Aktuell

SOZIOLOGIE Jahrgang 53 - Heft 2 - 2024

.

Identität und Interdisziplinarität

Renate Mayntz
Paradigm Shifts in Macrosociology

Dieser Aufsatz betrachtet Veränderungen in makrosoziologischen Gesellschafts­vor­stellungen, die traditionell von der primitiven über die mittelalterlich geschichtete Ge­sellschaft zur funktionell differenzierten modernen Gesellschaft führen. Ver­än­dert man die systemtheoretische zu einer akteurtheoretischen Perspektive, die mit Popu­lationen individueller Akteure und Organisationen als kollektiven Akteuren ar­beitet, werden wichtige strukturelle Veränderungen in westlichen Gesellschaften sicht­bar. Die wichtigsten Veränderungen betreffen die ökonomische Globalisierung und die finanzielle Internationalisierung. Eine zunehmend flexibel agierende Popu­la­tion individueller Akteure und auf eng definierte Ziele orientierte Organisationen füh­ren zu einer Situation, die heute als Instabilität wahrgenommen wird, obwohl ihre Ur­sachen über ein halbes Jahrhundert zurück reichen.

This paper looks at changes in macrosociological paradigms for social development that traditionally stretch from the primitive society through the stratified medieval society to the image of a functionally differentiated modern society. Changing the perspective from a systems theoretical view of societies to an actor perspective, I focus on populations of individual actors and organizations as collective actors. Over recent decades, important structural changes in the nature of populations and of organizations have taken place in the Western world. The most important relate to economic globalization and financial internationalization. An increasingly flexible population and narrowly goal-specific organizations produce a situation of societal instability that appears to characterize the present, though its causes reach back half a century.
Hier der Text zum Download

Bernhard Schäfers
Immanuel Kants Bedeutung für die Soziologie

Immanuel Kants 300. Geburtstag im April 2024 ist gebotener Anlass, ihn auch aus soziologischer Sicht zu würdigen. Kant hat mit seinem Werk dem aufgeklärten, ver­nunft­orientierten, von Dogmen und Vorurteilen freien Denken den Weg gewiesen. Eben­so verdanken wir ihm ein von idealistischen, theologischen und philo­so­phi­schen Illusionen bereinigtes Menschenbild. Die Einflussbereiche Kants werden mit vier Punkten hervorgehoben: Seine Be­deu­tung für eine anthropologisch fundierte Sozio­lo­gie; Georg Simmels an Kant orien­tierter Gesellschaftsbegriff; Kants Moral- und Sit­ten­lehre als Ausgangspunkt für einen soziologischen Handlungsbegriff; seine Be­deu­tung für das Wissen­schafts­programm des Kritischen Rationalismus und eine offene Ge­sellschaft.

Immanuel Kant›s 300th birthday in April 2024 is a good occasion, to honour him also from a sociological point of view. With his work Kant pointed the way of en­ligh­tened, reason-oriented thinking, free of dogmas and prejudices. Likewise, we also owe to him an image of man cleaned up of idealistic, theological, or philosophical illusions. Kant‹s areas of influence are highlighted by four points: His importance for an anthropolo­gi­cal­ly grounded sociology; Georg Simmel›s Kant-oriented con­cept of society; Kant‹s ethics and moral science as the starting point for a sociological con­­cept of action; his significance for the scientific program of critical rationalism and an open society.

Forschen, Lehren, Lernen

Constantin von Carnap, Marlene von Carnap, Johann Behrens Externe und interne Evidence in einer theoriebewusst ›neuorientierten‹ soziologischen Methodenausbildung

Die in dieser Zeitschrift bereits veröffentlichten Vorschläge zur Neuorientierung der so­­ziologischen Methodenausbildung ergänzen wir mit fol­gendem dreigegliederten Fa­zit: Eine Methodenausbildung, die zu den häufigsten von Soziolog:innen aus­ge­üb­ten Professions­tä­tig­kei­ten bei­trägt, sieht die Theorie­ab­hän­gig­keit aller ›Daten‹ und befähigt zum Aufbau klien­tenspezifischer inter­ner Evidence unter Nut­zung aller exter­nen Evi­den­ce. Ob für diese Methoden­aus­bil­dung wirklich die Auf­tei­lung des vorigen Jahr­­hun­derts in Theo­rie- und Metho­den­lehr­stühle und letztere in ›quan­titative‹ und ›qua­­li­tative‹ Methoden noch förderlich ist, verdient eine kritische Dis­kus­sion – und das für beide Be­deu­tun­gen, die das Wort Methoden-Ausbildung hat: für die Aus­bil­dung in Me­tho­den und die Ausbildung von Methoden. Alle Methoden, die für die Ana­lyse so­zio­lo­gi­scher ein­schließ­lich ökono­mi­scher Gegenstände taugen kön­nen, sind ›qua­li­tative‹, d.h. theorie­ge­leitete her­me­neu­tisch-interpretative Verfahren. Sie lernt man am besten prak­ti­zie­rend. In diese Pra­xis werden alle Verfahren inkludiert, die einem theo­re­ti­schen Ge­gen­stand an­ge­messen sind. Dazu bedarf es Zeit im Stu­dium. Die alte Hoffnung, statt ab­­duktiver und de­duktiver Untersuchungspläne in­duk­­­ti­ve nutzen zu können, erfüllt sich nicht, weder für explorative, noch für kausal in­ter­­pre­tierende Analysen. Dabei können ›lernende‹ Ma­schinen nützlich werden, so­fern es der­einst ge­lingt, Licht in diese Black Boxes zu werfen und die theoretischen An­nahmen zu er­kennen, die in die Fort­schrei­bung ihrer Algorithmen eingehen.

We supplement the proposals already published in this journal on the reorientation of sociological methods training with the following three-part conclusion: Metho­do­­lo­gical training that contributes to the most common pro­fes­sional activities car­ried out by sociologists sees the theory dependence of all ›data‹ and enables the de­ve­lopment of client-specific in­ternal evidence using all external evi­den­ce. Whether the division of the last century into theory and methods chairs and the latter into ›quan­titative‹ and ›qua­litative‹ me­tho­ds is really still conducive to this me­thods trai­ning deserves critical discussion – and this for both meanings that the word me­thods training has: for training in methods and the development of methods. All me­thods that are suitable for ana­ly­sing sociological, including economic, objects are ›qua­li­ta­tive‹, i.e. hermeneutic-inter­pre­tative methods based on theory. They are best learned by practicing them. All me­thods that are appropriate to a theoretical subject are in­cluded in this practice. This requires time during studies. The old hope of being able to use inductive instead of ab­ductive and deductive research plans is not fulfilled, nei­ther for explorative nor for causal interpretative analyses. Yet ›learning‹ machines can be useful, provided that one day it is possible to shed light on these black boxes and recognize the theo­re­tical as­sumptions that go into updating their algorithms

DGS-Nachrichten

  • Stellungnahme zur geplanten Schließung des Hamburger Instituts für Sozialforschung
  • Ausschreibung der beim 42. Kongress der DGS 2025 in Duisburg/Essen zu verleihenden Preise
  • Aus dem DGS-Vorstand
  • Veränderungen in der Mitgliedschaft

Berichte aus den Sektionen

  • Arbeitskreis Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen
  • Sektion Biographieforschung
  • Sektion Familiensoziologie
  • Sektionen Kultursoziologie und Umwelt- und Nachhaltigkeitssoziologie
  • Sektion Religionssoziologie
  • Sektion Soziologiegeschichte
  • Sektion Umwelt- und Nachhaltigkeitssoziologie

Nachrichten aus der Soziologie

  • In memoriam Franz-Xaver Kaufmann
    Lutz Leisering
  • In memoriam Oskar Negt
    Detlef Horster
  • In memoriam Friedhelm Neidhardt
    Jürgen Gerhards
  • In memoriam Gert G. Wagner
    Johann Behrens, Jürgen Schupp
  • In memoriam Helmut Willke
    Dirk Baecker
  • Call for Papers
    • Democracy and Society Challenges – Risks and Opportunities for Contemporary Democracie
  • Tagungen
    • Staat – Gesellschaft – Polykrise
    • Enacting solidarity and citizenship across social fields and scales
    • Fantastic Climates