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Call for Papers: Plattformen unter Spannung - Diagnosen der Um-Ordnung im medienöffentlichen Raum

Sektionsveranstaltung der Sektion ›Medien und Kommunikationssoziologie‹ auf dem DGS Kongress 2020

Im Rahmen der Sektionssitzung zum Thema ›Plattformen unter Spannung‹ geht es vordergründig einmal mehr um Analysen, Beschreibungen und Bestandsaufnahmen zur Rolle digitaler Medien und hierbei vor allem sozialer Netzwerkmedien und digitaler Plattformen für die Artikulation, Bearbeitung und Bewältigung gesellschaftlicher Konflikte und Problemlagen im Kontext des Strukturwandels von Öffentlichkeit.

Am Beispiel der #MeToo-Kampagne, den Gilletes Jaunes oder der Fridays for Future-Bewegung – um aktuelle Beispiele exemplarisch herauszugreifen – zeigt sich verstärkt, dass sich im Zuge des Bedeutungszuwachs digitaler Plattformen für die Organisation von Protest und sozialen Bewegungen aber auch von politischem Engagement und Widerstand Einzelner nicht nur die traditionellen öffentlichen Kanäle entgrenzen und vervielfachen, wodurch ein publizistisches bzw. öffentlichkeitswirksames Zentrum der Kommunikation unscharf wird. Zugleich entgrenzen sich auch die Publika und Zuhörer- wie Zuschauerschaften als Ausgangspunkt gemeinsam geteilter sozialer und kultureller Erfahrungen, was gleichfalls nicht ohne Folgen gerade auch für die Wirksamkeit von zivilgesellschaftlichem Engagement oder politischen Bewegungen und Widerstand bleibt.

Die Frage, die einer eingehenderen Untersuchung bedarf ist, in welcher Rolle Gruppen und Einzelne in ihren Formen des Engagements, Protests und Widerstands aber auch politischer Auseinandersetzungen im Rahmen unterschiedlicher Plattformen angesprochen und inkludiert werden und welche Rolle Plattformen und soziale Netzwerkmedien bei der Mobilisierung und Artikulation haben. Hierbei geht es nicht zuletzt auch um zentrale Begrifflichkeiten, die die Rolle des Individuums als Zuschauer oder Zuhörer und damit als Publikum im öffentlichkeittheoretischen Sinn oder aber als User oder Produser betreffen und beschreiben, wobei die öffentliche Rolle letzterer theoretisch bislang vollkommen unbestimmt ist.

Die Formveränderung von Publika verweist nicht nur auf mögliche neue Rollen, sondern auch auf ein grundsätzlich anderes Verständnis von Öffentlichkeit und öffentlicher Kommunikation in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Im Unterschied zu frühen Bestandsaufnahmen dieses Formwandels stehen mittlerweile weitaus mehr spannungsvolle und -geladene Arenen im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit als noch vor wenigen Jahren, die ihrerseits um Aufmerksamkeit ringen, insbesondere wenn man an politischen Aktivismus denkt. Die klassischen Leitmedien sind allenfalls noch Beobachter dieser Entwicklung, nicht aber mehr Mittler und Vermittler, wie noch im Kontext der Massenkommunikation.

Für ein tieferes Verständnis der angesprochenen Veränderungen bzw. Um-Ordnung der öffentlichen Kommunikation und Publika im Horizont von Plattformen mit ihrer spezifischen Ökonomie geht es insbesondere auch um die Auseinandersetzung mit den bekannten eindimensionalen Szenarien, die vielfach immer noch mit an der Wiege der Auseinandersetzung über die Folgen der Digitalisierung stehen. Auf der einen Seite finden wir – Rückübersetzt in Ecos Begrifflichkeit von einst – die ›Integrierten‹, die an den sozialen Netzwerkmedien vielfach allein die positiven Errungenschaften hervorheben. Erst durch die Nutzung von Online-Medien würden die Bürger in den Stand versetzt, zu partizipieren und an öffentlichen Diskursen und Auseinandersetzungen teilzunehmen. Die digitalen Techniken, ihre Nutzung und Beherrschung wird damit unter der Hand zu einer unabweisbaren Voraussetzung demokratischer Teilhabe, weil scheinbar nur noch über die digitalen Kanäle Kritik und Widerspruch vernehmbar gemacht werden kann und Ungleichheit im Zugang zu öffentlichen Arenen aufgehoben würde.

Auf der anderen Seite finden wir – ebenso eindimensional – die ›Apokalyptiker‹, für die die Fragementierung von Zuhörer- und Zuschauerschaften den Kern aller weiteren Probleme und Bedrohungen der Öffentlichkeit darstellt. Dominant ist das Szenario einer Fragmentierung der Publika, die nicht nur zu einer Des-Integration der Gesellschaft beiträgt, sondern auch die Protestmilieus und -formen in ihrer Wirksamkeit beeinträchtigen kann. Durch die Segmentierung hätten insbesondere populistische und anti-demokratische Kampagnen und Strategien eine viel größere Chance Gehör zu finden, was noch dadurch verstärkt wird, dass ein fragmentiertes Publikum leicht zum Spielball von Desinformation und Propaganda wird.

Vor diesem Hintergrund wollen wir nicht nur die nationale sondern auch die internationale Entwicklung in den Blick nehmen und insbesondere die Formen der Protestorganisation politischer Bewegungen und von politischem Aktivismus thematisieren, um am Beispiel der einleitend genannten aber auch weiterer Bewegungen im Netz die Mobilisationsweisen und -formen zu ergründen und die öffentliche Rolle und Wirksamkeit zur Diskussion stellen. Die Frage, um die es ist geht, betrifft nicht allein die Handlungsmacht des Einzelnen in einer scheinbar immer unübersichtlicher und für das Individuum scheinbar bedrohlicher werdenden Vernetzung, sondern vielmehr die Widersprüchlichkeit der Entwicklung gerade im Hinblick auf öffentliche Partizipation und demokratische Teilhabe, die sich mit der Loslösung von klassischen Leitmedien im Umbruch befindet.

Im Rahmen der Sektionssitzung wollen wir uns daher mit einer aktuellen Bestandsaufnahme zu Themen, Inhalten und Protestformen befassen, die bspw. im Zentrum der öffentlichen Auseinandersetzung um Umwelt- und Klimapolitik, politischem Widerstand, Aktivismus und Protest stehen. Ferner geht es um Themen, die in Beziehung mit sozialen Bewegungen und deren öffentlicher Repräsentation auf Plattformen und deren Folgen für die öffentliche Kommunikation stehen. In diesem Zusammenhang soll es auch um eine Auseinandersetzung mit der Politik der Plattformen und ihren automatisierten Filtern und Algorithmen gehen. Vor allem die mit dieser Perspektive verbunden Fragen sind in der letzten Zeit immer bedeutender geworden.

Wir bitten um Zusendung von aussagekräftigen Abstracts im Umfang von max. 500 Wörtern bis spätestens 18.04.2020 per E-Mail an Udo Göttlich (udo.goettlich@zu.de) und Matthias Wieser (Matthias.Wieser@aau.at)