Gastherausgeberin/Gastherausgeber: Franziska Görmar und Jörn Knobloch (Leibniz-Institut für Länderkunde)
In den vergangenen zehn Jahren hat die Debatte um persistente Ost-West-Unterschiede in Deutschland wieder Fahrt aufgenommen (vgl. Vogel/Lorenz/Pates 2024; Mau 2024). Die Debatte spielt damit nach wie vor eine herausgehobene Rolle in der Selbstwahrnehmung Deutschlands in Bezug auf politisch relevante sozialräumliche Ungleichheiten. Indes gibt es 35 Jahre nach der Wiedervereinigung in der Wissenschaft und Politik zunehmend Ansätze, die andere sozialräumliche Unterschiede als politisch relevanter einschätzen. So konstatieren Forschungen etwa ein problematisches Stadt-Land-Gefälle oder große sozialräumliche Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland (Fuest/Immel 2019; Westenberger 2025). Diese›neuen‹räumlichen Ungleichheiten können die politische Relevanz der Ost-West-Unterscheidung herausfordern. Zum Beispiel verweist das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) darauf, dass die ostdeutschen Länder in Bezug auf Finanz- und Wirtschaftskraft weiter aufgeholt haben, während das Stadt-Land-Gefälle überall größer wird (van Deuverden 2025).›Abgehängte Regionen‹gibt es nicht mehr nur in Ostdeutschland, sondern zunehmend auch in altindustriellen oder ländlichen Regionen Westdeutschlands, die in den aktuellen Transformationsprozessen ebenfalls vor großen Herausforderungen stehen (Royer/Leibert 2024).
Für eine völlige Relativierung der sozialräumlichen Ost-West-Unterscheidung reicht das aber noch nicht. Der Osten des Landes ist überwiegend ländlich geprägt, weshalb sich dort verschiedene Marginalisierungseffekte überlappen, was zu einer Verschärfung sozioökonomischer Problemlagen in einzelnen Regionen führt. Diese Problemlagen›abgehängter Regionen‹(ostdeutscher und anderer) werden dabei oft stark medialisiert, so dass das Bild eines›anderen Deutschland‹entsteht. Gleichzeitig sind marginalisierte Regionen, ostdeutsche und andere, häufig in politischen Arenen unterrepräsentiert (Kollmorgen/Schaller 2024). Die hohen Wahlquoten für populistische Parteien (AfD und BSW) lassen zudem auf eine politische Differenzierung zwischen unterschiedlichen Regionen schließen, wobei insbesondere die AfD auch im Westen steigende Ergebnisse vorweisen kann.
Das special issue setzt sich daher zum Ziel, 35 Jahre nach der Wiedervereinigung neben der Analyse der Ost-West-Unterschiede und ihrer Ursachen weitere sozialräumliche Unterschiede (z.B. Stadt-Land, Nord-Süd) mit ihren Ungleichheiten sowie entsprechende Antworten darauf in den Blick zu nehmen. Dabei sollen die Beiträge über Erklärungsmuster im Sinne einer›revenge of the places that don’t matter‹(Rodríguez-Pose 2018) hinausgehen, um ein nuancierteres Verständnis der Unterschiede zu gewinnen und so räumliche Konzepte der Differenzierung kritisch zu hinterfragen.
Zur Entwicklung einer differenzierten Perspektive auf die sozialräumlichen Unterschiede sind wir insbesondere an Forschungen interessiert, die ihr Augenmerk auf die Handlungsmacht lokaler und regionaler Akteure, institutionelle Kontexte, Narrative und historische Ansätze sowie lokale strukturelle Bedingungen legen. Wir suchen auch Beiträge, die Fälle einer aktiven Auseinandersetzung mit sozialräumlichen Unterschieden untersuchen. Das schließt widerständige Praktiken, Proteste und kollektive Problemlösungen ein, wie z.B. alternative ökonomische Ansätze, soziale Innovationen oder erfolgreiche partizipative Projekte, die den Zusammenhalt fördern. Sozialräumliche Ungleichheiten können dabei als Ausgangspunkt zur Mobilisierung wirtschaftlicher, politscher oder zivilgesellschaftlicher Akteure dienen, wobei sich Fragen nach Machtverhältnissen und Asymmetrien der Raumordnung stellen.
Entsprechend laden wir Beiträge zu folgenden Fragekomplexen (nicht abschließend) für dieses special issue ein:
• Sozialräumliche (Un-)Gleichheiten und Transformation:
- Welche Trends für Divergenz und Konvergenz gibt es und in welchen räumlichen Konfigurationen sind sie sichtbar?
- Wie werden (Un-)Gleichheiten und Transformationsprozesse medial repräsentiert?
- Wie können wir gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhalt stärken und ökonomische, soziale und politische Spaltungen adressieren?
• Das Erbe der DDR und post-sozialistische Transformation:
- Welchen Einfluss haben und hatten sozialräumliche Restrukturierungen in Ostdeutschland (z.B. die Transformation von Industrien, demographische Schrumpfung, Peripherisierung) auf die politische Wahrnehmung und das Wahlverhalten?
- Wie ist›der Osten‹in der gesamtdeutschen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft repräsentiert?
- Wie kann das DDR-Erbe in der Raumplanung adressiert werden und inwieweit beeinflussen langfristige politische Entscheidungen in der Raumplanung die soziale und politische Entwicklung im Osten heute noch?
• Stadt-Land-Unterschiede:
- Welche Unterschiede lassen sich zwischen Stadt und Land in Bezug auf Demographie, wirtschaftliche Entwicklung, Zugang zu Infrastruktur, Arbeitsmarkt oder Bildung identifizieren?
- Welche Zukünfte werden in ländlichen und städtischen Regionen imaginiert und welche alternativen Ansätze zum Abbau der Ungleichheiten gibt es?
• Geographien der Unzufriedenheit und des Protests:
- Wie äußern sich Emotionen wie Wut, Angst oder Unzufriedenheit räumlich?
- Welche Arten von Protest und Gegenprotest gibt es?
- Wo ist politischer Protest am stärksten?
- Welche Zusammenhänge bestehen zwischen diesen Protesten und materieller Infrastruktur, Zugang zu Ressourcen oder regionaler Raumplanung?
- Wie gehen politische und zivilgesellschaftliche Akteure mit Unzufriedenheit, Wut und Protest um?
Beiträge können auf Deutsch oder Englisch verfasst und in den Kategorien›Forschungsbeitrag / Research Article‹und›Kommentar / Commentary‹eingereicht werden. Interessierte Autorinnen und Autoren werden gebeten, zunächst ein Abstract (mit Arbeitstitel des Beitrags, Forschungsfrage, Methoden und Ergebnissen) im Umfang von maximal einer Seite bei den guest editors einzureichen, um eine thematische Passfähigkeit zum Schwerpunktheft sicherzustellen. Alle interessierten Autorinnen und Autoren werden darüber hinaus gebeten, die Autorenhinweise der Zeitschrift zu beachten (https://rur.oekom.de; Rubrik›Submissions‹. Alle einzureichenden Manuskripte durchlaufen das übliche doppelblinde Begutachtungsverfahren.
Der folgende Zeitplan ist vorgesehen:
• Deadline für die Einreichung von Abstracts: 31. Januar 2026
• Benachrichtigung der Autorinnen und Autoren, ob auf Basis des Abstracts ein Manuskript eingereicht werden kann: 28. Februar 2026
• Deadline für die Einreichung fertiger Manuskripte auf der Redaktionsplattform der Zeitschrift: 30. Juni 2026
• Die›online first‹Publikation erfolgt jeweils rund vier Wochen, nachdem der entsprechende Beitrag angenommen wurde
• Die Printveröffentlichung des Schwerpunktheftes ist für April 2027 vorgesehen
Für fachliche Fragen stehen die guest editors gern zur Verfügung: Franziska Görmar (f_goermar(at)leibniz-ifl.de) und Dr. Jörn Knobloch (j_knobloch(at)leibniz-ifl.de).
Für organisatorische Fragen steht der Schriftleiter Prof. Dr. Andreas Klee (andreas.klee(at)arl-net.de) gern zur Verfügung.