Entgrenzung – Blurring boundaries – Filter Bubble | Exit?

Die Überschrift verrät es schon: Das ist der Plot, den wir bisher verfolgt haben. Wir wollen ihn nun, nach dem Thema „Filter Bubbles“ (vorerst) abschließen. Denn in unserem letzten Beitrag auf diesem Blog wollen wir uns mit einem Thema befassen, das man pointiert auf die Formel der „Begrenzung der Entgrenzung“ bringen kann. Unsere bisherigen Posts drehten sich in der einen oder anderen Weise um verschwimmende Grenzen – in räumlicher, sozialer und zeitlicher Hinsicht, um ein Verschwimmen, das in den letzten Jahren immer wieder mit dem so genannten jüngeren Medienwandel in Verbindung gebracht wird.

Seit einigen Jahren mehren sich die Hinweise darauf, dass die ‚Fortschrittslogik‘ eines ökonomisch motivierten und technisch verfolgten Innovationsdrucks zumindest in Teilen und mit jeweils bestimmten Interessen in Kritik gerät. Zunehmend stoßen wir auf Gegenentwürfe zu „always on“ oder „big data“, die sich im Alltagshandeln von Usern, in Geschäftsmodellen und Produktstrategien und auch in öffentlichen Debatten beobachten lassen. Nun kennen wir ja aus der Geschichte bereits regelrecht eruptive Attacken auf technische Neuerungen und deren erwartete Folgen, beispielsweise den prominenten Maschinensturm im 19. Jahrhundert. Der Charakter heutiger Problematisierungen hat sich allerdings verändert. Kritiken, Gegenentwürfe und Maßnahmen vollziehen sich, sehen wir einmal von diesem Beispiel ab, eher still und werden in weiten Teilen von kommerziellen Interessen eingeholt. Neben den verschiedenen Mediatisierungstendenzen, wie sie unter Schlagworten wie „Vernetzung“, „Beschleunigung“ oder „Verdatung“ auftauchen, deuten sich entsprechend Gegentendenzen an, oder, wie wir das bislang etikettieren, Tendenzen einer „De-Mediatisierung“. Wenn, wie auch Urs Stäheli das beschreibt, die „Diagnosen der Übervernetzung lauter“ (Stäheli 2013, S. 5) werden, dann geraten damit nun Phänomene der Entnetzung, der Entschleunigung und der Entdatung in den Blick.

Dies nun ist bislang noch recht abstrakt. Deshalb wollen wir einige konkrete Beispiele nennen, um unsere Feststellung zu veranschaulichen. Dazu müssen wir zuerst einmal das Feld ordnen und können dabei u. a. unterscheiden in:

  • Alltagspraktiken, die sich z. B. auf Praktiken des Blockens oder Filterns von Informations- und Kommunikationsströmen, bis hin zum ‚digitalen drop-out‘ erstrecken.
  • Geschäftsmodelle und Produktstrategien, in deren Zentrum z. B. die so genannten „ephemeren Daten“ oder die nicht mehr zentral-serverseitige Speicherung von Daten stehen, womit Dritte die Kommunikation und Information nicht mehr archivieren sollen, sondern, womit Daten selbst-destruktiv angelegt sind. Beispiele finden sich etwa in „Snapchat“, „Telegram“ oder „Wickr“.
  • Öffentlich und politisch geführte Debatten, die sich vor allem im Zusammenhang der verhandelten Rechtsprechung finden. Beispiele sind das unlängst vom EU-Gerichtshof gegenüber Google durchgesetzte „Recht auf Vergessenwerden“.

“He just really prefers to live in the present” – so beschreibt eine Unternehmenssprecherin das Vorgehen des CEO’s von „Snapchat“, der unlängst seinen gesamten Twitter-Account gelöscht hat. Sicher ist dies für den Geschäftsführer der bekanntesten „ephemeral messaging“-App eine auch marketingstrategisch erfolgsversprechende Aktion. Aber es handelt sich eben nicht nur um einen Marketing-Gag, sondern um eine medienbezogene Praktik, die sich bei Teenagern in der einen oder anderen Form bereits etabliert hat. Im Kern geht es darum, die Kontrolle über die eigene Adressierbarkeit und, damit verbunden, über personenbezogene Daten zurückzugewinnen. danah boyd nennt das „whitewalling“, und Michael Ducker spricht von einem „super-logoff“. Noch vor wenigen Jahren wiesen Studien zur „self awareness“ und „Selbstoffenbarung“ persönlicher Daten im Internet auf das Paradox hin, dass Menschen, insbesondere Jugendliche, um ‚ihre’ Datenspuren zwar wissen, trotzdem allerdings ‚naiv’ den Routinen und den subjektiven Vorzügen des Medienhandelns folgen und eher selten auch praktische Vorkehrungen treffen. Dies ist nicht nur ein kleines Beispiel für das, was uns unter dem Schlagwort der Demediatisierung interessiert. Für uns verfestigt sich zunehmend der Eindruck, dass sich Alltagspraktiken, gewissermaßen zeitversetzt, aber im Takt des anhaltenden Medienwandels ständig verändern, sich also verfestigen, wieder lösen und wieder verfestigen. Und macht es u. E. durchaus notwendig, dass wir auch solchen vergleichsweise jungen Phänomenen durchaus gegenwartsorientiert Aufmerksamkeit schenken.


Wir möchten uns an dieser Stelle von den Lesern des DGS Blogs verabschieden und allen Diskusionsteilnehmenden danken. Wir hoffen, es ist uns gelungen, die Faszination, die uns beide für diese Themen eint, zumindest ein wenig an einige von Ihnen weiterzutragen. Vor allem aber gilt unser Dank schließlich der DGS, die uns den Freiraum gegeben haben, genau dies zu versuchen.

In diesem Sinne:

BlogEndeAus

„The Filter Bubble is your own damn fault, says Facebook”

Wer sich mit Phänomenen im und um das Internet beschäftigt wird sich die Frage wohl schon häufig gestellt haben: „Wie kam ich jetzt hierher?“. Spätestens nach einer Nacht, in der man selbst in die Spirale der Click-Through-Rate von Wikipedia-Links geät, gerne auch als App und Wettkampf unter Freunden, sieht das gerne mal so aus. Wir alle wissen und nutzen die Anziehungskraft dieser sog. ‚hypermedialen Umgebungen‘, die aufgrund einfacher Zugänge und einer scheinbar unendlichen Fülle an Daten versprechen, ein ‚Paradies‘ für Sozialwissenschaftlerinnen zu sein: ob für die Erstellung von Umfragen, für Experimente, oder für den Feldeinstieg: datengenerierende Plattformen spielen zunehmend eine Rolle. Wir möchten diesen Blogbeitrag nutzen, um auch hierbei an die Diskussion anzuschließen, die Prof. Dr. Eva Barlösius bereits in ihren Posts zu „Soziologie begegnet Informatik“ und „Das Web und die Soziologie“ andeutete.

Seitdem Facebook auch mehr oder weniger offiziell in den wissenschaftlichen Journalmarkt eingestiegen ist und angestellte Forscher (vielleicht sogar unternehmensangestellte?) Aufsätze publizieren, deren first-author-Affiliation mit: „Facebook, Menlo Park, CA 94025, USA.“ ausgewiesen werden, zeigt sich, dass datengenerierende Firmen zu Gatekeepern für die Sozialwissenschaften werden. In einer Studie, die Facebook-Affiliates kürzlich in der Science veröffentlichten, untersuchten die Autorinnen beispielsweise, ob und inwieweit sich über das soziale Netzwerk eine ideologische „Filter-Bubble“ abbilden lässt und Facebook als Plattform dergestalt über „social algorithms“ politische Motivationen unterstützt. David Lazer nahm diese Studie zum Anlass, um die Frage zu stellen, inwieweit das quasi-automatisierte Kuratieren von Inhalten auf sozialen Netzwerken und anderen Plattformen einen „ideological bias“ nach sich zieht. Seine schlanke und prägnante Zusammenfassung lautete:

 

„Therein lies the most important lesson of Bakshy et al.’s report: the need to create a new field around the social algorithm, which examines the interplay of social and computational code“.

 

Damit einher geht zumindest auch die Einsicht, dass eine solche im Entstehen befindliche Disziplin, die sich dem Zusammenspiel von Code(Schreibenden), Plattform(Betreibenden) und Nutzerinnen-Verhalten widmet, gesicherte Zugänge zu den sich ständig verändernden Datensätzen eben solcher Plattformen haben sollte. Zumindest zeigt ein jüngerer Fall, dass die oftmals nicht gewährleistete Transparenz solcher Studien bereits in der Vergangenheit zu Problemen geführt hat: beispielsweise als 689,003 Nutzerinnen nicht darüber in Kenntnis gesetzt wurden, dass sie Teil eines – mittlerweile ebenso veröffentlichten – psychologischen Experiments wurden. Wenn also – wie Chris Anderson konstatiert – eine riesige Menge an Daten in Unternehmen der Digital Economy generiert werden und diese, wie er weiter ausführt, sogar wissenschaftliche Modell und Modellbildung ablösen, dann stellt sich die Frage: befördert der Zugang zu datengenerierenden Plattformen die Privilegierung eines Typus von Forscherinnen und damit einen wissenschaftlichen Wettbewerbsvorteil?

 

Ein Phänomen, welches sich an diese Überlegungen anschließt, mitunter jedoch positiver gewendet werden kann, geht einher mit einem zunehmend Reflexiv-werden bestimmter Felder. Darunter verstehen wir, dass die ständig mitlaufende Selbst- und Fremdbeobachtungspraxis in bestimmten Feldern das Hauptengagement ergänzt, ja zum Teil sogar zum Hauptengagement avanciert. Diese Entwicklung lässt sich hauptsächlich auf die Verbreitung datengenerierender Plattformen zurückführen und sollte von Sozialwissenschaftlerinnen stärker in den Blick genommen werden. Unsere bisherigen Einblicke in diesen Prozess des Reflexiv-werdens, die insbesondere durch die gegenwärtige Mediatisierungsforschung geprägt sind, zeigen bereits, dass ein Zugriff auf Datensätze in mindestens dreierlei Hinsicht für beteiligte Personen den bereits erwähnten Wettbewerbsvorteil nach sich ziehen kann:

 

  • Sofern dieser Zugang nicht für alle Nutzenden gewährleistet ist („Ich hab‘ einen Bot, Du nicht.“)
  • Sofern die Zugänge sich in der Menge an Daten unterscheiden („Ich hab‘ die Pro-Version, Du nicht.“)
  • Sofern die Zugänge über bestimmte Interfaces auf die ein oder andere Art und Weise dargestellt werden („Ich verwende Bot-X, Du nur Bot-Y“)

 

Mit einem solchen Wettbewerbsvorteil verbindet sich, dass die Privatisierung von Datensätzen, soziologische Forschung vor die Herausforderung stellt, dass Akteure und Organisationen zunehmend selbst Methoden einsetzen, um über Plattformen und deren Interfaces bereits kontextualisierte und mitunter auch dezidiert Filter-Bubble generierende Daten herzustellen. Denken wir beispielsweise an themenfokussierte Online-Communities oder Online-Poker (und dabei etwa in Form von Match Making Rankings, MMRs). Entsprechend wichtig wird für Sozialwissenschaftlerinnen die Auseinandersetzung mit der Herstellung dieser Plattformen bzw. mit einer – wie wir das nennen würden – Medienarchitekturgenese, um entsprechend soziale Wirklichkeit auf und um diese Plattformen herum zu beschreiben.

 

Quellen:

http://www.fastcoexist.com/3046032/the-filter-bubble-is-your-own-damn-fault-says-facebook

http://www.sciencemag.org/content/348/6239/1130.short

http://www.sciencemag.org/content/early/2015/05/06/science.aab1422.full?explicitversion=true

http://archive.wired.com/science/discoveries/magazine/16-07/pb_theory

Der Nutzer als Mitentwickler – „Ja, wo laufen sie denn?“

Wir hatten in unserem vorletzten Beitrag bereits Bezug auf Infrastrukturen genommen und angedeutet, dass mit sozialen, zeitlichen und räumlichen Entgrenzungen durchaus Begrenzungen einhergehen. In unserem heutigen Beitrag wollen wir uns mit einer Debatte befassen, die an der Schnittstelle von Cultural Studies und STS angesiedelt ist (siehe bereits Mackay and Gillespie) und unter verschiedenen Labeln und Teildisziplinen mal aus einer technologisch-ökonomischen Perspektive als „Web 2.0“, mal aus einer noch stärker die Nutzenden in den Blick rückenden Perspektive als „participatory culture“ und letztlich auch aus einer Innovations-Genese Perspektive als „democratizing innovation“ diskutiert wird. Im Anschluss daran stellt sich für uns dann die Frage, welche Voraussetzungen an Beteiligung (sowohl hinsichtlich der technologischen Infrastruktur als auch in der Medienarchitektur) bzw. an gestalterischen Eigenleistungen von Userinnen und Usern damit eigentlich impliziert sind?

Die Durchsetzung digitaler Medien und des Internets als Möglichkeitsraum brachten Forschende immer wieder dezidiert in Verbindung mit verschiedenen Entgrenzungs- und Auflösungserscheinungen: Castells (1996, 2007) etwa prognostizierte, dass „users“ und „doers“ zukünftig in Personalunion auftreten würden und hatte dabei keineswegs nur im Blick, dass Nutzende fernab professioneller Autorenschaften Inhalte schaffen („user generated content“). Er dachte wesentlich an die technikgestaltenden Qualitäten von Userinnen und erinnerte beispielsweise in seiner technikgeschichtlichen Abhandlung zur Entstehung des Internets an die beiden Chicagoer Studierenden, die das erste Modem entwickelten, um über die Telefonleitung Programme austauschen zu können. Castells betont hierbei die wegbereitende Rolle von „Hackern“ (als mit diesem Begriff noch nicht die pejorative Schlagseite, sondern das Basteln bzw. „Tinkerern“ verbunden war) und der von ihm so bezeichneten „counter cultures“, in denen alternative Techniklesarten und Modelle sprossen.

Bekanntlich – und etwas zu Unrecht für das Mode-Etikett „Web 2.0“ diffamiert – rückte fast zehn Jahre später O’Reilly die Perspektive der Unternehmen in den Fokus der Betrachtung und verband damit – entgegen Castells (der sich Jahre später allerdings auch sehr viel stärker der Macht der Konzerne zuwenden sollte) – die Veralltäglichung der „Nutzerbeteiligung“. Kontrollierte Mitgestaltung an medientechnischen Innovationen und insbesondere die Verdatung des Nutzerhandelns kulminierten im neuen Zentralkonzept der „Plattform“, also zeitcharakteristische Medienarchitekturen, die Anbieter und Entwicklerinnen unter Einbezug von Nutzenden permanent inhaltlich und technisch weiterentwickeln. Etwaigen Lebenszyklus-Modellen von Software erteilte man damit eine Absage (empirisch spannend ist dabei übrigens der dies in Organisationen ermöglichende Durchbruch der sog. „agilen Softwareentwicklung“, die Programme bzw. Medienprodukte ‚häppchenweise‘ und fortwährend, also nicht auf einmalige Fertigstellung zu bearbeiteten ermöglichte. Damit erweisen sich fortan auch internetbasierte Geschäftsmodelle als zunehmend ‚unfertig‘ und veränderungsoffen; wenn man so will, dann lässt sich hierbei von einer Komplementarität von technischer und organisationaler Unabgeschlossenheit sprechen).

Die Jahre nach der Jahrtausendwende geraten gar zum Höhepunkt der Debatten um die kollaborativen, auf Nutzereinbindung und Nutzerinnenbeteiligung basierenden Konzepte. Erinnern wir uns an Eric von Hippels „democratizing innovation“ in der Innovationsforschung, oder an die – wiewohl empirisch etwas vage fundierte – Diagnose von Vargo und Lusch, die von einer Ablösung der „goods dominant logic“ durch eine „service-dominant-logic“ (2004) in den Service Science sprachen. Noch viel zu selten wird – so zumindest unser Eindruck – von Sozialwissenschaftlerinnen der Blick auf die der Technikgestaltung praktisch zugewandten Wissenschaften geworfen. Beispielhaft zu nennen sind hier Engineering Sciences und Information Systems Sciences. Dort konstatierte zumindest schon kurz nach den 2000er Thomas P. Moran, dass sich das Softwaredevelopment an den (z.B. architektonischen) Design-Kreationen von Menschen orientieren sollte. Die Losung lautete: „everyday adaptive design“. Für Moran stellt Softwaregestaltung ein Aushandlungsprozess dar, an dem Unternehmer, Developer wie auch Userinnen beteiligt sind. Dieser Ansatz sollte in der Branche richtungsweisend sein und – ähnlich der open source Idee – schließlich Softwaredesigns anstoßen, die direkt für die nachmalige Aneignung der Nutzenden offen bleiben sollte (z.B. das „design for appropriation“).

Gemeinsam ist all diesen Attesten, dass sie an verschiedenen Stellen die Umstellung der Produktentwicklung (und –pflege) von einer „push“- hin zu einer „pull“-Logik, also weg von den unternehmerischen Setzungen, hin zur Orientierung an den Deutungen und Aktivitäten der (Alltags-)Nutzenden beobachten und einfordern. Die Frage, die sich für uns mit dieser Verschiebung der Akzente allerdings stellt, ist eine, die gegenwärtig unter dem Schlagwort „digital inequality“ verhandelt wird. Keineswegs wird in dieser Diskussion mehr die Frage danach gestellt wer, unter welchen Umständen Zugang oder eben keinen Zugang zu technologischen Infrastrukturen (insbesondere dem Internet) besitzt. Betont wird eher die differenzierte Nutzung bei bestehendem Zugang zum Möglichkeitsraum Internet.

Beispielsweise ist keineswegs jede kreativ-innovative App eines Developers erfolgreich (oder eben nicht), weil das von Apple so bezeichnete meritokratische Prinzip des App Stores greift. Dieses besagt, dass die am meisten gedownloadeten und am besten bewerteten Apps in der Rangfolge ganz oben stehen. Der Erfolg hängt jedoch ebenso stark damit zusammen, ob Developer auf unterschiedlich viele und einflussreiche Kontakte und auf unterschiedliche Ressourcen zurückgreifen können, oder eben nicht. Und es ist beispielsweise keineswegs gängige unternehmerische Praxis, dass die Nutzungspraktiken aller Userinnen eines Angebotes Einfluss auf die Fortentwicklung bzw. die Anpassung von Plattformen besitzen. Dies betrifft natürlich auch die von uns bisher in jedem Beitrag eingebauten Internet-Memes sowohl hinsichtlich ihrer Herstellung als auch hinsichtlich ihrer Verbreitung: Memes lesen zu können und zu antizipieren, welches Publikum sich damit aus welchen Gründen angesprochen fühlen könnte, entscheidet darüber, ob der eigene Content auf einschlägigen Plattformen überhaupt sichtbar gemacht wird (bei Imgur etwa unter der Klassifikation „most viral“ und „popularity“) und sich somit überhaupt verbreiten kann (vgl. das Konzept der „taxonomischen Kollektive“ bei Wehner 2008).

Einfacher und etwas plakativer formuliert: Nicht jede/r User/in zählt.

 

SozBlog is blurring boundaries

Inspiriert durch den letzten Kommentar, den wir mit unserem Blogbeitrag „Ungewollte Garfinkeliaden“ erhalten haben, möchten wir an dieser Stelle zwischenzeitig einen kleinen Beitrag einschieben, der sich mit dem Spannungsfeld von Wissenschaft und Popularisierung auseinandersetzt. In unserem Beitrag ging es darum, am Beispiel unseres Umzugs zu zeigen, dass vormalige Selbstverständlichkeiten mit einem solchen Ereignis brechen und im Zuge dessen für Irritationen sorgen. Der besagte Kommentar drehte sich für uns um die spannende Frage, was eigentlich das Feuilletonschreiben vom „Soziologisieren“ (Scheffer und Schmidt 2013, S. 256) unterscheidet. Für uns stellt sich damit die Frage, wie scharf die (SozBlog-)Grenzen für die Darstellung bestimmter Inhalte gezogen werden können. Hierfür unterscheiden wir soziologische Forschung, soziologisch informierte und soziologisch gehaltvolle Inhalte.

Soziologische Forschung meint, dass Beiträge innerhalb eines nicht per se öffentlichen Kontexts der Gesellschaft (Hitzler 2012, S. 393) produziert, aufgenommen und weiterentwickelt werden. Soziologisch informiert sind Beiträge, die in öffentlichen Kontexten produziert und aufgenommen werden und auf soziologische Forschung oder Konzepte zurückgreifen. Diese finden sich traditionell im (damit zunehmend ‚soziologisierten‘) Feuilleton oder populärwissenschaftlichen Magazinen wieder, gerade weil dort in zunehmendem Maße soziologische Konzepte und Begriffe aufgegriffen werden. Unter soziologisch gehaltvollen Texten bzw. anderem gehaltvollen Material verstehen wir, dass dieses wiederum die Chance besitzt, innerhalb der Sozialwissenschaften und damit auch für Soziologinnen anregend zu sein. Diese Materialien sind im öffentlichen Kontext produziert und werden innerhalb der scientific community als eben gehaltvoll oder anregend verstanden und im günstigsten Fall durch die Forschung eingeholt.

Beiträge, wie der unsere, sind entsprechend zunächst einmal dem soziologisch Informierten zuzuordnen. Im strengen Sinne handelt es sich bei diesen nicht um soziologische Forschung, welche konkreten methodologischen und methodischen Wege diese auch immer gehen mag. Wohl aber, so meinen wir, kann an der Schnittstelle zum Öffentlichen Produziertes auch soziologisch gehaltvoll sein.

Mit Blick auf die Herausforderungen, die über den gegenwärtigen Medienwandel für User heraufziehen, halten wir fest: Durch die Einführung des SozBlog kommt es zu einem „blurring of boundaries“ (Hjarvard 2014, S. 218) zwischen soziologischer Forschung, soziologisch Informiertem und soziologisch Gehaltvollem. Anders ausgedrückt besteht vor allem für Blogs die Schwierigkeit u.E. darin, dass nicht eindeutig bestimmt werden kann, über welche Inhalte, welche Autorinnen welches Publikum adressieren.

Vielleicht besteht die Stärke eines Blogs wie diesem genau darin, dass er offen für alle drei der von uns vorgeschlagenen Formen ist – mit allen Chancen und Risiken die damit für Autorinnen und Publikum verbunden sind.

In jedem Fall:

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Hitzler, Ronald (2012): Wie viel Popularisierung verträgt die Soziologie? In: Soziologie 41 (4), S. 393-397.

Hjarvard, Stig (2014): Mediatization and cultural and social change: an institutional perspective. In: Lundby, Knut (Hrsg.): Mediatization of Communication. Berlin/Boston: de Gruyter, S. 199-226.

Scheffer, Thomas/Schmidt, Robert (2013): Public Sociology. Eine praxeologische Reformulierung. In: Soziologie 42 (3), S. 255-270.

Ungewollte Garfinkeliaden

Ein Umzug bringt Vieles mit sich, vor allem aber drängt sich mit ihm eindrucksvoll auf, was eigentlich alles passiert, wenn stillschweigende Vorannahmen und Gewohnheiten plötzlich nicht mehr greifen, wenn eben der „cake of custom“ – wie Robert E. Park das nannte –  bricht. Nun weiß man bzw. hat so seine vagen Vorahnungen, dass sich ein solcher Wechsel, gerade in ein anderes Land, nicht ohne den einen oder anderen Stolperstein gestalten lässt. Aus dieser verzwickten Situation einer bruchstückhaften Antizipation weist die Vorkehrung: Vermutlich kein Umzügler bricht völlig unvorbereitet, und ohne sich durch allerlei Vorbereitungen zu wappnen, auf zu neuen Orten. Uns – im terminus technicus übrigens: „Auslanddeutsche“ – zum Beispiel beschäftigt anhaltend unser so lieb gewonnenes ‚Bündel‘ medientechnischer Gerätschaften, die uns in unserem Alltag über Jahre hinweg so selbstverständlich geworden sind.

Deswegen verwundert es wohl kaum, dass wir in weiser Voraussicht schon vor unseren beiden Umzügen dafür gesorgt hatten, dass immerhin eines in unseren leeren Zimmern und Wohnungen gesichert sein wird: der funktionierende Internetanschluss! Frei nach Maslow 2.0 lautete die Devise also:

„was interessiert es denn ob ich einen Kühlschrank habe, Hauptsache das Internet funktioniert.“

Auswandern bringt nun – bekanntermaßen – eine ganze Reihe an Neuerungen mit sich und präsentiert sich geradezu als Multioptionskarrussel, das, hat man es erst einmal selbst in Gang gesetzt, seine ganz eigene Geschwindigkeit entwickelt, mit der man entweder mithält oder, wenn nicht, auf Probleme stößt. Es ist schon beeindruckend, wie viele Gelegenheiten sich da auftun, um Möglichkeitsräume inklusive deren riskanter Freiheitsgrade aufzutun, zu umschiffen – oder an ihnen zu verzweifeln. Und dies zeigt sich eben nicht nur, aber ganz maßgeblich, an den technologischen Grundlagen ganz alltäglicher Verrichtungen. Und erst in Phasen der Veränderung – wie einem Umzug ins Ausland – bemerken wir die komplexen und auch komplizierten Akteure und Abläufe, die im Hintergrund deren Funktionieren dirigieren und koordinieren, erfahren wir sozusagen am eigenen Leibe, was es bedeutet, „Infrastrukturen als gesellschaftliche Weichensteller“ zu verstehen.

Jedenfalls fanden zumindest wir uns unfreiwillig hineingeworfen in eine ganze Kaskade an Garfinkeliaden, die mit solchen doch einigermaßen störanfälligen, sagen wir mal, nicht immer wirklich grenzübergreifenden Infrastrukturen zu tun hatten. Nehmen wir ein Beispiel: Beim Online Banking gehört man vermutlich keineswegs mehr zur Avantgarde, wenn man nicht mehr auf die gute alte papierne Tan-Liste setzt, sondern sein Smartphone nutzt, um TAN-Nummern für Überweisungen per SMS zu erhalten. Etwas misslich wird nun die ehemals so komfortable Lage, wenn man sich dazu entscheidet, den Handyvertrag aus dem Herkunftsland (bei uns also Deutschland) gegen einen aus der neuen Heimat (also Österreich) zu tauschen. Dies ist im Übrigen keineswegs leicht getan, denn ein österreichischer Handyvertrag erfordert es, dass man bereits drei Monate im Land und damit im Besitz einer Daueraufenthaltsbestätigung ist. Jedenfalls stellt man dann, wenn man also eine österreichische Handnummer hat, schnell fest, dass TANs per SMS nicht an Mobilfunknummern aus dem Ausland versendet werden. Sicherlich hat das gute Gründe der Sicherheit. Da mittlerweile, zumindest im Falle der betreffenden Bank, auch TAN-Listen nicht mehr, oder zumindest nicht ins Ausland verschickt werden, bleibt lediglich eine Option: Sich gegen eine entsprechenden Gebühr ein Gerät mit neuen Eigenheiten ins Haus zu holen; einen so genannten Chip-Tan-Generator, bei dem keinerlei Daten durch irgendwelche Mobilfunk- oder Inter-Netze geschickt werden. Back to the roots … oder anders ausgedrückt:

Panda

#NoPressure

Pünktlich zum Wochenbeginn ist es nun soweit – unser erster Eintrag quasi als heads-up steht in den Startlöchern. Kaum ausgewandert, werden wir, namentlich Tilo Grenz und Heiko Kirschner, versuchen, ihnen und euch Einblicke in das schöne Wien und unseren universitären Alltag zu gewähren. Der rote Faden, der uns vorschwebt und zum Teil durch das Programm führen soll, zieht sich entlang unserer bisherigen Erfahrungen im Umgang mit Organisationen („Passierschein A38 anyone?„) sowie Beobachtungen in der Stadt und dem universitären Umfeld.

Wir freuen uns schon sehr, ihnen und euch in den nächsten zwei Monaten ein hoffentlich anregendes Programm bieten zu können (#NoPressure) und hoffen, sie alle mit unseren Texten in unseren Bann ziehen zu können.

Obligatory Hypno Cat:

HypnoCat

 

Fuzzy denken!

In meinem ersten Beitrag wurde gefordert, dass die Gesellschaft mehr Soziologie wagen sollte. Der zweite Beitrag richtete sich an die Soziologie, mehr und gezielter Komplexität aufzunehmen.

Jetzt möchte ich Gesellschaft und Soziologie adressieren und beide auffordern, fuzzy-logisch zu denken. Damit ist gemeint, die Welt nicht nur in sich ausschließenden Gegensatzpaaren zu beobachten, sondern die Möglichkeit zu berücksichtigen, dass etwas sachlich und sozial zugleich seinem Gegenteil entsprechen kann. Buddha statt Aristoteles – oder wie es Ulrich Beck genannt hat: inklusives statt exklusives Unterscheiden.

Warum sollte man dies tun? Becks Antwort wäre, der ich mich anschließe: weil die Welt mittels Dichotomien oftmals nicht mehr angemessen erfasst wird. Wer etwa den transnationalen Terrorismus vom Typ Al-Qaida mit einfachen Unterscheidungen á la Freund vs. Feind oder „McWorld vs Jihad“ (B. Barber) zu erfassen versucht, der denkt an dem Phänomen vorbei. Und wird folglich Schwierigkeiten bekommen, Lösungen für derartige Probleme zu finden.

Wichtig ist mir, sowohl der Gesellschaft als auch der Soziologie einen solchen fuzzy-logischen Blick beizubringen. Die Gesellschaft würde auf diese Weise bestimmte Grausamkeiten vermeiden können, welche entstehen, wenn sie sich für die Reinheit ihrer dichotomen Unterscheidungen meint einsetzen zu müssen. An einem konkreten Beispiel: Wenn man Männer dichotom von Frauen unterscheidet, dann muss der auf Reinhaltung dieser bipolaren Unterscheidung bedachte Mensch jegliche „Zwischenstufen“ eliminieren. Noch konkreter: Intersexuelle Kinder werden dann einer chirurgischen Anpassung unterzogen mit jenen schlimmen Folgen, auf die der Ethikrat der Bundesrepublik 2012 aufmerksam gemacht hat. Ein fuzzy-logischer Blick könnte die nahezu unendlichen graduellen Zugehörigkeiten zu den beiden Seiten der Unterscheidung bis zu dem Punkt wahrnehmen und akzeptieren, an dem „Mann“ zugleich „Frau“ ist – ohne Zwang der Reinigung dieser Unterscheidung.

Die Soziologie (besonders die Soziologische Theorie) tut sich schwer mit der Anerkennung einer solchen Anschauung (die übrigens dem „methodologischen Kosmopolitismus“ von Beck entspricht). Sie hat sich – von Rational-Choice bis zur luhmannschen Systemtheorie – in vielen Variationen einem soziologischen Manichäismus verschrieben. Ein Glaubensbekenntnis, das oftmals dazu führt, dass die Kollegen und Kolleginnen überhaupt nicht verstehen, wovon die Rede ist, weil blinde Flecken so schwierig aufzudecken sind – und man an dem eigenen Glauben nur ungern kratzen lässt.

Meine Welt jedenfalls ist fuzzy und nur manchmal, in Ausnahmesituationen, erachte ich die Anwendung von Zweiwertigkeiten für sinnvoll. Fahre ich auf ein Hindernis mit hoher Geschwindigkeit zu, dann weiche ich links oder rechts aus und mache mir über Zwischenstufen besser keine Gedanken. Glücklicherweise sind solche Situationen selten.

Die Fuzzy-Logik kann dies ebenfalls abbilden, die 0 und 1 genauso wie die Zahlen dazwischen. Das Sowohl-als-Auch umfasst eben sowohl das zweiwertige Entweder-Oder als auch das fuzzige Sowohl-als-Auch. Fuzzy-logisches Denken ist selbstreferentiell – nach Luhmann ein Ausweis guter Theorie.

http://www.ethikrat.org/intersexualitaet

Zu komplex!

Ich hatte in meinem ersten Beitrag „mehr Soziologie“ gefordert, ein Kommentar auf Twitter dazu lautete: „Mehr Soziologie wagen!“ – so schön hätte ich es auch gerne ausgedrückt. An dem Fall Edathy hatte ich zu zeigen versucht, dass die Soziologie zur gesellschaftlichen Abklärung beitragen kann. Und sie sollte es auch tun!

Aus den Kommentaren habe ich die Hinweise entnommen, dass die Soziologie sich erstens auch um ihr wissenschaftstheoretisches Fundament bemühen sollte. Mein Eindruck ist, dass das geschieht und dass dies aber nichts ist, was als PR-Maßnahme besonders geeignet ist. Kurz: Das sind öffentlich schwierig vermittelbare wissenschaftliche Diskurse, die man auch besser zunächst in der Wissenschaft belässt.

Ein zweiter Hinweis ist, dass die Soziologie sich sachkundig machen muss, wenn sie über etwas spricht. Sofern sie dabei mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten kann, müssen sich die beteiligten Soziologen selbstverständlich nicht, um bei dem von den Kommentatoren diskutierten Beispiel zu bleiben, ebenfalls zu einem Technikexperten machen. Hier darf man durchaus auf Arbeitsteilung setzen, die Vorteile der Arbeitsteilung sind schließlich die Kehrseite der Polyoptik.

Ich möchte nun behaupten, dass die Soziologie allerdings manchmal zu wenig über diesen Tellerrand schaut und sich interdisziplinär aufklären lässt. „Manchmal“ bedeutet: Die Soziologie nutzt die Erkenntnisse anderer Disziplinen durchaus produktiv. So hat die Soziologische Theorie immer schon andere Disziplinen zur Theorieentwicklung herangezogen, sei es das Modell des Homo Oeconomicus, sei es die Kybernetik, die Zellbiologie usw. Diese Transfers werden innerhalb der Soziologie wiederum kritisch begutachtet – gut so.

Manchmal werden allerdings Begriffe unterspezifiziert verwendet und sorglos übernommen. Auch dies könnte ein Grund sein, weshalb die Soziologie aktuell in der Öffentlichkeit auf erstaunlich wenig wohlwollende Resonanz trifft, denn ein Begriff wie „Komplexität“ erklärt für sich zunächst einmal sehr wenig. Um diesen Begriff soll es hier exemplarisch gehen.

In der Soziologie ist es durchaus üblich, Komplexität als Startpunkt der Erforschung gesellschaftlicher Phänomene zu markieren. Komplexität ist z.B. die Problemausgangslage, die nicht nur Luhmann zur Entwicklung seiner Systemtheorie, sondern das gesamte systemische Denken motivierte. Der soziologische Anschluss an Elemente der Komplexitätsforschung wundert auch gar nicht, da die Komplexitätsforschung dem eigenen Anspruch nach auf die Erklärung der Entstehung, Stabilisierung und Wandel komplexer Ordnungen ausgerichtet ist – und nichts anderes möchte die Soziologie ebenfalls erklären, mit dem Zusatz, dass es um soziale Ordnungen geht.

Wenn man nun aber von Komplexität spricht, dann muss man auch ausführen, worum es geht. Dirk Helbing etwa unterscheidet strukturelle, dynamische, funktionale und algorithmische Komplexität. Ich picke mal die dynamische Komplexität raus, bei der sich ein System durch nicht-periodische Wandlungen, deterministisches Chaos und pfadabhängiges Verhalten auszeichnet und die Elemente des Systems sich gerne auch mal wechselseitig aneinander anpassend fortentwickeln. Und dann kann es im Ergebnis zu der allseits bekannten „Sensibilität gegenüber den Anfangsbedingungen“ und dem „Schmetterlingseffekt“ kommen: kleines Ereignis, große Wirkung.

Es genügt also nicht, einfach auf eine mögliche Komplexität im Sinne eines „Das ist komplex“ hinzuweisen, sondern man muss im Einzelfall zumindest versuchen zu zeigen, dass jene Strukturen und Elemente auch vorliegen, die komplexes Systemverhalten überhaupt erlauben. Ich vermute, dass die Soziologie zwar kaum eine Chance hat, sich an formalen Nachweisen bestimmter Strukturen zu beteiligen, aber dennoch hilfreich ist in der Beschreibung der empirisch jeweils vorliegenden Struktur. Zu dem ersten Blog-Beitrag wurde in den Kommentaren ja mit Hinblick auf neue technologische Möglichkeiten z.B. angedeutet, dass für „Atomkraftwerke“ eben nicht zwingend gelten müsste, was Charles Perrow einst als Fazit formulierte: „Selbst das Auswechseln von Glühbirnen bringt bei diesen hoch entwickelten, komplexen Systemen [gemeint sind Kernkraftwerke, T.K.] Gefahren mit sich.“ Ganz im Sinne der genannten Arbeitsteilung unterstellt, dass es richtig ist und viel bessere Techniken vorliegen, könnte die Soziologie an dieser Stelle ergänzend darauf hinweisen, dass die Entwicklung wie die Anwendung von Technik immer sozial eingebettet ist und solche Dinge wie politische Entscheidungsfindung, Legitimität, Gedächtnis, Antizipation, Erwartungen, Kommunikation, individuelle Intentionen, Kultur, Interpretationen, Strategien, Emotionen etc. mitwirken – eventuell zu einem Grade, mit dem auch die sicherste Technik ausgehebelt wird. Es könnten diese Elemente sein, die in ihrer Wechselwirkung ein System „komplex“ werden lassen, so dass z.B. eine kleine politische Entscheidung letztlich dann doch zu einem Unfall führt.

In einem: Wenn die Soziologie von „Komplexität“ spricht, muss sie genauer werden und sagen, welche Komplexität sie meint. Wenn sie das Vorliegen von Komplexität behauptet, muss sie sich daran beteiligen zu zeigen, dass dies der Fall ist. Ansonsten verwendet sie nur inflationär ein Schlagwort, um Zustände zu beschreiben, die gefühlt sowieso alle kennen. Soziologen konkurrieren dann in der Beschreibung der komplexen Gegenwart mit Journalisten oder Schriftstellern – und da sehen sie vermutlich oft genug im Vergleich eher schlecht aus.

Ein letztes Wort in eigener Sache: Ich bin bereit, alles zu diskutieren und auf alles zu reagieren. Es ist ja eine wunderbare Chance für mich, produktiv irritiert zu werden. Zudem gehe ich hier bewusst das Risiko ein, ungeschützt und dennoch ein bisschen provokativ zu versuchen, Diskussionen in Gang zu setzen. Allerdings wird kein Kommentar mehr von mir seit heute zugelassen, der nicht in der Lage ist, den etwa bei soziologischen Fachtagungen oder auch sonst üblichen Umgangston zu respektieren und anzunehmen. Bewertungen von Personen etwa sollen hier keine Rolle spielen. Der Grund für diese Maßnahmen ist weniger, dass ich mich persönlich besonders betroffen fühlen würde, als dass diese Art des Kommentierens verhindert, dass sich noch weitere Personen beteiligen.

Zu wenig Soziologie?

Eigentlich wollte ich hier etwas ganz anderes schreiben. Es sollte erst das Thema „Komplexität“, dann „Terror“ und dann (selbstverständlich) „Fuzzy-Logik“ behandelt werden. Dann aber habe ich mich zweimal geärgert: Das erste Mal nach einer Veranstaltung im Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen nach einem Vortrag von Herfried Münkler. Schöner Vortrag! Danach gesellte sich an den Schnittchenstehtisch ein mir bis heute unbekannter Mensch zu uns und fragte zunächst, ob mein von mir sehr geschätzter Gesprächspartner (Prof. Dr. El-Mafaalani) und ich auch Promovenden am KWI seien. Darüber müsste man sich nicht gleich ärgern, sondern könnte das unserem jugendlichen Antlitz zuschreiben und als Kompliment verstehen. Ich fürchte nur, so war es nicht gemeint. Denn wir hatten uns zuvor bereits als Soziologen „geoutet“ – und wenn die dann auch noch lange Haare haben…. Da haben wohl alle Vorurteile direkt getriggert. So ging es direkt dann auch (sinngemäß) weiter mit der Frage, wieso die Soziologie denn der Gesellschaft nichts mehr zu sagen habe und eigentlich sei deren Wissenschaftlichkeit ja in Frage zu stellen, wenn dieser gesellschaftliche Output nicht vorhanden sei. Nun ja, Rückzug, das Gespräch mit Aladin El-Mafaalani über die eigenen Forschungen zu Terrorismus und die Salafistenszene wurde vor der Tür fortgesetzt.

Tage danach hat mich die aktuelle Erkältungswelle erwischt und ich habe fiebrig im Bett liegend Gelegenheit gehabt, mich mehr im Internet auf Facebook, Twitter und diversen Blogs umzugucken. Die Behauptung, die Soziologie sei keine Wissenschaft und sie verdiene es, abgeschafft zu werden, scheint dort Konjunktur zu haben. Da kann man sich direkt wieder ärgern. Bekanntermaßen sind da exemplarisch die Gender Studies brutal in den Mittelpunkt gerückt (auf diese Diskussion möchte und werde ich hier nicht eingehen), aber die Soziologie in Gänze angegriffen worden.

Zweimal ärgern und nun blogge ich hier aus der Perspektive der Soziologischen Theorien, wohl wissend (gerade weil ich weiß), welch seriöse und gute Arbeit mit gesellschaftsrelevanter Reichweite die Kolleginnen und Kollegen in anderen Bereichen dieser Disziplin machen! Vielleicht nicht jede(r) einzelne, aber alle! Hier nun die Frage: Haben die Soziologischen Theorien der Gesellschaft nichts mehr zu sagen?

Oh doch, haben sie! Man beachte nur – das nächste Ärgernis – den „Fall Edathy“ und das, was es dazu an Argumenten und Einlassungen im Internet gibt (von empörten Vergleichen der 5000€, die Edathy zur Einstellung des Verfahrens zu zahlen hat mit zu den 540.000€, die der Fußballer Marco Reus für eine Strafe wegen Fahrens ohne Führerschein zahlen musste; über direkte „Schwanz ab“-Forderungen bis zu Anstiftungen zum Mord). Von der oft gepriesenen „Weisheit der Massen“ ist hier sehr wenig zu spüren, eher dieselbe Brutalität, von der oben schon die Rede war. Es scheint sich Nietzsches Vermutung aus „Menschliches, Allzumenschliches“ zu bestätigen: „Einer Erkenntnis zum Siege verhelfen heißt oft nur: sie so mit der Dummheit verschwistern, daß das Schwergewicht der letzteren auch den Sieg für die erstere erzwingt.“

Es mag sein, dass Diskussionen um das Frame-Selection-Model, die richtige Auslegung von Emergenz oder zur Frage nach der angemessenen epistemologischen Verknüpfung von handlungsfähigen Akteuren und Materialität möglicherweise (!) hier keine direkte Rolle spielen.

Aber Wissen um und über die funktionale Differenzierung der Gesellschaft beispielsweise, an der RWTH Teil der Theorien-Vorlesung im 2. Semester, sollte helfen zu verstehen, dass die Unterscheidung von Recht/Unrecht nicht dieselbe ist wie die von Achtung/Missachtung. Recht ist nicht die Moral der Gesellschaft und umgekehrt – und das ist auch gut so. Derartige Komplexität zu verstehen, dass es heutzutage immer verschiedene Blicke auf ein Ereignis gibt, welche ganz unterschiedliche Welten öffnen, diese Polyoptik lehrt u.a. die Soziologische Theorie. Und auch, welche Probleme es mit sich bringen kann, wenn die eine Welt ungeordnet in eine andere übergreift.

 

Mehr Soziologie für die Massen – vielleicht wird sie dann etwas weiser!

Infrastrukturen als gesellschaftliche Weichensteller

Heute melde ich mich zum letzten Mal. Ich möchte in meinem letzten Beitrag nochmals das Thema der Infrastrukturen aufnehmen und ein bisschen erweitern. Infrastrukturen werden bislang kaum soziologisch beforscht, obwohl sie gesellschaftlich und politisch gegenwärtig viel  Aufmerksamkeit erfahren. Blättert man politische Verlautbarungen, Medienbeiträge, Forschungsausschreibungen, Feuilletonbeiträge etc. durch, gewinnt man schnell den Eindruck: So viel Infrastruktur gab es nie. Offenbar Beliebiges wird zur Infrastruktur erklärt. Nicht nur klassische Einrichtungen wie Eisenbahn, Brücken, Wasserleitungen und die Nahversorgung mit Lebensmittelgeschäften rubrizieren darunter, auch Friseure, Tankstellen, Dorfgasthäuser, Zeitungshändler oder „Schlecker“-Filialen werden immer häufiger als „daseinsvorsorgende Infrastruktur“ (Kersten et al. 2012) qualifiziert. „Mentale“ und „intellektuelle Infrastrukturen“ sind neuere Wortschöpfungen des Feuilletons, worunter dort „betonierte Bahnen“ des Denkens verstanden werden, die nicht nur in der Gegenwart wirken, sondern auch die Denkbarkeit von Zukunft beschränken würden. Weiterlesen

Soziologie und wissenschaftliche Infrastrukturen

Nun brechen schon die letzten Wochen der zwei Monate an, die ich für den SozBlog schreibe. Vermutlich werde sich einige Leser_innen gewundert haben, dass ich die Soziologie und das Web ins Zentrum meiner Ausführungen gerückt habe. Heute möchte ich offenlegen, was mich an dieser Thematik interessiert. Zentral für die Soziologie sind Fragen, ob sich mit dem Web neue Formen der Sozialität entwickeln, wie sie sich mit etablierten sozialen Formen verbinden und wie dies alles theoretisch verstanden und methodisch erfasst werden kann. Mich persönlich interessiert etwas anderes: Um das Web soziologisch zu erschließen, sind einerseits neue Forschungsinstrumente erforderlich, andererseits eröffnet das Web selbst neue Forschungszugänge: Weiterlesen

Sozialität im Web (2)

Heute möchte ich nochmals auf die Fragen zurückkommen, die ich zu Beginn unter der Überschrift „Nos réseaux de sociabilité“ versucht habe zu behandeln. Sie lauteten: Ob sich eine neue Art der Sozialität mit dem Web konstituiert? Ob man das Web versteht, wenn man es mit früheren Formen der Sozialität vergleicht? Mein Zurückkommen hat verschiedene Gründe. Einer liegt darin begründet, dass, wie einige Kommentare zu Recht kritisiert haben, ich die Fragen nicht zufriedenstellend beantwortet habe. Dies werde ich auch dies Mal nicht leisten. Ein weiterer Grund ist, dass ich – nicht zuletzt durch Leser_innen des Blogs – auf einige Studien zum Themenkomplex „Soziologe und Web“ aufmerksam gemacht wurde. Herzlichen Dank für die Lektüre und die Lesehinweise. Drei Untersuchungen möchte ich Ihnen heute kurz vorstellen. Dabei interessiere ich mich dafür, wie sich die Studien dem Web soziologisch nähern, beispielsweise als empirische Quelle, als Erhebungsort, als Ort mit eigener Sozialität etc. Weiterlesen

Und die soziologische Lehre?

Der Kommentar von „Ein Soziologe“ regte das vorletzte Mal an, zu überlegen, welche Herausforderungen sich für die soziologische Lehre aus der Analyse des Webs und den Digital Humanities ergeben. Ob Studiengänge zu “computational sociology” – wie beispielsweise in den USA – zu entwickeln sind. Auch ich finde diese Frage wichtig, weil sie das disziplinäre Selbstverständnis der Soziologie berührt. Dies möchte ich heute an drei Aspekten, darunter die Lehre, verdeutlichen. Weiterlesen

Digital Humanties ohne Soziologie?

Bevor ich auf diese Frage eingehe, möchte ich versuchen, die Frage von Gina Atzeni zu beantworten. In ihrem Kommentar fragt sie, was es konkret heißt, dass das Interesse der Web Science darauf konzentriert ist, „Muster in großen Datenmengen zu visualisieren“. Zunächst basiert dieses Interesse auf der Annahme, dass sich durch die Auswertung großer Datenmengen Muster entdecken lassen, die bislang nicht sichtbar waren oder sich bei weniger großen Daten nicht „entdecken“ lassen. Für ein Beispiel, was mit solchen Visualisierungen „entdeckt“ werden kann, schauen Sie sich am besten ein Demo des L3S-Forschungszentrums an. Dort können Sie neben einer Visualisierung auch noch weitere Anwendungen studieren. Für spannende Forschungsfrage in diese Richtung finden Sie bei den Kolleg_innen vom L3S immer ein offenes Ohr. Sie forschen gerne zusammen mit Soziolog_innen und suchen nach Möglichkeiten, ihre Methoden mit interessanten soziologischen Forschungen zu verknüpfen. Weiterlesen

Streetart im Web

Das letzte Mal habe ich angekündigt, dass ich von dem Projekt berichten möchte, dass Axel Philipps gemeinsam mit dem L3S – dem Web Science Institut – an unserer Uni durchgeführt hat. In meinen vorangegangenen Ausführungen habe ich unsere Begegnung mit den Kolleg_innen vom L3S und unsere Überlegungen zur Bildersuche geschildert, um beispielhaft darzustellen, welche theoretischen und methodischen Probleme auftreten können. Keineswegs möchte ich mit meinen Berichten beanspruchen, Antworten und Lösungen parat zu haben, ganz im Gegenteil will ich eher unbewältigte Herausforderungen benennen. Allerdings vermute ich, dass auch andere Soziolog_innen, die das Web als Forschungsgegenstand erschließen wollen, mit diesen und ähnlichen Problemen konfrontiert sind. Weiterlesen

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