Am 14. März verstarb im Alter von 96 Jahren Jürgen Habermas. Blickt man zurück, so sind da zunächst ein Erstaunen darüber und eine Bewunderung dafür, was Habermas in einem Leben geleistet hat. Er hinterlässt nicht nur ein umfangreiches akademisches Werk, es ist auch die weltweite Rezeption, es ist die stete und einflussreiche Beteiligung an öffentlichen Debatten und die Fähigkeit solche, zu initiieren, die überragend sind. Und so sehr man auch geneigt ist, der öffentlichen Würdigung als einem der bedeutendsten oder dem bedeutendstem ›Philosophen und Soziologen‹ zuzustimmen, wird man aus der Innensicht des Fachs zu einer vorsichtigeren Deutung kommen. In einem Fach, das die Soziologie weitgehend als eine empirische Wissenschaft versteht, fremdelte man verständlicherweise mit dem normativen Anspruch, mit dem das Werk verbunden ist. Als ich einmal in einer Konferenz zu Max Webers Grundbegriffen etwas zu Habermas‘ Deutung vortrug, meldete sich ein Teilnehmer mit der Bemerkung, Habermas – das sei ja normativ. Für ihn war die Sache damit erledigt. Und obwohl die von Habermas entwickelte Gesellschaftstheorie als empirische Analyse gelesen werden kann, lässt sich das Werk erst dann wirklich würdigen, wenn man es im Kontext der kritischen Theorie liest – einer eben zwar stets präsenten, aber auch skeptisch beäugten soziologischen Tradition. Habermas kann man dabei gar nicht hoch genug anrechnen, dass er die Grundfragen der kritischen Theorie stets ernst genommen hat: worin die die normativen Grundlagen einer kritischen Theorie der Gesellschaft bestehen können, und welche Konsequenzen diese für die Gesellschaftsanalyse haben müssten. Habermas unermüdlicher Beitrag zur Öffentlichkeit steht dabei unbestritten in einem engen Zusammenhang mit seiner Analyse eben dieser Grundlagen.
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