Am 14. März 2026 ist Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Starnberg gestorben, ein dreiviertel Jahr nach dem Tod seiner Frau Ute Habermas-Wesselhoeft, mit der er 70 Jahre verbunden war.
Habermas, der sich in den letzten Jahrzehnten seines langen und bis zum Schluss aktiven und überaus produktiven Wissenschaftslebens vor allem als Philosoph und politischer Intellektueller verstand, hat gleichwohl auch für die Soziologie (er war seit 1957 Mitglied der DGS) wesentliche und bleibende Beiträge geschaffen und das Fach in erheblicher Weise mitgeprägt. Zu nennen sind hier unter anderem seine Habilitation zum Strukturwandel der Öffentlichkeit, seine wissenschaftstheoretischen Texte im Rahmen des Positivismus-Streits und im Anschluss an diesen, seine Theorie des kommunikativen Handelns mit dem oft missverstandenen Konzept der herrschaftsfreien Kommunikation, aber auch seine Beiträge zu den Legitimationsproblemen im Spätkapitalismus, zur Lage in Europa und zur ›postsäkularen Gesellschaft‹. Einflussreich für die Soziologie in der Bundesrepublik wurde auch das von ihm als zweitem Direktor mit geleitete Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg, das – trotz seines Scheiterns nach 10-jähriger Existenz – für die weitere Präsenz der Sozialwissenschaften in der Max-Planck-Gesellschaft eine wichtige Rolle spielte.
Zudem war Jürgen Habermas früh journalistisch tätig und hat dies später in Beiträge zum politischen Zeitgeschehen überführt, die ihn über einen langen Zeitraum hinweg zum Teilhaber an den politischen Debatten und zum kritischen Beobachter der Entwicklung der Bundesrepublik gemacht haben. Dazu zählen seine Beteiligung an der Studentenbewegung und seine Kritik an deren Tendenz zur polarisierenden Überspitzung, seine Rolle im sog. ›Historikerstreit‹, aber auch später seine Reflexionen zum Asylrecht, zur Eugenik, zur von Hirnforschern angestoßenen Debatte um den freien Willen, zum Krieg im Kosovo, zum Ukrainekrieg und zur sich verändernden Rolle Europas. In der Süddeutschen Zeitung erschien zuletzt am 20. November 2025 ein Text über die Lage Europas angesichts der Entwicklungen in den USA, mit dem sprechenden Titel: ›Von hier an müssen wir alleine weitergehen‹. Von großer Bedeutung war auch Habermas› Rolle als Beobachter und Kommentator der bundesrepublikanischen Entwicklung vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus, den der am 18. Juni 1929 Geborene als Jugendlicher unausweichlich durchlebte. Habermas‹ Rolle als kritischer Beobachter der Demokratie wird in den derzeit erscheinenden Nachrufen von Politikern immer wieder hervorgehoben. Bei manchem kann man sich freilich den Gedanken nicht verkneifen, er möge sein eigenes politisches Handeln angesichts von Habermas‘ Interventionen einer genaueren Reflexion unterziehen.
Mit dem Tod von Jürgen Habermas geht eine Ära zu Ende, die dieser als Soziologe und Philosoph, aber auch als öffentlicher Intellektueller erheblich mitgeprägt hat. Vielleicht sollten wir dies als Aufgabe verstehen.
Monika Wohlrab-Sahr
Ein ausführlicher Nachruf wird in der SOZIOLOGIE erscheinen.