Akademische Sprachspiele

Da flattern sie mir dieser Tage wieder auf den Schreibtisch, diese Broschüren, Qualitätszeitungsbeilagen, Projektreports, Pressemitteilungen, Jahresberichte. Und ich lese: wer die Schlüsselbereiche der Forschung aktiv für die Zukunft mitgestaltet; wo jene herausragenden Forschungsleistungen stattfinden, die unser Land international konkurrenzfähig halten; wie weit man auf dem ambitionierten Ziel vorangekommen ist, in die Gruppe der europäischen „Innovation Leader“ aufzusteigen; dass Bildung der Beschäftigungsmotor Nummer eins und man deshalb bemüht sei, die Zukunftsfelder zu stärken; und wie großartig überhaupt alles vorangehe. Man könnte meinen, sich mitten in illusionärsten Aufklärungszeiten zu befinden; aber im 21. Jahrhundert ist das nicht so sehr eine Sache der Aufklärer als der Marketing-Abteilungen, und da fällt einem nicht die anstehende zivilisatorische und sittliche Vervollkommnung des Menschen ein, sondern eher die Waschmittelwerbung.

Es gehört zu den soziologischen Binsenweisheiten, dass sich die Welt nicht von selbst versteht, sondern der Interpretation bedarf. Wir brauchen Worte, Zeichen, Symbole, sie werden in „Diskursen“ geprägt, und daraus formen sich „Bilder“ von der Welt, keine beliebigen, aber doch ein bisschen „konstruierte“. Das gilt auch für unseren Nahbereich, die Universität. Das Vokabular, in dem über Hochschulen gesprochen wird, ist jüngsthin ein anderes geworden[1], und die Sprache bleibt auf Dauer nicht folgenlos für die Wirklichkeit. Schritt für Schritt verändern sich dann die Phänomene selbst – ohne in einen übertriebenen Konstruktivismus zu verfallen. Wenn sich die Sprachspiele so umfassend ändern, dann werden die Institutionen genötigt, ihre Selbstdarstellung zu modifizieren. Eine (mit finanziellen Folgen) zum engagierten „Selbst-Marketing“ aufgerufene Universität muss sich den Spielregeln der Kommunikationsgesellschaft – Aufmerksamkeit, Übertreibung, Sensation, Nützlichkeit –beugen, und damit wandeln sich die Institution und ihre Kultur der Gewinnung, Tradierung und Bewahrung von Wissen und Kompetenzen.

Wie also schaut der „neue Diskurs“ aus? Ein paar der auf den Schreibtisch flatternden Materialien genügen für eine erste Sichtung der „Phrasen“, die zum Kernbestand einer akademischen Selbstbeschreibung in der spätmodernen Gesellschaft gehören, und man kann das Vokabular in einigen Clustern ordnen.[2] Sein Einsatz ist eine Art von Ritualismus, der allerdings unvermeidbar ist, wenn man der Gefahr entgehen will, sich als Institution selbst zu schädigen oder „aus der Zeit zu fallen“. Es dient ja auch nicht der Vermittlung von Information, sondern der Erzeugung eines „Gefühls“, einer Stimmung, einer Perspektive. Wer dieses Vokabular verwendet, der ist auf der Höhe der Zeit. Wer dieses Vokabular nicht verwendet, der gehört einer vergangenen Epoche an und kann keine zukunftsträchtige Wissenschaft betreiben.

 

ExzellenzHochkarätigkeit, hochwertig, international renommiert, exzellent (Ausbildung, Ruf, Forschung, Experten, Lehrende), Spitzenklasse, beste Ausbildungsqualität, regelmäßige Spitzenpositionen in den Rankings, auf höchstem Niveau, führende Rolle, international anerkannt, internationales Renommee, Spitzenleistungen in Forschung und Lehre, enormes Potenzial, hohen Standard halten und ausbauen, klares Bekenntnis, bedeutender Platz im europäischen Hochschulraum, eine der führenden Hochschulen…
ZukunftFitness, zukunftsfähig, besondere Zukunftsperspektiven, zukunftsorientiert, zukunftsweisend, Zukunftsfähigkeit, Meilenstein, dynamisch, erfolgreiche Positionierung, Alleinstellungsmerkmal, Wissensvorsprung und -steigerung, am Puls der Zeit, Impulszentrum, Impulsgeber, Kompetenzvorsprung, Offenheit und Kooperation, Einbeziehung des Gleichstellungsaspektes in alle Planungen und Maßnahmen…
StärkenKernkompetenzen, Bündelung der Stärken, Stärkefelder, optimale Ressourcenallokation, effizienter Mitteleinsatz, moderne/ aktuelle Anforderungen, Methoden- und Sozialkompetenz, menschennah, breites Basiswissen, herausragend, ergebnisorientiert, anwendungsorientiert, leistungsstark, Vielfalt und Breite…
LehreTop-ausgestattet, in einzigartiger Weise, Sozialkompetenz, zeitgemäß und funktionell, serviceorientiert, so macht Studieren Spaß, Zukunft aktiv gestalten, kleine Gruppen, beste Betreuung, konsequente Qualitätssicherung, Evaluierung, auf höchstem Niveau, letzter Stand von Wissenschaft und Praxis, Potenziale ausschöpfen, modulares Konzept…
InterdisziplinaritätGanzheitliche Orientierung, umfassend, interdisziplinäre Verknüpfung, interdisziplinäre Handlungskompetenz, transdisziplinär, multiperspektiv, breit gefächertes Angebot, Themenschwerpunkte, Nachhaltigkeit, nachhaltige akademische und soziale Werte…
InnovationInnovativ, Innovationskraft, Innovationssystem, lifelong learning, ständige Weiterbildung, Wissen auf den letzten Stand bringen, neuesten Stand der Technik vermitteln, im Einklang mit der Nachhaltigkeit und den Bedürfnissen der Gesellschaft, Dynamik steigern, Humanpotenziale optimal ausschöpfen,  „Innovation Leader“…
VernetzungKooperation mit anderen Universitäten, Hochschulen, Instituten, Ländern, Unternehmen; Kompetenzzentrum, Stakeholder der Universität, Zusammenarbeit, lebendiger Austausch von Wissenschaft und Öffentlichkeit, wechselseitiger Dialog, Vernetzung, breites Netzwerk…
PraxisbezugUnternehmerische Hochschule, Praxisorientierung, praxisnah, praxisadäquat, Praxis mit universitärem Wissen verknüpfen, durchgängiger Praxisbezug, erfolgversprechend, Verknüpfung von technischem Wissen mit wirtschaftlichem Know-how, entlang der Wertschöpfungskette, an der Schnittstelle von Wirtschaft und Technik, Case Studies, praxisorientiert und forschungsgeleitet, Lösung konkreter und komplexer Aufgabenstellungen, permanenter Wissenstransfer, maßgeschneiderte Förderpolitik…
InternationalitätInternationalität, globaler Wettbewerb, interkulturelles Management, Interkulturalität leben, Mobilität, europäischer Hochschulraum, für regionalen Bedarf und internationale Zielgruppen, internationale Forschungskooperationen, verstärkte Internationalisierung, internationale Sichtbarkeit, international ausgerichtete Informationsdrehscheibe, international beispielgebend…
KarriereEmployability, beste Berufschancen in den verschiedensten Einsatzfeldern, viele Absolventen in der Führungsebene, exzellente Berufsaussichten, tolle Jobchancen, fundiertes Managementwissen, Wissen aus erster Hand, Zukunftssicherheit, international anerkannte Ausbildung, am Puls der Zeit, für Führungskräfte von morgen, es stehen vielfältige Karrieren im Management offen…
Standort-KonkurrenzKonkurrenzfähigkeit, weltweit anerkannte Experten, hervorragende Persönlichkeiten, Netzwerke und Kontakte, Diskussion mit Führungskräften aus der Wirtschaft, beeindruckender Aufholprozess, neue Herausforderungen, Spitzentechnologie, Zukunftsfelder und Nischen besetzen, positionieren, treibende Kraft für den Wirtschaftsstandort…
GovernanceZiel- und Leistungsvereinbarungen, Benchmarking, Best practice, Ranking, Evaluierung, Controlling, Durchlässigkeit, Qualitätskontrolle, Transparenz, Effizienz, Flexibilität, transparente Entscheidungsstrukturen, Hebelwirkung, Planungssicherheit, strategische und operative Ziele…

 

Soweit einige Fundstücke: Das Vokabular ist nicht spezifisch für irgendeine Institution, es kann daher universell eingesetzt werden; ein großer Teil davon eignet sich auch für Forschungsprojektanträge. Man kann sich aus der weitgehend betriebswirtschaftlich geprägten Liste bedienen, wenn man einschlägige Forschungsprosa zu verfassen hat. Es empfiehlt sich, die Worte in loser Folge über den Text zu streuen. Natürlich haben solche Beschreibungen, die man in Anbetracht ihrer unermüdlichen Wiederholung früher einmal als „restringierten Code“ bezeichnet hätte, mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun. Schließlich ist es jede kleine, in einer Entfernung von 50 Kilometern bereits weitgehend unbekannte provinzielle Einrichtung, die sich ihrer internationalen Reputation rühmt. Aber das gehört zur „X wäscht weißer“-Logik, interessanter sind einige weitere Charakteristika.

(1)   Selbstlob: Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte eine solche Terminologie in ihrer Anwendung auf die Universität Unbehagen oder Entrüstung ausgelöst. Es wäre schlicht als „unfein“ betrachtet worden (ganz abgesehen von der üblichen Untergang-des-Abendlandes-Rhetorik). WissenschaftlerInnen waren immer eitel, sie leben ja auch in einer recht abstrakten Welt mit meist immateriellen Belobigungen; aber die unverhohlene Selbstanpreisung als „Weltkapazität“ wäre seinerzeit als peinlich empfunden worden. Mittlerweile ist klar: Das gehört zum Geschäft. Da hat sich im „Selbstgefühl“ der AkteurInnen etwas verändert.

(2)   Profilierung: Während der Trend zur Hierarchisierung der Hochschullandschaft geht, mit unterdotierten Massenuniversitäten zur Versorgung des größeren Teils einer Alterskohorte und Exzellenz-Einrichtungen für die „oberen“ Etagen von Lehre und Forschung, entwickelt sich gegenläufig eine einheitliche Terminologie, mithilfe derer sich alle alles zuschreiben müssen, wenn sie nicht gänzlich aus dem Spiel fallen wollen. Allerdings steigt dabei die systemische Bluff-Dosierung.

(3)   Statistik: Für politische Akteure signalisiert die allgegenwärtige Exzellenz-Semantik das Gelingen des Durchbruchs zur Wissensgesellschaft; allzu verführerisch ist es, Sprache und Wirklichkeit zu verwechseln. Der sprachlich produzierte Illusionismus wird nicht zuletzt getragen vom Interesse an einer empirisch nachweisbaren und emotionell abgestützten Bildungsfiktion – einer Bildungsstatistik, die über einige Zeit  von wissenschaftlich-kulturellen Ressourcen zehren kann, die sie zur gleichen Zeit aufbraucht.

(4)   Governance: Es handelt sich beim Wandel des Vokabulars nicht um einen plötzlichen, rätselhaften Schub in Bewusstseins- und Sprachhaushalt der akademischen Funktionäre, die akademischen Institutionen stehen vielmehr durch neue Governance-Mechanismen unter dem Druck, zum Zwecke der Selbstbehauptung ihre Selbstdarstellung auf erfolgversprechende Weise zu modifizieren. Die Wahrnehmungsverschiebung wird über den Verlauf von Jahren – im Wechselspiel von Regelsetzung und Verhalten, mit Zuckerbrot und Peitsche – bewerkstelligt.

Wenn sich keiner mehr vor einem solchen sprachlichen Ritualismus schreckt, könnte man dies freilich auch als Indikator für die bereits weit gediehene Bildungsferne des Hochschulsystems ansehen.


[1] Die Anforderungen an akademische Einrichtungen, wie sie in den gegenwärtigen Diskursen über die Universität formuliert werden, sind andere als noch vor drei oder vier Dekaden. (1) Die herkömmliche Kategorie der „Bildung“ ist ein hohler Begriff geworden, der mit unterschiedlichen Inhalten befüllt werden kann; und die Inhalte, die gewöhnlich damit verbunden werden, haben sich verändert vom herkömmlichen „Kanon“, der das eingeschlossen hat, „was man wissen muss“, zur Lebensdienlichbarkeit handfester Qualifizierungen. (2) Damals gab es auch noch einen Nachklang von umfassenden Bildungsvorstellungen, wie sie im Großbürgertum entwickelt worden waren und sich bis in die Arbeiterbildung vorgearbeitet haben: die Idee einer wohlproportionierlichen Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit in allen ihren Dimensionen; davon sind gerade noch die social skills übrig geblieben. (3) Und erst die politische Dimension: Es gab Zeiten, da wurden allseitige Informiertheit und Urteilskraft als Voraussetzung einer demokratischen Ordnung angesehen; auch das klingt, als käme es aus fernen Zeiten, und so ist es ja auch.

[2] Es ist selbstverständlich, dass ich mit dieser Vorgangsweise kein repräsentatives empirisches Verfahren anwende, zumal ich in den Texten die auffallenden Begriffe und Redewendungen suche, welche die semantische Innovation der Selbstbeschreibungen in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten darstellen. Allerdings unterstelle ich, dass die Leserinnen und Leser einen breit angelegten Erfahrungshintergrund haben, aufgrund dessen sie das skizzierte Wortgeklingel aus der alltäglichen Praxis wiedererkennen. Das empirische Material, aus dem ich mich zur Illustration des entsprechenden Diskurses bediene, sind: Wissenschaftsbeilagen (unterschiedlicher Art) bei Qualitätszeitungen, Jahresberichte von diversen Forschungsfonds, Projektberichte, Reports von administrativen Einheiten innerhalb der Universität und bei den Ministerien sowie von nationalen Körperschaften, die im Bereich der Wissenschaft tätig sind, Berichte und Zeitschriften von außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Prospekte und Homepages von Hochschulen und dergleichen. Siehe dazu meinen Artikel in der FS für Wolf Rauch: Informationswissenschaft, hg. von Otto Petrovic u.a. 2012.

Ein Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Prisching,

    Ihre bisherigen Beiträge habe ich mit Genuss gelesen, und insbesondere diesen. Was Sie hier beschreiben, beobachte ich seit rund zehn Jahren, und zwar mit gemischten Gefühlen: anfangs oft mit Empörung (zum Beispiel beim Lesen wissenschaftlicher Stellenausschreibungen), mittlerweile kopfschüttelnd und sarkastisch über die heiße Luft solcher Worthülsomanie lästernd. Leider auch immer wieder mit Zorn und Fassungslosigkeit, insbesondere wenn ich die Entwicklung unseres deutschen (vielleicht auch europäischen? Dazu versteige ich mich jetzt nicht) Bildungssystems angucke. Nicht nur über meinem 22-jährigen Sohn, der gerade “ganz normal” studiert, sondern auch über Kontakte zum sogenannten “Wissenschaftsbetrieb” kriege ich eine Menge davon mit, wie es tatsächlich läuft – und es läuft exakt so, wie Sie es beschreiben! Ich wollte heute nicht mehr studieren – oder gar an der Universität arbeiten; Letzteres – das habe ich schon vor vielen Jahren realistisch erkannt – kommt einem Sprung ins Haifischbecken gleich :-) Von den vielen anderen Unsäglichkeiten vor allem für das wissenschaftliche Fußvolk will ich gar nicht reden.

    Vielen Dank für diesen Beitrag, ich las ihn mit einem genugtuenden Schmunzeln.

    Viele Grüße nach Graz

    Gabriele Gerstmeier, Würzburg

    PS: Sie haben einen bemerkenswerten Header auf Ihrer Website …

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