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Call for Papers: Soziale und ästhetische Spannungen in audiovisuellen Clipkulturen. Zum Wandel des Filmischen im Zeitalter der Digitalisierung

Sektionsveranstaltung der Sektion ›Medien und Kommunikationssoziologie‹ in Zusammenarbeit mit der AG Filmsoziologie auf dem DGS-Kongress 2020

Soziale Spannungen werden nicht nur in Filmen als manifeste oder latente Konflikte thematisiert, sondern der Film ist auch ein Medium, durch welches Subjekte explizit wie implizit für kulturelle Auseinandersetzungen mobilisiert werden (können). Insbesondere die Cultural Studies haben die Relevanz filmischer Repräsentationen in der Populärkultur im Kampf um die Hegemonialisierung von Selbst- und Weltauslegungen detailliert untersucht, wobei das Filmische als Kino- oder Wohnzimmer-Ereignis lange weitgehend unangefochten von medialen Konkurrenzangeboten im Fokus stand. Ohne Frage kann man im 21. Jahrhundert nicht (ggf. mehr) vom Film als einem Leitmedium sprechen, vielmehr sind in der Hinsicht Computer und mobile Endgeräte als Dispositive der Mediennutzung anzuführen und das Internet wäre hinsichtlich seiner Kulturbedeutsamkeit zuallererst zu nennen. Dennoch scheint die Lust am Schauen weitgehend ungebrochen, wenngleich verlagert – die Rezipierenden wurden auch zum User bzw. Prod_user, der_die sich filmischen Repräsentationen in zahlreichen, digitalisierten Varianten zuwendet. Neben filmischen Angeboten im eher klassischen Sinne auf Streaming-Plattformen wäre vor allem der Film- oder Video-Clip zu nennen, der insbesondere verbreitet über Social Network Sites eine zeitgenössisch dominante, digitale Version des Filmischen darstellt und dessen Wirklichkeitsbezug nicht mehr einer photochemischen Indexikalität geschuldet ist, sondern vielmehr seiner teilbaren Präsenz in den gegenwärtigen Clipkulturen.

Die Veranstaltung der DGS-Sektion Medien- und Kommunikationssoziologie und ihrer AG Filmsoziologie lädt dazu ein, über die materiell bedingten wie symbolisch codierten Clip- Dispositive und Affordanzen sowie Identifikationsleistungen, Distanzierungsmöglichkeiten und generell Subjektkonfigurationen, die durch Varianten der Clips evoziert werden, zu diskutieren. Bewusst möchten wir hier keine Plattformen, Video-Genres oder spezifische Clip- Kulturen vorausgreifend setzen und die Vorträge können sowohl auf der Ebene der Medienproduktion, des Produkts als auch auf der Ebene der Rezeption ansetzen:

Auf der Ebene des Produkts und der Repräsentation stellt sich etwa die Frage welche ikonografischen, narrativen Muster Clips in ihren vielfältigen Varianten und ggf. Genres aufweisen bzw. welche ikonisch-ikonologischen Praktiken der Bezeichnung vorherrschen. Hinsichtlich entsprechender Analysen der Politik der Repräsentation – wie in anderen Aspekten der Zirkulation von Clips – gilt es u.E. nicht, einfach die Abweichung zum narrativfiktionalen Spielfilm (als einem ›Normalitätshorizont des Filmischen‹) zu suchen, sondern das Filmische in seiner Breite der zeitgenössischen Erscheinungen auch neu zu denken. Dies gilt auch für den Bereich der Rezeption; schließlich können durch (Amateur-) Clips eigene Produktionen vergleichsweise umstandslos und zeitnah sich an Rezeptionserfahrungen anschließen. Auf der Ebene der Rezeption sind sicherlich auch die Fragen zu verorten, die nach den hier bisher nur skizzenhaft genannten Aspekten für die Konstitution von Subjekten und deren Selbstwahrnehmung fragen (in spezifischen Kontexten, Subkulturen/ Milieus, Dispositiven, biografischen Phasen, etc.). In dieser Hinsicht ist auch die Produktion der Clips in Bezug auf die Vorwegnahme von und Anregung zu Feedback- und Bewertungsschleifen zu denken; insbesondere vor dem Hintergrund der räumlichen und zeitlichen Entgrenzung, die mit Streaming und Konvergenz von Medien einhergehen. Die Distribution entsprechender audiovisueller Formate ist in hohem Maße auf geringe (oft keine) Kosten und schnelle Verfügbarkeit des Streams abgestellt, wobei die Logik der Algorithmen der Verlinkungs- und Vorschlagsstrukturen von Clips bislang kaum untersucht sind.

Empirisch oder theoretisch ausgerichtete Arbeiten können sich also auf Fragen beziehen wie:

  • Welche Clip-Genres lassen sich (etwa plattformtypisch) unterscheiden und wie beziehen sich entsprechende Clips auf Konventionen filmischen Erzählens und Zeigens bzw. auch: Wie greifen letztere die Eigenheiten ersterer auf? Oder auch: Wie ist das Verhältnis zwischen Kurzfilm und Clip zu verstehen?
  • Wie werden Individuen als Subjekte durch unterschiedliche Clipkulturen/-genres adressiert, welche Subjektnormen zirkulieren via Clips und welche Modi einer ggf. neuen oder veränderten Mediensozialisation lassen sich identifizieren?
  • Sind Spielarten des Wirklichkeitseindrucks oder der Immersionseffekte durch Clips festzustellen? Wie und zu welchen ästhetischen wie politischen Zwecken verweisen Clips (nicht) auf ihre mediale Verfasst- und Gemachtheit? Inwiefern bestehen Verweisstrukturen innerhalb von Clip-Kulturen?
  • Sind Rezeptions- und Produktionsprozesse im Rahmen von Genres als Praktiken der (Ent)Subjektivierung zu verstehen bzw. inwiefern zeichnen sich Ambivalenzen und Widersprüche, mit Blick auf Ideologien der Disziplinierung und Emanzipierung, ab?
  • Welche Rezeptionskontexte sind zu differenzieren und welche Dispositive und Affordanzen der Nutzung bedingen Formen der Affizierung und Identifikation? Welche Formen der Regulierung der Distribution von Clips lassen sich unterscheiden und welche Rezeptionsformen unterstützen sie?
  • Welche sozialen Bewegungen bedienen sich Clip-Kulturen; bestehen explizite Politiken der Clip-Repräsentation? Welche Subkulturen reproduzieren oder konstituieren sich durch Prozesse der Vergemeinschaftung / Vergesellschaftung?

Wir bitten um Zusendung von aussagekräftigen Abstracts im Umfang von max. 500 Wörtern bis spätestens 18.04.2020 per E-Mail an Alexander Geimer (alexander.geimer@hu-berlin.de), Carsten Heinze (Carsten.Heinze@uni-hamburg.de) und Anja Peltzer (peltzer@uni-trier.de).