Die Soziologie zeichnet sich in vielen Bereichen nach wie vor durch eine beharrliche Arbeitsteilung zwischen theoretischer und empirischer Arbeit aus. Das bedeutet zum einen, dass die Beschäftigung mit basalen sozial- und gesellschaftstheoretischen Annahmen des Faches allzu oft fernab von empirischen Befunden erfolgt. Zum anderen wird in der empirischen Forschung kaum versucht, theoretische Vorannahmen und Grundbegrifflichkeiten des Faches herauszufordern oder diese kritisch zu reflektieren. Diese Situation wirft methodologische Fragen zum Wechselverhältnis von Theorie und Empirie auf, die wir im Workshop intensiv beleuchten möchten.
Im deutschsprachigen Raum erhielt die Diskussion wesentliche Impulse durch den Diskurs um eine Theoretische Empirie (TE), der insbesondere durch den 2008 erschienen gleichnamigen Sammelband (Kalthoff/Hirschauer/Lindemann 2008) die Debatte seither prägt. Die programmatische Forderung lautet: Vor allem qualitative Sozialforschung sei dazu geeignet, das Wechselverhältnis zwischen Theorie und Empirie so zu kultivieren, dass theoretische und empirische Arbeit gleichermaßen davon profitieren. TE wirbt für eine empirisch basierte Irritation und Weiterentwicklung sozial- und gesellschaftstheoretischer Vorannahmen. Darüber hinaus regt sie eine experimentelle Nutzung theoretischer Perspektiven an. Sie plädiert für einen offenen und pragmatischen Umgang mit der theoriepluralen Verfasstheit der Soziologie.
Der geplante Workshop zielt zum einen darauf ab, den state of the art zu dokumentieren und nach fast 20 Jahren kritisch Bilanz zu ziehen: Konnten die programmatischen Forderungen überhaupt eingelöst werden? Welche Fortschritte hat die theoretisch informierte Sozialforschung in der Soziologie gemacht? Welche Barrieren bleiben bestehen oder erwachsen aus den gegenwärtigen Bedingungen von Forschung? Wir möchten zum anderen aber auch dazu anregen, die Diskussion über den status quo hinausgehend weiterzudenken.
Anmeldefrist: 20. Januar 2026
