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Soziale Gerechtigkeit in Zeiten der Ungewissheit

Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie 2021

Organisiert von der Universität Genf, Soziologisches Institut, und der Fachhochschule für Sozial Arbeit Genf HES-SO 
Unter Beteiligung des Institut de hautes études internationales et du développement, Anthropologie und Soziologie der Entwicklung 

Thema und Relevanz des Kongresses 

Die im Jahr 2020 ausgebrochene Pandemie hat dazu geführt, dass die Gesellschaften weltweit − einschliesslich die der Schweiz − mit Problemen bei der Versorgung mit Waren, Dienstleistungen und lebenswichtigen Ressourcen sowie bei der Gewährleistung der Grundfreiheiten – insbesondere der Freizügigkeit − konfrontiert sind. Die Krise hat darüber hinaus auf globaler und lokaler Ebene Ungleichheiten offenbart, die sich in der Frage ausdrücken, wer ein Recht auf Leben hat und wer nicht, und hat neue Fragen zur (Un)gerechtigkeit in der heutigen Welt aufgeworfen. Weil die Eindämmung des Viruses im Fokus stand, wurden andere Krisen vorübergehend in den Hintergrund gedrängt, insbesondere die Zunahme des Populismus und die sich weiter zuspitzenden Herausforderungen des Klimawandels und der Migration. Wichtiger noch, die Pandemie hat zu staatlich gelenkten Massnahmen geführt hat, die dem menschlichen Leben, dem Gesundheitswesen und der Unterstützung der Wirtschaft Vorrang einräumen. Das Wirtschaftswachstum als ‹altbekanntes Allheilmittel› in allen Bereichen musste zurückstehen. Als die menschlichen Aktivitäten zum Stillstand kamen, atmete die Natur vorübergehend auf und es entstanden verschiedene Formen gesellschaftlicher Solidarität. Das Wohl des Einzelnen und der Gemeinschaft wurde in Frage gestellt, Zugehörigkeiten und Interessen erschienen in einem neuen Licht und die Definition des ›guten Lebens‹ wurde häufig nur implizit thematisiert. Zur gleichen Zeit wurden Grenzen geschlossen, Arbeitsplätze gingen verloren und die digitale Kluft hat sich ebenso vergrössert wie der Graben zwischen privilegierten und benachteiligten Gruppen. Angesichts der erlebten Turbulenzen, sowohl als globalisierte Gesellschaft als auch innerhalb unserer Gemeinschaften, unterstreicht dieser Kongress die Bedeutung der sozialen und ökologischen Gerechtigkeit bei der Schaffung einer gerechten Gesellschaft, indem er die Frage stellt: Was bedeutet es in Zeiten der Unsicherheit, ein gutes Leben in einer gerechten Gesellschaft zu führen? 

Wir freuen uns auf Beiträge, die sich theoretisch und empirisch mit der Frage des guten Lebens in einer gerechten Gesellschaft befassen, neue Konzepte entwerfen und geeignete empirische Daten nutzen, um Unsicherheit und soziale Gerechtigkeit zu verstehen, aber auch um zu untersuchen, wie der soziale Wandel unterstützt werden kann oder wie er in der Zukunft aussehen könnte. 

Der wissenschaftliche und öffentliche Diskurs über ›Ungerechtigkeit‹ ist umstritten und konzeptionell vielfältig. Soziale Gerechtigkeit kann auf verschiedene Weise verstanden werden. 

Verfahrensgerechtigkeit bezieht sich auf die Art und Weise, wie Menschen an Entscheidungsprozessen beteiligt werden, zum Beispiel an Entscheidungen über Gesundheit und Bildung, über den Zugang zur Stadt und zu den öffentlichen Räumen in der Stadt oder über Arbeit und soziale Sicherheit. Diese Problematiken werden durch die Frage des (un)angemessenen Zugangs zu Informationen, der mangelnden Beteiligung an bzw. des eingeschränkten Zugangs zu gesetzlichen Rechten verstärkt. Verteilungsgerechtigkeit hingegen betrifft den Zugang zu Dienstleistungen und Ressourcen, einschliesslich wirtschaftlicher und kultureller Formen des Kapitals, in denen sich andere Ungleichheiten, zum Beispiel aufgrund des Geschlechts oder des Lebenslaufs, widerspiegeln. Im Hinblick auf Umweltgerechtigkeit ist das Recht auf ein ›gutes Leben‹ für künftige Generationen von wesentlicher Bedeutung, da es auf der Nachhaltigkeit der ökologischen Systeme aller Lebewesen, einschliesslich der nichtmenschlichen, beruht. Schliesslich hängt die ungerechte soziale Anerkennung mit der mangelnden Achtung gegenüber Unterschieden, Verwundbarkeiten oder unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen. Diese Ungleichheit von sozialen Beziehungen und Machtverhältnissen prägen unsere heutigen Gesellschaften. Eine Perspektive der Gerechtigkeit ›von unten‹ beschäftigt sich auch mit den unterschiedlichen Arten, wie sich Fragen der (Un)gerechtigkeit explizit oder implizit in den alltäglichen sozialen Beziehungen in der Familie, der Nachbarschaft, der Schule, der Arbeitswelt, in Vereinen oder in sozialen Institutionen stellen. 

Das Thema des Kongresses wird als Ausgangspunkt für Überlegungen der 13 verschiedenen Forschungsnetzwerke der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie (SGS) vorgeschlagen, darunter: Wirtschaftssoziologie, Geschlechterforschung, Gesundheits- und Medizinsoziologie, Interpretative Sozialforschung, Lebenslauf, Migration-Minderheiten, Religion und Gesellschaft, Soziale Probleme, Kunst- und Kultursoziologie, Bildungssoziologie, Rechtssoziologie, Soziologische Theorie und Stadtsoziologie. 

Einsendeschluss: 02. November 2020 
Abstrakter Vorschlag: 300-500 Wörter 
Für weitere Informationen kontaktieren Sie uns unter contact(at)sociocongress2021.ch oder besuchen 
Sie unsere website https://www.sociocongress2021.ch

Organisation

Schweizerische Gesellschaft für Soziologie

Ort

Genf

Beginn

28.06.21

Ende

30.06.21

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