An der Straßenecke in Sarajevo

Da stehe ich also, an der Straßenecke in Sarajevo, in einer Konferenzpause, und starre auf die Tafel, die daran erinnert, dass hier Gavrilo Princip das Thronfolger-Ehepaar ermordet hat. Es hat – ungewöhnlich für Mitte Mai – in den letzten Tagen geschneit, es ist unangenehm nass und kalt. Es war ein Zufall, damals: Das Bombenattentat war schiefgegangen, Princip war schon auf dem Heimweg, da kehrte das hohe Paar (aus Sicherheitsgründen) auf einem ungeplanten Weg zurück, der Fahrer bog falsch ab und blieb mit dem Gefährt unmittelbar vor dem Attentäter stehen, um den Rückwärtsgang einzulegen. Eine Einladung, die dieser nicht ablehnen konnte. Und ich starre auf die Tafel und versuche mir vorzustellen, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts verlaufen wäre, wenn der Chauffeur sich nicht im Weg geirrt hätte. Ohne den Dreißigjährigen Krieg 1914 bis 1945?

Natürlich versichern die Historiker: Vermutlich hätte sich nicht viel geändert. Schließlich waren damals alle Staaten dazu bereit, ja gierig darnach, aufeinander loszugehen, und wenn es diesen Anlass nicht gegeben hätte, dann wäre es eben ein anderer Anlass gewesen. Aber der „ungeschehenen Geschichte“ können wir nicht sicher sein, und manchmal mangelt es an Fantasie für die Alternativen. Es ist als Prinzip des retrospektiven Determinismus bezeichnet worden: Hinterdrein kann man immer ganz genau erklären, warum es so kommen musste. Das ist ja auch die Aufgabe der Historiker und der Sozialwissenschaftler. Doch es ist zugleich in gewissem Maße Geschichtsfälschung: Denn man verfolgt nur jene Linien, die zu dem mittlerweile bekannten Explanandum geführt haben, und übersieht oft die Verzweigungen, die Stellen, an denen andere Entscheidungen möglich gewesen wären, die Zufälle. Letztere werden ohnehin von SozialwissenschaftlerInnen gezielt weganalysiert.

Wirtschaftskrise  2008ff.: Wir schütteln den Kopf über jene geistige Verwirrung, die sich in der Vorgeschichte der großen Krise in epidemischem Maße verbreitet haben muss – wie konnten alle übersehen, was doch mit Händen zu greifen war? Dass ein solcher (künstlicher) Boom kippen muss? Dass das ganze System, Stück für Stück, Schritt für Schritt, in eine unhaltbare Krisenkonstellation hineingeschlittert ist?

Verschuldungskrise 2012: Griechenland wackelt. Die Zeitungskommentare machen vor allem eines deutlich: Man weiß nicht, was geschehen wird – ob Griechenland nach dem Sommer noch in der Euro-Zone sein wird; ob der Euro bis zum Jahresende auf eine Kernzone geschrumpft sein wird; ob die Hyper-Inflation oder der große Zusammenbruch am Ende doch noch kommt? Gute Gründe, Argumente, Analysen, Hinweise in dieser und jener Richtung – aber es ändert nichts an der Tatsache, dass wir keine Ahnung haben, was auch nur die nächsten Wochen bringen.

Dennoch ist nicht unwahrscheinlich, dass wir in wenigen Jahren, vielleicht schon 2014, genau hundert Jahre nach Princip, Analysen auf dem Tisch haben, die ganz genau dartun, warum es so hat kommen müssen, wie es gekommen ist, und die wiederum Fassungslosigkeit über die Verblendungen und Nichtwahrnehmungen in dieser kritischen Zeit auslösen. Wir werden dann vergessen haben, wie ratlos wir, trotz aller zusammengetragenen Informationen, in der aktuellen Situation gewesen sind.

Wir werden allerdings feststellen, dass es einige doch „gewusst“ haben, wie es kommen wird; denn es gibt ein zweites Prinzip – ich nenne es das Prinzip der kontingenten Treffsicherheit. Im Kanon der Meinungen und Voraussagen gibt es jede denkbare Position, und am Ende wird irgendjemand Recht behalten. Wir werden seine superiore  Einsicht bewundern und ihn für den besten Krisentheoretiker halten; denn gibt es einen besseren Beweis für die Gültigkeit einer Theorie oder die Vorzüglichkeit einer Situationsbeurteilung als das tatsächliche Eintreten einer Prognose? Es gibt allerdings auch einen hübschen Vergleich: Der wissenschaftliche Fortschritt bestehe zu einem nicht unbeträchtlichen Teil daraus, dass eine Menge von Leuten mit dem Schrotgewehr in die Finsternis ballern – und irgendwann werde tatsächlich etwas getroffen. Dass man aus diesem Erfolg auf die Qualität des jeweiligen Gewehrs, des Schützen, seines Werdegangs oder Milieus schließe, sei eine nette wissenschaftsgeschichtliche Übung, die allerdings das Wesen der Situation verkenne. Eine solche Theorie ist natürlich ziemlich destruktiv (und nicht gut für das Selbstbewusstsein der WissenschaftlerInnen); aber bei Voraussagen über Wirtschaftszusammenbrüche wird sie zuweilen (in etwas harmloserer Weise) angedeutet: Wenn man immer die Krise voraussage, liege man irgendwann richtig.

Auch in einigen Jahren, wenn wir wissen, wie es in Europa gelaufen ist, werden wir zurückgreifen können auf jene, die den Zusammenbruch vorausgesagt haben, oder auf jene, die eine grundlegende EU-Reform kommen sahen, oder auf jene, die am Postulat guter Krisenbewältigungschancen festgehalten haben – und irgendeiner von ihnen wird Recht haben.

Das Ergebnis der nächsten zwei Jahre, bis zur Hundertjahrfeier, mag von Zufällen abhängig sein: vom wenig entwickelten Verantwortungsbewusstsein bestimmter Parteiführer in Griechenland, von der Qualität persönlicher Beziehungen zwischen den relevanten Akteuren in Deutschland und Frankreich, vom Wagemut politischer Führer und von kleinkariertem Wahlkalkül, von der Kreativität, dem Weltbild und der Durchsetzungsfähigkeit politischer Berater und von der Korruptheit von Entscheidern… Wir werden dennoch 2014 sowohl dem Prinzip des retrospektiven Determinismus als auch dem Prinzip der kontingenten Treffsicherheit nicht entkommen.

Da stehe ich also an der Straßenecke in Sarajevo, und es ist eindeutig zu kalt, um die unbeantwortbare Frage nach dem Schicksal Europas im 20. oder im 21. Jahrhundert weiter zu verfolgen. Zudem lockt eine näherliegende Vision: die eines bosnischen Kaffees.

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