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SOZIOLOGIE Jahrgang 49 - Heft 3 - 2020

Aus dem Inhalt

  • Bernhard Schäfers: Zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels
  • Günter Warsewa, Peter Bleses, Matthias Güldner: Der Transfer von sozialwissenschaftlichem Wissen als Forschungsgegenstand
  • Ulf Ortmann: Ein Leben nach der Uni ist möglich
  • Katharina Block: Soziologie des Un/Verfügbaren

 

Identität und Interdisziplinarität

Bernhard Schäfers
Zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels

Mit Karl Marx war Friedrich Engels der Begründer des wissenschaftlichen So­zia­lis­mus, der gegenüber dem utopischen Sozialismus von Claude-Henri de Saint-Simon, Robert Owen, Charles Fourier beanspruchte, das Bewegungsgesetz der ge­sell­schaft­li­chen Evolution erkannt zu haben. Obwohl er es war, der Karl Marx mit einer Schrift im Jahr 1844 auf die Idee brachte, dass die ökonomischen Verhältnisse die ent­scheidende Basis dieser Entwicklung sind, stellte er sich, zu sehr, wie dargelegt wird, in dessen Schatten. Es war Friedrich Engels, der vor allem mit seinen späten Schrif­­ten den Marxismus ›erfand‹, wie sein englischer Biograph Tristram Hunt zei­gen konnte.

Friedrich Engels was, together with Karl Marx, the founder of scientific socialism, in con­trast to the so called utopian socialism of Claude-Henri de Saint-Simon, Ro­bert Owen or Charles Fourier. They claimed to have unveiled the logic of historical evo­lu­tion. Although it was Engels who convinced Marx with an essay in 1844, that the eco­no­mic basis is the source of all societal conditions and historical evolution, he modestly al­ways gave Marx the primate, far too much, as explained here. It was Friedrich Engels, who with his late writings ›invented‹ Marxism, as his English biographer Tristram Hunt puts it.

Forschen, Lehren, Lernen

Günter Warsewa, Peter Bleses, Matthias Güldner
Der Transfer von sozialwissenschaftlichem Wissen als Forschungsgegenstand   

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung erwartet vom in Gründung be­findlichen Forschungsinstitut gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) die Erforschung von Be­dingungen, Gefährdungen und Entwicklungsmöglichkeiten des gesellschaft­li­chen Zu­sammenhalts. Zum Auftrag des FGZ gehört eine partizipativ gestaltete öffentliche Wissenschaft, die den Wissenstransfer in beide Richtungen anstrebt und zu­gleich eva­lu­iert: aus der Wissenschaft in die Gesellschaft und aus der Gesellschaft in die Wis­sen­schaft. Die Erwartungen an diesen kollaborativen Transfer sozial­wis­sen­schaft­lichen Wissens mit der Politik und der weiteren Öf­fentlichkeit sind damit einer­seits sehr hoch ge­setzt. Vergegenwärtigt man sich andererseits die komplexen inner­wis­sen­schaft­li­chen, gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedin­gungen des so­zial­wis­sen­schaft­lichen Transfers, wird fraglich, ob sich Erwartungen und Mög­­­lichkeiten des Wissens­trans­fers entsprechen können. Im Beitrag skizzieren wir zu­nächst un­ter­schied­liche Er­war­tungen sowie die komplexen wissenschaftlichen, po­litischen und ge­sell­schaftlichen Bedingungen sozialwissenschaftlichen Wissens­transfers. Auf dieser Basis plädie­ren wir dafür, das FGZ als eine Chance zu sehen, eine analytisch und selbstreflexiv angelegte sozialwissenschaftliche Transferforschung zu reaktivieren bzw. neu zu etablieren.

Requirements of the Federal Ministry of Education and Research for the newly-foun­ded Research Institute for Social Cohesion (RISC) comprise the study of social cohesion, its preconditions, risks and chances for further development. One of the basic missions is to engage in a participatory, public form of science, which seeks to transfer and evaluate knowledge in both directions, from science to society and from society back to science. On one hand, there are high expectations regarding such a col­laborative transfer of social science findings into the political and public spheres. On the other, it remains uncertain whether such transfer could actually live up to these expectations, given the complexity within social science itself and the pre­vai­ling conditions in the spheres of science, politics and the public. In this article we shall sketch out various assumptions as well as the multifaceted scientific, political and public predispositions for such an intensified transfer of social science know­ledge. Hence, we are calling for the (re-)activation of an analytically-oriented and self-reflective kind of social science transfer research.

Hier der Volltext zum Download.

Ulf Ortmann
Ein Leben nach der Uni ist möglich

Was machen Promovierende und Professor*innen aus der Soziologie, um ihren be­ruf­lichen Verbleib bzw. den beruflichen Verbleib von Promovierenden, die sie be­treuen, zu klären? Über die Auswertung qualitativer Interviews entwickle ich im vor­liegenden Beitrag die These, dass Promovierende und Professor*innen die Frage nach dem beruflichen Verbleib von promovierenden bzw. promovierten Sozio­log*in­nen in erster Linie als offene Frage hinnehmen. Das Argument, das Promo­vie­­rende und Professor*innen dazu formulieren, lautet: Promovierende und Pro­fes­sor*innen suchen Antworten auf die Frage nach dem beruflichen Verbleib typi­scher­weise nur, wenn es um Anschlussfinanzierung geht. Das lässt vermuten, dass in der So­ziologie Promovierende den beruflichen Verbleib in kurzen Statuspassagen klären – obwohl berufliche Perspektiven vage sind.

What do PhD candidates and professors in sociology do to clarify the professional careers of the doctoral students? By analysing qualitative interviews, I develop the thesis that PhD candidates and their professors primarily regard the question of the pro­­fessional future of doctoral students and post-doctoral sociologists as an open ques­tion. The argument of doctoral students and professors is: They typically only look for answers to the question of the career path when it comes to follow-up fina­n­cing. This leads to the assumption that in sociology, doctoral students clarify their professional future in short status passages – although career prospects are vague.

Katharina Block
Soziologie des Un/Verfügbaren

Aktuelle Zeitdiagnosen und gesellschaftstheoretische Perspektiven legen nahe, dass wir gegenwärtig gesellschaftliche Entwicklungen erleben, die mit den Formen mo­der­nen Denkens nicht mehr hinreichend zu fassen sind. Die wesentlichen Kon­sti­tutiva dieser Entwicklungen sind konkrete Phänomene und Erfahrungen des Un­ver­fügbaren. Das Netzwerk möchte zeigen, inwiefern solche Konkreta und Erfah­run­gen des Unverfügbaren in den Bereichen (a) gesellschaftliche Naturverhältnisse, (b) Mensch-Technik-Interaktionen und (c) politische Mobilisierung vorliegen und un­sere etablierten Wissensformen herausfordern, ja gar in Frage stellen. Deswegen wol­len wir als multiperspektivisches Netzwerk, in Auseinandersetzung mit einerseits be­stehenden soziologischen Theorieangeboten und andererseits neuen Denk­ho­ri­zon­ten aus den Kultur- und Geisteswissenschaften, eine Theoriebildung vor­an­trei­ben, mit der diese Entwicklungen von der Soziologie adäquat erfasst werden kön­nen, ohne wichtige Veränderungen dabei unbeobachtet zu lassen. Eine solche So­zio­logie des Un/Verfügbaren ist innerhalb der Soziologie bislang Desiderat und soll des­wegen im Netzwerk bearbeitet werden.

Current diagnoses of the times and socio-theoretical perspectives suggest that we are currently experiencing social developments that can no longer be adequately grasped with the forms of modern thinking. The essential constituents of these de­ve­lopments are concrete phenomena and experiences of the unavailable. The net­work wants to show that such concrete phenomena and experiences of the un­avai­lable are actually present in the areas of (a) societal relationships to nature, (b) hu­man-technology interactions, and (c) political mobilization, and that they actually chal­lenge, even question, our established forms of knowledge. Therefore, as a multi-per­s­pective network, we are aiming a theory-building process in which these deve­lop­ments can be adequately grasped by sociology, without leaving important changes unobserved. By examining existing sociological theory on the one hand and new hori­zons of thought from the cultural sciences and the humanities on the other, a theo­ry formation is promoted with which the social developments can be adequately grasped. Such a Sociology of the Un/Available has so far been a desideratum within so­­ciology and will therefore be developed in the network.

Steffen M. Kühnel, Stefanie Eifler
Ist Anonymisierung Fälschung?  

Ein Kommentar zum Beitrag von Stefan Kühl: ›Zwischen Präzision und Anonymisierung‹ in Heft 1 - 2020.

 

DGS-Nachrichten

  • Jo Reichertz: DGS-Blog: Corona und die Krise der sozialwissenschaftlichen Forschung
  • Birgit Blättel-Mink, Hubert Knoblauch: Digitaler DGS-Kongress 2020
  • Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zu Beschäftigungsverhältnissen in der Wissenschaft
  • Veränderungen in der Mitgliedschaft

Berichte aus den Sektionen und Arbeitsgruppen

  • Sektion Alter(n) und Gesellschaft            
  • Sektion Kultursoziologie              
  • Sektion Land,- Agrar- und Ernährungssoziologie               
  • Sektion Organisationssoziologie                
  • Sektion Wissenssoziologie            

 

Nachrichten aus der Soziologie

  • Uwe Krähnke, Christian Papsdorf: In memoriam Ditmar Brock          
  • Habilitationen  
  • Call for Papers  
    • Rethinking Transparency: Challenging Ideals and Embracing Paradoxes  
    • Organisationsgesellschaft ›reloaded‹
  • Tagungen
    • Good governance versus Corruption  
    • Moral communication. Observed with social systems theory  
    • Bildung und soziale Ungleichheit  
    • Happy Homes, Happy Society?   
    • Gesellschaftliche Produktion und Absorption von Unsicherheit