Zukünfte der Geschlechterforschung – Aktuelle Herausforderungen
Sitzung der Sektion ›Frauen- und Geschlechterforschung‹ auf dem 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ›Zukünfte der Gesellschaft‹
vom 28.09.-02.10.2026 an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
Zukunftsweisende inhaltliche, konzeptuelle und methodologische Debatten sowie (fach-)politische und institutionelle Herausforderungen prägen die soziologische Geschlechterforschung seit ihren Anfängen. Zentrale Fragen betreffen Ausschlüsse und Verwerfungen, etwa im Kontext von institutionellem Rassismus, Queer- und Trans*Feindlichkeit, Ableismus oder Klassismus, ebenso wie die Suche nach theoretischen und methodischen Instrumenten, um Essentialisierungen und epistemische Gewalt zu unterbrechen. Auch inter- und transdisziplinäre Dialoge, das Verhältnis der Geschlechterforschung zu sozialen Bewegungen und Strategien im Umgang mit Antifeminismus sowie Fragen zur Institutionalisierung, Verstetigung und Nachwuchsförderung stehen wiederholt zur Debatte.
Aus sozialen Bewegungen hervorgegangen, sieht sich die Geschlechterforschung vor der Aufgabe, Herrschaftsverhältnisse, Machtasymmetrien und soziale Ungleichheiten nicht nur zu erkunden, sondern auch zu ihrem Abbau beizutragen und emanzipatorische Potenziale auszuloten. Beispielsweise hat der Dialog zwischen Mitgliedern der Frauenbewegungen und Geschlechterforscher*innen wichtige Impulse hervorgebracht, etwa für Politiken des sozialen Wandels oder der Gleichstellung. Gleichzeitig wird in der Geschlechterforschung teils gefordert, ›Wissenschaft und Aktivismus‹ klarer voneinander zu trennen. Derzeit scheinen diese Diskussionslinien an Schärfe zu gewinnen – sowohl innerhalb der (inter-)disziplinären Wissensproduktion als auch im Hinblick auf den gegenwärtigen politischen Zeitgeist und das Erstarken demokratiefeindlicher und antifeministischer Bewegungen.
Vor diesem Hintergrund stellen wir erneut die Frage nach den möglichen Zukünften und sich aufdrängenden Herausforderungen an die Geschlechterforschung:
- Wissenschaftsfreiheit und wissenschaftsfeindliche Angriffe: Die Geschlechterforschung sieht sich, ähnlich wie die Post- und Decolonial Studies, die kritische Klima-, Migrations- oder Rechtsextremismusforschung, zunehmend Angriffen vor allem durch rechte politische Akteur*innen ausgesetzt, die ihr die wissenschaftliche Legitimität absprechen und damit die Wissenschaftsfreiheit gefährden: Welche Strategien sind im Umgang mit wissenschaftsfeindlichen und antifeministischen Angriffen erforderlich?
- Zukunftsthemen: Viele bereits ältere feministische und geschlechtersoziologische Debatten, wie etwa zur Frauengesundheit, zu Nachhaltigkeit und Klassenverhältnissen, werden derzeit in der Geschlechterforschung neu belebt. Wie zeigen sich diese Fragen heute? An welche Ansätze wird wie angeknüpft, und welche werden verworfen? Welche sind die zentralen Zukunftsthemen der Geschlechterforschung?
- Interne Aushandlungen: Von jeher ist die Geschlechterforschung durch (den Anspruch an) Selbstreflexivität und kritische, (de)konstruktivistische Perspektiven auf den eigenen Gegenstand geprägt. In den 1990er Jahren brachten Judith Butlers Überlegungen Debatten über eine mögliche ›Selbstabschaffung‹ der Frauenforschung hervor. Heute fordern u.a. die Diversitäts- und Intersektionalitätsforschung eine Neubestimmung des Verhältnisses von Geschlecht zu anderen Unterdrückungssystemen: Wie lässt sich das Verhältnis z.B. zu den Critical Race Studies, den Disability und Diversity Studies konzeptuell und methodisch bestimmen?
- Neue interdisziplinäre Herausforderungen: Angesichts eines stark wachsenden Feldes naturwissenschaftlicher, vor allem medizinischer Geschlechterforschung, neuer Aushandlungen zum Verhältnis sozialer/kultureller und biologischer/natürlicher Aspekte von Geschlecht steigt die Bedeutung inter- und transdisziplinärer Dialoge, um nicht in eine reduktionistische Konzeption von (körperlichem) Geschlecht zu verfallen. Wie lässt sich im Zusammenspiel sozial-, kultur- und naturwissenschaftlicher Geschlechterforschung ein fruchtbarer inter- und transdisziplinärer Dialog gestalten, der essentialisierende Konzepte vermeidet?
- Methodische und methodologische Herausforderungen: Welche methodischen und methodologischen Herausforderungen resultieren aus den aktuellen Herausforderungen für die Geschlechterforschung? Wie können etwa theoretische Reflexionen enger mit der Methodenentwicklung verzahnt werden? Welche Verfahren bieten sich an, um epistemische Gewalt zu verhindern und Verletzungen in/durch Forschung zu vermeiden?
- Institutionelle Prekarisierung und Marginalisierung: Die Geschlechterforschung ist aktuell von Sparmaßnahmen und Kürzungspolitiken betroffen. Beispielsweise können auslaufende Professuren oder fehlende Projektförderungen ihre strukturelle Verankerung gefährden: Welche Strategien können entwickelt werden, um die Geschlechtersoziologie institutionell zu stärken und ihr langfristiges Bestehen angesichts von Sparzwängen und Kürzungsrisiken zu sichern? Wie kann der gesellschaftliche Nutzen der Geschlechtersoziologie im Austausch mit der Praxis angesichts der massiven gesellschaftlichen Umbrüche und Polykrisen politisch vermittelt werden? Wie können vor diesem Hintergrund interne Ausschlüsse (wie z.B. institutioneller Rassismus, Queer- und Trans*Feindlichkeit, Ableismus oder Klassismus) kritisch reflektiert und vermieden werden?
Diese Fragen sollen in einer Sektionsveranstaltung durch einzelne Impulsvorträge im Umfang von jeweils 20 Minuten diskutiert werden, um Zukunftsperspektiven der Geschlechtersoziologie einzuordnen. Beiträge können Reflexionen, Entwürfe und utopische Visionen umfassen.
Die Veranstaltung wurde konzipiert in Zusammenarbeit mit der Fachgesellschaft Geschlechterstudien.
Moderation: Corinna Schmechel (Sektion Frauen- und Geschlechterforschung) und Friz M. Trzeciak (Sektion Frauen- und Geschlechterforschung und Fachgesellschaft Geschlechterstudien)
Wir bitten um die Einreichung von Abstracts (maximal eine Seite) bis zum 31.03.2026 an: corinna.schmechel@uni-goettingen.de
Organisation: Friz M. Trzeciak (GAU Göttingen), Corinna Schmechel (GAU Göttingen), Tina Spies (CAU Kiel), Folke Brodersen (JLU Gießen)