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In memoriam Günter Dux (23. Juni 1933 – 9. Mai 2026)

Es war das Schreiben. Es ging darum, einen Gedanken zu fixieren, um einen nächsten anschließen zu können. Der fertige Text trat dahinter zurück, er war ja fertig. Über jedes neu erschienene Buch hat er sich gefreut, aber es war ihm, hat er mir einmal gesagt, nicht so wichtig. Darum fiel es ihm nicht ganz leicht, für die Verbreitung seine Bücher etwas zu tun. Günter Dux hat uns ein umfangreiches Werk hinterlassen, 13 dicke Bände umfassen seine Gesammelten Schriften, dazu ein dünnes Supplement: ›Das Glück der Erkenntnis‹ (2025). 

Nichts und niemand konnte ihn vom Schreiben abhalten. Günter Dux saß ab 7 Uhr am Morgen an seinem Schreibtisch. Er war durch und durch Soziologe, aber seine Referenz waren erst einmal philosophische und philosophie-nahe Texte. Der Grund dafür ist einfach. Es geht im Werk von Gün­ter Dux um die Grundlegung der Soziologie aus ihrer Differenz zur Philosophie als jenem Denken über die Wirklichkeit, wie es sich über Jahrtausende bis in unsere Zeit entwickelt und erhalten hat. Er trat mit der Philosophie in keinen Diskurs ein, nein: In jenen Texten von Dux ist philosophisches Denken die Empirie. Damit macht man sich nicht nur Freunde, das war ihm ebenso klar wie Bestätigung. Versucht man, das gesamte Werk von Günter Dux ins Auge zu fassen, so geht es im Kern um die Differenz zwischen dem traditionalen Weltbild, das von der absolutistischen Logik beherrscht wird, und dem relationalen Weltbild der Moderne. Das Werk fokussiert auf den Bruch, den ›Strukturwandel der Weltbilder‹ (1982), und lotet seine Konsequenzen aus. 

Dux gewinnt die Beobachtungsposition, die Weltbilder und deren Logik der Reflexion zugänglich macht, durch eine fundamentale, in der Anthropologie von Helmuth Plessner verankerte Einsicht. Die Ausgangslage Neugeborener ist über die gesamte menschliche Geschichte hin gleich. Sie sind auf für sie Sorgende, Überlegene radikal angewiesen. Die dadurch geprägten Erfahrungen führen dazu, dass die Welt als subjektivisch – das bedeutet: von überlegenen Subjekten verursacht – verstanden wird. Im Lauf der Geschichte wird dieses Verständnis fortgeschrieben und kondensiert zur absolutistischen Logik des Weltverstehens: Was in der Welt der Fall ist, lässt sich, wenn man ausreichend hartnäckig fragt, aus einem absoluten Anfang erklären. Das Reflexivitätsniveau, das mit dem Identifizieren von Weltbildstrukturen erreicht wird, ermöglicht eine generalisierte Wissenssoziologie, nämlich ›Die historisch-genetische Theorie der Gesellschaft‹ (2000). Deutlich wird hier die Nähe zu Thomas Luckmann, dessen Assistent Dux in Frankfurt am Main war.

Die Thematisierung von Weltbildstrukturen erschloss Dux das Phänomen Religion und machte ihn in frühen Jahren zum Religionssoziologen. Von Haus aus war Günter Dux allerdings Jurist, ein exzellenter Jurist, der Spuren der juristischen Sozialisation sein Leben lang bewahrte. Es ist noch nicht lange her, als sich herausstellte, dass Entscheidungen der Richter am Supreme Court, die Donald Trump ernannt hatte, doch nicht immer dessen Erwartungen entsprachen. Da meinte Günter, man könne auf die eigene Profession doch ein wenig stolz sein. Dux’ juristische Prägung erkennt man in seiner Habilitationsschrift ›Strukturwandel der Legitimation‹ (1976). In dem Text werden anhand rechtsphilosophischer Antwortversuche auf die Frage nach der Rechtsgeltung die Operationsweise und Folgen der absolutistischen Logik ebenso klar wie die Einsicht: Der Bruch zur Moderne ist dramatisch. Er erfasst das subjektseitige Grundmuster der Konstruktion von Welt. 

Der basale Ansatz macht es möglich, ein breites Spektrum an Themen aufzugreifen und historisch-rekonstruktiv die Gegenwart und ihre drängenden Probleme zu erreichen. Im Spannungsverhältnis zwischen soziologischen Grundfragen und politischer Aktualität situiert sind Untersuchungen von Günter Dux zur Demokratie, zu sozialer Ungleichheit, zu Macht insbesondere im Geschlechterverhältnis, zur Krise des Kapitalismus und mehr. Er sah das ökonomische System des Kapitalismus als Problemerzeuger und -löser, und er setzte auf ›Die Politik im Widerstreit mit der Ökonomie‹ (2008), war aber nicht sehr optimistisch. Konsequenz war sein leidenschaftliches Eintreten für eine Soziologie, die die Zuständigkeit für Gesellschaftskritik als Kapitalismuskritik vehement verteidigt. Diese Kritik, so Dux, muss zwar radikal, kann aber nicht marxistisch angelegt sein, denn Marx’ Theorie hat sich von der traditional-absolutistischen Logik nie ganz emanzipiert. 

Dux’ breit ausgearbeitete historisch-genetische Theorie mündet in eine Theorie der Evolution, die auf einer Theorie des Handelns aufbaut, ausgeführt in der letzten großen Arbeit ›Die Evolution der humanen Lebensform als geistige Lebensform‹ (2017). Hier formuliert er sein lebenslanges Grundanliegen in geradezu beschwörender Weise und er nimmt Abschied. Die herrschenden Verhältnisse, hier und erst recht weltweit, empörten Günter Dux weit mehr, als in seinem Werk direkt zum Ausdruck kommt. Dafür spielte auch eine Rolle, dass er nie die bescheidenen Verhältnisse vergaß, aus denen er stammte; ebenso wenig wie die Studienförderung und die Chancen, die ihm die akademische Bildung eröffnete. Er gab weiter, was er weitergeben konnte.

Günter Dux ist ohne Rosemarie Dux nicht vorstellbar. Das gilt im Sinn der unmittelbaren Anschauung, vor allem aber in einem existentiellen Sinn. Rosemarie Dux war eine wunderbare Ärztin. Sie sicherte, beliebt und verehrt, über viele Jahre wesentlich die ärztliche Versorgung in Titisee und im angrenzenden Schwarzwald. Und doch trat sie immer hinter ihm zurück. Es wirkte für manche unzeitgemäß, aber da stand sie drüber. Rosemarie fand wirklich wichtig, was er tat, las seine Texte und begleitete, sofern sie Zeit dazu fand, unsere Diskussionen mit Interesse und Nachsicht: Sie kannte die drängenderen Probleme, die sie nachts ins Auto steigen und zu entlegenen Höfen fahren ließen. Nachdem sie ihre Praxis aufgegeben hatte, setzte sie all ihre Kräfte umso mehr für ihn und sein Werk ein. Noch in ihren letzten Lebensjahren, erblindet, ließ sie sich Texte, darunter solche ihres Mannes, vorlesen. Sie kam am 13. April 1933 zur Welt und starb am 22. März 2025. Die beiden waren seit der Studienzeit zusammen. Es waren gute Leben.

Georg Vobruba

Dieser Nachruf erscheint in der kommenden Ausgabe der SOZIOLOGIE.