Call for Papers

Extremismus und Sozialisation

Deadline: 30. Juni 2021 (verlängert)

16. / 17. September 2021 // Interdisziplinäre Wissenschaftskonferenz des Zentrums für Analyse und Forschung (ZAF) des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Berlin.

Thematische Rahmung

Der Begriff der Sozialisation gehört zum Standardrepertoire sozialwissenschaftlicher Theorien. Dabei scheinen Prozesse der Sozialisation hinreichend erläutert, der Begriff zum geflügelten Wort degradiert. Die erste interdisziplinäre Tagung des Zentrums für Analyse und Forschung (ZAF) möchte den klassischen Sozialisationsbegriff ins Zentrum der Diskussion stellen. Dabei widmet sich die Konferenz den vielgestaltigen Sozialisationsprozessen und beleuchtet sie mit Fokus auf extremistische Zusammenhänge und sich hierin andeutende und vollziehende Radikalisierungsprozesse.
Definiert man Radikalisierung als Sozialisationsprozess, in dem sich die Einstellungen einer Person auf einem Spektrum sukzessive in Richtung radikaler bzw. extremistischer Einstellungsmuster bewegen, so sind auch die anscheinend vorgelagerten Mechanismen Teil des Gesamtprozesses: Diese nehmen in den Fokus, wie eine noch nicht radikalisierte Person sukzessive mit extremistischen Inhalten in Kontakt kommt. In einer ganzheitlichen Betrachtung müssen demnach auch diese Momente einbezogen werden.
Es ist davon auszugehen, dass sich Einstellungen von Personen durch vorgelagerte Prozesse ändern können, ohne dass die Betroffenen je zu tatsächlichen Radikalen oder Extremisten werden.
In der Radikalisierungsforschung werden jedoch meist biografische Verläufe von Terroristen, d.h. von Personen, die eine vollständige Radikalisierung durchlaufen haben, untersucht. Versteht man Radikalisierung als Prozess (Vgl. Wiktorowicz 2003), in dem sich eine kontinuierliche Anpassung der Normen und Werte in Richtung einer extremistischen Ideologie aus einer wachsendenden Teilnahme am extremistischen Milieu entwickelt, muss man das Internet in seiner zunehmenden Funktion als (sekundäre/tertiäre) Sozialisationsinstanz betrachten: Einstellungsänderungen vollziehen sich dabei nicht nur durch die Teilhabe in radikalen Milieus. Gesamtgesellschaftliche Prozesse ändern und verschieben Diskurse online wie offline, was auch nicht intendierte Berührungspunkte mit extremistischen Inhalten vereinfacht. Hierbei ist besonders die Funktion von Verschwörungserzählungen und Fake News von Interesse und inwiefern diese den Einstieg in die Radikalisierung ebnen oder ob und inwiefern bspw. der Glaube an Verschwörungserzählungen eher Resultat einer vorangeschrittenen Radikalisierung ist.
Das Internet erzeugt demnach eine wesentlich größere Anzahl von Möglichkeiten, sich oder andere zu radikalisieren (Behr et al. 2013, S. 24), insoweit, als Personen ortsunabhängig Zugang zu Milieus und Gemeinschaften finden, in denen sie potentiell radikal sozialisiert werden. Social Media-Plattformen und Messengerdienste (z.B. Telegram) fungieren darin wie Echokammern, in denen die eigenen politischen Positionen und Einstellungen immer wieder bestätigt werden und sich dementsprechend weiter festigen (Vidino et al. 2015). Dabei können sich virtuelle Gemeinschaften (Radlauer 2007; Janbek & Prado 2012) bzw. neue virtuelle (radikale) Milieus (Conway 2016) bilden (Vgl. Malthaner & Waldmann 2014).
Gleichzeitig zeigt die empirische Forschung, dass das Internet Radikalisierungsprozesse nicht systematisch beschleunigt oder Radikalisierungen ohne physischen Kontakt zu Personen einer extremistischen Bewegung ermöglicht (Baehr 2020). Auch sogenannte Selbstradikalisierungen ohne Vorliegen realweltlicher Kontakte sind nur selten zu beobachten (ebd.). In diesem Kontext ist gleichsam bedeutend, wie die zunehmende Digitalisierung Sozialisationsprozesse sowohl für digital natives als auch für digital immigrants verändert und beeinflusst, wie sich Individuen zwischen realweltlichen und online-Netzwerken strukturell verorten und miteinander interagieren.

Der phänomenologische Schwerpunkt der Konferenz liegt in den Bereichen Rechtsextremismus und Islamismus sowie auf komparativen Betrachtungen, ist aber nicht darauf begrenzt. Eingereichte Beitragsvorschläge können sich z. B. an folgenden Themenkomplexen orientieren:

  • Zusammenwirken individueller Merkmale, struktureller Eingebundenheit und kultureller Merkmale
  • Funktion von Verschwörungserzählungen, Desinformationen und Fake News, Narrativen
  • Zugänge zu Netzwerken, Vertiefung in Kontexte, Rabbit Hole, Algorithmen
  • (primäre) Sozialisationsfaktoren und die Folgen für Resilienz und Vulnerabilität in der sekundären und tertiären Sozialisation
  • soziale Bewegungen
  • Gender
  • hybride Identitäten zwischen online und offline
  • Familiennetzwerke, Core-Netzwerke online/offline, Homophilie
  • neue methodische Zugänge der Sozialisationserforschung, Methodenkritik

Wir bitten um Einreichung von Beitragsvorschlägen in Form eines Abstracts (500-700 Wörter) bis zum 18. Juni 2021 per E-Mail an Wissenschaftskonferenz2021(at)bfv.bund.de. Ebenso ist unter dieser Adresse das Organisationsteam der Konferenz bei Rückfragen zu erreichen.

Angenommene Beiträge werden im Verlauf der Veranstaltung im Rahmen von maximal 15-minütigen Vorträgen oder als Poster präsentiert. Im Anschluss an die Wissenschaftskonferenz ist die Publikation eines Tagungsbands geplant.

Die Tagung wird in Abhängigkeit vom weiteren Verlauf der COVID-19-Pandemie als Präsenzveranstaltung oder in Hybridform stattfinden. Alle Teilnehmenden und Interessierten werden im Voraus über die Planung informiert, sobald eine Entscheidung getroffen sein wird.

Zentrum für Analyse und Forschung (ZAF).

Beim ZAF handelt es sich um eine im Aufbau befindliche Forschungsstelle am Bundesamt für Verfassungsschutz. Das ZAF wird interdisziplinär arbeiten und sich mit allen phänomenologischen Themenbereichen des Verfassungsschutzes beschäftigen. Wesentliche Zielstellung des ZAF ist es, die Analysekompetenzen des Verfassungsschutzes zu stärken. Thematische Bedarfe sollen zu diesem Zweck erhoben, selbst bearbeitet oder als Forschungsvorhaben vergeben werden. Zentral hierfür ist der geplante Austausch mit Universitäten und anderen (außeruniversitären) Forschungseinrichtungen.