Was ist eigentlich Geld? Die Rolle des Finanzmarktes auf anderen Märkten

Die Finanzkrisen der letzten Jahre waren fast immer und hauptsächlich Eines: Bankenkrisen. Und es wurde politisch argumentiert, die in die Krise geratenen Banken seien systemkritisch. In gewisser Hinsicht stimmt das auch: Damit Konsumgütermärkte funktionieren, sind sie auf die Leistungen von anderen Märkten angewiesen, mit denen sie verwoben sind. Besonders wichtig sind hierbei der Arbeitsmarkt, die Medien – und der Finanzmarkt, über den Konsumgütermärkte mit Geld versorgt werden. Geld fungiert damit als Zwischenware für die auf Märkten getauschten Güter und ist einer der wichtigsten Treiber der Globalisierung. Über den Preis – gemessen in Geldeinheiten – werden Güter zueinander ins Verhältnis gesetzt. Was aber genau ist Geld, wie funktioniert die Wechselwirkung von Geldkreislauf und Güterkreislauf?

Da man kapitalistische Märkte nicht verstehen kann, ohne das Phänomen „Geld“ zu beleuchten (Deutschmann 1999, 2002, Kellermann 2008), sind die Finanz- und Geldsoziologie heute wichtige Unterzweige der Wirtschaftssoziologie. So greift etwa Dodd (1994) das Rationalitätstheorem an, das den meisten Geldtheorien zugrunde liegt. In den vergangenen Jahren haben sich sehr viele soziologische Arbeiten mit den Dynamiken von Finanzmärkten befasst, etwa dem Spekulationen und Interaktionspraktiken an der Börse, Finanzpraktiken außerhalb des geregelten Bankensystems, der Auswirkung des Exklusionsmechanismen mittels des Finanzwesens, Sparverhalten (siehe z.B. Knorr Cetina/Bruegge 2002, Deutschmann 2002, Windolf 2005, Fromm/Aretz 2006, Godechot 2007, Lütz 2008, Kalthoff/Vormbusch 2012).

Einer der wichtigsten soziologischen Preistheoretiker ist aber bis heute Georg Simmel. Für mein persönliches Verständnis von Konsumgütermärkten finde ich seine Analyse in der „Philosophie des Geldes“ (1901) die bis heue weitreichendste und fundierteste. Es ist fast erschreckend, mit welcher Klarheit Simmel vor mehr als 100 Jahren Entwicklungen vorhergesehen und herausgearbeitet hat, die heute spätestens mit der Finanzkrise eingetroffen worden (was übrigens ein gutes Beispiel dafür ist, was eine gute soziologische Analyse leisten kann und warum in der Soziologie im Gegensatz zu vielen anderen Disziplinen auch viele ältere Schriften nach wie vor gelesen werden und Relevanz besitzen).

Geld als Maß der Tauschbarkeit von Produkten

Im Gegensatz zur Grenznutzenschule der Volkswirtschaftslehre (Neoklassik), [1] vertritt Simmel die Ansicht, dass die Stärke der meisten menschlichen Bedürfnisse (und damit die Größe der Nachfrage sowie die Höhe des Preises) nicht anthropologisch bedingt ist. Preise von Produkten bilden sich erst durch Tausch. Dabei ist zu beachten, dass ein Gut, nur weil es wertvoll ist, [2] noch nicht notwendigerweise (auf einem Markt) tauschbar ist. [3] Menschen sind nun gemäß Simmel nur bereit, Objekte zu tauschen, wenn sie ersetzbar sind, d.h. dass auch andere Objekte können ihre Funktion erfüllen können. Nicht tauschbar sind dagegen Objekte, die für ihren Besitzer einzigartig sind, z.B. weil sie einen besonderen emotionalen Wert für ihn haben (Simmel 1901: 127-129). (In seiner „Ökonomie des Einzigartigen“ geht übrigens Karpik (2010) der Frage nach, wie wir einzigartige Produkte („Singularitäten“) ökonomisch tauschbar machen.)

Nur tauschbare Objekte sind ökonomisch wertvoll, oder anders ausgedrückt: Wirtschaft ist Tausch mit dem Ziel, den persönlichen Genuss zu steigern (Simmel 1901: 54), und gleichzeitig wird Gütern und Dienstleistungen durch den Tausch ein ökonomischer Wert zugewiesen, weil die Dingen aneinander gemessen werden. D.h. im Tausch bekommt die Bedürfnisstruktur von Menschen eine soziale Komponente: der Preis ist eine Wertquantität, die ein Maß für die Tauschbarkeit eines Objektes gegenüber allen übrigen Objekten darstellt.

Die Grenzen des Tausches sind für Simmel auch die Grenzen der Wirtschaft: Ein Tausch kann nur zustande kommen, wenn Menschen sich überhaupt für ein Objekt interessieren und begehren, wenn also eine Nachfrage nach diesem Produkt besteht – es ist immer wieder eine bittere Erfahrung für Firmen, wenn sie ein neues Produkt auf dem Markt bringen, und keiner will es haben. Die Schlagwörter „Konsumzurückhaltung“ und „Konsumverweigerung“ bringen zum Ausdruck, dass manche Menschen sich auch einfach mit dem zufrieden geben, was sie haben. Simmel unterstreicht auch, dass wir nie vergessen sollten, dass es selbstverständlich ist, dass Menschen etwas bezahlen, das sie wollen – sie könnten es sich ja auch mit anderen (nichtökonomischen) Mitteln aneignen, indem sie den konkreten Interaktionspartner z.B. bestehlen oder ausrauben oder Krieg mit einem Land führen, um an billiges Öl zu gelangen. Schließlich endet der Tausch für Simmel mit dem Konsum: Während Marktentnahme ein Teil des Wirtschaftsgeschehens ist, sind Verwendungsphase (Lagerung, Nutzung, Demonstration, Gestaltung und Produktion) und Entsorgung für Simmel keine wirtschaftlichen Akte mehr (Simmel 1901: 71-72; 84).

Aus dem Wunsch zu tauschen entwickeln sich historisch zwei Funktionen, die den Tausch optimieren: Der Händler optimiert den Prozess des Austauschens. Der Geldpreis optimiert das Ausgetauschtwerden von Objekten (Simmel 1901: 128-129; 210-211), wobei mittlerweile der Handel mit Tauschmedium „Geld“ ein eigener Markt ist – der Finanzmarkt (Blomert 2001, Preda 2001)

Eigenschaften des Geldes: Funktionswert und Substanzwert

Geld ist damit immer im Rahmen des Tausches zu betrachten und besitzt zwei Charakteristika, die stets gleichzeitig präsent sind. Das Geld hat einerseits einen sog. Funktionswert, andererseits einen sog. Substanzwert.

Mit dem „Funktionswert des Geldes“ meint Simmel, dass das Geld ein abstrakter Vermögenswert ist: Das Geld misst die Wertverhältnisse der auszutauschenden Waren untereinander. Es ist das Maß der Tauschbarkeit einer Ware gegenüber der Gesamtheit der übrigen Waren und damit Medium des Tausches. Jede Preisänderung ist daher gleichbedeutend mit einer Verschiebung des Wertverhältnisses der Gegenstände untereinander (Flotow 1994: 52; Simmel 1901: 122-126). Der Preis drückt dabei nur den objektiven, d. h. wirtschaftlichen Wert von Dingen, nicht aber den subjektiven Wert aus, den der konkrete Käufer oder Verkäufer ihnen beimisst. Die Bestimmung des Preises erfolgt dabei laut Simmel in zwei Bereichen: [4]

  1. Im Rahmen eines spezifischen Gesellschaftskreises werden (Referenz-)Preise sozial konstruiert. Das Preisniveau ist demnach ein Erfahrungswert, das sich erst durch eine Vielzahl von Besitzwechseln herausbildet, wobei die Vorstellung dominiert, dass zu zwei Produkten auf einem spezifischen Markt (z.B. VW Golf und Mercedes Benz), aber auch zu Produktklassen verschiedener Märkte (Autos und Milchprodukte) jeweils ein bestimmtes Tauschäquivalent gehöre. I. d. R. wandeln sich Referenzpreise nur sehr langsam. Dadurch verleihen sie Märkten Stabilität und strukturieren sie.
  2. Hinzu kommen situationsspezifische Momente, also die individuellen Konstellationen, die Ansprüche des Augenblicks und der Zwang der zufälligen Umgebung. Die volkswirtschaftlichen Preistheorie (Grenznutzenausgleichsgesetz) erfasst laut Simmel nur diesen Aspekt der Preisbildung: Gleichgewichtspreise bei gegebenem Preisniveau gelten nur für einen konkreten Tausch in einem bestimmten Augenblick.

Das Geld hat aber gleichzeitig einen „Substanzwert“ – einen Gebrauchswert bzw. Eigenwert. Das Geld ist also selbst eine Ware. Diese Ware tauscht man mit anderen Waren. Dadurch wird das Geld zur messenden Größe an sich selbst und an den Gütern, die seinen Gegenwert bilden (Simmel 1901: 125-126).

In jedem gegebenen Augenblick kann das Geld entweder abstrakter Vermögenswert oder Gebrauchswert haben. Die jeweils andere Eigenschaft des Geldes tritt zurück. Dieser Gegensatz zwischen Funktions- und Substanzwert des Geldes muss jedoch lange nicht so radikal gesehen werden, „denn genau genommen ist auch der Substanzwert des Geldes nichts als sein Funktionswert“ (Simmel 1901: 199).

Das Geld steht also nicht nur außerhalb der wirtschaftlichen Reihe von konkreten Werten sondern auch innerhalb. Es hat nicht nur Relation sondern ist auch Relation (Flotow 1994; Simmel 1899a; Simmel 1901: 173-177; 199-201). Damit stellt sich Simmel die Quantitätstheorie und die Gleichgewichtstheorie der Volkswirtschaftslehre. Diese betonen nur den Funktionswert des Geldes, lassen aber den Substanzwert des Geldes außer Acht. Letzteren mit zu berücksichtigen ist aber gerade in Krisenzeiten wichtig: Wenn, wie man derzeit beobachten kann (relativ substanzlose) Leitwährungen zusammenbrechen, greifen Menschen wieder auf Tauschmittel mit einem hohen Substanzwert zurück, kaufen also z.B. Gold an, weshalb der Goldpreis steigt

Mit dem Substanz- und dem Funktionswert des Geldes identifiziert Simmel zwei typische Verwendungsmöglichkeiten, zwei immer wiederkehrende Handlungsmuster. Gerade weil sich diese Handlungsmuster immer wiederholen und kaum wandeln, scheinen sie zeitlos, obwohl das Gegenteil der Fall ist (Baur 2005): Es muss Zeit verstreichen, dass man erkennt, dass sie sich immer wieder manifestieren. Entsprechend kann Simmel sie nur identifizieren, weil sich sein Analyserahmen über Jahrtausende erstreckt.

Die Rolle des Geldes für den Wirtschaftskreislauf

Dass Substanz- und Funktionswert im Wirtschaftskreislauf ständig ineinandergreifen und aufeinander bezogen sind, nennt Simmel die „Doppelrolle des Geldes“ (Simmel 1901: 126; 212). Wie sieht nun diese Wechselwirkung zwischen den beiden Eigenschaften des Geldes und mit dem Wirtschaftskreislauf konkret aus?

Das Geld ist nicht nur ein Maß für die Tauschbarkeit einer Ware, es ist aber gleichzeitig Zwischenware: Die Spannung zwischen Funktionswert und Substanzwert erhält die Kontinuität der wirtschaftlichen Ereignisreihe aufrecht, [5] d.h. ohne Geld sind die moderne Marktwirtschaft und Märkte – insbesondere hoch differenzierte Konsumgütermärkte – gar nicht möglich: Vor Erfindung des Geldes musste jeder Wirtschaftsteilnehmer einen Tauschpartner finden, der genau das anbot, was der Betreffende erwerben wollte, und genau das nachfragte, was der Betreffende einzutauschen hatte. Es war nicht nur zeitaufwändig sondern auch häufig unmöglich, einen geeigneten Transaktionspartner zu finden. Man kann eben nicht Alles überall kaufen. Das Geld ist nun Zwischenglied zwischen zwei Transaktionen: Ein Wirtschaftsteilnehmer kann einer Person etwas verkaufen, von einer völlig anderen etwas kaufen.

Je konstanter der Wert des Geldes ist, desto besser gelingt die Aufrechterhaltung des Wirtschaftskreislaufs, d.h. ohne den Funktionswert des Geldes sind der moderne Kapitalismus, differenzierte Produktionsketten und damit moderne Massenmärkte nicht möglich. Fungibilität und Qualitätslosigkeit des Geldes sorgen für diese Wertkonstanz, wobei Zelizer (1994) verdeutlicht, dass Menschen das scheinbar qualitätslose Geld in der sozialen Realität wieder qualitativ unterscheiden („Earmarking“). Wichtig ist laut Simmel, dass der Wert des Geldes selbst möglichst konstant bleibt, damit die Tauschverhältnisse von Waren in Geld nur von dem relativen Wert der Waren zueinander und nicht von dem Wert des Geldes abhängen, weil sonst kein Vertrauen in das Geld bestünde. Überdies wäre der einzelne Mensch damit überfordert, permanenten die Preise angemessen zu überprüfen (Flotow 1994: 45-49; Simmel 1901: 130-131; 141; 165; 229; 232-233), und wie ich am Beispiel der Lebensmittelpreise illustriert habe, tun wir das auch nicht. Simmel (1901: 130-131) schreibt hierzu:

Die Länge der wirtschaftlichen Aktionsreihen, ohne die es zu der Kontinuität, den organischen Zusammenhängen, der inneren Fruchtbarkeit der Wirtschaft nicht gekommen wäre, hängt von der Stabilität des Geldwertes ab, weil diese allein weitausschauende Berechnungen, vielgliedrige Unternehmungen, langsichtige Kredite möglich macht. (…) Eine Konstanz des Geldwertes ergibt sich erst als objektive Tatsache, sobald den Preiserhöhungen einer Ware oder eines Warengebietes Preissenkungen anderer korrespondieren. Eine allgemeine Erhöhung sämtlicher Warenpreise würde Erniedrigung des Geldwertes bedeuten; sobald jene stattfindet, ist also die Konstanz des Geldwertes durchbrochen. Möglich ist dies überhaupt nur dadurch, dass das Geld über seinen reinen Funktionscharakter als Ausdruck des Wertverhältnisses konkreter Dinge hinaus gewisse Qualitäten enthält, die es spezialisieren, zu einem Marktgegenstand machen, es bestimmten Konjunkturen, Quantitätsverschiebungen, Eigenbewegungen unterwerfen, also es aus seiner absoluten Stellung, die es als Ausdruck der Relation hat, in die einer Relativität hineindrängt, so dass es, kurz gesagt, nicht mehr Relation ist, sondern Relation hat. (…) Deshalb ist auch die Funktion des Geldes eine umso dringlichere, je umfänglicher und lebhafter die Änderungen der wirtschaftlichen Werte erfolgen.

Genau deshalb ist die aktuelle Finanzkrise (Prisching 2012a, Nassehi 2012, Reichertz 2013) so problematisch – sie gefährdet nicht nur den Finanzmarkt an sich – sollte unser Vertrauen in den Euro komplett zusammenbrechen, sind Produktion und Tausch auf sämtlichen anderen Märkten gefährdet. Und genau deshalb tut sich die Politik auch so schwer mit Lösungsansätzen – um den Marktmechanismus auf dem Finanzmarkt aufrechtzuerhalten, müsste sie eigentlich – und zwar gerade im Sinne des neoliberalen Paradigmas – Banken und Finanzunternehmen bankrott gehen lassen, weil zu ökonomischem Wettbewerb auch gehört, dass Wirtschaftsakteure das Risiko ihres Wirtschaftshandeln selbst tragen. Wenn Politik das aber tut, gefährdet sie damit die übrige Wirtschaft.

Das Geld hat gemäß Simmel aber auch noch andere Eigenschaften, die ebenfalls wichtig sind für die moderne Wirtschaft. So ist es Wertaufbewahrungsmittel – daher auch unsere Angst vor Inflation. Damit sie sicher sein konnten, dass der Wert des Geldes erhalten blieb (sie also dem Geld vertrauen können), wählten Menschen ursprünglich nur besonders wertvolle Objekte als Geld, also solchen, die eine großen Substanzwert hatten. Um als Zahlungsmittel geeignet zu sein, sind insbesondere. Güter geeignet, die leicht transportierbar und beliebig teilbar sind und die außerdem von vielen Menschen benötigt, begehrt oder geschätzt werden. Um Inflation zu verhindern, müssen geldtaugliche Objekte relativ selten sein. Damit es als Wertaufbewahrungsmittel geeignet war, sollte Geld möglichst haltbar und unzerstörbar sein. Dieses Eigenschaftsbündel können nur wenige Objekte erfüllen. Mit am besten erfüllen diese Eigenschaften Edelmetalle wie Gold, weshalb sie historisch eine der wichtigsten Formen des Geldes sind (Simmel 1901: 135; 156-158; 227). Alternativ kann eine Zentralgewalt (z.B. die Europäische Zentralbank) die Wertkonstanz garantieren, und genau das versucht sie beim Euro ja auch – seinen Wert aufrechtzuerhalten.

Das Geld ist weiterhin ein Werttransportmittel: Oberster Zweck des Geldes ist die Bequemlichkeit des Güteraustausches. Es erspart Arbeit und Kosten, die ohne es entstünden. Dadurch ermöglicht es mehr Austausch und Verkehr und den Tausch über große Distanzen und Zeiten hinweg, d.h. ohne Geld wäre auch keine Globalisierung möglich. Handlichkeit und Bequemlichkeit sind entsprechend wichtige Eigenschaften des Geldes.

Weil man Geld nicht konsumieren kann, hat es eine große Distanz zum Subjekt. Simmel (1901: 135-136) nimmt hierbei die heutigen Beobachtungen zur gesellschaftlichen Macht der Zahlen vorweg:

Indem das Geld niemals unmittelbar genossen werden kann (…), entzieht es sich selbst jeder subjektiven Beziehung; das Jenseits des Subjekts, das der wirtschaftliche Verkehr überhaupt darstellt, ist in ihm vergegenständlicht, und es hat deshalb auch von allen Inhalten desselben die sachlichsten Usancen, die logischsten, bloß mathematischen Normen, die absolute Fremdheit allem Persönlichen gegenüber in sich ausgebildet. Weil es bloß das Mittel für die eigentlich assimilierbaren Objekte ist, steht es seinem inneren Wesen nach in einer nicht aufzuhebenden Distanz zu dem begehrenden und genießenden Ich; und insofern es das unentbehrliche Mittel ist, das sich zwischen dieses und die Objekte schiebt, rückt es auch die letzteren in eine Distanz von uns (…). Der Abstand, der das Subjektive und das Objektive aus ihrer ursprünglichen Einheit voneinandergetrieben hat, ist im Geld sozusagen körperhaft geworden.

Das Geld repräsentiert außerdem die Gesellschaft, ist substanzgewordene Sozialfunktion. Um dieses Argument zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, dass für Simmel die Basiseinheit des Sozialen die „Wechselwirkung“, also der Tausch mit bzw. die Interaktion zwischen Menschen ist. Geld ist daher Simmel 1901: 208-209) ein generalisiertes Interaktionsmedium, das die Moderne strukturiert:

Als den Ausgangspunkt aller sozialen Gestaltung können wir uns nur die Wechselwirkung von Person zu Person vorstellen. (…) Die weitere Entwicklung ersetzt nun diese Unmittelbarkeit der wechselwirkenden Kräfte durch Schaffung höherer überpersönlicher Gebilde, die als gesonderte Träger eben jener Kräfte auftreten und die Beziehungen der Individuen untereinander durch sich hindurchleiten und vermitteln. (…) So bildeten sich aus den Erforderlichkeiten und Usance, die sich im Verkehr der Gruppengenossen zunächst von Fall zu Fall entwickeln und sich schließlich fixieren, die objektiven Gesetze der Sitte, des Rechts, der Moral – ideale Erzeugnisse des menschlichen Vorstellens und Wertens, die nun für unsere Denken ganz jenseits des einzelnen Wollens und Handelns stehen, gleichsam als losgelöst ‚reine Formen’. (…) In diese Kategorie substanzgewordener Sozialfunktionen gehört das Geld. Die Funktion des Tausches, eine unmittelbare Wechselwirkung unter Individuen, ist mit ihm zu einem für sich bestehenden Gebilde kristallisiert.

Damit ist das Geld für Simmel das „reinste“ Symbol der modernen Gesellschaft (Nedelmann 1999: 141; Rammstedt 1994) – einen Gedanken, den er mit späteren soziologischen Ansätzen gemein hat, etwa Talcott Parsons oder systemtheoretischen Ansätzen der generalisierten Tauschmedien (Nassehi 2012).

Auch der Gedanke der Beschleunigung (Rosa 2005) taucht bereits bei Simmel auf: Das Geld bringt Menschen auf die Idee, Dinge zu tauschen, die sie sonst nicht oder erst später getauscht hätten. Es reizt Menschen, Geld auszugeben und mehr Dinge kaufen zu wollen. Das Geld mobilisiert also Werte und beschleunigt die Zirkulation.

Geld kann man wie kein anderes Gut anhäufen (Simmel 1901: 242): Menschen können Geldkapital bilden – wie man an den Finanzmärkten sieht (Prisching 2012a). Werte werden kondensiert und abstrahiert. Dies ermöglicht die Ausweitung von Produktion und Handelsvolumen und führt zu einer Eigendynamik der Wirtschaft.

Geld als Werkzeug

Schließlich ist das Geld für Simmel ein äußerst nützliches Werkzeug (heute würde man vermutlich „soziale Institution“ sagen), also ein Mittel zum Zweck. Simmels Gedanken greifen damit heutigen techniksoziologischen Ansätzen wie etwa der Akteur-Netzwerk-Theorie (Prisching 2012b) vor. Simmel (1901: 254-270; 194) argumentiert dabei, dass sich der Mensch vom Tier und von Gott dadurch unterscheidet, dass er versucht, Ziele über den Umweg seines eigenen Handelns zu erreichen, also indem er in die Welt mit Hilfe von Mitteln eingreift. Weil er sich überlegen muss, wie er seine Ziele am besten erreicht, muss der Mensch die Wirklichkeit deuten, in kausalen Zusammenhängen denken und sein Eingreifens in die Welt planen. Wünsche (Ziele, Zwecke) können also nur indirekt über den Umweg des Handelns, also des Eingreifens in die Welt mit Hilfe von Mitteln erfüllt werden. Erst durch das Mittel entsteht ein Ziel, und ohne Ziele gibt es keine Mittel.

Handeln kostet außerdem Zeit, und entsprechend entwickelt der Mensch ein eigenes Zeitgefühl: Die Vergangenheit ist als Erfahrungsschatz wichtig, weil wir hier unsere Wünsche und unser Wissen um mögliche Mittel erworben haben. Unsere Ziele sind ja noch nicht verwirklicht, sondern können (vielleicht) in der Zukunft erreicht werden. Um unsere Wünsche zu verwirklichen, müssen wir also in die Zukunft extrapolieren. Für die moderne Wirtschaft ist nun wichtig, dass – je weiter Menschen gedanklich vorausgreifen können und je effizienter ihre Mittel sind – desto längere Zweckreihen sie bilden können, d.h. desto komplexer können Wirtschaftskreisläufe und desto differenzierter Produktionsketten sein (und trotzdem noch funktonieren). Gleichzeitig kommen Menschen durch bestimmte Mittel erst auf den Gedanken, neue Ziele anzustreben – wie (Simmel 1901: 261) bemerkt:

Die Kulturentwicklung geht, mit einem Wort, auf Verlängerung der teleologischen Reihen für das sachlich Naheliegende und Verkürzung derselben für das sachlich fernliegende.

Werkzeuge sind nun besonders effektive Mittel. Im Gegensatz zu anderen Mitteln besteht das Werkzeug über die einzelne Anwendung hinaus und ist vielfältig einsetzbar. Je mehr Ziele man mit Hilfe eines Werkzeug erreichen kann, desto wertvoller ist es: Das Werkzeug erlaubt, zwischen verschiedenen Zielen auszuwählen. Ein solches Werkzeug ist aber auch indifferenter, farbloser, dem Einzelnen gegenüber objektiver und distanzierter als andere Werkzeuge (Simmel 1901: 261-267). Mit „Werkzeugen“ meint Simmel nun nicht nur Hämmer und Fräßmaschinen, sondern auch Gebäude, Infrastruktur und soziale Institutionen und Sozialtechniken wie Buchführung und Rechnungswesen oder den Sozialstaat: Simmel (1901: 263-264) dass der Wille des Einzelnen den Umweg über soziale Institutionen geht – dadurch

benutzt er ein von der Allgemeinheit hergestelltes Werkzeug, das seine eigene Kraft vervielfältigt, ihre Wirkungslinien verlängert, ihre Resultate sichert. Aus den Wechselwirkungen der Vielen entstehen, indem das Zufällige sich gegenseitig abschleift und die Gleichmäßigkeit der Interessen eine Summierung der Beiträge gestattet, objektive Einrichtungen, die gleichsam die Zentralstation für unzählige teleologischen Kurven der Individuen bilden und diesen ein völlig zweckmäßiges Werkzeug für die Erstreckung derselben auf sonst Unerreichbares bieten. (…) Das Geld ist die reinste Form des Werkzeugs, und zwar von der oben bezeichneten Art: es ist eine Institution, in die der Einzelne sein Tun und Handeln einmünden läßt, um durch diesen Durchgangspunkt hindurch Ziele zu erreichen.

Ausgangspunkt des Werkzeugcharakters des Geldes sind zusammenfassend menschliche Wünsche. Um ihre Wünsche zu erfüllen, versuchen Menschen erst, Geld zu erwerben. Als nächstes geben sie das Geld aus. Gelderwerb und -ausgabe sind beides Mittel. Das Ziel ist, das Objekt besitzen und gebrauchen zu können. Der Finanzmarkt ist damit (wirtschaftssoziologisch gesehen), ein Werkzeug, um das Ziel der Warenproduktion und des Warentausches auf anderen Märkten zu erreichen.

Die Finanzkrise – das Mittel wird zum Zweck

Und genau das ist der Kernproblem der aktuellen Finanzkrise (Prisching 2012a, Nassehi 2012, Reichertz 2013): Das Mittel ist zum Ziel geworden – eine Gefahr, die Simmel bereits 1901 vorhergesehen hat: Zwar ist ein Werkzeug (der Finanzmarkt) eigentlich nur ein Mittel und damit ein Durchgangsstadium. Mit der Zeit bekommt es aber einen Eigenwert, wird also selbst zum Ziel – viele Spekulanten streben heute Gewinne nicht mehr am, um später davon Güter und Dienstleistungen auf anderen Märkten zu kaufen, sondern um ihrer selbst willen. Die Finanzmärkte koppeln sich von der Realwirtschaft ab – das Endziel wird somit zum absoluten, die Mittel zum relativen Ziel. Wenn das Geld aber selbst zum Endziel wird, wird der Wirtschaftskreislauf gestört (Flotow 1994: 54-56; Simmel 1899a; Simmel 1901: 129-179; 194; 208-219; 229-270; 292-304; 323): Firmen und Aktionäre reinvestierten ihr Geld nicht mehr in Produktion und Konsum, sondern immer weiter in Aktien, solange bis die Finanzmärkte so aufgeheizt sind, dass sie zusammenbrechen. Beispiele sind eben die Finanzkrisen der letzten Jahre (Prisching 2012a, Nassehi 2012, Reichertz 2013).

 

 

Literatur

Baur, Nina (2005): Verlaufsmusteranalyse. Methodologische Konsequenzen der Zeitlichkeit sozialen Handelns. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften

Blomert, Reinhard (2001): Sociology of Finance. In: Economic Sociology 2 (2)

Deutschmann, Christoph (1999): Die Verheißung des absoluten Reichtums. Frankfurta. M.: Campus

Deutschmann, Christoph (Hg.) (2002): Die gesellschaftliche Macht des Geldes. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag GmbH

Dodd, Nigel (1994): The Sociology of Money. Cambridge (UK)/Oxford (UK): Polity

Flotow, Peter von (1994): Geld und Wachstum in der „Philosophie des Geldes“ – die Doppelrolle des Geldes. In: Binswanger, Hans Christoph/Flotow, Peter von (Hg.) (1994): Geld & Wachstum. Zur Philosophie und Praxis des Geldes. Stuttgart/Wien: Weitbrecht. 32-60

Fromm, Sabine/Aretz, Hans-Jürgen (2006): Institutioneller Wandel als Hybridisierung. Berliner Journal für Soziologie 16 (3). 371-391

Godechot, Oliver (2007): Der Finanzsektor als Feld des Kampfes um die Aneignung von Gewinnen. In: Beckert, Jens/Diaz-Bone, Rainer/Ganßmann, Heiner (Hg.) (2007): Märkte als soziale Strukturen. Frankfurt a. M./New York: Campus. 267-280

Kalthoff, Herbert/Vormbusch, Uwe (Hg.) (2012): Soziologie der Finanzmärkte. Bielefeld: Transcript

Karpik, Lucien (2010): Valuing the Unique. The Economics of Singularities. Princeton/Oxford: Princeton University Press

Kellermann, Paul (2008): Soziologie des Geldes. In: Maurer, Andrea (Hg.) (2008): 320-340

Knorr Cetina, Katrin D./Bruegge, Urs (2002): Global Microstructures. In: AJS 107(4). 905-950

Lichtblau, Klaus (1997): Georg Simmel. Frankfurt a.M./New York: Campus

Lütz, Susanne (2008): Finanzmärkte. In: Maurer, Andrea (Hg.) (2008): Handbuch der Wirtschaftssoziologie. Wiesbaden: VS-Verlag. 341-360

Nedelmann, Birgitta (1999): Georg Simmel (1858-1918). In: Käsler, Dirk (Hg.) (1999): Klassiker der Soziologie. Teil 1. München: Beck. S. 127-149

Preda, Alex (2001): Sense and Sensibility. In: Economic Sociology 2 (2)

Rammstedt, Otthein (1994): Geld und Gesellschaft in der „Philosophie des Geldes“. In: Binswanger, Hans Christoph/Flotow, Peter von (Hg.) (1994): Geld & Wachstum. Zur Philosophie und Praxis des Geldes. Stuttgart/Wien: Weitbrecht. 15-31

Rosa, Hartmut (2005): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrtkamp

Simmel, Georg (1899a): Fragment aus einer „Philosophie des Geldes“. In: Schmoller, Gustav (Hg.) (1899): Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich (Das “Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtspflege des Deutschen Reiches”. Neue Folge). Jahrgang 23. Heft 3. 813-854. Nachgedruckt in: Simmel, Georg (1992): Gesamtausgabe. Herausgegeben von Otthein Rammstedt. Band 5: Aufsätze und Abhandlungen 1894-1900. Herausgegeben von Heinz-Jürgen Dahme und David P. Frisby. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 479-528

Simmel, Georg (1901): Philosophie des Geldes. Nachgedruckt in: Simmel, Georg (1996): Gesamtausgabe. Herausgegeben von Otthein Rammstedt. Band 6 Herausgegeben von David P. Frisby und Klaus Christian Köhnke. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Windolf, Paul (Hg.) (2005): Finanzmarktkapitalismus. Wiesbaden: VS-Verlag

Zelizer, Viviana A. (1994): The Social Meaning of Money. Princeton: Princeton University Press

Anmerkungen

[1] Simmel kritisiert neoklassische Ansätze der Volkswirtschaftslehre in dreierlei Hinsicht: Erstens abstrahiert die Volkswirtschaftslehre von wichtigen Eigenschaften des Geldes, wie die weiteren Ausführungen zeigen werden. Zweitens hat die Volkswirtschaftslehre – wie jede Wissenschaft – Grenzen. Die Grenze nach unten sind die Grundannahmen, auf denen die Wissenschaft aufbaut. Die Volkswirtschaftslehre muss sich über ihre Voraussetzungen Klarheit verschaffen, um über ihren möglichen Beitrag zu einer umfassenden philosophischen Weltbetrachtung Rechenschaft ablegen zu können. Deshalb muyy sich die Volkswirtschaftslehre mit den Eigenschaften der Psyche, mit sozialen Beziehungen, mit der logischen Struktur der Wirklichkeit und mit Werten insofern auseinandersetzen, als diese dem Geld seinen Sinn und seine praktische Stellung geben. Nach oben ist die Volkswirtschaftslehre durch die Kultur und Gesellschaft begrenzt. Sie muss untersuchen, wie das Geld auf diese Bereiche rückwirkt: ihr Lebensgefühl der Individuen, soziale Beziehungen und die allgemeine Kultur (Lichtblau 1997: 39-42; Simmel 1901: 9-12; 95-96; 117). Drittens kritisiert Simmel, dass sich die Volkswirtschaftslehre sich nur auf die Suche allgemeiner Gesetze beschränkt. Jede empirische Wissenschaft müsse nach allgemeinen Gesetzen und historischen Besonderheiten suchen – genauer gesagt müsse sie zu verstehen versuchen, welche Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Bereichen auftreten. In meinen bisherigen Ausführungen zu Lebensmittel-, Medien- und Arbeitsmärkten habe ich z.B. versucht zu zeigen, warum dies erforderlich ist.

Gleichzeitig ist die „Philosophie des Geldes“ eine Auseinandersetzung mit dem historischen Materialismus. Simmel lehnt Marx’ Binarität von Basis und Überbau ab. Er lehnt dabei den materialistischen Ansatz nicht völlig ab, sondern löst die Spannung zwischen Idealismus und Materialismus auf, indem er keines der beiden Konzepte verabsolutiert. Vielmehr beeinflussen sie sich gemäß Simmel einander im Zeitverlauf gegenseitig und weisen auch jeweils eine Eigendynamik auf. Weiterhin hält Simmel die Gesellschaft für kein eigenständiges Gebilde, so dass es sich für ihn erübrigt, von gesellschaftlichen Entwicklungen und Bewegungen zu sprechen. Sein dynamisches Denken ist nicht deterministisch (Rammstedt 1994: 22). Schließlich weist laut Simmel Marx’ Theorie einen entscheidenden Mangel auf: Er hat keine eigene Geldtheorie entwickelt. Seine Theorie müsse – wie die Volkswirtschaftslehre – sowohl nach unten als auch nach oben erweitert werden. Die ökonomischen Formen der modernen Gesellschaft haben bestimmte Wertungen, Stimmungen, psychologische und metaphysische Voraussetzungen. Gleichzeitig wirken aber die ökonomischen Formen wieder auf die geistige Kultur zurück (Lichtblau 1997: 41).

[2] Wie bereits erwähnt, entwickelt Simmel seine Werttheorie in Auseinandersetzung mit und als Abgrenzung gegen die objektive Werttheorie (Arbeitswerttheorie von Marx) und die subjektive Werttheorie (Grenznutzentheorie und Gleichgewichtstheorie der Neoklassik; vgl. hierzu Flotow 1994):

Für Simmel besteht ein Dualismus zwischen Wert und Wirklichkeit: Die Kategorien des Werts und die des Seins (Wirklichkeit) sind (in der Moderne) scharf zu trennen, da sie unterschiedliche Qualitäten haben und unterschiedlichen Ordnungsprinzipien folgen. Das eine ist nicht auf das andere reduzierbar. „Wert“ und „Sein“ betrachten die Welt also von ganz eigenen, unterschiedlichen Gesichtspunkten aus. Dadurch erlauben sie eigenständige Weltbildkonstruktionen, die nicht identisch sind (Lichtblau 1997: 42-43; Simmel 1901: 23-28; 36-39. So schreibt Simmel (1901: 23) in der „Philosophie des Geldes“:

Dass Gegenstände, Gedanken, Geschehnisse wertvoll sind, das ist aus ihrem bloß natürlichen Dasein und Inhalt niemals abzulesen; und ihre Ordnung, den Werten gemäß vollzogen, weicht von der natürlichen aufs weiteste ab.

Das Sein (= der Positivismus, der Materialismus) bezieht sich auf die „gleichgültige Notwendigkeit der Dinge“ und subsumiert sie unter allgemeinen, ewig geltenden Gesetzen. Der Wert (= Idealismus) unterstellt an sich die Existenz einer Rangordnung zwischen den Dingen, die sich gemäß ihres inneren Bildes ergibt. Das Sein bezeichnet die reale, objektive Existenz der Dinge, der Wert ist unabhängig von der realen Existenz der Dinge. Das Sein ist gleichgültig und interesselos, der Wert ist die subjektive Rangordnung der Dinge und das Interesse des Menschen an den Dingen. Das Sein ist Inhalt der objektiven Wirklichkeit, der Wert Inhalt unserer Vorstellung. Das Sein erfassen wir intellektuell, den Wert emotional.

Eines haben aber Sein und Wert gemeinsam: Sie sind dem Individuum äußerlich: Auch der Wert ist nicht willkürlich sondern wird vom Individuum als Tatsache vorgefunden, an der es unmittelbar so wenig ändern kann wie an der Wirklichkeit. Der Wert nimmt allerdings eine Doppelstellung zwischen dem Bereich des Subjektiven und dem Bereich des Objektiven ein. Denn einerseits ist jede Wertung subjektiv, andererseits ist die Vorstellung für das traditionelle Wertempfinden der Menschen wesentlich, dass in den Dingen selbst ein Wert liegt, denn durch dieses Empfinden verweist der Wert auf eine Ordnung jenseits der Willkür.

Die Trennung von Wert und Wirklichkeit ist dabei erst im Lauf der Geschichte entstanden. Aus der Trennung zwischen Sein und Wert folgt: Aus reinen Tatsachenfeststellungen können logisch keine Werturteile abgeleitet werden. Aus der Existenz eines Gegenstandes lässt sich nicht die Existenz und Höhe seines (wirtschaftlichen) Wertes ableiten, sondern dieser muss andere Grundlagen haben. Existiert der Wert jedoch erst einmal, so entwickelt sich die Wertstruktur zumindest teilweise entsprechend der Wirklichkeitsinhalte (Simmel 1901: 23-39).

Damit verwirft Simmel die Arbeitswerttheorie von Karl Marx – der eine objektive Werttheorie vertrat. Der Wert von Dingen (und damit auch der Wert der Arbeit) ist nicht durch ihr Sein bestimmt, sondern eine eigene Kategorie, die aber dennoch mit dem Sein zusammenhängen kann (aber nicht muss). D.h. konkret: Der Preis eines Produktes kannmuss aber nicht – mit seinem Gebrauchswert zusammenhängen!  Simmel löst also das Problem zwischen Idealismus und Materialismus, indem er keines der beiden Prinzipien verabsolutiert sondern sie relativiert, indem er zeigt, dass sie aufeinander bezogen sind, einander beeinflussen aber auch voneinander abhängen (Flotow 1994: 34; Lichtblau 1997: 41; Rammstedt 1994: 22).

Ein historischer Gegenpol zu objektiven Werttheorie von Marx war die subjektive Werttheorie der Neoklassik in Form der Grenznutzen- und der Gleichgewichtstheorie, gegen die sich Simmel ebenfalls abgrenzt. Simmel stellt hierzu Überlegungen an, wie Werte überhaupt entstanden sind:

In frühen Entwicklungsstadien Menschen hatten Menschen noch kein Bewusstsein, sondern waren wie Tiere rein triebgesteuert. Subjekt und Objekt waren für den Menschen also nicht getrennt. In dem Maß, in dem der Mensch ein Bewusstsein entwickelt, distanziert sich das Subjekt (die Vorstellungswelt des Menschen) vom Objekt (der Wirklichkeit). Der Mensch entwickelt eine Persönlichkeit (hier weist Simmel starke theoretische Parallelen zu Durkheim auf). Dadurch beginnt das Individuum, die Gegenstände zu begehren, d. h. sie werden zu Werten. In dem Augenblick, in dem das Objekt genossen wird, verschwindet der Wert. Objekte sind also nur wertvoll, weil sie dem Individuum Widerstände entgegensetzen – der Mensch will mehr als er erhalten kann.

Der Grad der Begehrtheit eines Objektes ist die Nachfrage. Objekte, die Menschen nicht begehren, werden auch nicht nachgefragt (Simmel 1901: 30-35; 39-40; 47-48; 72-76; 84). Diese Nachfrage kann nur entstehen, wenn Wunsch und Wunscherfüllung nicht zeitlich zusammenfallen: Solange der Mensch von der Hand in den Mund lebt und sich alle Triebe sofort erfüllen, gibt es auch keine Werte. Wenn dagegen auf die sofortige Befriedigung der Triebe verzichtet wird/sie aufgeschoben wird, distanziert sich der Mensch vom Objekt seiner Begierde. Erst dadurch kann ihm dieses Objekt als Wert an sich erscheinen, das eine eigene Bedeutung hat. Die Folge dieser Distanz ist eine bewusstere Bedürfnisbefriedigung (Simmel 1901: 42-43; 48; 72). Das Angebot an einem Produkt wird durch seine Seltenheit bestimmt (Simmel 1901: 44; 48; 50; 74; 84; 90). So schreibt Simmel (1901: 90):

Sobald dieser Weg zu Erlangung des Genusses eines Objektes ein langer und schwieriger ist, über Opfer an Geduld, Enttäuschungen, Arbeit, Unbequemlichkeiten, Verzichtleistungen usw. hinwegführt, nennen wir den Gegenstand ‘selten’. (…) die Dinge sind nicht schwer zu erlangen, weil sie selten sind, sondern sie sind selten, weil sie schwer zu erlangen sind.

[3] Damit Objekte tauschbar werden können, müssen vor allem zwei Bedingungen erfüllt sein: Erstens muss das Gut selten, darf aber nicht zu selten sein. Um überhaupt begehrt zu werden, muss ein Objekt selten sein, denn sonst könnte der Wunsch nach ihm sofort erfüllt werden. Gleichzeitig darf das Objekt nicht zu selten sein, denn sonst scheint es unerreichbar und wird deswegen auch nicht mehr gewünscht. Denn der Sinn einer Distanzierung ist ja, dass sie überwunden werden kann und wird, aber diese Überwindung ein gewisses Maß an Mühen und Opfern erfordert (Simmel 1901: 43-44; 49; 74).

Damit ein Objekt einen ökonomischen Wert bekommt, muss man es zweitens einerseits wollen, zusätzlich aber grundsätzlich bereit sein, auf ein Objekt der Begierde zu verzichten. Denn die Erlangung eines Objektes der Begierde erfordert die Opferung eines anderen Objektes der Begierde (Simmel 1901: 43; 48; 52-54; 64-65; 70-74). Simmel (1901: 52 & 73-74) sieht dies als zwei miteinander verschlungene Prozesse:

Innerhalb der Wirtschaft nun verläuft der Prozeß so, dass der Inhalt des Opfers oder des Verzichtes, der sich zwischen den Menschen und den Gegenstand seines Begehrens stellt, zugleich der Gegenstand des Begehrens eines Anderen ist: der erste muss auf einen Besitz oder Genuß verzichten, den der andere begehrt, um diesen zum Verzicht auf das von ihm Besessene, aber von jenem Begehrte zu bewegen. (…) Es verschlingen sich also zwei Wertbildungen ineinander, es muss ein Wert eingesetzt werden, um einen Wert zu gewinnen. (…) Der Tausch ist dabei nicht die Addition zweier Prozesse des Gebens und Empfangens, sondern ein neues Drittes, das entsteht, indem jeder von beiden Prozessen in absolutem Zugleich Ursache und Wirkung des anderen ist.

[4] Dies funktioniert folgendermaßen: Der ökonomische Tausch zeichnet sich dadurch aus, dass ein Wert eingesetzt wird, um einen anderen zu erreichen und umgekehrt. So schreibt Simmel (1901: 64):

(…) zwischen beiden spielt ein unendlicher Prozeß, derart, dass zwar jeder Tausch auf einen Wert, dieser Wert aber seinerseits auf einen Tausch zurückgeht.

Dadurch entsteht die Illusion, die beiden getauschten Objekte bestimmten ihren Wert wechselseitig und ihr Wert stünde außerhalb der Individuen. Der Wert scheint jetzt sichtbar und greifbar, wird also objektiviert, weil er für Subjekte überhaupt als gültig scheint. Es ist also Tausch selbst, der den Dingen einen ökonomischen Wert verleiht, der nicht nur unseren eigenen Begierden entspricht sondern auch denen eines anderen (Lichtblau 1997: 45-46; Simmel 1901: 43; 48; 52-59). Die Objektivierung infolge des Tausches erlaubt erst die Abstraktionsfähigkeit und Wahrnehmung der Welt, die Wirtschaft möglich macht: „So ist auch dies eine Formel, in die man das Verhältnis des Menschen zur Welt erfassen kann (Simmel 1901: 58). Im Tausch werden die Dinge aneinander gemessen. Der wirtschaftliche Wert entsteht erst durch diesen Vergleich, Wirtschaftliche Werte werden also erst im Tausch selbst erzeugt und stabilisiert (Rammstedt 1994: 20; Simmel 1901: 65-76).

Der wirtschaftliche Wert ist dabei nicht ein Wert überhaupt sondern eine Wertquantität. Diese Quantität kommt durch die Messung zweier Begehrungsintensitäten zustande, die innerhalb des Tausches von Opfer und Gewinn vollzogen wird. Das Maß zur Messung von Wertquantitäten ist der Preis. Der Preis misst also den ökonomischen Wert eines Objektes, nicht den subjektiven Wert, den ein Objekt für eine bestimmte Person hat (Simmel 1901: 77-79). Ich hatte etwa am Beispiel von Lebensmittel illustriert, dass der Wert, den wir als Einzelpersonen bestimmten Lebensmitteln zuschreiben, und der Preis, den wir dafür zahlen, nicht unbedingt zusammenfallen. Der Preis besteht aus zwei Schichten: der Tradition des Gesellschaftskreises sowie den situationsspezifischen Momenten, also den individuellen Konstellationen, den Ansprüchen des Augenblicks, dem Zwang der zufälligen Umgebung (Simmel 1901: 80-82). Der Tausch ist für Simmel eine elementare Form der Vergesellschaftung. Seine Hauptwirkung ist, dass er den Kampf in Konkurrenz umlenkt und damit Menschen aneinander bindet (Simmel 1903; (Simmel 1901: 84-88; 227). Anders ausgedrückt: Ohne die moderne Wirtschaft sind für Simmel moderne Gesellschaften nicht möglich.

[5] Simmel betrachtet die Wirtschaft als Strom. Das Wesentliche der Wirtschaft ist also ihre zeitliche Kontinuität, ihr Prozesscharakter. Das Geld gewährleistet die Kontinuität der wirtschaftlichen Ereignisreihe, indem es an die Lücke der Wertbewegung tritt, die durch den Konsum entstehen würde (Flotow 1994: 44-48; 52; Simmel 1901: 129-130; 165). Simmel (1901: 129-130) schreibt hierzu:

Die Fähigkeit des Geldes, für jeden speziell bestimmten Wirtschaftswert einzutreten (…) trägt die Kontinuität der wirtschaftlichen Ereignisreihe. (…) Jede Konsumtion reißt zunächst eine Lücke in die Stetigkeit der wirtschaftlichen Linie und ihr Verhältnis zur Produktion ist zu wenig geregelt, zu sehr dem Zufall preisgegeben, um den Verlauf der Linie in Ununterbrochenheit zu halten. (…) Indem ich für den Gegenstand, den ich konsumieren will, Geld hingebe, füge ich dieses in die Lücke der Wertbewegung, die durch meine Konsumtion entsteht oder vielmehr entstehen würde. Die primitiven Formen des Besitzwechsels, der Raub und das Geschenk, lassen ihrer Idee nach diese Ergänzung der Kontinuität nicht zu, mit ihnen stockt jedesmal der, man möchte sagen: logische Zusammenhang in jener ideellen Linie der wirtschaftlichen Strömung. (…) Diese reale Stellung innerhalb der Wirtschaftsreihe kann es aber ersichtlich nur durch seine ideelle Stellung außerhalb ihrer gewinnen. (…) In die Relationen, in deren Gestalt sich die Kontinuität der Wirtschaft vollzieht, kann es mit absoluter Zulänglichkeit ergänzend und ersetzend nur eintreten, weil es, als konkreter Wert, nichts ist als die zu einer greifbaren Substanz verkörperte Relation der Wirtschaftswerte selbst.

Durch die Einbeziehung der Zeit (Baur 2005) in die Analyse verdeutlicht Simmel die Spannung zwischen Funktionswert und Substanzwert des Geldes, die Neoklassiker infolge ihrer ahistorischen Betrachtungsweise typischerweise übersehen: Außerhalb der Zeit ist das Geld wertlos, ein Symbol, eine reine Funktion. Innerhalb der Zeit ist das Geld wertvoll, weil es den Wert von einem Zeitpunkt zum nächsten übertragen muss.

Autor: Nina Baur

Prof. Dr. Nina Baur (März & April 2013) Professorin für Methoden der empirischen Sozialforschung am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin Arbeitsschwerpunkte: Methoden der qualitativen und quantitativen Sozialforschung, Marktsoziologie, Prozesssoziologie, Raumsoziologie

5 Gedanken zu „Was ist eigentlich Geld? Die Rolle des Finanzmarktes auf anderen Märkten“

  1. Simmel scheint sich stark bei Marx bedient zu haben. Leider identifizieren sie Marx mit der marxistisch-lenistischen Lesart des Basis-Überbautheorems und der Arbeitswertlehre. Marx kritisiert die Arbeitswertlehre jedoch mit dem Begriff des Warenfetisches. Er vertritt also keinesfalls eine objektive Werttheorie. Ich empfehle ihnen, doch nochmal in das Kapital zu schauen, grade die ersten Kapitel aus MEW 23 werden für sie aufschlussreich sein.

    Ihr persönliches Fazit erinnert dabei an die Erkenntnisse von Marx, leider ohne den Begriff des Kapitals. Sie kritisieren, das in der Finanzwirtschaft Geld zum Zweck wird. Dies ist nur halb richtig. Auch in der „Realwirtschaft“ wird Geld eingesetzt, um mehr Geld zu erhalten.

    Mittels des Begriffs des Kapitals würde ihnen aufgefallen sein, das es keinen Widerspruch zwischen Real- und Finanzwirtschaft gibt. In beiden dient Geld dazu, mehr Geld zu machen (G-G‘).

  2. Simmel scheint sich stark bei Marx bedient zu haben. Leider identifizieren sie Marx mit der marxistisch-lenistischen Lesart des Basis-Überbautheorems und der Arbeitswertlehre. Marx kritisiert die Arbeitswertlehre jedoch mit dem Begriff des Warenfetisches. Er vertritt also keinesfalls eine objektive Werttheorie. Ich empfehle ihnen, doch nochmal in das Kapital zu schauen, grade die ersten Kapitel aus MEW 23 werden für sie aufschlussreich sein.Ihr persönliches Fazit erinnert dabei an die Erkenntnisse von Marx, leider ohne den Begriff des Kapitals. Sie kritisieren, das in der Finanzwirtschaft Geld zum Zweck wird. Dies ist nur halb richtig. Auch in der „Realwirtschaft“ wird Geld eingesetzt, um mehr Geld zu erhalten:

    „Die einfache Warenzirkulation – der Verkauf für den Kauf – dient zum Mittel für einen außerhalb der Zirkulation liegenden Endzweck, die Aneignung von Gebrauchswerten, die Befriedigung von Bedürfnissen. Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist dagegen Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos. MEW 23, S. 167“

    Mittels des Begriffs des Kapitals würde ihnen aufgefallen sein, das es keinen Widerspruch zwischen Real- und Finanzwirtschaft gibt. In beiden dient Geld dazu, mehr Geld zu machen (G-G‘)

  3. „Man sollte alles so einfach wie möglich sehen – aber auch nicht einfacher.“

    Albert Einstein

    Der folgende Text des Freiwirtschaftlers Hermann Bartels ist wie kein zweiter geeignet, die Funktion des Geldes als in einer arbeitsteiligen Wirtschaft unverzichtbares, gesetzliches Zwischentauschmittel allgemeinverständlich und wissenschaftlich korrekt zu erklären. Ich habe den Text vollständig überarbeitet, auf das Wesentliche gekürzt und dabei einige Formulierungen geändert und kleinere Fehler korrigiert, um Missverständnisse auszuschließen. Lediglich an staatlichen Hochschulen indoktrinierte „Wirtschaftsexperten“ sowie vom kollektiv Unbewussten gewählte „Spitzenpolitiker“ (Vorurteilsträger) können auf gewisse Verständnisschwierigkeiten stoßen:

    Geldtheorie

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