Aktuell

Sektionsveranstaltung auf dem DGS-Kongress 2026 in Mainz

Zukünfte von Arbeits- und Geschlechterverhältnissen im Spätkapitalismus
Sitzung der Sektionen ›Arbeits- und Industriesoziologie‹ und ›Frauen- und Geschlechterforschung‹ 

auf dem 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
›Zukünfte der Gesellschaft‹
vom 28.09.-02.10.2026 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Der gegenwärtige Wandel von Arbeit im Spätkapitalismus macht erneut deutlich, dass Arbeitsverhältnisse nicht isoliert von Lebenszusammenhängen und Reproduktionsbedingungen sowie den darin eingelagerten Machtverhältnissen betrachtet werden können (Pflücke und Haug 2024). Prozesse einer Kommodifizierung des Sozialen (Dörre/Haubner 2012) im Zusammenspiel mit der Entgrenzung (Gottschall/Voß 2003), Digitalisierung (Carstensen/Schaupp/Sevignani 2023) und Prekarisierung von Arbeit (Wimbauer/Motakef 2020; Manske/Pühl 2010) verschieben die Schnittstellen von Erwerbsarbeit, häuslicher Sorgearbeit und Lebensführung. Auch die Frage, welchen Aufwand und welche Tätigkeiten wir als Arbeit benennen und welchen nicht, wie Arbeitskraft reproduziert wird und unter welchen sozialen, organisationalen und institutionellen Bedingungen Arbeit geleistet werden kann, rückt auf neue Weise ins Zentrum. Zentrale Kategorien der Arbeits-und Industriesoziologie wie etwa Betrieb, Beruf und (Normal-)Arbeitsverhältnis stehen darum auch in der geschlechtersoziologischen Forschung zur Disposition, für die die Betrachtung von Arbeit eine grundlegende analytische Perspektive zur Bestimmung der Geschlechterverhältnisse und ihres Wandels ist. Dies war schon in klassisch gewordenen Konzepten wie der doppelten Vergesellschaftung der Frauen (Becker-Schmidt 1987), der Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse (Haug 2001) und des weiblichen Arbeitsvermögens (Beck-Gernsheim 1980) der Fall – und bleibt auch in jüngeren Arbeiten zu gesellschaftlichen Un/Gleichzeitigkeiten zentral (Manske/Menz 2024; Gruhlich/Senge/Will-Zocholl 2020; Becker/Binner/Décieux 2020; Rend-torff/Riegraf/Mahs 2019; Lenz/Everts/Ressel 2017). Die beiden Sektionen können in Bezug auf Analysen zur strukturellen Interdependenz von Arbeit, Geschlecht und sozialer Reproduktion im Kapitalismus bereits auf eine Tradition fruchtbarer Auseinandersetzung zurückblicken (Appelt/Aulenbacher/Wetterer 2014; Aulenbacher/Wetterer 2009).


Die Herausforderungen der Gegenwartsgesellschaft erfordern es, alte wie neue Erkenntnisse aus der Anwendung arbeits- und geschlechtersoziologischer Konzepte zusammenzutragen, um aktuelle, aber auch künftige Entwicklungen hinreichend verstehen und erklären zu können. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit sind
u.a. die Bedeutungszunahme des Home-Office und die Persistenz vergeschlechtlichter Hausarbeitsteilung während der Corona-Pandemie, die (erneut) sichtbar gemacht haben, dass auch die Privatsphäre ein zentraler Ort von Arbeit ist (Carstensen 2023). Daneben führen steigende Anforderungen an die soziale Reproduk-tion von Arbeitskräften, verstärkt durch Prozesse der Entsicherung und Flexibilisierung von Arbeit, zuneh-mend zur Erschöpfung breiter Bevölkerungsgruppen (Hossain 2021). Die Mehrfachkrise des gegenwärtigen Spätkapitalismus manifestiert sich in einer sich zuspitzenden Care-Krise (Weber 2022) und neuen Formen der Ausbeutung, die auch vom Strukturwandel sozialstaatlicher Politik angetrieben werden (Haubner 2017). Finanzielle und personelle Ressourcen für Care-Arbeit im Gesundheits- und Pflegesektor werden knapper, gleichzeitig können die auch durch den soziodemografischen Wandel steigenden Bedürfnisse an Care-Arbeit nicht mehr allein oder hauptsächlich im Privaten gelöst werden. Die Reproduktions- oder Care-Krise wird außerdem durch steigende Boden- und Immobilienpreise forciert, die Lebenshaltungskosten in die Höhe treiben und Lebensräume in Stadt und Land, nicht zuletzt durch den Klimawandel beeinflusst, verändern (Herb/Uhlmann 2024). Daneben sind Arbeits- und Geschlechterverhältnisse mit dem Erstarken rechter Bewegungen konfrontiert, was sich nicht nur im betrieblichen und gewerkschaftlichen Kontext (Dörre 2020), sondern auch in Versuchen einer Etablierung neokonservativer Familien- und Geschlechterbildern zeigt. Diese und viele weitere Fragen weisen schließlich auf die Bedeutung, alternativer und utopischer Zukünfte von Arbeit und Leben hin.


In der gemeinsamen Sektionsveranstaltung von Arbeits- und Industriesoziologie und Frauen- und Geschlech-terforschung laden wir dazu ein, theoretische, konzeptionelle, methodische und empirische Beiträge einzureichen, die die Gegenwart und Zukunft von Arbeits- und Geschlechterverhältnissen im Spätkapitalismus adressieren. Im Zentrum stehen die folgenden Fragen:

  • Wie lassen sich die Wechselverhältnisse von Arbeits-, Lebens- und Geschlechterverhältnissen jenseits der Dichotomie von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit bzw. von ›öffentlicher‹ und ›privater‹ Sphäre analytisch fassen und weiterentwickeln? Welche theoretischen und methodischen Perspektiven eignen sich für eine solche integrierte Analyse?
  • Wie manifestiert sich der Wandel von Arbeit, von Geschlechterverhältnissen und die Care-Krise in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern?
    Welche Auswirkungen haben aktuelle Krisendynamiken des Spätkapitalismus – etwa sozialökologische Transformationen, Digitalisierung, KI und Rechtsruck – auf die Wechselverhältnisse von Arbeits-, Lebens- und Geschlechterverhältnissen?
  • Welche Beiträge von Klassiker*innen sind zur Analyse der Gegenwart und für Zukunftsprognosen und Utopien hilfreich? Wo bestehen aber auch Grenzen ihrer Verwendung? Welche Utopien zu den Wech-selwirkungen von Arbeits-, Lebens- und Geschlechterverhältnissen entfalten heute Wirkkraft, welche Fragen bleiben offen?

Wir bitten um die Einreichung von Abstracts (maximal eine Seite) bis zum 31.03.2026 an:

Tine Haubner (Universität Bielefeld), Tine.Haubner[at]uni-bielefeld.de

Nina Hossain (HöMS), nina.hossain[at]hoems.hessen.de

Mona Motakef (TU Dortmund), mona.motakef[at]tu-dortmund.de

Virginia Kimey Pflücke (BTU Cottbus-Senftenberg), pfluecke[at]b-tu.de

Lena Weber (Gesis), Lena.Weber[at]gesis.org

Literatur
Appelt, Erna/Aulenbacher, Brigitte/Wetterer, Angelika (2014): Gesellschaft. Feministische Krisendiagnosen. Münster: Westfälisches Dampfboot.
Aulenbacher, Brigitte/Wetterer, Angelika (Hrsg.) (2009): Arbeit. Perspektiven und Diagnosen der Geschlechterfor-schung. Münster: Westfälisches Dampfboot.
Becker-Schmidt, Regina (1987): Die doppelte Vergesellschaftung – die doppelte Unterdrückung: Besonderheiten der Frauenforschung in den Sozialwissenschaften. In: Unterkirchner, Lilo/Wagner, Ina (Hrsg.): Die andere Hälfte der Gesellschaft. Wien: Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, 10-25.
Becker, Karina/Binner, Kristina/Décieux, Fabienne (2020): Gespannte Arbeits- und Geschlechterverhältnisse im Marktkapitalismus. Wiesbaden: Springer.
Beck-Gernsheim, Elisabeth (1980): Das halbierte Leben. Männerwelt Beruf, Frauenwelt Familie. Frankfurt/M.: Fischer. Carstensen, Tanja (2023): Zwischen Homeoffice, neuer Präsenz und Care. In: WSI-Mitteilungen 76 (1), 3–9.
Carstensen, Tanja/Schaupp, Simon/Sevignani, Sebastian (Hrsg.) (2023): Theorien des digitalen Kapitalismus. Arbeit und Ökonomie, Politik und Subjekt. Berlin: Suhrkamp.
Dörre, Klaus (unter Mitarbeit von Livia Schubert) (2020): In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte.
Münster: Westfälisches Dampfboot.
Dörre, Klaus/Haubner, Tine (2012): Landnahme durch Bewährungsproben. Ein Konzept für die Arbeitssoziologie. In: Dörre, Klaus/Sauer, Dieter/Wittke, Volker (Hrsg.): Kapitalismustheorie und Arbeit. Neue Ansätze soziologischer Kritik. Frankfurt/M.: Campus, 63–106.
Gottschall, Karin/Voß, G. Günter (Hrsg.) (2003): Entgrenzung von Arbeit und Leben. Zum Wandel der Beziehung von Erwerbstätigkeit und Privatsphäre im Alltag. München: Rainer Hampp.
Gruhlich, Julia/Senge, Konstanze/Will-Zocholl, Mascha (2020): Geschlecht und soziale Ungleichheiten @work. In: AIS-Studien 13(2).
Haubner, Tine (2017): Die Ausbeutung der sorgenden Gemeinschaft. Frankfurt/M.: Campus.
Haug, Frigga (2001): Zur Theorie der Geschlechterverhältnisse. In: Das Argument: Geschlechterverhältnisse als Produk-tionsverhältnisse, 243(43).
Herb, Irina/Uhlmann, Sarah (2024): Zum Widerspruch zwischen Akkumulation und der Reproduktion von Leben.
In: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 54(214), 11–31.
Hossain, Nina (2021): Neue Arbeitsbelastungen im politischen Feld: Zur Relevanz von Emotionsarbeit und der wachsen-den Bedeutung von Social Media. In: AIS-Studien, 14(1), 23-36.
Jürgens, Kerstin (2018): „Arbeit und Leben. In: Handbuch Arbeitssoziologie. Wiesbaden: Springer, 99–130.
Lenz, Ilse/Evertz, Sabine/Ressel, Saida (Hrsg.) (2017): Geschlecht im flexibilisierten Kapitalismus? Neue UnGleichheiten.
Wiesbaden: Springer VS.
Manske, Alexandra/Menz, Wolfgang (2024): Theorien der Arbeit. Zur Einführung. Hamburg: Junius.
Manske, Alexandra/Pühl, Katharina (Hrsg.) (2010): Prekarisierung zwischen Anomie und Normalisierung. Geschlechter-theoretische Bestimmungen. Münster: Westfälisches Dampfboot.
Pflücke, Virginia Kimey/Haug, Frigga (2024): Arbeitslust und Arbeitsvermeidung. Ein Gespräch. In: Lorig, Philipp/Pflücke, Virginia Kimey/Seeliger, Martin (Hrsg.): Arbeit in der Kritischen Theorie. Wien: mandelbaum.
Rendtorff, Barbara/Riegraf, Birgit/Mahs, Claudia (Hrsg.) (2019): Struktur und Dynamik - Un/Gleichzeitigkeiten im Ge-schlechterverhältnis. Wiesbaden: Springer.
Weber, Lena (2022): Nach der Krise ist vor der Krise ist in der Krise … Geschlechtliche Arbeitsarrangements und unge-löste Care-Konflikte aus der Sicht von Pflegekräften während der Corona-Krise. In: Arbeit 1.2(31), 95–113.
Wimbauer, Christine/Motakef, Mona (2020): Prekäre Arbeit, prekäre Liebe: über Anerkennung und unsichere Lebens-verhältnisse. Frankfurt/M.: Campus.