Tagungen

Call for Papers zum 6. Treffen der Arbeitsgruppe Filmsoziologie innerhalb der Sektion Medien- und Kommunikationssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie am 19. und 20. Dezember 2019 am Institut für Soziologie der Universität Koblenz-Landau

Deadline: 30.09.2019

›Methodenpluralismus‹ in der (film-)soziologischen Analyse – am Beispiel des Films Capote (Miller 2005)

Nicht nur in der Debatte um die Leistungsfähigkeit unterschiedlicher empirischer Forschungsmethoden, sondern auch vor dem Hintergrund einer interdisziplinären Suche nach Antworten auf beziehungsweise Lösungen für ein gesellschaftliches Problem wurde in den Geistes- und Sozialwissenschaften immer wieder ›experimentiert‹. Zu erinnern ist an den hermeneutischen Leistungstext im Rahmen der ›Interpretationen einer Bildungsgeschichte‹ (Heinze, Klusemann & Soeffner 1980) oder an die Arbeit über die politische Ikonographie am Beispiel von ›Hillarys Hand‹ (Kauppert & Leser 2014). Diese ›Experimente‹ bestanden darin, unterschiedliche Forschungsperspektiven, -methoden, Deutungsansätze oder gar Disziplinen mit ein und demselben Gegenstand arbeiten zu lassen. Ziel war dabei nicht nur eine Antwort auf die bange Frage, ob unterschiedliche – der Objektivität verpflichtete – Wissenschaftler(innen) nicht am Ende doch unterschiedliche ›Wahrheiten‹ hervorbrächten. Es ging immer auch darum, ein paar Bedingungen ›konstant‹ zu halten, um die jeweiligen Verfahren in ihrer Arbeit oder doch zumindest mit Blick auf ihre Ergebnisse vergleichen zu können. Das didaktisch Erhellende an einem solchen Setting ist die im Verlauf zu erwartende Dokumentation unterschiedlicher Forschungsprozesse, bei denen unterschiedliche Foki, unterschiedliche Theorien als Deutungsfolie oder auch unterschiedliche Datenqualitäten geradezu synchronisiert und nebeneinander gelegt werden können. Am Ende steht dann nicht die Entscheidung für ein ›Siegerverfahren‹, sondern die Erkenntnis darüber, mit welchem ›Objektiv‹ man welches ›Motiv‹ in den Blick bekommt und welches Verfahren sich letztlich für welche Fragestellung als am geeignetsten erweist.

Ein solches quasi-experimentelles Szenario für die Filmsoziologie zu installieren wird nur einen Teil des filmsoziologischen Interessenspektrums adressieren: Eine Soziologie des Films, also seiner gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse im diachronen und synchronen Vergleich ist, da ihr Gegenstand nur selten ein einzelner Film ist, weniger affiziert. Vielmehr richtet sich der Versuch an Forschungsperspektiven einer Soziologie durch Film, also Positionen, die standardmäßig mit einem oder mehreren einzelnen Bewegtbildzusammenhängen arbeiten. Geöffnet wird das Feld zudem für Perspektiven einer allgemeinen Filmwissenschaft und Filmanalyse; allerdings sind deren Befunde in erster Linie dann von soziologischem Interesse, wenn sie mit ihren Interpretationen auch zum Verständnis sozialer oder gesellschaftlicher Fragen beitragen.

Aus den beiden vorangegangenen Absätzen wird ersichtlich, dass das Interesse des 6. Treffens der AG Filmsoziologie an erster Stelle den Methodenvergleich adressiert und nicht ein soziales Problem. Gleichwohl aber schafft das Verfahren auch die Möglichkeit, aktuelle gesellschaftliche Fragen durch die Auswahl des zu behandelnden Mediums (Film) zu adressieren. Da auch dieser Blickwinkel erprobt werden soll, fällt die Auswahl nicht zuletzt inspiriert durch das 5. Treffen der Arbeitsgruppe, das die Frage nach der Fiktionalität im Fokus hatte, auf eine zum Jahreswechsel 2018/2019 medienöffentlich breit diskutierte Thematik: die Frage nach der Grenze von Fiktionalität und Realismus beziehungsweise Journalismus und Literatur am Beispiel des die Entstehung des Tatsachenromans thematisierenden BioPic ›Capote‹ von Bennett Miller aus dem Jahr 2005. Die Spannung zwischen Fiktion und Realität werden dabei auf mehreren Ebenen thematisch: zwischen vergangenen Ereignissen und ihrer Historisierung, zwischen der historisierten Erfahrung und der literarischen Erzählung, zwischen literarischer Erzählung und Filmnarrativ sowie innerhalb der filmischen Erzählung – gleichsam als ›Botschaft‹ des Films – zwischen der Rekonstruktion eines kriminalistischen Sachverhalts durch einen Reporter und der Reportage als seinem Erzeugnis.

Anhand dieses Ausgangsmaterials wird um Vortragsvorschläge gebeten, die unter explizitem Ausweis einer medien- oder filmwissenschaftlichen oder auch filmsoziologischen Methode eine Analyse dieses Films oder zu einem seiner soziologische, politischen, filmischen, ästhetischen, dokumentarischen usw. Aspekte vortragen. Dabei kann – stets unter Bezug auf den zu behandelnden Film Capote – unter anderem folgenden Fragen nachgegangen werden:

  • Zu welchen Ergebnissens kommt die Untersuchung des Films bei der Anwendung eines bestimmten analytischen Verfahrens mit Blick auf das soziologische Erkenntnispotential?
  • Zu welchen Erkenntnissen gelangt eine filmwissenschaftliche Untersuchung dieses Films im Hinblick auf (spezial-)soziologische Themengebiete und Theorien (z. B. Gender, Kunst, Biographie, Medien etc.)?
  • Welche zeitdiagnostischen oder zeitgeistbezogenen Hypothesen lassen sich zu diesem Film infolge der Einnahme einer filmsoziologischen Perspektive formulieren?
  • Welche filmsoziologischen Einsichten (theoretisch und methodisch) können aus der Untersuchung dieses Films gewonnen werden?

Abstracts im Umfang von maximal 2.000 Zeichen werden bis zum 30. September 2019 erbeten an Prof. Dr. Oliver Dimbath (dimbath(at)uni-koblenz.de).

Literatur:

Heinze, Thomas, Hans-W. Klusemann & Hans-Georg Soeffner (Hg.) (1980): Interpretationen einer Bildungsgeschichte: Überlegungen zur sozialwissenschaftlichen Hermeneutik, Bensheim: Päd. Extra Buchverlag

Kauppert, Michael & Irene Leser (Hg.) (2014): Hillarys Hand: Zur politischen Ikonographie der Gegenwart. Bielefeld: transcript