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Im Gedenken an Günter Endruweit (1939-2021)

Am 22. Februar 2021 verstarb Prof. Dr. jur. Günter Endruweit in Kiel.

Die Soziologie verliert mit ihm einen bedeutenden und weit über sein Fach hinaus wirkenden Wissenschaftler. Er hat die wissenschaftstheoretisch fundierte empirische Sozialwissenschaft maßgeblich beeinflusst: u.a. durch die thematische Breite seiner Monographien zu verschiedenen Teildisziplinen der Soziologie, durch seine vielseitigen Herausgebertätigkeiten und seine systematischen Beiträge zum Verständnis soziologischen Denkens auch für Fachfremde. Mit seinen ungewöhnlich breit gefächerten Arbeitsschwerpunkten war es ein Anliegen von  Günter Endruweit, sozialwissenschaftliche Theorien in Verbindung mit der Praxis sozialen Handelns wirksam werden zu lassen.

Günter Endruweit gehörte einer Generation der letzten Kinder Ostpreußens und ist ein Opfer des Nationalsozialismus. Er wurde am 24. Juli 1939 in Tilsit geboren. Nach der Flucht der Familie wuchs er in Marne in Holstein auf. Mit Schleswig-Holstein und der Ostsee blieb er bis zuletzt eng verbunden. Das Fluchterleben, die entbehrungsreiche Nachkriegszeit und das Aufwachsen in der Wirtschaftswunderzeit haben ihn geprägt und sein Interesse an Fragen der Entwicklung und dem Wandel von Gesellschaften geprägt.

Nach dem Abitur hat er als Kadett  auf dem Marine-Schulschiff ›Gorch Fock‹ gedient; Disziplin und die Nähe zum Meer haben ihm viel bedeutet. Die damalige Offenheit der Universitäten, die erlaubte, verschiedene Studien und wissenschaftliche Pfade zu erproben, hat seine wissenschaftliche Laufbahn beeinflusst. In Saarbrücken, Tübingen, Kiel und an der Freien Universität Berlin hat er Soziologie sowie auch Jura und Volkswirtschaftslehre studiert. Aus dieser für das heutige universitäre Ausbildungssystem ungewöhnlichen Breite seines Studiums ist die thematische Vielfalt der Arbeiten von Günter Endruweit erwachsen.

Seine akademische Karriere begann er zunächst als Assistent am Institut für empirische Sozialforschung und am Soziologischen Institut der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, wo er das zweite juristische Staatsexamen ablegte und zum Dr. jur. promovierte. 1972-3 war Günter Endruweit an der Istanbul Üniversitesi und der Northwestern University in den USA tätig. Dort hat er die so unterschiedlichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Eigenheiten eines Entwicklungslandes und einer Industrienation erfahren. Fragen zu damit verbundenen Problemen haben seine Forschung seitdem immer wieder angeregt.

Mit seiner Habilitationsschrift 1977 zum Einfluss der Eliten auf die Entwicklung entschied er sich für das Fach Soziologie. Er erhielt einen Ruf als Assistenzprofessor für Soziologie an der Universität des Saarlandes. In der schwierigen Zeit der Studentenunruhen wurde er zum Mitglied des Senates und zum Vizepräsidenten der Universität gewählt. Seine damaligen Kollegen berichten auch heute noch von seiner sachlichen, problemlöseorientierten und ausgleichenden Mitwirkung im Senat.

1979 erhielt Günter Endruweit einen Ruf an die Technische Universität Berlin und lehrte von 1979-1980 an der Ruhr-Universität Bochum. 1980 führte ihn ein Ruf an die Universität Stuttgart, wo er das dortige Institut für Soziologie leitete und seine entwicklungssoziologischen und praxisbezogenen Forschungsinteressen in Bezug auf Organisation, Verwaltung, und Technik ausweiten und weiterführen konnte. Die Nähe zu der Universität Hohenheim inspirierte seine Arbeiten zur Agrarsoziologie. 1991 erhielt er einen Ruf an die Universität Kiel nach Schleswig Holstein und damit in die Region, mit der er sich durch seine frühe Sozialisation (nach der Flucht aus Tilsit) besonders verbunden fühlte. In Kiel wirkte er u.a. als Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät; er forschte und lehrte dort bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2004.

Die wissenschaftlichen Interessen und Arbeitsgebiete von Günter Endruweit umfassen die Allgemeine Soziologie und die angewandten Soziologien. Daraus entstanden seine Forschungsarbeiten mit ihrer besonderen inhaltlichen und methodischen Breite und Vielfalt. Seine Arbeitsschwerpunkte reichen von Beiträgen zur Allgemeinen Soziologie und Forschungsmethodik bis hin zur Entwicklungs-, Gemeinde-, Industrie-, Organisations-, Technik- und Agrarsoziologie. Zu seinen speziellen Forschungsthemen gehören u.a. die Funktion von Eliten und Minderheiten für die Entwicklung in der Dritten Welt; soziale und kulturelle Probleme von Gastarbeitern (Integration oder Rückkehr); organisationssoziologische Fragen zu Gebiets- und Kommunalreformen; Verwaltungsstruktur, Arbeitsablauf und Arbeitsbeziehungen in Behörden und Unternehmen; Probleme staatlicher und privater Planung. Eine Übersicht zu seinen Arbeiten lässt sich in den 5 Bänden (1997 bis 2005), die  Günter Endruweit zu den verschiedenen Großthemen der Soziologie übersichtlich zusammengestellt hat, im Einzelnen verfolgen. In diesen Bänden sind allerdings die nicht publizierten Forschungsarbeiten nicht enthalten, wie z. B. die (in Zusammenarbeit mit mir) entstandene Dokumentenanalyse verschiedener Entwicklungshilfeprojekte des Bundesministeriums für Entwicklungszusammenarbeit. Wir haben gezeigt, dass die kulturellen und sozialpsychologischen Besonderheiten, wie Werthaltungen und Einstellungen der betroffenen Bevölkerung, und weniger (also nicht alleine) die Höhe der Finanzhilfen den Erfolg der Entwicklungshilfeprogramme beeinflussen.

Seine empirischen sozialwissenschaftlichen Arbeiten gingen von wissenschaftstheoretischen Überlegungen aus, um weiterführende Zusammenhänge zwischen Theorie, Forschungspraxis und sozialen Entwicklungen zu analysieren und kritisch zu diskutieren. Dass soziologische Forschung nicht nur als fachspezifisches Insiderwissen kommuniziert werden sollte, war für ihn ein wichtiges Anliegen. Dies wird in seinen Arbeiten, die sich durch systematische, empirisch fundierte und gut verständliche Aussagen auszeichnen, deutlich. Damit hat er früh ein aktuelles Ziel der ›Deutschen Gesellschaft für Soziologie‹ vorweggenommen, im Sinne einer ›Public Sociology‹ eine nicht nur fachspezifische Leserschaft zu erreichen. Dieses Ziel hat er in seinen zahlreichen informationsstarken und klar formulierten Beiträgen zu verschiedenen Themen der Soziologie verfolgt. Um soziologisches Denken einer breiten Leserschaft verständlich zu vermitteln, hat er verschiedene Wörterbücher herausgegeben. Das ›Wörterbuch der Soziologie‹ (1989; mit einer erweiterten zweiten Auflage 2004; bei denen ich Mitherausgeber bin) hat nach Übersetzung ins Vietnamesische zum Aufbau der Soziologie in Vietnam beigetragen.  Zahlreiche weitere Übersetzungen von Endruweits Publikationen belegen deren internationale Anerkennung und Resonanz.

Nach seiner Emeritierung hat sich Günter Endruweit mit Themen befasst, die in seiner eigenen Biographie eine bedeutende Rolle spielen. Seine Fluchterfahrung hat ihn motiviert, sich mit dem Nationalsozialismus und Hitler zu befassen. Ohne mit der Fachliteratur zu konkurrieren, hat er über Adolf Hitler, dem Aufstieg der NSDAP und dem 2. Weltkrieg eine leicht lesbare, gut recherchierte und annotierte ›Romanbiografie‹ geschrieben (2015).

Mit seiner neuen Heimat fühlte er sich tief verbunden. Dies hat er in seiner kulturhistorischen detaillierten Dokumentation von Spuren der Landesgeschichte von Schleswig-Holstein zum Ausdruck gebracht. In dem 2010 veröffentlichen Band mit faktenreichen, anschaulichen Beschreibungen und umfangreichem farbigen Bildmaterial findet der an Kulturgeschichte Interessierte einen originellen und anregenden Wegweiser zu schleswig-holsteinischen Geschichtsquellen, der zudem einen wertvollen Einblick in die europäische Kultur- und Sozialgeschichte öffnet.

Günter Endruweit war nicht nur ein erfolgreicher Wissenschaftler, ein Vermittler zwischen Universität und Praxis und ein engagierter Hochschullehrer. Er war auch ein Wissenschaftler, der den Dialog mit der Öffentlichkeit suchte und dabei auf überladene Fachsprache gerne verzichtete. Dies gelang ihm auf unterhaltsame Weise auch mit hintergründigem Humor. Auf der ihm zu Ehren organisierten Abschiedsfeier durch die Universität Kiel wurde dies durch seinen Vortrag mit geistreicher Kritik am gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb wieder deutlich.

Mit dem Gedenken an Günter Endruweit verbinden wir Dankbarkeit und Wertschätzung für sein Schaffen.

Gisela Trommsdorff