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Stellungnahme zur geplanten Schließung des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Die vom Stifter Jan Philipp Reemtsma im Januar 2024 angekündigte Schließung des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) mitsamt der dort angesiedelten Publikationsforen und Forschungsinfrastrukturen zum Jahr 2028 hat bei Sozial- und Zeithistoriker:innen sowie in den Sozialwissenschaften große Betroffenheit ausgelöst.

Das HIS ist in der deutschsprachigen soziologischen und geschichtswissenschaftlichen Forschungslandschaft von großer Bedeutung. Die Schließung des HIS würde für diese auch gesellschaftlich wichtigen Forschungskontexte einen herben Verlust darstellen. Das gilt sowohl mit Blick auf die enorme intellektuelle und aufklärerische Wirkkraft des Instituts als auch mit Blick auf die dort über Jahre hinweg gewachsene wissenschaftliche Kompetenz sowie die nachhaltige Infrastruktur für Publikationen, Debatte und ›public science‹-Formate.

In der interdisziplinären Forschung zu Gewalt, Folter und Krieg nimmt das HIS seit Jahrzehnten eine Schlüsselstellung ein; es hat sich dabei nicht zuletzt um die Aufarbeitung politischer Gewalt in der deutschen Geschichte verdient gemacht. Dies zeigt sich etwa bei den Ausstellungen zu den Verbrechen der Wehrmacht (in den 1990›ern und 2000‹ern), die eine erinnerungspolitische Weichenstellung waren, und die das Geschichtsbewusstsein in Deutschland nachhaltig zum Besseren verändert hat. In den letzten Jahren ist es am HIS zudem gelungen, neue und hochrelevante Themenfelder unter Einbeziehung der historischen Dimension zu erschließen, insbes. zur Krise von Demokratie und Staatlichkeit oder zu Recht und Gesellschaft. Sollte das HIS geschlossen werden, entfiele diese relevante Forschung und Vermittlungsarbeit.

Seit seiner Gründung 1984 hat das HIS engagiert und kontinuierlich auch die historische Forschung in Deutschland gefördert und eine Reihe wegweisender Arbeiten hervorgebracht. Die im Lauf der Jahre gewachsene interdisziplinäre Kooperation am Institut hat ein hierzulande einzigartiges Gespräch zwischen Sozial- und Geschichtswissenschaften ermöglicht und damit auch weit über Deutschland hinausgewirkt. Das HIS hat es dabei verstanden, internationale Forschungszusammenhänge aufzubauen. Angesichts der Relevanz der aktuell beforschten Themen zur Geschichte rechter Gewalt, zur Konstruktion Europas und auch zu den Dynamiken der Geldpolitik wäre die ersatzlose Schließung des Instituts ein schwerer Schlag für die deutsche und internationale historische und sozialwissenschaftliche Forschung zu Themen, die für Gegenwart und Zukunft von größter Bedeutung sind.

Hinzu kommt, dass das HIS Forschungsinfrastrukturen und Publikationsforen zur Verfügung stellt, die in verschiedene wissenschaftliche Bereiche hineinwirken. ›Soziopolis‹ etwa hat sich innerhalb weniger Jahre zur wichtigsten digitalen Plattform für die nicht-quantitativen deutschsprachigen Sozialwissenschaften entwickelt. Die hier veröffentlichten Besprechungen und Debatten gehören mit zum Besten, was man derzeit im deutschsprachigen Raum finden kann. Die Plattform wird auch von führenden Historiker:innen bespielt und zeigt einmal mehr, wie auf einem vor Jahrzehnten geschaffenen finanziellen Fundament eine eigenständige, produktive Infrastruktur entstanden ist. Die Zeitschrift ›Mittelweg 36‹ macht (im Übrigen auch geschichtswissenschaftliche) Forschungen zu aktuellen Debatten einer breiteren Leser:innenschaft zugänglich; die ›Hamburger Edition‹ hat sich nicht zuletzt im Bereich der Übersetzung große Verdienste erworben. Aus historischer Sicht würde zudem die Schließungdes Archivs mit seinen Sammlungsschwerpunkten zu Themen der Protest-, Gewalt- und Bewegungsforschung einen tragischen Verlust darstellen.

Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands sprechen sich gegen eine Schließung und für konstruktive Überlegungen aus, wie Forschung und Infrastruktur des Instituts sinnvoll weitergeführt werden können.