Aktuell

SOZIOLOGIE Jahrgang 55 - Heft 2 - 2026

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Identität und Interdisziplinarität

Teresa Koloma Beck, Alexandra Keiner, Anja Weiß, Moritz Klenk, Johannes Becker
Symposion: Streit um Wissenschaftskooperation, Teil 1
Das Symposion bezieht sich auf eine Kontroverse, die innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), der International Sociological Association (ISA) und anderen Fachgesellschaften entstanden ist. Die Beiträge bilden unterschiedliche Positionen ab und geben einen Einblick in die Debatte. Koloma Beck weist darauf hin, dass auch wissenschaftliche Akteure völkerrechtlich verpflichtet sind, sich nicht an Vorbereitungen für einen Genozid zu beteiligen. Keiner geht über Rechtsfragen hinaus und kritisiert die ›institutionelle Kälte‹ der deutschen Soziologie und des Fachverbandes DGS gegenüber Palästinenser:innen und der politischen Lage in Israel und Palästina. Weiß problematisiert den von der ISA nicht intendierten, aber akzeptierten Ausschluss individueller israelischer Kolleg:innen aus der Konferenz in Rabat. Sie fordert einen solidarischen Umgang mit Fachgesellschaften, die in einem repressiven Umfeld agieren müssen. Klenk fragt nach den Voraussetzungen einer freien Wissenschaft und legt die Arbeit daran als Grundaufgabe aller Disziplinen dar. Becker diskutiert die Suspendierung vor dem Hintergrund der unklaren organisationalen Praxis der ISA und der oppositionellen Position der ISS im israelischen Diskurs – und fordert zugleich eine offenere Diskussion unterschiedlicher globaler Haltungen zu diesem Thema in Deutschland.
     The symposium addresses a controversy that has arisen within the German Sociological Association (DGS), the International Sociological Association (ISA) and other professional associations. The contributions reflect different positions and provide insight into the debate. Koloma Beck points out that academic actors are also obliged under international law not to participate in preparations for genocide. Keiner goes beyond legal issues, criticising the ›institutional coldness‹ of German sociology and the DGS professional association towards Palestinians and the political situation in Israel and Palestine. Weiß problematises the ISA›s unintended but accepted exclusion of individual Israeli colleagues from the conference in Rabat. She calls for solidarity with professional associations that have to operate in a repressive environment. Klenk asks about the prerequisites for free science and presents the work on these as a fundamental task of all disciplines. Becker discusses the suspension against the backdrop of the ISA‹s unclear organisational practices and the ISS’s oppositional position in Israeli discourse – and at the same time calls for a more open discussion of different global attitudes on this issue in Germany.

Forschen, Lehren, Lernen

Monika Wohlrab-Sahr
Distanz als Passion 
Bei dem Text handelt es sich um die Abschiedsvorlesung der Autorin, die sie an der Universität Leipzig gehalten hat. Darin bestimmt sie zunächst ›Distanz‹ als so­zio­lo­gi­schen Kommunikationscode (entsprechend der Be­ob­achtung 2. Grades) und ›Dis­tanz als Passion‹ als Habitus, wie er sich im Zuge der Aus­differenzierung der So­zio­lo­gie herausgebildet hat. Vor diesem Hintergrund re­kon­struiert sie im Anschluss an Bour­dieu in einem ›Selbstversuch‹ die Erfahrung der unvermeidlichen Distanz­nah­me vom arbeiterlichen Herkunftsmilieu, für das der aka­demische Weg, den sie ein­schlägt, in vielerlei Hinsicht eine ›Übertreibung‹ dar­stellte. Sie schildert dann anhand eigener Erfahrungen die auf Distanznahme be­ru­hen­de Arbeit der Soziologin in For­schung und Lehre als eine Passion im doppelten Sinne­: als Leidenschaft und Leiden gleichermaßen.
     The text is the author’s farewell lecture, which she gave at the University of Leipzig. She first defines ›distance‹ as a sociological code of communication (in accordance with second-degree observation) and ›distance as passion‹ as a habitus that has developed in the course of the differentiation of sociology. Against this background, following Bourdieu, she reconstructs in a ›self-experiment‹ the experience of the ine­vitable distancing from her working-class background, for which the academic path she has taken represented an ›exag­geration‹ in many respects. Drawing on her own experiences, she then describes the work of a sociologist in research and tea­ching, which is based on distancing, as a passion in two senses: as both passion and suffering.
     Hier der Text zum Download.

DGS-Nachrichten

  • Aus der Vorstandsarbeit
  • Preise der DGS für herausragende Abschlussarbeiten
    • Francisco Alvarez Langenbach
      Orban´s children 
      Die Studie untersucht, ob Orbáns Regierungszeit die politischen Einstellungen der Un­gar*innen geprägt hat. Im Ergebnis zeigt sich weder ein klarer Periodeneffekt noch eine be­son­­ders orbánistische junge Generation. Alle Generationen weisen ähn­lich hohe Wer­­te bei Nativismus, Anti‑Einwanderungs‑Haltungen und Führer­orien­tie­rung auf. Bil­dung wirkt konsistent dämpfend auf diese Einstellungen. Insgesamt deutet die Ana­lyse darauf hin, dass Orbáns Ära keine neue, besonders illiberale Ge­ne­­ration her­vorgebracht hat – vielmehr teilen Jung und Alt ein bereits zuvor ver­brei­tetes illiberales Wertekonzept.
      The study examines whetherOrban´s reign has shaped the political attitudes of Hun­ga­rians. Neither a clear period effect nor a particularly Orbánist young ge­neration is evident. All generations show similarly high levels of nativism, anti-im­migration at­ti­tudes and leader orientation. Education has a consistently dam­pe­ning effect on these attitudes. Overall, the analysis suggests that Orbán's era has not produced a new, particularly illiberal generation – rather, young and old alike share a previously wide­spread illiberal value system.
       
    • Conrad Lluis
      Mehr Spanien wagen 
      Was könnte die deutsche Soziologie vom Protestzyklus der Indignación (Empörung) lernen, der Spanien in den 2010er Jahren veränderte? Die drei Thesen Lust auf Hege­mo­nie, Globaler Süden als Vorbild und Wir sind vulnerabel skizzieren, wie sich die spa­ni­schen Erfahrungen als ein sozialwissenschaftliches Experimentierfeld erwiesen.
           What could German sociology learn from the protest cycle of Indignación (ourage) that changed Spain in the 2010s? The three theses Desire for hegemony, The Global South as model and We are vulnerable outline how the Spanish experiences function as la­bo­ra­tory for the social sciences.
       
    • Goda Klumbytė
      Feministische Exkursionen in das maschinelle Lernen 
      Der Text präsentiert eine Doktorarbeit, die sich mit den epistemischen Operationen des maschinellen Lernens und ihren soziopolitischen Implikationen befasst und eine kritische soziotechnische Analyse sowie Designinterventionen in die Gestaltung von Systemen des maschinellen Lernens entwickelt. Auf der Grundlage intersektionaler feministischer und neu-materialistischer Erkenntnistheorien präsentiert sie einen dia­­grammatischen Ansatz für maschinelles Lernen und eine Reihe praktischer kol­la­bo­­rativer Experimente, die mit kritischen Erkenntnistheorien als Grundlage für De­sign­­interventionen arbeiten. Damit soll ein Beitrag zu Fairness, Verant­wort­lich­keit und Ethikforschung im maschinellen Lernen geleistet und innovative metho­dische An­sätze für die Arbeit mit Erkenntnissen aus den Sozial- und Geis­tes­wis­sen­schaften in diesem Bereich vorgeschlagen werden.
           The text presents doctoral research that investigates epistemic operations of ma­chi­ne learning and their socio-political implications and develops a critical so­cio­tech­ni­cal analysis and design interventions into machine learning systems design. Dra­wing on intersectional feminist and new materialist epistemologies, it presents a dia­gram­matic approach to machine learning and a series of hands-on collaborative ex­pe­ri­ments that work with critical epistemologies as basis for design interventions. Through that it seeks to contribute to fairness, accountability, and ethics research in ma­chine learning and propose innovative methodological approaches to working with knowledges from social sciences and humanities in this field.
  • Digitalisierung und berufliche Transitionen in der Soziologie. Bericht zur Sonderveranstaltung des Ausschusses Soziologie als Beruf auf dem Kongress der DGS in Duisburg 2025
  • Gefährdung der akademischen Freiheit in Serbien – Unterstützungsstellungnahme des Vorstands der DGVeränderungen in der Mitgliedschaft 

    Nachrichten aus der Soziologie

  • Arno Bammé
    Zwei Ferdinand-Tönnies-Werkausgaben 
  • Paula-Irene Villa Braslavsky
    In memoriam Elisabeth Beck-Gernsheim
  • Johann Behrens
    In memoriam Micha Brumlik 
  • Elisabeth Becker-Topkara 
    In memoriam Matthias Koenig
  • Gallina Tasheva 
    In memoriam Bernhard Waldenfels 
  • Habilitationen 
  • Call for Papers
    Soziologie der Aufarbeitung
  • Tagungen 
    Zwischen Anpassung und Widerstand: Sozial-öko­lo­gi­sche Transformation in der Regression?