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Kritik an der Marginalisierung von Soziologie im Lehramtsstudium für sozialwissenschaftliche Schulfächer in Nordrhein-Westfalen

Stellungnahme der DGS zum Änderungsentwurf zur Lehramtszugangsverordnung in Nordrhein-Westfalen

An die Ministerin für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen Yvonne Gebauer sowie die Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen Isabel Pfeiffer-Poensgen, die bildungspolitischen Sprecher:innen der NRW-Landtagsfraktionen, den NRW-Landtagsausschuss für Schule und Bildung, den NRW-Landtagsausschuss für Wissenschaft und die soziologischen Institute der Hochschulen in NRW mit Lehramtsausbildung

Essen, 15. Dezember 2020

Das Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen will das Studienfach Sozialwissenschaften (Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschaftswissenschaft) für das Lehramt abschaffen und durch das Studienfach Wirtschaft-Politik ersetzen. Das sieht eine Änderung der Lehramtszugangsverordnung (LZV) vor. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie kritisiert dieses Vorhaben, weil es die Fachkompetenz der Lehrkräfte durch eine Marginalisierung der Soziologie im Studium deutlich verschlechtern würde. Darüber hinaus ignoriert die geplante Änderung die Anforderungen an das Lehramtsstudium, die sich zwingend aus den neuen Kernlehrplänen und ihren Inhaltsfeldern und Kompetenzerwartungen ergeben.

Deshalb fordert die DGS das Ministerium, den Schulausschuss des Landtags und die Landtagsfraktionen auf, den Entwurf zur Änderung der Lehramtszugangsverordnung (LZV) hinsichtlich der Bestimmungen und Begründungen zum Studienfach Wirtschaft-Politik deutlich zu modifizieren und an der grundsätzlichen Gleichrangigkeit der sozialwissenschaftlichen Disziplinen Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften festzuhalten. Sie wurde seit mehr als vier Jahrzehnten von jeder Landesregierung als adäquate Struktur anerkannt und jeweils an Modifikationen der Schulfächer angepasst (Politik, Gesellschaftslehre, Sozialwissenschaften, am Gymnasium in der Sekundarstufe I seit 2007 Politik-Wirtschaft, seit 2019/2020 Wirtschaft-Politik).

Mittels der neuen LZV drängt das Ministerium die Soziologie im Lehramtsstudium in eine Randposition und gibt den Universitäten vor, dass im neuen Studiengang ›auch Elemente der Soziologie enthalten sind‹ (Begründung zur LZV, Zu 2 (§ 3 Absatz 2) Wirtschaft-Politik). Zugleich wird die Soziologie auf eine Zulieferfunktion für ›die lebensweltlichen Bereiche Wirtschaft und Politik‹ zurückgestutzt, da diese ›in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen wissenschaftlich nicht ohne soziologische Elemente zu erschließen‹ seien (ebd.). Diese Vorgabe des Ministeriums liefe darauf hinaus, die Soziologie als einen eigenständigen fachwissenschaftlichen Zugang zu Gesellschaft, Wirtschaft und Politik aus dem Lehramtsstudiengang für die Fächer Politik, Wirtschaft-Politik, Gesellschaftslehre und Sozialwissenschaften zu entfernen.

Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie kritisiert dieses Vorhaben als wissenschaftlich und curricular unangemessen. Wenn es umgesetzt würde, käme es zu einer Aushöhlung der fachwissenschaftlichen Kompetenz der Lehrkräfte in der Teildisziplin Soziologie für die sozialwissenschaftlichen Schulfächer im Lernbereich Gesellschaftswissenschaften. Dieses Kompetenzdefizit wiegt umso schwerer, als diese Fächer schon heute zu einem weit überdurchschnittlichen Anteil fachfremd, d.h. von Lehrkräften unterrichtet werden, die nicht dafür ausgebildet wurden.

Die Marginalisierung der Soziologie steht in scharfem Gegensatz zu dem vom Ministerium selbst im Entwurf vertretenen Grundsatz ›der zentralen Bedeutung des fachwissenschaftlichen Studiums als Grundlage jeder Lehrtätigkeit‹ (Begründung zur LZV, Zu 1 (§ 1) Absatz 5). Das Ministerium betont sogar, ›eine breite und fundierte fachwissenschaftliche Ausbildung ist die Basis dafür, dass die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer ihr Fach in seiner ganzen Komplexität kompetent vertreten können‹ (ebd.).

Die geplante Änderung würde erhebliche fachwissenschaftliche Kompetenzdefizite der Lehrkräfte verursachen, denn auch die neuen Kernlehrpläne von 2019 und 2020 geben klassische soziologische Inhaltsfelder als obligatorisch für den Unterricht vor. Je nach Schulform gehört mindestens ein Drittel der Inhaltsfelder zum klassischen Kern soziologischer Forschung (z.B. Identität und Lebensgestaltung, Medien und Information in der digitalisierten Welt, Soziale Sicherung in Deutschland, Beruf und Arbeitswelt). Mindestens vier Fünftel der obligatorischen Sachkompetenzen am Ende der Sekundarstufe I geben der gesellschaftlichen Perspektive das gleiche Gewicht wie der politischen und der ökonomischen. Bei den erwarteten Urteilskompetenzen trifft dies auf drei Viertel zu. Eine Abwertung der Soziologie im Lehramtsstudium würde also dazu führen, dass die zukünftigen Lehrkräfte für die jüngst in Kraft gesetzten Lehrpläne deutlich schlechter qualifiziert wären als diejenigen, die derzeit und bisher Sozialwissenschaften studiert haben.

Für die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ist es nicht nachvollziehbar, warum das Ministerium die inhaltlich-disziplinäre Struktur des Lehramtsstudiums so weit von der inhaltlich-fachlichen Struktur der Lehrpläne entfernen will, die es vor kurzem selbst erlassen hat.

Für die Deutsche Gesellschaft für Soziologie,
Prof. Dr. Birgit Blättel-Mink

Quelle: Ministerium für Schule und Bildung, Entwurf zur Verordnung zur Änderung der Lehramtszugangsverordnung (mit Begründung), dem Landtag am 24.11.2020 zugeleitet, online https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMV17-4275.pdf