Klimawandel, Corona-Pandemie, der russische Angriffskrieg und die mit ihm in Verbindung stehenden Wirtschafts- und Energiekrisen: Innerhalb weniger Jahre haben weitreichende Großkrisen den Alltag und das gesellschaftliche Bewusstsein in Deutschland und vielen anderen Ländern radikal verändert. Dies kann erhebliche Konsequenzen für die Entstehung und Pflege sozialer Beziehungen und Netzwerke haben.
Angesichts des Klimawandels werden physische Mobilität zusehends kritisch hinterfragt, ferner aber auch die Emissionsbilanzen digitaler Kommunikationstechnologien problematisiert. Durch das Thema Klimaschutz sind vielfältige zivilgesellschaftliche Netzwerkstrukturen entstanden oder gewachsen. Mit der Corona-Pandemie wurden etablierte Kontaktgewohnheiten eingeschränkt und hinterfragt. Um Infektionen zu vermeiden, galt es zunächst, physische Ko-Präsenz zu reduzieren und sozialen Austausch in virtuelle Räume zu verlagern. Viele Menschen wurden von heute auf morgen mit den Vor- und Nachteilen distanzübergreifender Beziehungspflege konfrontiert. Wenngleich nicht alle Aspekte dieser›neuen Normalität‹von Dauer sein werden, sind auch mit Blick auf soziale Beziehungsnetzwerke persistente Veränderungen zu erwarten. Die aktuellen Wirtschafts- und Energiekrisen können sich ebenfalls in vielfältiger Form auf die sozialen Netzwerke in der Bevölkerung auswirken, beispielsweise hinsichtlich steigender Mobilitätskosten, zusätzlicher Unterstützungsbedarfe und veränderter Abwägungen zwischen unterschiedlichen Foki der Kontaktpflege.
Diese globalen Krisen haben auch die Agenden und Debatten in den Sozialwissenschaften maßgeblich verändert. Fundierte empirische Beschreibungen und Erklärungen benötigen gleichwohl Zeit, sodass es aktuell nur bedingt möglich ist, kurzfristigen Wissensbedarfen seitens Politik, Medien und Zivilgesellschaft gerecht zu werden. Theoretisch, methodisch und empirisch wird die gegenwärtige gesellschaftliche Dynamik weitreichende wissenschaftliche Entwicklungen stimulieren, auch in der soziologischen Netzwerkanalyse.
Dementsprechend möchten wir mit der Frühjahrstagung 2023 einen Austausch dazu anstoßen, welche Perspektiven und Fragestellungen, welche neuen Herausforderungen und vielleicht auch (methodischen) Chancen aus den aktuellen Großkrisen hervorgehen. Auch möchten wir bereits abgeschlossene oder in Arbeit befindliche empirische und konzeptionelle netzwerkanalytische Beiträge in den skizzierten Themenfeldern diskutieren. Zugleich soll die Veranstaltung an die Tradition bisheriger Frühjahrstagungen anknüpfen und für ein breites Spektrum netzwerkanalytischer Forschungsthemen, Analyseperspektiven und Erhebungsmethoden offen sein. So freuen wir uns über Beiträge aus der Soziologie, aber auch aus angrenzenden und weiter entfernten Disziplinen. Sowohl abgeschlossene und in Durchführung befindliche empirische Studien als auch methodische und theoretisch-konzeptionelle Überlegungen sind als Vortragsinhalte willkommen.
Die Frühjahrstagung wird am 15. Und 16. März am Thünen-Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen in Braunschweig (https://www.thuenen.de/de/fachinstitute/laendliche-raeume/lebensverhaeltnisse-in-laendlichen-raeumen) stattfinden. Lokale Veranstaltende sind Sylvia Keim-Klärner, Andreas Klärner und Tobias Mettenberger. Prof. Beate Völker (Direktorin des Niederländischen Instituts für Kriminalitätsstudien und Strafverfolgung) wird in ihrer Keynote über die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sprechen.