits der Kleinfamilie stärker sozialpolitisch geschützt, also ent-prekarisiert werden können.

Wie wir an verschiedenen Stellen bereits angedeutet haben, schlagen wir also ein Verständnis von Prekarisierung vor, in dem Erkenntnisse aus der ungleichheitssoziologischen Strukturanalyse (etwa materielle Ungleichheiten) mit Erkenntnissen konvergiert werden, die mit der linguistischen/kulturellen Wende in Verbindung stehen (Subjektkritik, Normalisierungsregime, Doxa).

Gesellschaftlich und gesellschaftspolitisch wäre damit der Rahmen gespannt, um umfassende Politiken der Ent_Prekarisierung aus diesen Erkenntnissen abzuleiten. Die zukünftige Geschlechter- und Prekarisierungsforschung ist also aufgerufen, das hier entstehende Spannungsfeld und die Ambivalenzen zwischen Prekarisierung und Entprekarisierung als Experimentierfeld für utopische Gesellschaftsentwürfe fruchtbar zu machen.

 

Literatur

Butler, Judith (2010): Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen, Frankfurt/M./New York: Campus.

Motakef, Mona (i.E.): Prekarisierung. Bielefeld: transcript.

Wimbauer, Christine (2012): Wenn Arbeit Liebe ersetzt. Doppelkarriere-Paare zwischen Anerkennung und Ungleichheit, Frankfurt/M./New York: Campus.

 

»Rise like a Phoenix?« Über den Beifall für Conchita Wurst, ‘europäische Werte’ und die These einer Prekarisierung von Heteronormativität

Erinnert sich noch jemand an Conchita Wurst? Es ist etwas mehr als drei Monate her, da erregte eine Frau mit Bart große mediale Aufmerksamkeit. Sie gewann in Kopenhagen den Eurovision Song Contest mit einer Performance, die an Shirley Basseys Goldfinger-Interpretation erinnerte.

Mit Conchita Wurst hatte sich jedoch nicht nur ein Lied durchgesetzt, sondern, wie die Wochenzeitung Die Zeit erklärt, eine »Wertvorstellung«, konkreter gesprochen, »jene der Akzeptanz eines selbstbestimmten Daseins«. Für ein solches Zeichen gegen Homophobie und für sexuelle Selbstbestimmung war Conchita Wurst angetreten. Vor diesem Hintergrund ist auch ihr Name Programm – es ist ‚Wurst’, wie mensch aussieht und wie mensch liebt.

Unserem Argument aus unseren letzten Blog-Einträgen folgend, dass mit dem Bedeutungsverlust des männlichen Alleinernährermodells auch die bürgerliche Kleinfamilie als Norm in Frage gestellt werden könnte, fragen wir uns, ob der Beifall für Conchita Wurst als Symptom einer Prekarisierung der binären Geschlechterordnung von Mann und Frau sowie von Heterosexualität als Norm gelesen werden kann. Also: Steht Conchita Wurst für eine Prekarisierung von Heteronormativität?

Zunächst muss das Phänomen Conchita Wurst im bewegungspolitischen Kontext betrachtet werden. Schließlich sind es die sexualpolitischen Bewegungen, die spätestens seit den Stonewall Riots in New York Ende der 1960er Jahre maßgeblich für die rechtliche Gleichstellung von Lebensentwürfen kämpfen, die von der Norm der Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität abweichen.

Heute mag man sich über die erreichten (rechtlichen) Erfolge und die damit gleichzeitig einhergehenden neuen Ausschlüsse streiten: Wenn auch jeweils von erheblichen Kontroversen begleitet wurde 2001 in Deutschland etwa das Lebenspartnerschaftsgesetz (LPartG) eingeführt, bis 2011 wurden drei (2005, 2008, 2011) wichtige, bundesverfassungsgerichtliche Entscheidungen zum Transsexuellengesetz getroffen, die u.a. der Intimsphäre und körperlichen Integrität von Transsexuellen größeren rechtlichen Schutz gewähren und seit 2013 besteht mit der Änderung des Personenstandsgesetzes auch die Möglichkeit des Verzicht eines Geschlechteintrags in der Geburtsurkunde bei intersexuellen Kindern.

Allerdings finden etwa gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften nur Anerkennung, wenn sie sich der Normalfamilie nähern. Auch die Nachrangigkeit der Eingetragenen Lebenspartnerschaft gegenüber der Ehe bleibt bestehen. So können die Entscheidungen des Bundesverfassungsgericht zum Transsexuellengesetz zwar als revolutionär bewertet werden, weil das Gericht anerkennt, dass Geschlecht nicht von Geburt an ‚natürlich’ determiniert ist. Auch wenn es Flexibilität in die heteronormative Geschlechterordnung gebracht hat, hält das Gericht aber nach wie vor an einer zweigeschlechtlichen (Männer – Frauen) Geschlechterordnung fest. Ähnlich steht es um die neue Option im Personenstandsgesetz. Denn auch hier wird weiterhin ein binäres Geschlechtersystem forciert. Auf einen Geschlechtseintrag kann nur verzichtet werden, wenn die ‚Uneindeutigkeit’ medizinisch diagnostiziert wurde. Ein Recht bzw. die Option auf ein eigenes drittes Geschlecht wird damit nicht begründet.

Die eng mit sexualpolitischen Bewegungen verknüpfte Queer Theory hat ebenfalls einen großen Anteil daran, dass Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit als Norm infrage gestellt werden. Sie kann als zentrale Forciererin einer Prekarisierung von Heteronormativität bezeichnet werden. Das Konzept Heteronormativität geht auf den US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Warner zurück. Es beruht auf den zwei Annahmen, dass es ein vermeintlich natürliches binäres Geschlechtersystem (Männer – Frauen) gibt und Heterosexualität die unabänderbare Grundlage gesellschaftlicher Ordnung bildet. Heterosexualität fungiert hier als zentrales Machtverhältnis, das alle wesentlichen gesellschaftlichen und kulturellen Bereiche durchzieht und hierarchische Beziehungen zwischen Menschen hervorbringt und strukturiert. Heterosexualität wird also nicht nur zur Norm stilisiert, sondern auch als Praxis und Lebensweise privilegiert.

Mit der Sichtbarmachung und Diskussion von Heteronormativität ist das Anliegen verbunden, nicht-heterosexuelle Lebenslagen nicht länger als Abweichung von der Norm zu diskutieren, sondern vielmehr die Norm selbst zu hinterfragen. Es geht darum, Heterosexualität als selbstverständliche Grundlage menschlichen Zusammenlebens und damit auch das mit Heterosexualität verknüpfte Prinzip der Zweigeschlechtlichkeit in Frage zustellen. Insofern ist die Diagnose antigenderistischer Positionen nicht ganz aus der Luft gegriffen, dass die Gender Studies – auch als „Verunsicherungswissenschaften“ (Degele 2003) – bisherige Gewissheiten in Frage stellen. Ihre Schlussfolgerungen sind aber deutlich abzulehnen, wenn auf die Prekarisierung von Heteronormativität etwa mit menschenverachtenden Diffamierungen nicht-heterosexueller Lebensweisen reagiert wird.

Dieses Infragestellen von Heteronormativität bedeutet aber keineswegs, dass sexuelle Orientierung und Zweigeschlechtlichkeit an Ungleichheitsrelevanz verloren hätten. Nicht zuletzt werden rechtliche und alltägliche Diskriminierungen über sozialpolitische Privilegien wie die ausschließlich heterosexuell lebenden Menschen vorbehaltenen Ehe vermittelt. Heterosexualität ist aber teilweise auf einer Ebene prekär geworden, die Pierre Bourdieu als Doxa bezeichnet hat – als unhinterfragte Selbstverständlichkeit, als Doktrin und Glaubenssatz.

Der Beifall für Conchita Wurst ist, so unser Deutungsangebot, aber nicht nur ein Beleg für die teilweise steigende Akzeptanz sexueller Vielfalt, die aus dem Brüchigwerden von Heteronormativität resultiert. Vielmehr zeigt der Fall Wurst, dass mit dem Prekärwerden der Doxa der Heteronormativität neue Räume für Aushandlungen, Deutungskämpfe und Ausschlüsse entstanden sind.

So wurde, und das nur als ein Exempel, mit Conchita Wursts Erfolg zugleich Europäischsein (neu) verhandelt – in Zeiten wachsender Euroskepsis, Europawahl, rigider Flüchtlingspolitik (siehe unser Blog-Eintrag „Prekäre Rechte“) und Ukrainekrise eine ebenfalls prekäre Identitätskategorie. Vor dem Hintergrund dieser politischen Entwicklungen bot sich die bärtige Diva als Projektionsfläche an: Wer sich positiv auf Conchita Wurst bezog, konnte seine Offenheit und Aufgeklärtheit in Szene setzen und gleichermaßen zu verstehen geben, was ‚uns’ (das aufgeklärte Westeuropa) besser macht als etwa ein Pussy Riot einsperrendes Russland, in dem, wir zitieren wieder aus Der Zeit, »Toleranz als ein gefährlicher Virus aus dem Westen gilt«.

Die US-amerikanische Geschlechterforscherin Jasbir K. Puar beschreibt die Verstrickungen von Sexualitäten und Nationalismus mit dem Begriff Homonationalism und geht damit über das auf Sexualitäten bezogene Konzept der Heteronormativität hinaus. Puar kritisierte mit Homonationalism, dass nach den Terroranschlägen vom 11. September in den USA häufig ein islamischer Glaube mit Frauenfeindlichkeit und Homophobie gleichgesetzt wurde und die Rechte von Frauen und Homosexuellen als Legitimationsstrategie des War on Terror missbraucht wurden.

In unserem Beispiel geht es demgegenüber um die Skandalisierung eines ‚falschen Europas’ – damit eben nicht nur um die Proklamation sexueller Vielfalt, sondern zugleich auch um (west-)europäische Selbstvergewisserung, die auf machtvollen Ausschlüssen basiert.

Die anhaltenden Repressionen und Menschenrechtsverletzungen gegenüber queeren Aktivist_innen durch den russischen Staat sind nach wie vor dramatisch und sollen nicht verharmlost werden. Doch auch hierzulande stehen Homophobie und Transphobie auf der Tagesordnung. Man denke etwa an die Petition „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“, die im Januar 2014 Baden-Württemberg 192.500 Unterstützer_innen fand.

Conchita Wurst ist explizit als Kunstfigur konstruiert worden. So sehr ihr Bart vielleicht einige Menschen provozieren mag und sie ganz explizit von Transphobie betroffen ist, so könnte man auch argumentieren, dass eben dieses Wissen, dass Conchita Wurst nach wie vor Tom Neuwirth ist und damit der Gedanke, dass auch Frauen einen Bart haben könnten, nicht zu Ende gedacht werden muss.

Wie wären die Reaktionen ausgefallen, wenn der Rückzugsort ‚Travestiekünstlerin’ nicht gegeben wäre? Schließlich bieten auch Zeitungen, die sich Conchita-positiv zeigten, regelmäßig Stimmen ein Forum, die gegen die Prekarisierung von Heteronormativität aufbegehren, wie etwa in einem Artikel des Rechtsprofessors Christian Hillgruber nachgelesen werden kann.

Wenn, wie im Fall von Conchita Wurst, also eine Frau mit Bart zu einem Symbol für ein tolerantes (West)Europa wird – aber ein Mann bleiben muss, um einen Bart tragen zu dürfen – gerät die Binarität der Geschlechterordnung zwar auf den ersten Blick, faktisch aber nicht wirklich in Gefahr. Und außer Kraft gesetzt wäre sie erst, wenn Conchita Wurst keinen besonderen Nachrichtenwert mehr hätte.

 

 

Degele, Nina (2003): “Happy together. Soziologie und Gender Studies als paradigmatische Verunsicherungswissenschaften”. In: Soziale Welt 54 (1), S. 9-30.

It ain’t Feminism – It‘s the Economy, … – Vom blinden Fleck antigenderistischer Kritik

Nur mit einem Bild und ohne weitere Worte setzte Queen B aka Beyoncé vor wenigen Wochen ein Statement auf Instagram gegen die im Internet kursierenden Bilder der Aktion „Women against Feminism“. In Deutschland veröffentlichte die Jungendorganisation der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) in diesem Jahr ähnliche antifeministische Statements.

Aus einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu den familien- und geschlechterpolitischen Positionen der AfD geht hervor, dass sich die AfD politisch u.a. dafür einsetzt, den sogenannten „Gender-Wahn“ zu stoppen, sie für die Abschaffung des ‚undemokratischen’ Gender Mainstreamings eintritt und sich gegen aktive Gleichstellungspolitik ausspricht, um die ‚natürlichen’ Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu bewahren. Damit stellt sich die Partei in eine Reihe mit unterschiedlichen antifeministischen und antigenderistischen Bewegungen, zu denen zwei Studien des Gunda-Werner-Instituts der Heinrich-Böll-Stiftung einen Überblick bieten.

Rosenbock (2012) und Frey et al. (2013) weisen deutlich auf die Heterogenität der unterschiedlichen antifeministischen Gruppen hin, die ein breites politisches Spektrum abdecken, das bis zum rechten Rand reicht. Manche der Gruppen fordern u.a. die Abschaffung der Geschlechterforschung, der vorgeworfen wird, unwissenschaftlich und ideologisch überformt zu sein. Die von der Geschlechterforschung angestrebte Geschlechtergleichheit wird als „Femokratie“, als Herrschaft der Frauen und Feministinnen bezeichnet, in der Männer zu Opfern der neuen Gleichstellungspolitik erklärt werden. Nach Rosenbock werden Frauen und Männer systematisch diffamiert: „Hausfrauen werden als faul und parasitär, und alleinerziehende Mütter als ‚Abzockerinnen‘ dargestellt, die ‚Männer kaputt machen‘. Homosexuelle Männer und Frauen werden teilweise als ‚pervers‘ bezeichnet“ (ebd. 21). Mittels biologistischer Argumentation wird eine Geschlechterordnung als natürlich verklärt, in der Männern die Rolle als Kämpfer der Nation und Frauen die Rolle der Mutter zugeschrieben wird. Feminismus, Geschlechterforschung und eine ‚medienbeherrschende Homolobby’ werden verantwortlich für die Vernachlässigung der heterosexuellen Familie als zentrale und schützenswerte Institution der Gesellschaft gemacht. Damit schreiben diese Bewegungen der Geschlechterforschung eine einflussreiche, ja hegemoniale Bedeutung zu (fast könnte man als Geschlechterforscher_in geneigt sein, zu denken: Schön wär’s! – selbstredend nicht mit Blick auf die genannten Inhalte, sondern auf die angenommene große Bedeutung).

Nun würde es an dieser Stelle nicht ausreichen, wenn wir drei Bloggerinnen wie Beyoncé ein kämpferisch anmutendes Foto von uns online stellen würden, um die antigenderistischen Argumente zu widerlegen. Vielmehr möchten wir uns mit einem Aspekt eingehender beschäftigen: dem Bedeutungsverlust von Männern als Familien-(Allein-)Ernährer.

Zutreffend ist, dass Feminist_innen und Geschlechterforscher_innen das männliche Alleinernährermodell, die darin eingelassene (ökonomische) Abhängigkeit der (Ehe-)Frauen von ‚ihren‘ (Ehe-)Männern und die Verdeckung der ökonomischen und kapitalistischen Ausbeutungen produktiver wie reproduktiver Arbeitskraft von Frauen umfassend kritisiert (hat). Insbesondere die fehlende Anerkennung von – oft von Frauen unbezahlt und nicht bzw. schlecht sozial abgesichert geleisteter – Reproduktionsarbeit als wesentliches gesellschaftliches und ökonomisches Versorgungs- und Auffangnetz, das die vom Markt produzierten Risiken und Unsicherheiten kompensieren muss, stand und steht im Fokus der Kritik.

Zwar geht die Verbreitung des männlichen Alleinernährermodells seit einigen Jahren, vermutlich auch wegen der feministischen Kritik daran, zurück. Jedoch ist nach wie vor nur jede vierte Ehefrau Vollzeit erwerbstätig (Statistisches Bundesamt/WZB 2013: 55) – von einer Auflösung des Ernährermodells lässt sich damit nicht sprechen. Vor allem aber möchten wir hier argumentieren, dass das männliche (Allein-)Ernährermodell nicht nur aufgrund gleichstellungspolitischer Gründe sowie einer stärkern gesellschaftlichen Orientierung an Gleichheit erodiert. Vielmehr muss seine Erosion in den Kontext des neoliberalen Umbaus des Sozialstaates gestellt und der sozialpolitische Paradigmenwechsel vom versorgenden hin zum aktivierenden Sozialstaat stärker betrachtet werden. Der Wohlfahrtsforscher Esping-Andersen (2002) diskreditierte den Familialismus des männlichen Allein-Ernährermodell als sozialpolitische Maßlosigkeit, die schlichtweg zu teuer geworden ist: „Ideological predilections aside, it should be evident to all that we cannot afford not to be egalitarians in the advanced economies of the twenty-first century“ (2002: 3, Herv. i. O.). Die potentiellen Arbeitsmarkterträge von Frauen würden zur Aufrechterhaltung der Sozialsysteme dringend benötigt.

Mal ganz davon abgesehen, dass es den Feminismus und die Geschlechterforschung aufgrund teilweise stark heterogener Perspektiven auf ungleichheitsrelevante Themen nicht gibt, lässt sich zusammenfassend konstatieren, dass eine Zerstörung von Familie nicht als wesentliches politisches Ziel von Feminismus gesehen werden kann. Vielmehr geht es ganz basal um eine Sichtbarmachung von fehlender Anerkennung für Sorgearbeiten, eine starke Orientierung an Egalität zwischen unterschiedlichen Geschlechtern und Sexualitäten (dazu mehr im nächsten Blog-Eintrag) sowie um genuine Herrschaftskritik. Der Anti-Genderismus verkennt die Bedeutung ökonomischer und kapitalistischer Transformationsprozesse, in dem er den Einfluss des Feminismus maßlos über- und den wirtschaftlichen und sozialpolitischen Wandel unterschätzt. Es ist also weniger ein Zeichen des Sieges des Feminismus, sondern vielmehr Symptom eines Gestaltwandels der kapitalistischen Wirtschafts- und Arbeitswelt.

Was im Kontext antigenderistischer Kritik vor diesem Hintergrund völlig außer Acht gelassen wird, sind die von uns bereits in vorherigen Blog-Einträgen vielfach erwähnten Prekarisierungsprozesse in der Erwerbssphäre, die auch den Druck auf die Reproduktionssphäre erhöhen und soziale Ungleichheiten verschärfen. So wird die zunehmende Erwerbstätigkeit von hochqualifizierten Frauen in den westlichen Industrienationen insbesondere durch die Arbeit von Migrantinnen im haushaltsnahen Dienstleistungsbereich aufgefangen, die Frauen bei der Bewältigung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf entlasten. Hier findet also eine Umverteilung von Reproduktionsarbeit statt, allerdings vorwiegend zwischen Frauen und nicht zwischen den Geschlechtern. Auch ändert sich mit der zunehmenden weiblichen Erwerbsbeteilung das gesamte Frauenerwerbsvolumen kaum, da Frauen vor allem in Teilzeit beschäftigt sind. Damit kommt es eben nicht zu einer zunehmenden und ausschließlichen Besserstellung von (weißen) Frauen, sondern zu der vergeschlechtlichten Komponente von Reproduktionsarbeit kommt eine ethnisierte hinzu: Nur wenige Frauen werden durch ihre Erwerbsarbeit privilegiert. Für Migrantinnen ist sie im Rahmen von Haushaltsarbeit sehr ambivalent: Einerseits kommt ihnen ein gewisses Maß an Autonomie und Selbstbestimmung zu, weil sie häufig zu den Haupternährerinnen ihrer Familien werden. Andererseits gehen mit den Anstellungen im Haushalt oft sehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse und schlechte Bezahlung einher.

Für Männer verschärft sich der Druck vor allem deshalb, weil ihre Berufsbiographien zunehmend unsicher werden und ihre Lebensläufe beginnen, sich mit Blick auf berufliche Diskontinuitäten und Unsicherheiten denen von Frauen anzunähern. Auch ihr beruflicher Aufstieg, der lange das zentrale Distinktionsmerkmal gegenüber Frauen war, verliert an Selbstverständlichkeit (Meuser 2004; Kreher 2007) – jedenfalls für verschiedene sozialstrukturelle Gruppen von Männern. Unterschiede in den Arbeitsmarktchancen zeigen sich z.B. nach der sozialen und regionalen Herkunft, nach Bildungsabschluss, Alter und Staatsbürgerschaftsstatus, die im Kontext eines sich verschärfenden Wettbewerbs um sichere und gut bezahlte oder allein existenzsichernde Arbeitsplätze zu Determinanten struktureller Ungleichheiten werden können, die für unterschiedliche Männer auch unterschiedliche Auswirkungen hinsichtlich ihrer sozialen Position haben. Damit müssen also die Unterschiede zwischen Männern als Genusgruppe in der antifeministischen Diskussion stärker berücksichtigt werden.

Dieses kurze, nur auf ungleichheitssoziologische Aspekte bezogene Schlaglicht beansprucht bei weitem keine Vollständigkeit in der Auseinandersetzung mit anti-genderistischen Positionen. Uns ist es aber ein Anliegen, eine Perspektivverschiebung anzuregen. Denn der Antigenderismus sieht die Geschlechterforschung in der Verantwortung für eine sich in ökonomischer Hinsicht verschärfende Lage, für die aber ökonomische und (globale) kapitalistische Transformationsprozesse verantwortlich sind, die z.B. durch die Wirtschafts- und Finanzkrise ausgelöst wurden. Ungleichheiten bestehen zwischen Menschen nach wie vor fort, vergrößern sich teilweise sogar – und hier werden nicht Frauen gegenüber Männern übervorteilt, sondern ganz im Gegenteil, die strukturellen Ursachen von Ungleichheiten sind und waren immer sehr heterogen. Berücksichtigt man in einer transnational ausgerichteten Perspektive auf ökonomische Verwertungszusammenhänge die vielfältigen Machtbeziehungen hinsichtlich Geschlecht, Ethnizität und Klasse etc. stärker, wird deutlich, dass Geschlechterforschung zu jenen Wissenschaften gehört, denen die Analyse der Komplexität dieser Entwicklung ein zentrales Anliegen ist, um Ungleichheiten umfassend beschreiben und erklären zu können. Insofern wäre es in unseren Augen produktiver, sich stärker mit den ökonomischen Ursachen von Ungleichheiten als solchen zu befassen, anstatt ‚Frauen‘ und ‚Männer‘ oder heterosexuelle und homosexuelle Lebensweisen gegeneinander auszuspielen.

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen – und bitten um Einhaltung der Netiquette!

 

Literatur:

Esping-Andersen, Gøsta (2002): “Towards the Good Society, Once Again?”. In: Gøsta Esping-Andersen (Hg.), Why We Need a New Welfare State, Oxford: Oxford University Press, S. 26-67.

Meuser, Michael (2004): “Nicht als alter Wein in neuen Schläuchen? Männlichkeitskonstruktionen im Informationszeitalter”. In: Heike Kahlert/Claudia Kajatin (Hg.), Geschlechterverhältnisse im Informationszeitalter, Frankfurt/M./New York: Campus, S. 73-93.

Kreher, Thomas (2007): ‘Heutzutage muss man kämpfen’. Bewältigungsformen junger Männer angesichts entgrenzter Übergänge in Arbeit, Weinheim: Juventa.

Statistisches Bundesamt (Destatis), Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) (2013): Datenreport 2013. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Bonn.

Vom Recht auf einen verlässlichen Feierabend oder: Wie wollen „wir“ leben und arbeiten?

Das Arbeitsministerium und einige Unternehmen haben bereits, was Yasmin Fahimi jüngst im Tagesspiegel forderte: Das Recht auf einen verlässlichen Feierabend. Die SPD-Generalsekretärin erklärt, die Politik müsse den „Rahmen“ für „neue Formen der Arbeit“ aushandeln. Dies hätten die neuen Medien erforderlich gemacht, durch die Beschäftigte zunehmend permanent erreichbar geworden sind. Vor Fahimi forderte Katja Kipping, die Vorsitzende der Partei Die Linke, im vergangenen Herbst ein Recht auf Feierabend und verband diese Forderung mit dem Vorschlag der Einführung einer 30-Stunden Woche. Doch wer wünscht sich eigentlich ein Recht auf Feierabend? Und wie sieht es in unserem Fach aus: Wer will überhaupt abends und am Wochenende vor Fachliteratur, Studienarbeiten und Forschungsanträgen, vor Emails, Twitter und (Soz-)Blogs geschützt werden?

Die Arbeitssoziologie spricht von einer zunehmenden Entgrenzung von „Arbeit“ und „Leben“. Sie diagnostiziert im Zuge einer „doppelten Subjektivierung von Arbeit“ (Kleemann et al. 2002), dass die Beschäftigten – vor allem gut qualifizierte Wissensarbeiter_innen – mit ihren Tätigkeiten zunehmend Ansprüche der Selbstverwirklichung verbinden. Dies birgt durchaus Prekarisierungspotential, da zwar Raum für neue Freiheiten, Flexibilität und Autonomiegewinne geschaffen wird. Zugleich greifen die Unternehmen aber auch – im Sinne einer umfassenden Verwertbarkeit – vermehrt auf die subjektiven Potentiale der Beschäftigten und auf ihre ‚ganze Person‘ zu.

Postoperaistische Ansätze gehen noch einen Schritt weiter und nehmen eine Auflösung der Grenzziehung von Arbeit und Leben an (etwa Virno 2008). Deutlicher noch als die Arbeitssoziologie betonen sie die Ambivalenzen: Einerseits wird das gesamte Leben produktiv gemacht. Auf diese Weise wird Prekarität zu einer verallgemeinerten Erfahrung, denn es droht auch Selbstausbeutung. Andererseits wird diesem Produktionsprozess aber auch emanzipatorisches Potenzial zugesprochen, da in der Arbeit von Kreativen oder in der Care-Arbeit nicht vorrangig materielle Waren entstehen, sondern immaterielle Güter wie soziale Beziehungen und Empfindungen. Schließlich sind immaterielle Produkte überwiegend solche, in denen Gemeinschaftliches, eben Beziehungen und Netzwerke, hervorgebracht werden.

Sowohl arbeitssoziologisch als auch postoperaistisch argumentiert: Wenn Beschäftigte mit ihrer Tätigkeit Ansprüche der Selbstverwirklichung verbinden, die Grenzziehung von Arbeit und Leben prekär wird oder für manche keinen Sinn mehr ergibt, erscheint die Forderung eines Rechts auf Feierabend zunächst als seltsam verstaubt – als Relikt eines längst vergangenen fordistischen Zeitalters.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Die neuen Entgrenzungen und Grenzverwischungen stellen uns auch vor neue Herausforderungen. Mit den Entgrenzungen ist für viele ein ins Unendliche steigerbarer Optimierungsdruck entstanden. Wir wollen und sollen gleichermaßen permanent an uns selbst arbeiten. Dieser Optimierungsdruck hat alarmierende gesundheitliche Folgen, wie Studien zu Burnout und Depressionen deutlich zeigen. Diese Diagnosen waren zunächst auf den hochqualifizierten Bereich beschränkt – etwa entgrenzt arbeitende Wissensarbeiter_innen, hoch qualifizierte Führungskräfte mit überlangen, rund-um-die-Uhr-Arbeitszeiten und 150%-Beschäftigung (spricht: mit einer zweiten Person – oft der Frau – im Rücken, die sich um alles jenseits der Erwerbsarbeit kümmert). Viele aktuelle Studien zeigen mittlerweile die Verbreitung in den verschiedensten Qualifikationsstufen auf: Besonders oft von Burnout betroffen sind auch Beschäftigte im Bereich personennaher Dienstleistungen wie Lehrer_innen sowie Pfleger_innen und Erzieher_innen, bei denen zu den oft persönlich herausfordernden und belastenden Aufgaben auch schlechte Arbeitsbedingungen wie Schicht- und Nachtdienste, permanentes Arbeiten unter Zeit- und Effizienzdruck und eine geringe Bezahlung usw. dazukommen.

Aus dieser Blickrichtung ist ein Recht auf Feierabend also alles andere als obsolet. Wenn es um die Frage geht, wie es um die seelische und körperliche Gesundheit bestellt ist, erscheint das Recht auf Feierabend vielmehr als ein notwendiger, wenn auch vereinzelter Topfen auf dem heißen Stein.

Bei diesen Arbeitsbedingungen steht schließlich auch nicht nur die seelische und körperliche Gesundheit auf dem Spiel. Wie eine eigene Untersuchung von Doppelkarriere-Paaren zeigte (Wimbauer 2012), kann sich ein ausgreifendes Erwerbsarbeitsengagement nicht nur auf die eigene Person gesundheitsschädigend – und damit selbstdestruktiv – auswirken. Vielmehr kann sie auch sozial destruktiv werden: wenn ausgreifende „Arbeit“ die „Liebe“ (z)ersetzt, also Paarbeziehungen, die Beziehung zu den Kindern, Freundschaften u.v.a.m prekär werden. Kurz, wenn die „Arbeit“ keinen Platz und keine Zeit mehr lässt, die eigenen Bedürfnisse und die der Anderen wahrzunehmen und anzuerkennen.

Ein wesentlicher Grund hierfür erscheint die zunehmende alleinige Anerkennungsrelevanz von Erwerbsarbeit zu sein, die wesentlich zur Bedeutungssteigerung von Erwerbsarbeit beiträgt. Im Zuge der Sozialstaatsreformen der letzten Jahre, dem Wandel hin zum aktivierenden Sozialstaat und einem Adult-Worker-Modell sollen alle erwerbstätig sein, auch Frauen und Mütter (kleiner Kinder). Nichterwerbstätigkeit wird zunehmend delegitimiert.

Ein weiterer wesentlicher Grund ist die zentrale Bedeutung von Erwerbsarbeit für die Existenzsicherung. Sind oder werden Beschäftigungsverhältnisse prekär und Arbeitsbedingungen schlecht, müssen die Einzelnen belastende, oft auch entgrenzte Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen, um überhaupt Einkommen zu erzielen. Damit sind nicht nur Hochqualifizierte potentiell von den Entgrenzungen der Arbeit betroffen, sondern sogar mehr noch auch weniger gut Qualifizierte und prekär Beschäftigte. Hier scheint es naheliegend, dass weniger die Selbstverwirklichungsversprechen von Erwerbsarbeit dazu führen können, dass „Arbeit“ womöglich die „Liebe“ ersetzt, sondern die schlichte Notwendigkeit, überhaupt einen Job zu haben. Wie sich prekäre Beschäftigung, Schichtdienst, Planungsunsicherheit, wechselnde Arbeitsorte, schwankende und / oder niedrige Einkommen, belastende Arbeitsbedingungen im Lebenszusammenhang zeigen und welche Auswirkungen sie auf die Einzelnen und ihre Paar- und Nahbeziehungen haben, ob und wie hier Fürsorge und Selbstsorge (noch) möglich sind, erforschen wir derzeit in einem kürzlich begonnenen Forschungsprojekt.

Ein Feierabend von Erwerbsarbeit erscheint vor diesem Hintergrund überhaupt erst als Grundbedingung, um mit anderen in Beziehungen zu leben und um für sich und für andere sorgen zu können. Hier schließen sich aber viele Fragen an, etwa: Feierabend wovon eigentlich?

Einmal von Erwerbsarbeit: Denn Arbeit wird nicht weniger, und sie wird, wie erwähnt, auch wichtiger. Aber nicht alle – und hier sind wir bei einem weiteren ungleichheitsrelevanten Punkt – können arbeiten, selbst wenn sie dies möchten. Zum einen existieren gar nicht für alle ausreichend Arbeitsplätze, vor allem auch im geringer qualifizierten Bereich. Während die einen also zu viel Arbeit haben, haben die anderen zu wenig. Zum anderen stoßen gerade Personen mit Fürsorgeverantwortung – v.a. Mütter und besonders Alleinerziehende, aber auch Männer und Väter mit Fürsorgeverantwortung (siehe hierzu bspw. ein laufendes Kooperations-Forschungsprojekt) oft auf Hürden, an Erwerbsarbeit zu partizipieren, selbst wenn Sie dies möchten. Trotz einiger Fortschritte mit Blick auf die Vereinbarkeit sind Familie und (Vollzeit-)Berufstätigkeit oftmals schwer unter einen Hut zu bringen.

Doch nicht nur Erwerbsarbeit ist Arbeit, wie eine feministische Grundannahme lautet. Bei der Frage nach dem „Feierabend“ ist die Engführung auf Erwerbsarbeit daher zu kurz gegriffen. Denn was hierbei unberücksichtigt bleibt, sind Fürsorgetätigkeiten – Sorge für andere, für Kinder, Eltern, pflegebedürftige Angehörige, aber auch für Freundschaften, Partner_innen, und Sorge für sich selbst, also Selbstsorge. Nun lässt sich sicherlich über einen weiten und wenn, wie weiten Arbeitsbegriff diskutieren. Nicht alles hiervon mag der eine oder die andere unter Arbeit fassen, und auch die Trennung von Arbeit und Leben wird bei einem derart umfassenden Arbeitsbegriff vollends obsolet. Fasst man aber Fürsorge als Arbeit, als gesellschaftlich notwendige oder sinnvolle Tätigkeit, dann stellt sich die Frage nach dem Recht auf Feierabend von Fürsorge. Nach wie vor wird die care-ethische Frage, was Fürsorge alles (nicht) ist, kontrovers diskutiert. Diskussionswürdig erscheint uns aber: Kann es ein solches Recht auf einen Feierabend von Fürsorge geben? Wie würde es aussehen? Lässt es sich überhaupt einfordern? Was ist mit dem Recht auf (oder gar: Pflicht zur) Selbstsorge? Wenn Individuen mit sich selbst in ein unternehmerisches Verhältnis treten, ist auch Selbstsorge mitnichten ein Raum, der jenseits von Verwertungslogiken steht. Wo bleibt dann überhaupt noch „sorge(n)freie Zeit“ (hieß früher „Muße“)?

Aber zurück zur Ausgangsfrage. Mit Blick auf Erwerbsarbeit ist unser Fazit: Ja, ein Recht auf Feierabend, auf verlässliche arbeitsfreie Zeit ist erforderlich. Doch damit ist es nicht getan. Dazu kommt, dass Arbeitszeiten arbeitsrechtlich bereits begrenzt sind, was aber wiederum teils unfreiwillig, teils freiwillig und teils aus vermeintlich freien Stücken überschritten wird. Viel weitergehend stellen sich die Fragen: Wie können „wir“ arbeiten? Wie wollen „wir“ arbeiten? Und was ist „gute Arbeit“ (auch im globalen Rahmen)?

Hier sind nicht nur die Arbeitszeiten ein wichtiger Faktor, sondern auch die Arbeitsbedingungen: Welche Prekaritätsrisiken, welche körperlichen und psychischen Belastungen sind mit der Arbeit verbunden? Wer ist hiervon wie betroffen? Wie lassen sich Ungleichheiten in der Verteilung dieser Risiken verringern? Zentral ist zudem auch die (Un-)Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit mit Fürsorge, Selbstsorge und anderen Tätigkeiten, auf betrieblicher, arbeitsorganisationaler und sozialstaatlicher Ebene. Hierzu gehörten beispielsweise andere Arbeitszeitmodelle, etwa eine Familienarbeitszeit, eine nicht hauptsächlich auf Frauen zielende betriebliche Vereinbarkeitspolitik und Familienpolitik, das Angebot einer quantitativ ausreichenden, qualitativ hochwertigen und finanzierbaren Kinderbetreuungsinfrastruktur. Der seit 2013 geltende Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ist ein Schritt in diese Richtung, das Elterngeld ebenso. Mittlerweile nimmt jeder dritte Vater Elternzeit, aber meist nur zwei Monate. Auch die Pflege für Angehörige wird häufig von Frauen übernommen, die ihre Erwerbstätigkeit dann reduzieren oder ganz aussteigen.

Schwieriger hingegen dürfte sich ein Rechtsanspruch auf Feierabend mit Blick auf Für- und mehr noch auf Selbstsorge gestalten und vielleicht auch wenig zielführend sein. Notwendig aber wäre eine größere gesellschaftliche Anerkennung von Fürsorge- und Familientätigkeiten und von Selbstsorge– also eine Umwertung dessen, was als ‚Leistung‘ zählt, was als anerkennenswerte Tätigkeiten. Hierzu bedürfte es einer Abkehr von der Zentralstellung von Erwerbsarbeit als zunehmend alleiniger Anerkennungsreferenz und einer größeren Legitimität des „Feierabends“. Ihn zu verabschieden, wäre potentiell selbst- und sozialdestruktiv. Womit wir letztlich auch bei der Frage wären: Wie wollen „wir“ eigentlich leben?

 

Literatur

Kleemann, Frank/Matuschek, Ingo/Voß, G. Günter (2002), Subjektivierung von Arbeit. Ein Überblick über den Stand der soziologischen Diskussion, in: Moldaschl, Manfred/Voß, G. Günter (Hg.), Subjektivierung von Arbeit, München/Mering, S. 53–100.

Virno, Paolo (2008): Grammatik der Multitude. Die Engel und der General Intellect. Wien: Turia + Kant.

Wimbauer, Christine (2012): Wenn Arbeit Liebe ersetzt. Doppelkarriere-Paare zwischen Anerkennung und Ungleichheit. Frankfurt/New York: Campus.

Prekäre Rechte? Kämpfe um Asyl, Repräsentationskritik und Prekärsein

Der enorme Widerstand der rund vierzig Refugees in Berlin-Kreuzberg gegen die angekündigte Räumung der von ihnen besetzten Gerhard-Hauptmann-Schule in den vergangenen Wochen führte wieder einmal vor Augen, wie hart umkämpft das Recht auf Asyl ist. Während sich auf staatlicher Ebene in Deutschland und in der EU stark restriktive Tendenzen in der Flüchtlingspolitik abzeichnen, die – pointiert gefasst – nicht nur darauf abzielt, die Rechte von Flüchtlingen, sondern europäische Grenzen zu schützen, kämpfen Flüchtlinge für ihr Bleiberecht und damit um ihre Existenz.

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Solidaritätsaufruf. Gegen eine anti-genderistische Kampagne

In unserem ersten Blog-Eintrag thematisierten wir anti-genderistische Positionen, die sich gegen die Geschlechterforschung wenden. In der Zwischenzeit erreichte uns ein Solidaritätsaufruf von Heinz-Jürgen Voß, der sich gegen eine von Akif Pirinçci angeführte anti-genderistische Kampagne positioniert, die eine Kollegin an den Pranger stellt. Wir unterstützen den Aufruf und möchten auf diesem Wege für ihn werben.

 Gegen rechten Hass – für eine engagierte Wissenschaftler_in

Veröffentlicht am 8. Juli 2014

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Was ist normal? Was ist prekär? Überlegungen zur Ambivalenz eines zeitdiagnostischen Konzepts

In diesem Blog-Eintrag soll die soziologische Prekarisierungsdebatte im Zentrum stehen. Wir möchten sie auf ihre Auslassungen abklopfen und ein weit gefasstes Konzept von Prekarisierung vorschlagen. Aber alles der Reihe nach. Gehen wir also wieder ein paar Schritte zurück. Was heißt überhaupt Prekarisierung?

Wenn man den Duden aufschlägt, findet man folgende Definition: Prekär bedeutet mit »durch Bitten erlangt; widerruflich« sowie »misslich, schwierig, heikel«. Zudem findet sich ein Hinweis auf das römische Recht: Das Prekarium umfasst eine auf »Bitte hin erfolgende Einräumung eines Rechts, das keinen Rechtsanspruch begründet«.

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Prekarisierung Unbound? Über alte und neue Ungleichheiten und prekäre Allianzen. Ein Intro

In knapp zwei Wochen liegen die Semesterferien vor uns und danach steht schon – diesmal unter dem Zeichen der Krise – der 37. DGS-Kongress an. Für die kommenden zwei Sommermonate kommt uns die Ehre zu, das Ruder für den DGS-Blog zu übernehmen und auch wir möchten die Gelegenheit nutzen, einige Gedanken zu Krisen zu formulieren.

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“Wer möchte nicht …”

Mein Blog startete mit einer Referenz! Hans Paul Bahrdt zum Gedächtnis! Daher soll er nun auch das letzte Wort haben – ein Schüttelreim aus seinem Einführungswerk „Schlüsselbegriffe der Soziologie“.

Die Gabe des Humors ist – wie so vieles – ungleich verteilt und: Humor ist eine Methode, sich der Gesellschaft zu nähern, sie ernst zu nehmen, sie sich aber auch vom Leib zu halten. Humor ist gleichermaßen Annäherungs- und Distanzierungstechnik! Hans Paul Bahrdt hatte diese analytische Gabe des Humors in reichem Maße! Und so leitet er das Kapitel zum Thema „Soziales Handeln“ mit den Worten ein:

„Wer möchte nicht durch`s Leben heiter wandeln? Die Welt ist schlecht. So muß ich weiter handeln. Doch wenn ich mich nicht straff am Bändel halt`, entstehen aus meinem Handeln Händel bald.”

Zwei Monate als Sozblogger – interessante Sache und wen wundert es: Humor braucht`s auf jeden Fall! Schon wegen Handeln, Händel und Bändel ….

Kritik der Arbeit

Dieser Blog enthält immer wieder Annoncen zu Autorinnen und Autoren sowie zu Themen bzw. Fragestellungen, die nach meinem Dafürhalten für eine Weiterentwicklung soziologischer Zeitdiagnostik relevant sind: das Recht, die öffentlichen Güter und Infrastrukturen, die Urbanität und Kommunalität des Sozialen. Wichtig ist hierbei Max Webers Dreiklang aus Interessen, Ideen und Institutionen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ohne Akteure (soziale Klassen) und ihre Handlungsbereitschaft (soziale Interessen) verfehlen wir in der Soziologie die konstruktive wie destruktive Konfliktdynamik der gesellschaftlichen Entwicklungen, die wir analysieren.

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Öffentlichkeit und die Energie des Informellen

Wenn ich meine letzten Beiträge noch ein wenig fortführen darf – mit Akzentverschiebung und als unsystematische Stichwortsammlung! Einen Ort für sich finden; die dramatisch dicht gedrängte Bühne der Öffentlichkeit; die Freiheit, sich öffentliche Räume zu schaffen, aber auch: sich gegen die Öffentlichkeit zur Wehr zu setzen; die soziale Kraft des Eigentums und die Betonung von Privatheit statt Kollektivität.

Diese Stichworte deuten Fragen an: Welches Bild von Urbanität haben wir? Was ist ein Ankunftsort („arrival city“, Doug Saunders)? Welche Art von Öffentlichkeit konstituiert sich an unterschiedlichen Orten? Welche Aufstiegshoffnungen und Abstiegsängste werden sichtbar? Welche Rolle spielen informelle Strukturen? Welche Art von öffentlichen Gütern wird hier hergestellt und angeboten?

Diese Fragen können ein Anlass sein, die Seite www.megacitiesproject.org zu besuchen und Texte der Anthropologin Janice Perlman zu Megastädten und informellen Siedlungen zu lesen. Großartig und hoch interessant. Perlmans Texte sind ein Lob der Stadt, ein Lob der Freiheit, „mit den Füßen“ abzustimmen und ein neues Leben zu beginnen. Und vor allem: sie sind ein Lob des Informellen!

Perlman hebt die soziale Energie und die gesellschaftliche Produktivität der informellen Siedlungen, der Favelas, der Barackenstädte, der Slums hervor – ohne die Armut, die Gewalt, die Destruktivität dieser urbanen Orte zu verschweigen. Es ist interessant, die Texte Janice Perlmans beispielsweise im Kontrast zu den Überlegungen Hans Paul Bahrdts zum „humanen Städtebau“ zu lesen oder in Auseinandersetzung mit der These der Renaissance des Kommunalen im neuen Buch von Benjamin Barber „If mayors ruled the world. Dysfunctional nations, rising cities“.

Die Begriffe des „Öffentlichen“, der „öffentlichen Güter“, des „Eigentums“ oder der „Freiheit“ erscheinen in einem anderen Licht, wenn wir die soziale Energie des Informellen berücksichtigen. Das zeigt uns Janice Perlman. Bei dem Fotografen Mauricio Bustamente tauchen diese unterschiedlichen Beleuchtungen des Sozialen auch auf, wenn wir beispielsweise die Hamburger Fotoserie mit den Fotografien von Wanderarbeitskräften kontrastieren!

Öffentliche Güter III – Open City!

Zur Illustration! Der Photograph Mauricio Bustamente hat im Auftrag einer Hamburger Arbeitsgruppe, die u.a. von der Evangelischen Akademie der Nordkirche, dem Diakonischen Werk und dem Hamburger Institut für Sozialforschung getragen wird, eine Photo-Slideshow zum Thema “Öffentliche Güter” zusammengestellt. Der Anlaß war eine Konferenz zum Thema im Februar 2014! Unter folgenden Links ist die Slideshow abrufbar:

http://mauriciobustamante.photoshelter.com/#!/video

Auf diesem Wege sei auch für Mauricio Bustamente geworben, der zuletzt eine sehr interessante Ausstellung zu Wanderarbeitern im “Hamburger Museum der Arbeit” gezeigt hat. Hinweise und Bilder finden sich unter den angegebenen Links.

 

 

Öffentliche Güter II – eine Klassenfrage?

Verfügen öffentliche Güter über eine Klassenbasis, eine soziale Trägerschaft? Es ist vor allen Dingen die Mittelklasse, die ein Interesse an der Verfügbarkeit öffentlicher Güter, Institutionen und Infrastrukturen hat. In doppelter Hinsicht:

Zum einen erweitern öffentliche Güter die Ressourcen der Mittelklasse und erhöhen deutlich das Wohlstandsniveau. Eine Politik des Ausbaus öffentlicher Güter vermehrt den Zugang zu kollektiv verfügbarem Wohlstand – vom öffentlichen Schwimmbad über den Stadtpark bis zur Konzerthalle.

Zum anderen: öffentliche Güter bieten berufliche Perspektiven und Erwerbschancen. Vom Ausbau des Bildungswesens, der Krankenhäuser, der Wohlfahrtspflege, der Stromnetze, der Verwaltung usw., usf. profitieren die gut Ausgebildeten, die im kommunalen, staatlichen, aber auch in dem von öffentlichen Aufträgen abhängigen Privatsektor arbeiten. Der Ausbau öffentlicher Güter ist ein Expansions- und Wohlstandsvermehrungsprogramm für eine breite und differenzierte Mittelschicht!

Und so verwundert es auch nicht, dass sich weltweit die Konflikte einer jungen, gut ausgebildeten Mittelklasse an der Qualität öffentlicher Güter und an deren Ungleichverteilung entzünden. Die Türkei und insbesondere Brasilien sind in diesen Tagen sehr gute Beispiele …

Öffentliche Güter I – Konflikt und Verantwortung

Wir hatten in den vergangenen Wochen im SozBlog eine Debatte zum Verhältnis von Recht und Gesellschaft bzw. von Recht und Soziologie. Wenn wir uns auf dieser Linie weiter bewegen, dann ist auch die Frage nach den öffentlichen Gütern und Dienstleistungen nicht allzu weit entfernt. Der soziale Rechtsstaat ist ja gerade das Ergebnis einer institutionellen Balance privater Aktivitätsspielräume und öffentlicher Verantwortungsbereitschaft – mit Blick auf die Angelegenheiten des Allgemeinen: die Erziehung, die Gesundheitsvorsorge, die technische Infrastruktur, die Mobilitätsermöglichung, die Verwaltung und Wohlfahrtspflege. Diese Balance hat einen volkwirtschaftlichen und verwaltungsrechtlichen Kern, aber sie provoziert ebenso eine Reihe soziologischer Fragestellungen.

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Aufmerksamkeit

Der Mai ist fast vorüber und es ist schon Halbzeit für meine Aktivität als SozBlogger. Die Konzentration auf das Bloggen fehlt häufig, zwischen Forschungsanträgen, die auf den Weg zu bringen sind, Lehrverpflichtungen und – in diesem Monat sehr intensiv – Veranstaltungsreihen in den jeweiligen Instituten. Zurzeit gestalte ich am Hamburger Institut eine Vortragsreihe „Hamburger Gespräche zur Zukunft der Arbeit“, in der die Juristin Eva Kocher sowie die Soziologinnen Kerstin Jürgens und Stefanie Hürtgen sowie der Soziologe Harald Wolf auftreten. Bislang hatten wir sehr interessante Abende mit einem weitgehend nicht-soziologischen Publikum. Aktuelle Forschungen werden vorgestellt, ein Versuch, öffentliche Soziologie zu praktizieren. Hierzu passt auch, dass am vergangenen Wochenende zum dritten Mal in Folge die Jahrestagung des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) Göttingen stattfand. Auch hier ist die programmatische Absicht, die aktuelle Forschung des Instituts einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen.

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