Aktuell

Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zur Methodenausbildung

Beschluss des Vorstandes vom 06.10.2002

 

 

I. Allgemeine Bemerkungen

Die Methoden der empirischen Sozialforschung sind zentraler Bestandteil soziologischer Berufsarbeit und somit der universitären Ausbildung in der Soziologie. Eine gute Methodenausbildung ist für die weitergehende Professionalisierung, Identität und Profilbildung unserer Disziplin geradezu konstitutiv. Soziologinnen und Soziologen, die im Bereich der ›Methoden‹ optimal ausgebildet sind, können mit einer großen und (zumindest) stabilen Nachfrage bei potenziellen Arbeitgebern rechnen. Die Substitutionskonkurrenz mit anderen Sozialwissenschaftler(inne)n auf dem Arbeitsmarkt wird oft zu Gunsten der Soziologie durch die bessere methodische und methodologische Qualifikation ihrer Absolventinnen und Absolventen entschieden. 

Deshalb ist eine breite, avancierte Ausbildung in standardisierter (›quantitativer‹) und nicht-standardisierter (›qualitativer‹) Sozialforschung unverzichtbar. 

Mit der hier empfohlenen Struktur und den vorgeschlagenen Inhalten der Methodenausbildung soll möglichst das gesamte Spektrum der Methoden der empirischen Sozialforschung abgedeckt werden. Im Vordergrund steht dabei die methodologisch unbestrittene Einsicht, dass sich die Wahl der Methode nach dem jeweiligen Untersuchungsgegenstand bzw. der einzelnen Forschungsfragestellung und den damit verbundenen Erkenntnisabsichten und -zielen und nicht nach persönlichen Methodenfähigkeiten (oder gar Methodenvorlieben) der Forscher(inne)n richtet. Dies impliziert einerseits die Kenntnis der verschiedenen Methoden und andererseits eine prinzipielle Entscheidungsoffenheit für deren Auswahl. Die Ausbildung in empirischer Sozialforschung soll deshalb eine kompetente, reflektierte und kritische Methodenentscheidung und -anwendung ermöglichen, was die Vermittlung der ganzen Bandbreite des methodischen Instrumentariums voraussetzt. 

Deshalb wird empfohlen, im Grundstudium sowohl standardisierte als auch nicht-standardisierte Methoden – möglichst integrativ und aufeinander bezogen – zu vermitteln, während im Hauptstudium die Möglichkeit eröffnet werden sollte, sich in einer Methodenrichtung in Abhängigkeit von Neigungen, Interessen und Voraussetzungen der Studierenden – aber auch in Abhängigkeit von den Angeboten und Ressourcen vor Ort – zu spezialisieren. 

Ein unverzichtbares Ziel der gesamten Methodenausbildung muss es sein, auch die Studierenden, die in ihrer späteren Berufstätigkeit selbst nicht empirisch arbeiten werden, dazu zu befähigen, die Anwendung von Methoden, Techniken und Verfahren und die durch deren Einsatz gewonnenen Erkenntnisse in publizierten Forschungsbeiträgen verstehen und kritisch reflektieren zu können. Dazu wird folgendes Curriculum vorgeschlagen, dass möglichst durch Angebote ergänzt werden sollte, die eine Vertiefung oder Spezialisierung in den Methoden der empirischen Forschung ermöglichen. 

II. Schematische Darstellung des Curriculums

Grundstudium

Modul 1: Einführung in die Methoden empirischer Sozialforschung (6 SWS)

  • Forschungslogik (2 SWS)
  • Empirische Sozialforschung I standardisiert und nicht standardisiert (2 SWS)
  • Empirische Sozialforschung II standardisiert und nicht standardisiert (2 SWS)

Modul 2: Statistik (8 SWS)

  • Statistik I (4 SWS)
  • Statistik II (4 SWS)

Hauptstudium

Modul 3: Forschungspraktikum (4 SWS)

  • Forschungspraktikum standardisiert oder nicht standardisiert (4 SWS)

Modul 4: Methodenvertiefung (4 SWS)

  • (Haupt-)Seminar I standardisiert oder nicht standardisiert (2 SWS)
  • (Haupt-)Seminar II standardisiert oder nicht standardisiert (2 SWS)

III. Erläuterung zum Schema

In Modul 1 ›Einführung in die Methoden empirischer Sozialforschung‹ sollen die Studierenden in standardisierte und nicht-standardisierte Methoden und die ihnen zugrunde liegenden Methodologien gleichermaßen eingeführt und über Gemeinsamkeiten und Differenzen in den Methodenrichtungen in Kenntnis gesetzt werden. Ob dies integriert oder sukzessive in ›Empirischer Sozialforschung I und II‹ erfolgt, muss vor Ort entschieden werden. 

Modul 2 konzentriert sich auf die Grundausbildung in Statistik, die alle Studierenden erfolgreich absolvieren müssen, wenn sie die akademische Graduierung in der Soziologe erreichen wollen. 

In Modul 3 ( ›Forschungspraktikum‹), das je nach Schwerpunktsetzung durch die Studierenden und den Angeboten vor Ort mit standardisierten oder nicht-standardisierten Methoden arbeitet – auch multimethodisches Vorgehen ist selbstverständlich möglich – geht es um die praktische Durchführung von Lehrforschungsprojekten auf der Basis des bis dahin vermittelten methodischen Wissen. Learning by doing sollte das didaktische Prinzip sein. 

Mit Modul 4 (›Methodenvertiefung‹) kann im Hauptstudium in Ergänzung zur (methodologischen) Schwerpunktsetzung aus dem Forschungspraktikum wieder zwischen Veranstaltungen der beiden Methodenrichtungen gewählt werden. Es wird jedoch dringend empfohlen, weitere Lehrveranstaltungen aus jener Methodenrichtung, die nicht als Schwerpunkt gewählt worden ist, zu besuchen, um die Methodenqualifikation zu erweitern. 

Mit der Abfolge der Module in der schematischen Darstellung (II.) ist keine Sukzession empfohlen, vielmehr ist vor Ort über die curriculare Struktur und Integration der Veranstaltungen zu entscheiden. So könnte im Hauptstudium das Volumen des auf 4 SWS begrenzten Forschungspraktikums (Modul 3) durch Verknüpfung mit Veranstaltungen der Methodenvertiefung (Modul 4), aber auch mit gegenstandsbezogenen Soziologie-Veranstaltungen erweitert werden. Da Methoden und Techniken empirischer Sozialforschung erfolgreich nicht ausschließlich theoretisch-abstrakt vermittelt werden können, ist auf praktische Anwendung ein besonderes Augenmerk zu richten, damit Möglichkeiten und Grenzen einzelner Methoden durch eigene Praxis und deren Reflektion erfahrbar werden. Dies erfordert entsprechende Lehr- und Lernformen. Besondere Bedeutung kommt hier praktischen Seminaren, Übungen oder studentischen Tutorien zu, in denen Inhalte aus Vorlesungen in kleinen Gruppen angewandt und vertieft werden können. Weil Methoden nicht isoliert von Inhalten vermittelt werden können (s. o.), sollte die Ausbildung deshalb möglichst an exemplarischen Forschungsfragestellungen erfolgen. 

Das hier vorgestellte Modell einer Methodenausbildung sieht insgesamt 22 SWS vor. 

Hinsichtlich einer Modularisierung von Studiengängen wird empfohlen, Credit Points entsprechend der Gewichtung der SWS, der Lehrveranstaltungsart und der jeweiligen Arbeitsbelastung der Studierenden zu vergeben. Credit Points können nur für tatsächlich erbrachte und bewertete Arbeitsleistungen vergeben werden. Die Art des Leistungsnachweises wird für die jeweilige Lehrveranstaltungsart vor Ort festgelegt. Forschungspraktikum und Seminaren kommt eine höhere Gewichtung zu. 

Anhang

zu den Empfehlungen der DGS zur Methoden-Ausbildung: Stoffverteilung 

1. Modul I: Einführung in die Methoden empirischer Sozialforschung (6 SWS) 

1a) Forschungslogik (2 SWS) 

Diese Veranstaltung soll einführend einen Überblick über das Spektrum der Methoden der empirischen Sozialforschung und ihrer grundlegenden Fragestellungen und Probleme vermitteln: 

  • Geschichte der empirischen Sozialforschung und die Herausbildung quantitativer und qualitativer Forschungstraditionen 
  • Zentrale methodologische und wissenschaftstheoretische Grundlagen, Positionen und Kontroversen 
  • Allgemeine Strukturen und methodologische Konventionen des sozialwissenschaftlichen Forschungsprozesses 
  • Gemeinsame und differente Standards standardisierter und icht-standardisierter Sozialforschung sowie unterschiedliche Strategien ihrer Begründung 
  • Überblick über sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden 
  • Forschungsdesigns in der standardisierten und nicht-standardisierten Sozialforschung 
  • Werturteilsfreiheit in den Sozialwissenschaften, Datenschutz, ethische Grundsätze wissenschaftlicher Praxis 

1b) Methoden der empirischen Sozialforschung I und II - quantitativ und qualitativ (4 SWS) 

Diese Veranstaltungen bauen auf den Grundkenntnissen aus der Veranstaltung ›Forschungslogik‹ auf und konzentrieren sich vor allem auf die Verfahren der Datenerhebung. Ziel ist eine Einführung in die Methoden der empirischen Sozialforschung, wobei einerseits ein Überblick über die verschiedenen Methoden vermittelt und andererseits der forschungsstrategische Sinn der jeweiligen Verfahren und ihr Bezug zu den jeweils relevanten Auswertungsstrategien herausgearbeitet werden sollte. Die Veranstaltungen sollen auf eine praktische Anwendung bezogen sein. 

  • Empirische Forschungsfragestellung und Forschungsstand 
  • Überblick über sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden 
  • Planung, Ablauf und Organisation empirischer Untersuchungen Exploration, Pretest etc.) 
  • Strategien und Techniken der Exploration 
  • Sekundärforschung und Standarderhebungsinstrumente (z.B. ALLBUS SOEP u.a.) 
  • Theorien, Hypothesenbildung, Hypothesenprüfung und Fehlschlüsse 
  • Konzeptspezifikation, Operationalisierung, Messung und Skalierungsmodelle 
  • Auswahlverfahren, Grundgesamtheit, statistisches und theoretisches Sampling 
  • Soziologisch relevante Verfahren und Techniken der standardisierten und nicht-standardisierten Datenerhebung, Methodenmix (Triangulation) 
  • Konstruktion von Erhebungsinstrumenten (z.B. Fragebogen, Leitfaden etc.) bzw. Schulung in qualitativen Interviews (z.B. fokussierte, narrative, ethnographische Interviews) 
  • Teilnehmende Beobachtung und Praxis der Feldforschung 
  • Gruppeninterviews und Gruppendiskussionsverfahren 
  • Probleme der Datengewinnung, -aufzeichnung, -aufbereitung (Codierung, Transkription, Aufzeichnung von Kommunikationsprozessen und visuellen Daten etc.), der Darstellung und Präsentation von Forschungsergebnissen 

2. Modul II: Statistik (8 SWS) 

In den Veranstaltungen im Modul ›Statistik‹ sollen Studierende mit den computergestützten statistischen Auswertungsverfahren vertraut gemacht werden. Die Grundlagen und vertiefende Behandlung der beschreibenden und der schließenden Statistik sollen dabei stets auch in Übungen praktisch erprobt werden. Insbesondere ist auf die Anwendungsbedingungen der Verfahren und die methodisch fundierte Interpretation der Befunde zu achten. Des weiteren dient die Einführung in die sozialwissenschaftliche Statistik dazu, deren Stellenwert in publizierten Forschungsbeiträgen und der öffentlichen Verwendung statistischer Daten erkennen und reflektieren zu können. 

2a) Statistik I (4 SWS) 

  • Grundlagen der sozialwissenschaftlichen Statistik (Dateneingabe, -matrix, -bereinigung) 
  • Univariate Verteilungen und Kennwerte univariater Verteilungen 
  • Population und Stichprobe, Ziehung und Bewertung von Stichproben 
  • Grundbegriffe der Wahrscheinlichkeitsrechnung: Schätzen und Testen 
  • Bivariate Verteilungen: Kreuztabellen, einfache Assoziationsmaße, Grundlagen der Korrelations- und Regressionsstatistik 
  • Drittvariablenkontrolle und die Analyse multivariater Kreuztabellen 

2b) Statistik II (4 SWS) 

  • Wahrscheinlichkeitstheorie 
  • Klassische Korrelations- und Regressionsstatistik 
  • Multiple und logistische Regression 
  • Hauptkomponenten- und Faktorenanalyse sowie Ereignisdatenanalyse 
  • Probleme der Darstellung und Präsentation von Forschungsergebnissen 

3. Modul III: Forschungspraktikum – quantitativ oder qualitativ – (4 SWS) 

Im Forschungspraktikum soll eine empirische Untersuchung unter Rekurs auf standardisierte und/oder nicht-standardisierte Verfahren durchgeführt werden. Dies kann als Primärforschung (Datenerhebung und -analyse) oder als Sekundäranalyse (bereits erhobener Daten) geschehen. Die Daten sollen unter Heranziehung von Statistik, elektronischer Datenverarbeitung und/oder Methoden der interpretativen Datenanalyse ausgewertet werden. Der Schwerpunkt dieser Veranstaltung liegt dabei auf der gegenstandsspezifischen und inhaltsbezogenen Anwendung statistischer und/oder interpretativer Verfahren und der theoriegeleiteten und/oder theoriebegründenden sowie theorietestenden Reflexion und Darstellung der Befunde. 

Das Praktikum soll in (einem) Forschungsbericht(en) dokumentiert werden. Je nach inhaltlicher Fragestellung des Untersuchungsprojektes kann sich eine Verknüpfung bzw. Integration standardisierter und nicht-standardisierter Erhebungs- und Auswertungsverfahren anbieten. Forschungspraktika bieten dann die Möglichkeit, methoden-integrierende Kompetenzen zu vermitteln und können kooperativ angeboten werden (›joint teaching‹). 

4. Modul IV: Methodenvertiefung 

Im Hauptstudium sollten die Methoden der empirischen Sozialforschung weiter vertieft werden. Dabei kann zwischen der standardisierten und nicht-standardisierten Methodenrichtung schwerpunktmäßig gewählt werden. Darüber hinaus wird jedoch dringend empfohlen, dass neben den angeführten Pflicht- weitere Wahlveranstaltungen (auch aus der nicht gewählten Methodenrichtung) angeboten bzw. besucht werden. 

2 Seminare/Hauptseminare - quantitativ oder qualitativ (4 SWS) 

Themenvorschläge für standardisierte Verfahren: 

  • Multivariate Auswertungsverfahren (multiple Regression und Erweiterungen wie logistische Regression, Regression mit zensierten Daten, [Ereignisanalyse], loglineare Modelle, Aggregatdatenanalyse, Mehrebenenanalyse, Panelanalyse, Zeitreihenanalyse, lineare Strukturgleichungsmodelle, Faktorenanalyse 
  • Sklalierungsmethoden und typenbildenden Verfahren (z.B. Clusteranalyse) 
  • Forschungsdesigns und Stichproben (z.B. Experiment, Stichprobentechnik) 
  • Vertiefung einzelner Erhebungsmethoden (Interview, CATI-Befragungen, schriftliche Befragung, Online-Umfragen, Beobachtungsverfahren, Inhaltsanalyse, nicht-reaktive Methoden etc.) 
  • Methoden der Evaluationsforschung 
  • Amtliche Statistik und Sekundäranalyse 

Themenvorschläge für nicht-standardisierte Verfahren: 

  • Unterschiedliche Verfahren und Strategien der Auswertung und Interpretation qualitativer Daten in Theorie und Praxis, interpretative Verfahren qualitativer Sozialforschung z.B. Konversations- und Diskursanalyse, objektive Hermeneutik u. a. inhaltsanalytische Verfahren 
  • Formen des Kodierens (Grounded Theory, Inhaltsanalyse) 
  • Varianten computerunterstützter Analyse und Verwaltung qualitativer Daten 
  • Ausgewählte Verfahren aus dem Spektrum qualitativer Methoden: 
    • Fallanalysen (Biografieforschung, hermeneutische Ansätze u.a.) 
    • Interaktionsanalysen 

Analyse komplexer Feldforschungsdaten (Ethnographie, Mehrmethodenansätze)