Call for Papers

Schreiben publikationsorientiert lehren – Lehrkonzepte aus den Fächern

Deadline: 31. März 2021

Üblicherweise schreiben Studierende an der Hochschule nur für einen Leser, eine Leserin: die Betreuungsperson einer Studien- oder Qualifikationsarbeit. Die Lehrenden wiederum lesen die studentischen Texte vorrangig, um diese zu bewerten. Diese – oft wenig motivierende – Situation ist künstlich und praxisfremd, wird doch im wissenschaftlichen und beruflichen Alltag, der die Studierenden nach Studienabschluss erwartet, für eine fachliche Community oder für, in einem spezifischen Arbeitskontext Beteiligte geschrieben. Dieses Schreiben ist notwendig, um Ideen, Ergebnisse und Erkenntnisse zu kommunizieren.

Der Erwerb von Schreibkompetenzen spielt im Studium häufig eine untergeordnete Rolle, obwohl Schreibkompetenzen eng mit der Leistungsfähigkeit und der intellektuellen Entwicklung von Studierenden zusammenhängen: Schreiben erfordert, sich die einschlägige Fachliteratur anzueignen, sie zu paraphrasieren und zu überprüfen, ob die Inhalte verstanden wurden. Schreiben bedeutet, die eigenen Gedanken zu ordnen, sie zu präzisieren und logisch miteinander zu verknüpfen. Schreiben bedeutet, in systematischer Art und Weise zu einem eigenen Standpunkt zu finden, der wissensbasiert ist, sich begründen lässt und für andere nachvollziehbar ist. Schreiben ist nicht nur ein Kommunikationswerkzeug unter vielen, sondern ermöglicht erst anspruchsvolles und anschlussfähiges Denken (Luhmann 1992). Die die Vermittlung von Schreibkompetenzen gehört daher zu einer der bedeutsamsten Aufgabe von Hochschulen.

Lehrkonzepte wie die publikationsorientierte Vermittlung von Schreibkompetenzen (Kühl 2009, 2015) können den Studierenden im Vergleich zu herkömmlichen hochschulischen Schreibsettings Lernerfahrungen ermöglichen, die die Entwicklung von Schreibkompetenz auf eine innovative und zugleich praxisrelevante Weise fördern. In diesem schreibdidaktischen Rahmen schreiben Studierende bereits im Studium für eine tatsächliche Leserschaft, und das Geschriebene wird nicht (nur) bewertet, sondern (auch) publiziert: in wissenschaftlichen oder beruflichen Fachzeitschriften, in Blogs, in verschiedenen Social Media-Kanälen, in Sammelbänden und Broschüren. Dafür müssen sich die schreibenden Studierenden, in der Auseinandersetzung mit der Literatur und durch die Auswertung eigener Daten eine eigenständige Position aneignen, um einen veröffentlichungswerten Text zu produzieren. Der Druck einer tatsächlichen Leserschaft führt in zahlreichen Überarbeitungsschleifen, unterstützt durch Feedback der Dozent:innen und Kommiliton:innen zum fertigen Produkt, aber auch zu einem besseren Verständnis der Zielgruppe und der schrittweisen Verbesserung der schriftlichen Artikulationsfähigkeit.

Der Gedanke, Schreiben publikationsorientiert zu lehren, um damit Schreibkompetenzen zu vermitteln, die künstliche Lehrsituation aufzubrechen und einen authentischen und damit motivierenden Schreibanlass zu schaffen, entspricht dem aktuellen Stand der Schreibdidaktik (vgl. z. B. Bean 2011; Lahm 2016), wird aber in der Schreiblehrpraxis an deutschen Hochschulen noch selten umgesetzt. Der geplante Sammelband Schreiben publikationsorientiert lehren – Lehrkonzepte aus den Fächern soll gelungene (oder auch lehrreich gescheiterte) Lehrkonzepte vorstellen, die Schreibkompetenz an deutschen Universitäten und Hochschulen publikationsorientiert vermitteln. Die Beiträge sollen u.a. folgende Fragen beantworten:

  • Welche Erfahrungen wurden mit publikationsorientierter Vermittlung von Schreibkompetenz gemacht? Welche Best Practices lassen sich weiterempfehlen? Welche Lehren wurden aus der Erfahrung gezogen? Wie bewerten die verschiedenen Akteur:innen das Lehrkonzept?
  • Auf welche theoretischen Konzepte stützt sich das Lehrkonzept? Welche Phasen ist es durchlaufen? Zu welchen Publikationen hat es geführt? Welche unterschiedlichen Lesereaktionen gab es?
  • Zu welchen Formen des Schreibens werden die Studierenden angeleitet: berufliches, wissenschaftliches, literarisches Schreiben?

Wir freuen uns über theoretische und empirische sowie interdisziplinäre oder praxisorientierte Beiträge, die jetzt und in Zukunft interessierten Schreibforscher:innen, Hochschulforscher:innen, Schreibdidaktiker:innen, Hochschuldidaktiker:innen und interessierten Lehrenden aller Fächer als Anregung dienen können. Der Sammelband möchte vielfältige Lehrkonzepte aus dem deutschsprachigen Raum vereinen. Dazu ist geplant, möglichst viele verschiedene Textsorten (Fachartikel, Blog, Social Media-Posts, Broschüre, Sammelband, Broschüre etc.), möglichst viele verschiedene Fächer (Sozialwissenschaften, Literaturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften) und auch aus didaktischer Perspektive vielseitige Lehrkonzepte zu vereinen. Den Start macht ein Lehrforschungsprojekt der Herausgeber:innen an der TH Nürnberg aus dem Jahr 2020, in dem Studierende der Sozialen Arbeit dabei unterstützt wurden, die Ergebnisse ihrer empirischen Datenerhebung in einem Fachartikel zu veröffentlichen. Ein einleitendes Kapitel der Herausgeber:innen soll zentrale Erkenntnisse aus den Einzelbeiträgen mit der schreibdidaktischen Theorie verknüpfen.

Bitte senden Sie Ihren Kapitelvorschlag in Form eines Abstracts von maximal 400 Wörtern an Frank Sowa (frank.sowa(at)th-nuernberg.de) und Dzifa Vode (dzifa.vode(at)th-nuernberg.de). Der Einsendeschluss ist der 31. März 2021! Der Sammelband erscheint im Verlag wbv im Jahr 2022, voraussichtlich in der Reihe Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft.

Wir freuen uns sehr über Ihre Einreichungen und sind schon sehr gespannt!

Frank Sowa & Dzifa Vode


Prof. Dr. Frank Sowa
Professor für Soziologie in der Sozialen Arbeit
Technische Hochschule Nürnberg
Georg Simon Ohm
Fakultät Sozialwissenschaften
Postfach
90121 Nürnberg
frank.sowa(at)th-nuernberg.de

Dzifa Vode
Leitung des Schreibzentrums
Technische Hochschule Nürnberg
Georg Simon Ohm
Schreibzentrum
Postfach
90121 Nürnberg
dzifa.vode(at)th-nuernberg.de

Geplanter Zeitplan für den Sammelband

  • 31.03.2021 Einreichungsfrist Abstracts
  • 01.05.2021 Entscheidung: Annahme von Beiträgen
  • 01.11.2021 Einreichungsfrist Beiträge
  • 02.01.2022 Rückmeldung an Autor*innen
  • 01.02.2022 Einreichung der überarbeiteten Beiträge
  • 01.04.2022 Abgabe Buchmanuskript an Verlag

Literatur

  • Bean, John C. (2011): Engaging Ideas: The Professor’s Guide to Integrating Writing, Critical Thinking, and Active Learning in the Classroom. 2. Auflage. San Francisco: Jossey Bass.
  • Kühl, Stefan (2009): Forschendes Lernen und Wissenschaftsbetrieb. Zur Erfahrung mit einem soziologischen Lehrforschungsprojekt. in: Huber, Ludwig/Hellmer, Julia/Schneider, Friederike (Hrsg.): Forschendes Lernen im Studium. Aktuelle Konzepte und Erfahrungen, Bielefeld: Universitätsverlag Webler, S. 99-113.
  • Kühl, Stefan (2015): Die publikationsorientierte Vermittlung von Schreibkompetenzen. Zur Orientierung des studentischen Schreibens in der Soziologie am wissenschaftlichen Veröffentlichungsprozess, in: Soziologie. Forum der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Jg. 44, Heft 1, S. 56-77.
  • Lahm, Swantje (2016): Schreiben in der Lehre: Handwerkszeug für Lehrende. Opladen und Toronto: Barbara Budrich/utb.
  • Luhmann, Niklas (1992): Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht. in: Luhmann, Niklas (Hrsg.): Universität als Milieu. Kleine Schriften, Bielefeld: Haux, S. 53-61.