Aktuell

›Wirtschaften im Zeichen der Pandemie: zwischen radikaler Ungewissheit, Prävention und neuen Solidaritäten‹

Covid-19 macht uns bewusst, dass wir nicht nur prinzipiell, sondern ganz konkret mit einer ›multitude of possible futures‹ (Gidley 2017) zu rechnen haben. Seine pandemische Verbreitung führt in vielen Bereichen des ökonomischen Lebens zu einem Zusammenbruch von Erwartungen und zu einem dramatischen Verlust der Kalkulierbarkeit. Zugleich entstehen in atemberaubender Geschwindigkeit neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen des Wirtschaftens. Die Pandemie bedingt die Verschärfung globaler sozialer Ungleichheiten, indem unterprivilegierte Gruppen nicht nur stärker von Verdienstausfällen, Privatinsolvenzen und Wohnungslosigkeit betroffen sind, sondern im selben Zuge auch gesundheitlich vulnerabler werden. Ganze Branchen und Geschäftsmodelle – Veranstaltungsorganisation, Tourismus, Kultur, Gastronomie und Einzelhandel – sind in ihren wirtschaftlichen Grundlagen erschüttert. Auf Arbeitsmigration und Niedriglöhnen beruhende Wirtschaftssegmente (Ernte, Fleischverarbeitung, Pflege) müssen dringend modernisiert werden.

Die Sektionstagung will wirtschaftssoziologische Analysen dieser Umbrüche einerseits, Ausblicke auf eine radikal ungewisse Zukunft andererseits miteinander ins Gespräch bringen. Grundsätzlich ist unklar, ob wir in Zukunft in einer ›post-pandemischen‹ oder einer epidemiologisch regierten Welt wirtschaften werden, in der wirtschaftliche Entscheidungen unter dem Vorbehalt einer ›krank-gesund‹-Codierung stehen. Das Virus führt uns damit die Fragilität von Erwartungen an die Zukunft vor Augen. Die ökonomischen Gegebenheiten mögen einigen Akteuren (den GAFA-Internetgiganten, der Impfindustrie, Lieferdiensten, etc.) ungeahnte Chancen bieten, setzen aber eine Vielzahl anderer Akteure radikaler Unsicherheit aus, in der die Ungewissheit aller Prognosen und ihrer epistemischen Basis deutlich wird. Zugleich verändern sich (politisch-)ökonomische Grundstrukturen in einem Ausmaß, das inkrementelle Krisenbewältigungsstrategien als ungenügend erscheinen lässt.


Dabei unterscheidet sich die gegenwärtige Krise in mancherlei Hinsicht von den Krisen der letzten Jahrzehnte. So hat sie erstens ihren Ursprung nicht unmittelbar im Finanzsektor. Wir haben es stattdessen mit einer unmittelbaren Disruption der Realwirtschaft zu tun, deren Auswirkungen im Prinzip alle Felder ökonomischen Handelns direkt treffen, von den Solo- Selbständigen und den Beschäftigten des Gesundheitswesens bis zu transnationalen Unternehmen, supranationalen Institutionen und den Finanzmärkten. Zweitens weist die pandemische Krise eine spezifische temporale Struktur auf. Wir schauen nicht als Zeugen auf eine im Kern bereits vollzogene Katastrophe zurück (9/11, Lehman-Pleite), sondern sind Mithandelnde eines sich entfaltenden Krisenprozesses, dessen Verlauf wir mitbestimmen.

Die Tagung will diesen Erschütterungen des ökonomischen Lebens auf den folgenden Ebenen nachgehen:


1. Die Ebene ökonomischer Erwartungen: Wie verändern sich Zukunftsimaginationen (Beckert 2016), und in welcher Weise sind diese mit bestimmten Akteuren, sozio- ökomischen Strukturen, globalen Ungleichheiten und politischen Strategien verbunden? Folgen diese dem Narrativ einer ›neuen Normalität‹, dem Szenario eines auf Dauer gestellten Ausnahmezustandes (Calhoun 2004), einer baldigen Rückkehr zur früheren Normalität, oder leugnen sie die dramatischen Auswirkungen der Pandemie überhaupt (Trump, Bolsonaro)?


2. Die Ebene der kalkulativen Instrumentierung von Ökonomie und Gesellschaft: Welche neuartigen ›mediating instruments‹ (Miller/O›Leary 2007) sind vorstellbar bzw. werden erprobt, in welcher Weise sind diese mit epidemiologischen Konzepten verknüpft? Welche Ansätze der Transformation von Ungewissheit in Risiken sind zu beobachten?


3. Die Akteursebene: Welche Strategien verfolgen etablierte Akteure wie Zentralbanken, Unternehmen, Kreditinstitute, Verbände, Parteien etc. und welche Folgen zieht dies nach sich? Welche Bedeutung hat der Aufstieg neuer ökonomisch relevanter Akteure (Epidemiologen, Labore, staatliche Gesundheitseinrichtungen), die über ökonomische Zukünfte mitentscheiden, z.B. auch über die Möglichkeit eines neuerlichen lock-downs, weshalb beispielsweise Marres/Stark (2020) eine ‚sociology of testing‹ fordern?


4. Die Ebene sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Solidarität: Die Kriseninterventionen sind einerseits darauf ausgelegt, den ökonomischen Schock abzufedern, mit umfangreichen staatlichen Hilfsmaßnahmen wie etwa dem Kurzarbeitergeld oder zinsfreien staatlich garantierten Krediten für Unternehmen. Diese Maßnahmen scheinen die sozio-ökonomische Ungleichheit innerhalb Europas andererseits aber weiter zu erhöhen, worüber öffentliche Gerechtigkeitsdebatten geführt werden. Welche Akteure werden durch diese Maßnahmen tatsächlich erreicht und welche nicht? Wie ordnen pandemiebezogene Wirtschaftsmaßnahmen in der Europäischen Union die Auseinandersetzung um Nord-Süd- Ungleichheit und Solidarität neu? Inwieweit tragen die ›Corona-Maßnahmen‹ inter- und transnationalen Ungleichheitsgefällen und Ausbeutungsbeziehungen Rechnung?


5. In einer diachronen Perspektive: Wir erhoffen uns wirtschaftshistorische Beiträge, die eine vergleichende Krisen(bewältigungs-)forschung betreiben und Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten zwischen den Instrumenten, Strukturen und Folgen früherer Krisen (etwa die letzte Weltfinanzkrise oder andere Pandemien wie die ›Spanische Grippe‹ und die Pest) und der gegenwärtigen aufzeigen. Erleben wir in dieser Krise etwas gänzlich Neues oder verschärfen sich schlicht die bereits bestehenden wirtschaftspolitischen Herausforderungen?


6. In einer transnationalen Perspektive: Gefragt sind internationale Vergleiche und transnationale Analysen zu (trans-)staatlichen und institutionellen Krisenbewältigungsstrategien. So ist z.B. die Vermutung, ein vor allem über Märkte koordinierter angelsächsischer Kapitalismus sei anpassungsfähiger und würde flexibler auf exogene Schocks reagieren, heute in die Kritik geraten. Weiterhin ist die neue Bedeutung des und der Staaten für ökonomische Stabilität in den Blick zu nehmen. Inwiefern erleben wir eine Rückkehr des Staates, und welche geoökonomischen Tendenzen lassen sich aus der Umgangsweise mit der Pandemie (etwa in Bezug auf Impfstoffentwicklung und -distribution oder auf unterschiedliche Geschwindigkeiten der wirtschaftlichen Erholung) folgern?