Archiv für Soziologie

„Race“-Kategorien re/visited

Ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Sie melden sich zu einer Fortbildung an und füllen ein Formular aus. Sie machen Angaben zu Ihrem Namen, Geschlecht, Alter, Ausbildung, Rasse, Beruf, … ups – wie bitte, zu was? Zu meiner „Rasse“?? Während die anderen aufgeführten Kategorien Ihnen evtl. nicht unproblematisch erscheinen, so finden sie doch im deutschen Sprachraum allgemein Verwendung – sowohl im Alltagsleben als auch in Statistik und Wissenschaft. „Race“-Kategorien sind dagegen höchst unüblich und werden in Deutschland seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr verwendet. In Südafrika dagegen schon – und das o.g. Gedankenexperiment basiert auf einem realen Formular (siehe Foto), das ich in meinen Konferenzunterlagen fand, als ich Anfang Juli (wie in meinem letzten Blogeintrag beschrieben), eine internationale HIV-Konferenz in Stellenbosch besuchte (der rote Kreis hebt die Antwortmöglichkeiten zu „Race“ auf dem Formular hervor: „Black“, „Asian“, „Coloured“, „White“).

registration form fpd südafrika

Registration Form FPD School of Health Sciences (short course in medical ethics)

Auf der Konferenz hielt Jonathan Jansen eine Eröffnungsrede über Rassismus und den Stellenwert der „race“-Kategorien im heutigen Südafrika. Jansen ist Präsident des South African Institute of Race Relations und Vizekanzler und Rektor der Free State Universität. Er sprach über die vier Kategorien, die üblicherweise gebraucht werden (in seinen Worten: „African“, „White“, „Coloured“, „Indian“) und legte anschaulich dar, wie stark diese Kategorien nicht nur die amtliche Statistik, Politik und Wissenschaft, sondern auch das Alltagshandeln prägen: „Unless South Africans can put you in one of these boxes, they don’t know how to behave towards you.“

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Internationale, qualitative HIV-Forschung

ASSHH Programme

Vom 6.-9. Juli 2015 fand in Stellenbosch, Südafrika, eine internationale Konferenz zu sozialwissenschaftlicher HIV-Forschung statt („Rhetoric and Reality“). Die Konferenz wurde von ASSHH (Association for the Social Sciences and Humanities in HIV) veranstaltet und fand in dem Tagungszentrum des Stellenbosch Institute for Advanced Study (STIAS) statt. Ich hatte bereits an der letzten ASSHH-Konferenz vor zwei Jahren in Paris teilgenommen und war nun das erste Mal in meinem Leben in Südafrika.

Das Besondere an ASSHH-Konferenzen (im Unterschied zu anderen internationalen HIV-Konferenzen) besteht in dem Fokus auf dezidiert sozialwissenschaftlichen Zugängen zur HIV-Forschung, die kritisch und theoretisch informiert sind und methodologische Ansätze beinhalten, die in klinisch-biomedizinisch dominierten Kontexten oft nur wenig Beachtung finden. Viele der vorgestellten empirischen Studien basieren auf qualitativer Forschung, Mixed-Method-Designs und partizipativer Forschung; Theoriebezüge werden zu einem breiten Spektrum von Ansätzen und Disziplinen hergestellt (v.a. Anthropologie, Cultural Studies, Gender Studies, Literaturwissenschaft, Postcolonial Studies, (Sozial-)Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaften). Weiterlesen

Bloggen in der Sommerpause

Social Media sind ein ‚mixed bag‘: sie eröffnen faszinierende Möglichkeiten für Austausch, Information, Vernetzung und Forschung und sind doch auch etwas unheimlich, da sie Momente des Ungewissen und Unkontrollierbaren einschließen und starke Dynamiken entfalten (können). Ich bin gespannt auf die Erfahrung, hier zu bloggen. In den kommenden Wochen werde ich insbesondere über Konferenzbesuche schreiben, z.B. über eine sozialwissenschaftliche HIV-Konferenz in Südafrika, das Berliner Methoden-Treffen und die ESA-Konferenz in Prag. Dabei greife ich einzelne Aspekte heraus, die mir vor dem Hintergrund meiner eigenen Forschung besonders relevant erscheinen. Es wird also um qualitative Forschung gehen, um die Auseinandersetzung mit „race“ und Ethnizitäts-Kategorien und um Fragen der Forschungsethik. Ich möchte zudem darauf hinweisen, dass es eine kleine Pause geben wird, da ich vom 28.7. – 13.8. nicht online bin. Ich freue mich auf Ihre Kommentare…

Entgrenzung – Blurring boundaries – Filter Bubble | Exit?

Die Überschrift verrät es schon: Das ist der Plot, den wir bisher verfolgt haben. Wir wollen ihn nun, nach dem Thema „Filter Bubbles“ (vorerst) abschließen. Denn in unserem letzten Beitrag auf diesem Blog wollen wir uns mit einem Thema befassen, das man pointiert auf die Formel der „Begrenzung der Entgrenzung“ bringen kann. Unsere bisherigen Posts drehten sich in der einen oder anderen Weise um verschwimmende Grenzen – in räumlicher, sozialer und zeitlicher Hinsicht, um ein Verschwimmen, das in den letzten Jahren immer wieder mit dem so genannten jüngeren Medienwandel in Verbindung gebracht wird.

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„The Filter Bubble is your own damn fault, says Facebook”

Wer sich mit Phänomenen im und um das Internet beschäftigt wird sich die Frage wohl schon häufig gestellt haben: „Wie kam ich jetzt hierher?“. Spätestens nach einer Nacht, in der man selbst in die Spirale der Click-Through-Rate von Wikipedia-Links geät, gerne auch als App und Wettkampf unter Freunden, sieht das gerne mal so aus. Wir alle wissen und nutzen die Anziehungskraft dieser sog. ‚hypermedialen Umgebungen‘, die aufgrund einfacher Zugänge und einer scheinbar unendlichen Fülle an Daten versprechen, ein ‚Paradies‘ für Sozialwissenschaftlerinnen zu sein: ob für die Erstellung von Umfragen, für Experimente, oder für den Feldeinstieg: datengenerierende Plattformen spielen zunehmend eine Rolle. Wir möchten diesen Blogbeitrag nutzen, um auch hierbei an die Diskussion anzuschließen, die Prof. Dr. Eva Barlösius bereits in ihren Posts zu „Soziologie begegnet Informatik“ und „Das Web und die Soziologie“ andeutete.

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Der Nutzer als Mitentwickler – „Ja, wo laufen sie denn?“

Wir hatten in unserem vorletzten Beitrag bereits Bezug auf Infrastrukturen genommen und angedeutet, dass mit sozialen, zeitlichen und räumlichen Entgrenzungen durchaus Begrenzungen einhergehen. In unserem heutigen Beitrag wollen wir uns mit einer Debatte befassen, die an der Schnittstelle von Cultural Studies und STS angesiedelt ist (siehe bereits Mackay and Gillespie) und unter verschiedenen Labeln und Teildisziplinen mal aus einer technologisch-ökonomischen Perspektive als „Web 2.0“, mal aus einer noch stärker die Nutzenden in den Blick rückenden Perspektive als „participatory culture“ und letztlich auch aus einer Innovations-Genese Perspektive als „democratizing innovation“ diskutiert wird. Im Anschluss daran stellt sich für uns dann die Frage, welche Voraussetzungen an Beteiligung (sowohl hinsichtlich der technologischen Infrastruktur als auch in der Medienarchitektur) bzw. an gestalterischen Eigenleistungen von Userinnen und Usern damit eigentlich impliziert sind?

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SozBlog is blurring boundaries

Inspiriert durch den letzten Kommentar, den wir mit unserem Blogbeitrag „Ungewollte Garfinkeliaden“ erhalten haben, möchten wir an dieser Stelle zwischenzeitig einen kleinen Beitrag einschieben, der sich mit dem Spannungsfeld von Wissenschaft und Popularisierung auseinandersetzt. In unserem Beitrag ging es darum, am Beispiel unseres Umzugs zu zeigen, dass vormalige Selbstverständlichkeiten mit einem solchen Ereignis brechen und im Zuge dessen für Irritationen sorgen. Der besagte Kommentar drehte sich für uns um die spannende Frage, was eigentlich das Feuilletonschreiben vom „Soziologisieren“ (Scheffer und Schmidt 2013, S. 256) unterscheidet. Für uns stellt sich damit die Frage, wie scharf die (SozBlog-)Grenzen für die Darstellung bestimmter Inhalte gezogen werden können. Hierfür unterscheiden wir soziologische Forschung, soziologisch informierte und soziologisch gehaltvolle Inhalte.

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Ungewollte Garfinkeliaden

Ein Umzug bringt Vieles mit sich, vor allem aber drängt sich mit ihm eindrucksvoll auf, was eigentlich alles passiert, wenn stillschweigende Vorannahmen und Gewohnheiten plötzlich nicht mehr greifen, wenn eben der „cake of custom“ – wie Robert E. Park das nannte –  bricht. Nun weiß man bzw. hat so seine vagen Vorahnungen, dass sich ein solcher Wechsel, gerade in ein anderes Land, nicht ohne den einen oder anderen Stolperstein gestalten lässt. Aus dieser verzwickten Situation einer bruchstückhaften Antizipation weist die Vorkehrung: Vermutlich kein Umzügler bricht völlig unvorbereitet, und ohne sich durch allerlei Vorbereitungen zu wappnen, auf zu neuen Orten. Uns – im terminus technicus übrigens: „Auslanddeutsche“ – zum Beispiel beschäftigt anhaltend unser so lieb gewonnenes ‚Bündel‘ medientechnischer Gerätschaften, die uns in unserem Alltag über Jahre hinweg so selbstverständlich geworden sind.

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#NoPressure

Pünktlich zum Wochenbeginn ist es nun soweit – unser erster Eintrag quasi als heads-up steht in den Startlöchern. Kaum ausgewandert, werden wir, namentlich Tilo Grenz und Heiko Kirschner, versuchen, ihnen und euch Einblicke in das schöne Wien und unseren universitären Alltag zu gewähren. Der rote Faden, der uns vorschwebt und zum Teil durch das Programm führen soll, zieht sich entlang unserer bisherigen Erfahrungen im Umgang mit Organisationen („Passierschein A38 anyone?„) sowie Beobachtungen in der Stadt und dem universitären Umfeld.

Wir freuen uns schon sehr, ihnen und euch in den nächsten zwei Monaten ein hoffentlich anregendes Programm bieten zu können (#NoPressure) und hoffen, sie alle mit unseren Texten in unseren Bann ziehen zu können.

Obligatory Hypno Cat:

HypnoCat

 

Fuzzy denken!

In meinem ersten Beitrag wurde gefordert, dass die Gesellschaft mehr Soziologie wagen sollte. Der zweite Beitrag richtete sich an die Soziologie, mehr und gezielter Komplexität aufzunehmen.

Jetzt möchte ich Gesellschaft und Soziologie adressieren und beide auffordern, fuzzy-logisch zu denken. Damit ist gemeint, die Welt nicht nur in sich ausschließenden Gegensatzpaaren zu beobachten, sondern die Möglichkeit zu berücksichtigen, dass etwas sachlich und sozial zugleich seinem Gegenteil entsprechen kann. Buddha statt Aristoteles – oder wie es Ulrich Beck genannt hat: inklusives statt exklusives Unterscheiden.

Warum sollte man dies tun? Becks Antwort wäre, der ich mich anschließe: weil die Welt mittels Dichotomien oftmals nicht mehr angemessen erfasst wird. Wer etwa den transnationalen Terrorismus vom Typ Al-Qaida mit einfachen Unterscheidungen á la Freund vs. Feind oder „McWorld vs Jihad“ (B. Barber) zu erfassen versucht, der denkt an dem Phänomen vorbei. Und wird folglich Schwierigkeiten bekommen, Lösungen für derartige Probleme zu finden.

Wichtig ist mir, sowohl der Gesellschaft als auch der Soziologie einen solchen fuzzy-logischen Blick beizubringen. Die Gesellschaft würde auf diese Weise bestimmte Grausamkeiten vermeiden können, welche entstehen, wenn sie sich für die Reinheit ihrer dichotomen Unterscheidungen meint einsetzen zu müssen. An einem konkreten Beispiel: Wenn man Männer dichotom von Frauen unterscheidet, dann muss der auf Reinhaltung dieser bipolaren Unterscheidung bedachte Mensch jegliche „Zwischenstufen“ eliminieren. Noch konkreter: Intersexuelle Kinder werden dann einer chirurgischen Anpassung unterzogen mit jenen schlimmen Folgen, auf die der Ethikrat der Bundesrepublik 2012 aufmerksam gemacht hat. Ein fuzzy-logischer Blick könnte die nahezu unendlichen graduellen Zugehörigkeiten zu den beiden Seiten der Unterscheidung bis zu dem Punkt wahrnehmen und akzeptieren, an dem „Mann“ zugleich „Frau“ ist – ohne Zwang der Reinigung dieser Unterscheidung.

Die Soziologie (besonders die Soziologische Theorie) tut sich schwer mit der Anerkennung einer solchen Anschauung (die übrigens dem „methodologischen Kosmopolitismus“ von Beck entspricht). Sie hat sich – von Rational-Choice bis zur luhmannschen Systemtheorie – in vielen Variationen einem soziologischen Manichäismus verschrieben. Ein Glaubensbekenntnis, das oftmals dazu führt, dass die Kollegen und Kolleginnen überhaupt nicht verstehen, wovon die Rede ist, weil blinde Flecken so schwierig aufzudecken sind – und man an dem eigenen Glauben nur ungern kratzen lässt.

Meine Welt jedenfalls ist fuzzy und nur manchmal, in Ausnahmesituationen, erachte ich die Anwendung von Zweiwertigkeiten für sinnvoll. Fahre ich auf ein Hindernis mit hoher Geschwindigkeit zu, dann weiche ich links oder rechts aus und mache mir über Zwischenstufen besser keine Gedanken. Glücklicherweise sind solche Situationen selten.

Die Fuzzy-Logik kann dies ebenfalls abbilden, die 0 und 1 genauso wie die Zahlen dazwischen. Das Sowohl-als-Auch umfasst eben sowohl das zweiwertige Entweder-Oder als auch das fuzzige Sowohl-als-Auch. Fuzzy-logisches Denken ist selbstreferentiell – nach Luhmann ein Ausweis guter Theorie.

http://www.ethikrat.org/intersexualitaet

Zu komplex!

Ich hatte in meinem ersten Beitrag „mehr Soziologie“ gefordert, ein Kommentar auf Twitter dazu lautete: „Mehr Soziologie wagen!“ – so schön hätte ich es auch gerne ausgedrückt. An dem Fall Edathy hatte ich zu zeigen versucht, dass die Soziologie zur gesellschaftlichen Abklärung beitragen kann. Und sie sollte es auch tun!

Aus den Kommentaren habe ich die Hinweise entnommen, dass die Soziologie sich erstens auch um ihr wissenschaftstheoretisches Fundament bemühen sollte. Mein Eindruck ist, dass das geschieht und dass dies aber nichts ist, was als PR-Maßnahme besonders geeignet ist. Kurz: Das sind öffentlich schwierig vermittelbare wissenschaftliche Diskurse, die man auch besser zunächst in der Wissenschaft belässt.

Ein zweiter Hinweis ist, dass die Soziologie sich sachkundig machen muss, wenn sie über etwas spricht. Sofern sie dabei mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten kann, müssen sich die beteiligten Soziologen selbstverständlich nicht, um bei dem von den Kommentatoren diskutierten Beispiel zu bleiben, ebenfalls zu einem Technikexperten machen. Hier darf man durchaus auf Arbeitsteilung setzen, die Vorteile der Arbeitsteilung sind schließlich die Kehrseite der Polyoptik.

Ich möchte nun behaupten, dass die Soziologie allerdings manchmal zu wenig über diesen Tellerrand schaut und sich interdisziplinär aufklären lässt. „Manchmal“ bedeutet: Die Soziologie nutzt die Erkenntnisse anderer Disziplinen durchaus produktiv. So hat die Soziologische Theorie immer schon andere Disziplinen zur Theorieentwicklung herangezogen, sei es das Modell des Homo Oeconomicus, sei es die Kybernetik, die Zellbiologie usw. Diese Transfers werden innerhalb der Soziologie wiederum kritisch begutachtet – gut so.

Manchmal werden allerdings Begriffe unterspezifiziert verwendet und sorglos übernommen. Auch dies könnte ein Grund sein, weshalb die Soziologie aktuell in der Öffentlichkeit auf erstaunlich wenig wohlwollende Resonanz trifft, denn ein Begriff wie „Komplexität“ erklärt für sich zunächst einmal sehr wenig. Um diesen Begriff soll es hier exemplarisch gehen.

In der Soziologie ist es durchaus üblich, Komplexität als Startpunkt der Erforschung gesellschaftlicher Phänomene zu markieren. Komplexität ist z.B. die Problemausgangslage, die nicht nur Luhmann zur Entwicklung seiner Systemtheorie, sondern das gesamte systemische Denken motivierte. Der soziologische Anschluss an Elemente der Komplexitätsforschung wundert auch gar nicht, da die Komplexitätsforschung dem eigenen Anspruch nach auf die Erklärung der Entstehung, Stabilisierung und Wandel komplexer Ordnungen ausgerichtet ist – und nichts anderes möchte die Soziologie ebenfalls erklären, mit dem Zusatz, dass es um soziale Ordnungen geht.

Wenn man nun aber von Komplexität spricht, dann muss man auch ausführen, worum es geht. Dirk Helbing etwa unterscheidet strukturelle, dynamische, funktionale und algorithmische Komplexität. Ich picke mal die dynamische Komplexität raus, bei der sich ein System durch nicht-periodische Wandlungen, deterministisches Chaos und pfadabhängiges Verhalten auszeichnet und die Elemente des Systems sich gerne auch mal wechselseitig aneinander anpassend fortentwickeln. Und dann kann es im Ergebnis zu der allseits bekannten „Sensibilität gegenüber den Anfangsbedingungen“ und dem „Schmetterlingseffekt“ kommen: kleines Ereignis, große Wirkung.

Es genügt also nicht, einfach auf eine mögliche Komplexität im Sinne eines „Das ist komplex“ hinzuweisen, sondern man muss im Einzelfall zumindest versuchen zu zeigen, dass jene Strukturen und Elemente auch vorliegen, die komplexes Systemverhalten überhaupt erlauben. Ich vermute, dass die Soziologie zwar kaum eine Chance hat, sich an formalen Nachweisen bestimmter Strukturen zu beteiligen, aber dennoch hilfreich ist in der Beschreibung der empirisch jeweils vorliegenden Struktur. Zu dem ersten Blog-Beitrag wurde in den Kommentaren ja mit Hinblick auf neue technologische Möglichkeiten z.B. angedeutet, dass für „Atomkraftwerke“ eben nicht zwingend gelten müsste, was Charles Perrow einst als Fazit formulierte: „Selbst das Auswechseln von Glühbirnen bringt bei diesen hoch entwickelten, komplexen Systemen [gemeint sind Kernkraftwerke, T.K.] Gefahren mit sich.“ Ganz im Sinne der genannten Arbeitsteilung unterstellt, dass es richtig ist und viel bessere Techniken vorliegen, könnte die Soziologie an dieser Stelle ergänzend darauf hinweisen, dass die Entwicklung wie die Anwendung von Technik immer sozial eingebettet ist und solche Dinge wie politische Entscheidungsfindung, Legitimität, Gedächtnis, Antizipation, Erwartungen, Kommunikation, individuelle Intentionen, Kultur, Interpretationen, Strategien, Emotionen etc. mitwirken – eventuell zu einem Grade, mit dem auch die sicherste Technik ausgehebelt wird. Es könnten diese Elemente sein, die in ihrer Wechselwirkung ein System „komplex“ werden lassen, so dass z.B. eine kleine politische Entscheidung letztlich dann doch zu einem Unfall führt.

In einem: Wenn die Soziologie von „Komplexität“ spricht, muss sie genauer werden und sagen, welche Komplexität sie meint. Wenn sie das Vorliegen von Komplexität behauptet, muss sie sich daran beteiligen zu zeigen, dass dies der Fall ist. Ansonsten verwendet sie nur inflationär ein Schlagwort, um Zustände zu beschreiben, die gefühlt sowieso alle kennen. Soziologen konkurrieren dann in der Beschreibung der komplexen Gegenwart mit Journalisten oder Schriftstellern – und da sehen sie vermutlich oft genug im Vergleich eher schlecht aus.

Ein letztes Wort in eigener Sache: Ich bin bereit, alles zu diskutieren und auf alles zu reagieren. Es ist ja eine wunderbare Chance für mich, produktiv irritiert zu werden. Zudem gehe ich hier bewusst das Risiko ein, ungeschützt und dennoch ein bisschen provokativ zu versuchen, Diskussionen in Gang zu setzen. Allerdings wird kein Kommentar mehr von mir seit heute zugelassen, der nicht in der Lage ist, den etwa bei soziologischen Fachtagungen oder auch sonst üblichen Umgangston zu respektieren und anzunehmen. Bewertungen von Personen etwa sollen hier keine Rolle spielen. Der Grund für diese Maßnahmen ist weniger, dass ich mich persönlich besonders betroffen fühlen würde, als dass diese Art des Kommentierens verhindert, dass sich noch weitere Personen beteiligen.

Zu wenig Soziologie?

Eigentlich wollte ich hier etwas ganz anderes schreiben. Es sollte erst das Thema „Komplexität“, dann „Terror“ und dann (selbstverständlich) „Fuzzy-Logik“ behandelt werden. Dann aber habe ich mich zweimal geärgert: Das erste Mal nach einer Veranstaltung im Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen nach einem Vortrag von Herfried Münkler. Schöner Vortrag! Danach gesellte sich an den Schnittchenstehtisch ein mir bis heute unbekannter Mensch zu uns und fragte zunächst, ob mein von mir sehr geschätzter Gesprächspartner (Prof. Dr. El-Mafaalani) und ich auch Promovenden am KWI seien. Darüber müsste man sich nicht gleich ärgern, sondern könnte das unserem jugendlichen Antlitz zuschreiben und als Kompliment verstehen. Ich fürchte nur, so war es nicht gemeint. Denn wir hatten uns zuvor bereits als Soziologen „geoutet“ – und wenn die dann auch noch lange Haare haben…. Da haben wohl alle Vorurteile direkt getriggert. So ging es direkt dann auch (sinngemäß) weiter mit der Frage, wieso die Soziologie denn der Gesellschaft nichts mehr zu sagen habe und eigentlich sei deren Wissenschaftlichkeit ja in Frage zu stellen, wenn dieser gesellschaftliche Output nicht vorhanden sei. Nun ja, Rückzug, das Gespräch mit Aladin El-Mafaalani über die eigenen Forschungen zu Terrorismus und die Salafistenszene wurde vor der Tür fortgesetzt.

Tage danach hat mich die aktuelle Erkältungswelle erwischt und ich habe fiebrig im Bett liegend Gelegenheit gehabt, mich mehr im Internet auf Facebook, Twitter und diversen Blogs umzugucken. Die Behauptung, die Soziologie sei keine Wissenschaft und sie verdiene es, abgeschafft zu werden, scheint dort Konjunktur zu haben. Da kann man sich direkt wieder ärgern. Bekanntermaßen sind da exemplarisch die Gender Studies brutal in den Mittelpunkt gerückt (auf diese Diskussion möchte und werde ich hier nicht eingehen), aber die Soziologie in Gänze angegriffen worden.

Zweimal ärgern und nun blogge ich hier aus der Perspektive der Soziologischen Theorien, wohl wissend (gerade weil ich weiß), welch seriöse und gute Arbeit mit gesellschaftsrelevanter Reichweite die Kolleginnen und Kollegen in anderen Bereichen dieser Disziplin machen! Vielleicht nicht jede(r) einzelne, aber alle! Hier nun die Frage: Haben die Soziologischen Theorien der Gesellschaft nichts mehr zu sagen?

Oh doch, haben sie! Man beachte nur – das nächste Ärgernis – den „Fall Edathy“ und das, was es dazu an Argumenten und Einlassungen im Internet gibt (von empörten Vergleichen der 5000€, die Edathy zur Einstellung des Verfahrens zu zahlen hat mit zu den 540.000€, die der Fußballer Marco Reus für eine Strafe wegen Fahrens ohne Führerschein zahlen musste; über direkte „Schwanz ab“-Forderungen bis zu Anstiftungen zum Mord). Von der oft gepriesenen „Weisheit der Massen“ ist hier sehr wenig zu spüren, eher dieselbe Brutalität, von der oben schon die Rede war. Es scheint sich Nietzsches Vermutung aus „Menschliches, Allzumenschliches“ zu bestätigen: „Einer Erkenntnis zum Siege verhelfen heißt oft nur: sie so mit der Dummheit verschwistern, daß das Schwergewicht der letzteren auch den Sieg für die erstere erzwingt.“

Es mag sein, dass Diskussionen um das Frame-Selection-Model, die richtige Auslegung von Emergenz oder zur Frage nach der angemessenen epistemologischen Verknüpfung von handlungsfähigen Akteuren und Materialität möglicherweise (!) hier keine direkte Rolle spielen.

Aber Wissen um und über die funktionale Differenzierung der Gesellschaft beispielsweise, an der RWTH Teil der Theorien-Vorlesung im 2. Semester, sollte helfen zu verstehen, dass die Unterscheidung von Recht/Unrecht nicht dieselbe ist wie die von Achtung/Missachtung. Recht ist nicht die Moral der Gesellschaft und umgekehrt – und das ist auch gut so. Derartige Komplexität zu verstehen, dass es heutzutage immer verschiedene Blicke auf ein Ereignis gibt, welche ganz unterschiedliche Welten öffnen, diese Polyoptik lehrt u.a. die Soziologische Theorie. Und auch, welche Probleme es mit sich bringen kann, wenn die eine Welt ungeordnet in eine andere übergreift.

 

Mehr Soziologie für die Massen – vielleicht wird sie dann etwas weiser!

Infrastrukturen als gesellschaftliche Weichensteller

Heute melde ich mich zum letzten Mal. Ich möchte in meinem letzten Beitrag nochmals das Thema der Infrastrukturen aufnehmen und ein bisschen erweitern. Infrastrukturen werden bislang kaum soziologisch beforscht, obwohl sie gesellschaftlich und politisch gegenwärtig viel  Aufmerksamkeit erfahren. Blättert man politische Verlautbarungen, Medienbeiträge, Forschungsausschreibungen, Feuilletonbeiträge etc. durch, gewinnt man schnell den Eindruck: So viel Infrastruktur gab es nie. Offenbar Beliebiges wird zur Infrastruktur erklärt. Nicht nur klassische Einrichtungen wie Eisenbahn, Brücken, Wasserleitungen und die Nahversorgung mit Lebensmittelgeschäften rubrizieren darunter, auch Friseure, Tankstellen, Dorfgasthäuser, Zeitungshändler oder „Schlecker“-Filialen werden immer häufiger als „daseinsvorsorgende Infrastruktur“ (Kersten et al. 2012) qualifiziert. „Mentale“ und „intellektuelle Infrastrukturen“ sind neuere Wortschöpfungen des Feuilletons, worunter dort „betonierte Bahnen“ des Denkens verstanden werden, die nicht nur in der Gegenwart wirken, sondern auch die Denkbarkeit von Zukunft beschränken würden. Weiterlesen

Soziologie und wissenschaftliche Infrastrukturen

Nun brechen schon die letzten Wochen der zwei Monate an, die ich für den SozBlog schreibe. Vermutlich werde sich einige Leser_innen gewundert haben, dass ich die Soziologie und das Web ins Zentrum meiner Ausführungen gerückt habe. Heute möchte ich offenlegen, was mich an dieser Thematik interessiert. Zentral für die Soziologie sind Fragen, ob sich mit dem Web neue Formen der Sozialität entwickeln, wie sie sich mit etablierten sozialen Formen verbinden und wie dies alles theoretisch verstanden und methodisch erfasst werden kann. Mich persönlich interessiert etwas anderes: Um das Web soziologisch zu erschließen, sind einerseits neue Forschungsinstrumente erforderlich, andererseits eröffnet das Web selbst neue Forschungszugänge: Weiterlesen

Sozialität im Web (2)

Heute möchte ich nochmals auf die Fragen zurückkommen, die ich zu Beginn unter der Überschrift „Nos réseaux de sociabilité“ versucht habe zu behandeln. Sie lauteten: Ob sich eine neue Art der Sozialität mit dem Web konstituiert? Ob man das Web versteht, wenn man es mit früheren Formen der Sozialität vergleicht? Mein Zurückkommen hat verschiedene Gründe. Einer liegt darin begründet, dass, wie einige Kommentare zu Recht kritisiert haben, ich die Fragen nicht zufriedenstellend beantwortet habe. Dies werde ich auch dies Mal nicht leisten. Ein weiterer Grund ist, dass ich – nicht zuletzt durch Leser_innen des Blogs – auf einige Studien zum Themenkomplex „Soziologe und Web“ aufmerksam gemacht wurde. Herzlichen Dank für die Lektüre und die Lesehinweise. Drei Untersuchungen möchte ich Ihnen heute kurz vorstellen. Dabei interessiere ich mich dafür, wie sich die Studien dem Web soziologisch nähern, beispielsweise als empirische Quelle, als Erhebungsort, als Ort mit eigener Sozialität etc. Weiterlesen

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