Kapital und Arbeit im akademischen Shareholder-Kapitalismus (Teil 1)

Fatale Allianzen auf dem deutschen Sonderweg zur wissenschaftlichen Exzellenz

Ein Gastbeitrag in zwei Teilen von Richard Münch, Bamberg

 

Bund und Länder werden also die Exzellenzinitiative zur Förderung der Spitzenforschung an den deutschen Universitäten fortsetzen. Die meist gebrauchte Formel der Lobpreisung dieses Programms ist die Erhöhung der internationalen Sichtbarkeit der Forschung in Deutschland. Wer etwas von dem Geldfluss von jährlich 533 Millionen Euro abbekommt, kann sich freuen und in den Lobgesang der Forschungspolitik einstimmen. Es scheint ja auf der Hand zu liegen, dass 533 Millionen Euro mehr auch um genau diesen Betrag mehr neue Erkenntnisse pro Jahr hervorbringen werden.

„Kapital und Arbeit im akademischen Shareholder-Kapitalismus (Teil 1)“ weiterlesen

Studentische Hilfskräfte und Mitarbeiter*innen. Feldsozialisation und studentische Arbeitskraftunternehmer*innen

Ein Gastbeitrag von Alexander Lenger, Karlsruhe, und Christian Schneickert, Magdeburg

 

Fragt man nach den strukturierenden Faktoren einer akademischen Karriere kommt man nicht umher, die zentrale Bedeutung einer Anstellung als studentische Hilfskraft anzuerkennen (wir sprechen im Folgenden auch von studentischen Mitarbeiter*innen, abgekürzt StuMi, um der Heterogenität der Anstellungsverhältnisse und Tätigkeitsbereiche gerecht zu werden und den unglücklichen, aber gängigen Begriff des ‚Hiwi‘ zu umgehen). Empirisch ist hinreichend belegt, dass die Tätigkeit als StuMi besondere Chancen für eine akademische Karriere eröffnet (BMBF 2006; Lenger 2008; Jaksztat2014). Entsprechend wird in der Ratgeberliteratur für Studierende und Nachwuchswissenschaftler*innen auch explizit hervorgehoben, dass ein Einstieg in die Hochschulkarriere idealtypisch über eine Anstellung als studentische Mitarbeiter*innen gelingt (Rompa 2010; Kaiser 2015). Vor diesem Hintergrund werden die entformalisierten Beschäftigungsverhältnisse von StuMis – ähnlich denen des akademischen Mittelbaus – mit deren wissenschaftlichen Weiterbildungseffekt gerechtfertigt (Regelmann 2004, 4).

Die Rolle von studentischen Hilfskräften im deutschen Hochschulwesen ist aber noch wesentlich komplexer. „Studentische Hilfskräfte und Mitarbeiter*innen. Feldsozialisation und studentische Arbeitskraftunternehmer*innen“ weiterlesen

Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus (Teil 3)

Strukturen, Subjektivitäten und Organisierungsansätze in Mittelbau und Fachgesellschaften

Ein Beitrag in drei Teilen von Peter Ullrich, Berlin

Dies ist die Fortsetzung von Teil 2 vom 13. Mai

 

3.2       Die Initiative „Für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ in der Soziologie

Der Ansatz der Initiative, die Soziolog*innen in unterschiedlichsten Positionen umfasst (Promovierende, Postdocs, Juniorprofs, freiberuflich Forschende, außerakademisch Tätige) lässt sich als Versuch der Politisierung und ‚Indienstnahme‘ der Fachgesellschaft beschreiben (Amelung, Edinger, Rogge, u. a. 2015; Amelung, Edinger, Keil, u. a. 2015). Sie ist eines der möglichen Foren für eine Politisierung der Auseinandersetzungen über Beschäftigung in der Wissenschaft, das bisher in dieser Sache nicht in Erscheinung getreten ist. Somit handelt es sich um einen Versuch, eine Arena zu finden, in der angesichts der Abschottung der struktursetzenden Bundes- und Landespolitik Zwischenschritte zur Verbesserung der Lage des Mittelbaus erreicht werden könnten. „Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus (Teil 3)“ weiterlesen

Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus (Teil 2)

Strukturen, Subjektivitäten und Organisierungsansätze in Mittelbau und Fachgesellschaften

Ein Beitrag in drei Teilen von Peter Ullrich, Berlin

Dies ist die Fortsetzung von Teil 1 vom 09. Mai.

 

3         Handlungshindernisse und Handlungsansätze im Mittelbau

3.1       Konfliktfähigkeit und Anspruchsniveaus – Herausforderungen in der Organisation des wissenschaftlichen Prekariats

Die beschriebene Situation ist also wissenschaftsfeindlich, da sie die akademische Freiheit und die wissenschaftliche Rationalität untergräbt (Münch 2011; Demirović 2015); sie ist beschäftigtenfeindlich, weil sie inakzeptablen Flexibilisierungsdruck und hochgradig prekäre Beschäftigungsperspektiven zur Grundlage des Funktionierens der deutschen Wissenschaft macht. Und sie ist ein Problem für die Handlungsfähigkeit der betroffenen Bildungs- und Wissensarbeiter*innen und damit für den akademischen Mittelbau, das beim Organisieren dieser Interessen Berücksichtigung finden muss. Das grundlegende Problem ist die äußerst geringe Konfliktfähigkeit[1] der Beschäftigten. Sowohl ihre strukturelle Situation als auch ihre Subjektivität erschweren einen Einsatz für eine Verbesserung ihrer Situation. „Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus (Teil 2)“ weiterlesen

Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus (Teil 1)

Strukturen, Subjektivitäten und Organisierungsansätze in Mittelbau und Fachgesellschaften

Ein Beitrag in drei Teilen von Peter Ullrich, Berlin

1         Vom Leiden des „Nachwuchses“

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine der großen Zeitungen oder andere Medien das Leid der akademischen Beschäftigten thematisieren. Herzzerreißende Geschichten erzählen von höchstqualifizierten Spezialist*innen im Alter zwischen 35 und 50, die sich mit Kettenverträgen und Teilzeitstellen kürzester Laufzeit herumschlagen oder in der Blüte ihres Berufslebens gezwungen sind, aus der Wissenschaft auszusteigen und – eigentlich viel zu spät – beruflich noch einmal von vorn zu beginnen. Sie erzählen vom ewig aufgeschobenen Kinderwunsch, der sich mit der völlig unsicheren Einkommenssituation und der geforderten Mobilität schlecht verträgt, von unbezahlter Arbeit, von Stress, kurz: von hochgradig prekären Beschäftigungsverhältnissen. Und doch erzählen sie zugleich von nicht enden wollendem Engagement und grenzenloser Begeisterung der ‚Betroffenen‘, die mit Leib und Seele Wissenschaft betreiben (wollen). „Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus (Teil 1)“ weiterlesen

Liebe Soziolog*innen,

wir sind die Initiative „Für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ und setzen uns für folgende Ziele ein:

  • Die Schaffung dauerhaft guter Arbeitsbedingungen für Beschäftigte an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen
  • Die Mobilisierung und Aktivierung der eigenen Fachgesellschaft sowie die Koordination des Mittelbaus in der DGS
  • Eine dauerhafte und gesicherte Repräsentanz des wissenschaftlichen Mittelbaus in den Organen der DGS

Vielleicht habt Ihr / haben Sie von unserer Petition „Für Gute Arbeit in der Wissenschaft – Offener Brief an die Deutsche Gesellschaft für Soziologie“ gehört und sogar unterschrieben? Seit August 2014 wurde der Offene Brief von über 2.700 Unterzeichner*innen unterstützt. Die darin enthaltenen Forderungen wurden auf der Mitgliederversammlung auf dem letzten DGS-Kongress im Oktober 2014 in Trier vorgestellt und auf einer Sonderveranstaltung diskutiert. Nicht zuletzt wurde so die Einrichtung des DGS-Ausschusses „Mittelbau in der DGS /Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft“  angestoßen. Der Ausschuss, in dem die Initiative mit drei Vertreter*innen mitwirkt, ist seit Januar 2015 tätig. Eine erste öffentliche Stellungnahme der DGS zu Beschäftigungsverhältnissen in der Wissenschaft wurde am 3. Februar 2016 veröffentlicht.

Ebenfalls im Februar 2016 wurde die Fachtagung „Soziologie als Beruf. Wissenschaftliche Praxis in der soziologischen Reflexion“ von uns mit organisiert. Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) wurde zu den Folgen prekärer Beschäftigung für die Lebenssituation, das wissenschaftliche Selbstverständnis und die soziologische Wissensproduktion diskutiert und ein Selbstverständigungsprozess über Beschäftigungsbedingungen im Mittelbau angestoßen.

Auf dem nächsten DGS-Kongress soll im Audimax der Universität Bamberg am 27. September 2016 nun zum ersten Mal eine Mittelbauversammlung stattfinden, auf der wir gemeinsam unsere Anliegen formulieren und Handlungsstrategien besprechen wollen. (Bis Ende Mai gilt für die Anmeldung zum Kongress ein Early-Bild-Tarif.)

Bis Ende Juni bloggen wir von der Initiative „Für gute Arbeit in der Wissenschaft“ als Kollektiv. Darüber hinaus haben wir sowohl aus unseren Reihen, als auch aus dem Kreis der Tagungsteilnehmenden in Berlin Autor*innen eingeladen.

Wir freuen uns sehr auf Eure / Ihre Kommentare!!!

Vorschläge für Hashtags zum Weiterdiskutieren auf Twitter und Facebook: #SozBlog #GuteArbeit #GAidW #PrekäreWissenschaft

Teilende Wirtschaft und Gesellschaft

Die Sharing Economy bewegt die Gesellschaft. Die Proteste französischer Taxifahrer gegen den Mitfahranbieter Uber und das verschärfte Zweckentfremdungsverbot für Berlin, das vor allem gegen Übernachtungsanbieter wie Airbnb gerichtet ist, verdeutlichen dies eindrucksvoll. Was kann eine soziologische Analyse dazu beitragen, das offenbar nicht friktionslose Verhältnis von teilender Wirtschaft und Gesellschaft besser zu verstehen?

„Teilende Wirtschaft und Gesellschaft“ weiterlesen

Die Sehnsucht nach der perfekten Dyade

Zum Valentinstag 2016 gab Eva Illouz in einem Essay in der Tageszeitung Haaretz den Rat, man möge doch statt der Liebesbeziehung zu huldigen lieber Freundschaften feiern. Sie argumentiert dabei folgendermaßen: Liebe – im Gegensatz zu Freundschaft – ist an ekstatische Gefühle gebunden, deren Grundlagen – seien diese (neuro-)biologisch, (neuro-)psychologisch, sozial konstruiert oder all dies gleich- und wechselseitig – zur Unkontrollierbarkeit neigen, zur Obsession. Dabei, so Illouz, sei eine gewisse Dringlichkeit zu beobachten, etwa wenn wir die andere Person begehren, berühren wollen und uns dafür in Autos und Züge setzen, das Land verlassen und den Schlaf vergessen. Diese führe final zu Schmerz. Der Schmerz orientiert sich in der Ausdrucksform am Status der eingegangenen Liebesbeziehung. Zu Beginn äußere er sich in Unsicherheit, dann in Eifersucht, zuletzt bestehe immer die Gefahr der Trennung. Illouz wünscht sich daher eine höhere Wertschätzung der Freundschaft, schließlich sei sie frei von Eifersucht, von Tragödie und böte sich damit auch nicht zur lächerlichen Darstellung in Komödien an. Freundschaft – so Illouz‘ kritischer Schluss – sei kapitalistisch nicht verwertbar: „friendship is a feeling experienced in freedom“. Nun ist Illouz nicht die einzige, die sich mit dem Spannungsfeld zwischen Liebe – ob romantisch oder partnerschaftlich – und Freundschaft beschäftigt und sich auf die eine oder andere Seite schlägt. Häufig essayistisch wird mal die Lebensweise als Single einem dichten Netzwerk aus Freundschaftsbeziehungen beschworen, wird thematisiert, wie sich aus Freundschaft endlich Liebe entwickelt oder Konflikte zwischen Freundschaft und Liebe beschrieben. Aber sind die Beziehungsformen wirklich so konträr? Wo sind aus soziologischer Perspektive nun also die Unterschiede, wo die Gemeinsamkeiten? „Die Sehnsucht nach der perfekten Dyade“ weiterlesen

Selbst(sorge) wissenschaftliche_r Mitarbeiter_innen

Über die Wissenschaft als Beruf(ung) wurde gerade aus soziologischer Perspektive schon viel geschrieben. Nicht erst seit Max Webers berühmten Aufsatz von 1919 ist der „wilde Hazard“ (ebd.), der die wissenschaftliche Karriere dominiert, prominenter Ankerpunkt für Kritik und Reformbestrebungen. Doch dieser Blogbeitrag soll sich nicht nur dem Weg und Unwegbarkeiten in der academia widmen, sondern vielmehr versuchen, einen Ausblick auf eine Praxis der Selbstsorge aus Sicht der wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen zu wagen, vornehmlich in der Promotionsphase. „Selbst(sorge) wissenschaftliche_r Mitarbeiter_innen“ weiterlesen

Mediale Darstellungen von Vätern in Elternzeit

Gefällt mir? – Mark Zuckerberg in Elternzeit.

Kurz vor der Geburt seiner Tochter Maxima gab Mark Zuckerberg im November 2015 bekannt, dass er Elternzeit nehmen wird. Medienvertreter_innen und Facebook-Nutzer_innen griffen sowohl seine Ankündigung, als auch die Bilder, die er aus seiner Elternzeit postete, begeistert auf. Hat es nur etwas mit dem Teile-alles-mit-allen-Medium Facebook zu tun, dass uns Zuckerberg so schön teilhaben lässt an seiner „involvierten Vaterschaft“ oder ist das (Elternzeit-)Papa-Sein tatsächlich „hipp“ geworden? Gehen „echte Männer“ heute in Elternzeit?

Nachdem meine Kollegin Luisa Streckenbach in ihrem Beitrag die mediale Darstellung von drei hippen Papas in Berlin betrachtet hat, schaue ich mir in diesem Beitrag die Kommentare rund um einen spezifischen Elternzeit-Vater an: Mark Zuckerberg.

Das Posting Elternzeit zu nehmen ist einerseits eine private Entscheidung – da schließe ich mich Zuckerberg an, der in seinem Posting von einer „very personal decision“ spricht. Aber spätestens die zweite Frauenbewegung machte darauf aufmerksam, dass das Private immer auch Politisch ist. Und wenn eine so prominente Figur wie Mark Zuckerberg Elternzeit ankündigt, dann ist ein Medienecho garantiert und höchstwahrscheinlich auch kalkuliert. „Mediale Darstellungen von Vätern in Elternzeit“ weiterlesen

Care und Gender aus historischer Perspektive

Care-Arbeit wird auch heute noch überwiegend von Frauen betrieben. Im 19. Jahrhundert galt die Bereitschaft, zu pflegen und zu helfen, ganz selbstverständlich als Kompetenz, die dem weiblichen Geschlechtscharakter eingeschrieben war. „Care und Gender aus historischer Perspektive“ weiterlesen

Mediale Darstellung von Vätern in Elternzeit

…  am Beispiel der Dokumentation ,Hippe Papas‘

,Neue‘, ,aktive‘ oder auch ,engagierte Väter‘, so scheint es, gibt es immer mehr – zumindest sind sie in aller Munde. Anne von Friesen spricht gar von einer „stille[n] Revolution der jungen Väter“ (2015) und der CEO von Facebook, Mark Zuckerberg, veröffentlicht Fotos mit sich und seiner im Dezember geborenen Tochter Max beim Kuscheln auf dem Boden, beim Schwimmen oder beim Wickeln des Kindes (vgl. Zuckerberg 2015). Die Fotos wirken wie Werbefotos für aktive und engagierte Vaterschaft. Die Firma Facebook hat passend dazu im November 2015 verkündet, dass Eltern nach der Geburt ihres Kindes eine viermonatige und bezahlte Elternzeit (parental leave) bekommen (vgl. Wtop 2015). Im Kontext dieser medialen Darstellungen von Vaterschaft fanden meine Kollegin Kathrin Peltz und ich es spannend, im Rahmen unseres Projekts „Care‑Praxen von Vätern in Bayern – Fürsorgeverhalten und Paardynamiken bei der Nutzung des Elterngelds“, die mediale Darstellung von Vätern mal etwas genauer zu betrachten. Im Rahmen dieser Entscheidung sind wir auf die kurze Dokumentation [Hippe Papas – Vatersein in Berlin] gestoßen, die wir aus vielerlei Hinsicht interessant finden und welche ich im folgenden Text näher begutachten werde. „Mediale Darstellung von Vätern in Elternzeit“ weiterlesen

All this talk of getting old – Ein Kommentar zu Technik und Care

Wie wird das bloß alles werden, wenn wir mal alt sind? Nicht erst seit gestern denken Forscher_innen darüber nach, wie in Zukunft das immer stärker technisierte und digitalisierte Leben hier in unseren post-industriellen, westlichen Gesellschaften aussehen könnte. Einerseits sind Entwicklungen, die unter das Buzzword Industrie 4.0 fallen, die die Arbeits- und Produktionsbedingungen deutlich zu verändern vermag und das Internet der Dinge in die Industrie trägt, ein wichtiger Faktor. Nicht nur sind industrielle Geräte mit einem Netzwerk verbunden, um überwacht und gesteuert zu werden, sie können auch weitgehend autonom handeln. Sie erkennen das Werkstück und dessen Verarbeitungszustand ebenso oder bekommen von diesem die relevanten Informationen drahtlos kommuniziert, wie den Zustand und die Position des nächsten Geräts in der Kette und der menschlichen Akteur_innen in der Produktionshalle. Ein Laplacescher Dämon lässt sich erahnen. Auch auf Baustellen sind vielleicht bald entsprechend vernetzte, selbstständig arbeitende Gerätschaften zu beobachten. „All this talk of getting old – Ein Kommentar zu Technik und Care“ weiterlesen

Pflegepolitik und die Frage nach gesellschaftlicher Fürsorgeverantwortung

Angesichts vielfältiger gesellschaftlicher und politischer Transformationsprozesse werden die Fragen nach den Rahmenbedingungen, Möglichkeiten und Grenzen von bezahlter und unbezahlter Pflegearbeit immer wichtiger. Im Gegensatz zu dem breit diskutierten (vermeintlichen) Wandel im Leitbild der Familienpolitik wird die Debatte um die Zuständigkeit für die Versorgung pflegebedürftiger Menschen und die damit verbundenen Strukturen sozialer Ungleichheit allenfalls in Fachkreisen und unter „Betroffenen“ geführt. So baut das deutsche Pflegesystem auf häusliche Versorgungsarrangements, die in erster Linie durch familiäre oder ehrenamtliche Netzwerke, sowie prekär beschäftigte Pflegekräfte getragen werden. Unser Beitrag wirft einen Blick auf die wohlfahrtsstaatliche und politökonomische Organisation der Pflege und die daraus resultierenden Strukturen der Ungleichheit und fragt, wer eigentlich für die Versorgung pflegebedürftiger Menschen verantwortlich ist und sein sollte.  „Pflegepolitik und die Frage nach gesellschaftlicher Fürsorgeverantwortung“ weiterlesen

Entscheidungen für das Lebensende: Ein Zusammenspiel von Autonomie und Angewiesenheit. Und Geschlecht?

Stellen Sie sich vor, Sie stoßen mit Ihrem Fahrrad beim Abbiegen auf einer Kreuzung mit einem Auto zusammen, erleiden ein Schädel-Hirn-Trauma, Halswirbel sind verletzt, Sie sind am Unfallort nicht ansprechbar. Sie werden noch an Ort und Stelle von Rettungssanitätern erfolgreich stabilisiert, in ein Krankenhaus gebracht und einer stundenlangen lebensrettenden Operation unterzogen. Schließlich versetzt man Sie in einen künstlichen Tiefschlaf, um Ihren Genesungsprozess zu unterstützen. Später wachen Sie wieder auf, angeschlossen an monoton fiependen Geräten, umgeben vom charmanten Weiß städtischer Kliniken. Sie können sich nicht rühren, sind nur sehr eingeschränkt kommunikationsfähig – und das wird auch so bleiben. Diagnose: Querschnittlähmung. Ab sofort gelten Sie als intensiver Pflegefall, angewiesen und abhängig vom Verantwortungsempfinden und Fürsorgehandeln (Care) Anderer: von Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten, Nachbarn, Freunden, Familie…

„Entscheidungen für das Lebensende: Ein Zusammenspiel von Autonomie und Angewiesenheit. Und Geschlecht?“ weiterlesen