In den aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskursen gibt es immer wieder Begriffskonjunkturen, die auf einer kaum hinterfragten Nutzung populärer Narrative basieren. Diese sogenannten Umbrella-Terms entziehen sich einer einheitlichen Definition und spielen mit common-sense-Bedeutungen. Dadurch wirken sie zumeist beliebig und bergen das Risiko, die Analysierbarkeit des Forschungsgegenstands zugunsten der Verortung im Diskursfeld aus den Augen zu verlieren. Solche Begriffskonjunkturen können zudem den Blick dafür trüben, dass die Veränderungen am Untersuchungsgegenstand möglicherweise nicht so grundlegend sind, wie das Aufkommen und die diskursive Relevanz bestimmter Begriffe vermuten lassen. Besonders sinnfällig erscheint uns dieses Risiko auf der Ebene von Makro- und Trendbegriffen wie dem der›Digitalisierung‹ Die öffentliche und wissenschaftliche Debatte um digitale Technik ist von Begriffen disruptiver Veränderung wie der›digitalen Revolution‹geprägt, während gleichzeitig Forscher*innen in der betrieblichen Praxis oftmals einen kleinschrittigen und häufig widersprüchlichen Prozess digitalen Wandels feststellen (vgl. etwa Kirchner und Matiaske 2019). Während kritische Distanz zum Begriff der Digitalisierung wissenschaftlich angezeigt wäre (so sprechen (Buss et al. 2021) von Digitalisierungen), stehen Wissenschaftler*innen zugleich unter Druck, sich den Begriff anzueignen, nicht zuletzt weil die Vergabe von Forschungsgeldern stark von Trends beeinflusst wird.
Digitalisierung als Umbrella-Term benennt als Deskriptor bestimmte Forschungsfelder und fungiert als Diskurs-Marker, indem er vielversprechende Aussichten und gesellschaftliche Probleme diskursiviert und damit wissenschaftliche Fragen mit gesellschaftlichen und politischen Anliegen verbindet. Umbrella-Terms fungieren als Vermittler: weil sie Ressourcen mobilisieren, werden sie als übergeordnete Kategorisierung zum Druckmittel für das jeweilige Feld (Rip und Voß 2013) indem sie als semantische Grundlage zur Verhandlung wissenschaftlicher Praktiken wirken, sowie in ihren begrifflichen Eigendynamiken als Narrative gesellschaftliche Entwicklungstrends beeinflussen. Diese Dynamiken zu reflektieren, gehört zum Selbstverständnis einer kritisch-reflexiven Sozialwissenschaft.
Nicht alle Umbrella-Terms haben ihren Ursprung in gesellschaftlichen Trends, auch primär innerdisziplinäre Begriffe mit spezifisch deskriptivem oder analytischem Anspruch sind betroffen. Sind diese zwar zumeist weniger direkt von gesellschaftlichen Konjunkturen und politischen Forschungsprogrammen geprägt, entfalten sie dennoch innerhalb soziologischer Debatten ebenso Konjunkturen der Popularität, welche auf Kosten ihrer kritischen Reflexion gehen können. Ein plakatives Beispiel hierfür ist der Umbrella-Term der›Sharing Economy‹ der mit seinem weiten Begriffshorizont eine Vielzahl von (positiv konnotierten) Assoziationen impliziert und so auch Untersuchungen, vor allem aber auch öffentlich-mediale Narrative leitet. Weitere aktuelle Beispiele solcher Trendbegriffe, die sich vor allem im Forschungskontext wiederfinden, sind etwa›soziotechnische Imaginationen‹›Skripte‹›Regime‹oder der Begriffskomplex von›menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren‹
Doch ist dies nur die eine Seite der Medaille: Denn soziologische Begriffe lassen sich nicht auf ihre gesellschaftlich-diskursive Einbettung und Wirkmächtigkeit reduzieren, sondern stellen notwendige Analyse- und Reflexionsinstrumente dar, um soziale Verhältnisse zu beschreiben, zu erklären und zu kritisieren. Trotz der Gefahr, die differenzierten gesellschaftlichen Realitäten unter unterbestimmte und diskursiv geprägte Begriffe zu subsumieren, kommt keine Wissenschaft ohne theoretische Begriffe auf unterschiedlichen Abstraktions- und Analyseebenen aus. So ist der Versuch, disparate und inkrementelle, aber mittelfristig dennoch wesentliche Entwicklungen auf einen Begriff zu bringen, nicht per se problematisch. Hier steht dem Risiko der Abstraktion von empirischen Unterschieden die Gefahr gegenüber, im empirischen Kleinklein zu verharren, ohne dieses auf relevante Fragen organisationaler, sozialer und ökonomischer Entwicklung zu beziehen und rote Fäden im Forschungsgegenstand zu extrapolieren. Begriffe der Mikro- und Mesoebene dienen Soziolog*innen als Mittel, den eigenen Forschungsgegenstand für die Untersuchung zu definieren und für die empirische Forschung auf jeweils interessierende Aspekte zu fokussieren. Die Begriffe selbst wiederum sind weniger oft Gegenstand der Forschung (können es aber sehr wohl sein), sondern epistemisches Werkzeug (Boon/Knuuttila 2009), indem sie Modelle von (Teilaspekten von) gesellschaftlichen Zusammenhängen schaffen. Sie zeichnen sich in aller Regel durch ein Maß an Generalität aus, welches die Anwendung auf vielfältige Forschungsfragen und Erkenntnisinteressen ermöglicht.
Diesem risikoreichen Spannungsfeld von Abstraktion und Konkretheit, theoretischer Leere und empirischer Blindheit, analytischem Mehrwert und gesellschaftlich-ideologischer Einbettung wollen wir einen Sammelband widmen:›Starke Worte. Umbrella-Terms als Diskursmarker und Analyseinstrument.‹Entsprechend dem besagten Spannungsfeld sollen zwei Aspekte im Fokus stehen: Umbrella-Terms als Teil, Konstituens und Ausdruck gesellschaftlicher Diskurse einerseits und als unverzichtbares analytisches Erkenntniswerkzeug andererseits. In Frage kommen für den Band sowohl Beiträge, die den Themenkomplex erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch diskutieren sowie gesellschaftskritisch analysieren, als auch solche, die Aspekte des Themenkomplexes mit konkretem Empiriebezug beschreiben. Explizit willkommen sind zudem historische Einordnungen, die den Blick auf vergleichbare Entwicklungen eröffnen und einen neuen Blick auf aktuelle Veränderungsprozesse ermöglichen (beispielsweise wurden in den 1980er Jahren unter dem Begriff der›Rationalisierung‹sehr ähnliche Entwicklungen in der Arbeitswelt beobachtet, diskutiert und gestaltet, wie es heute in Bezug auf›Digitalisierung‹der Fall ist).
Aus diesen Ausführungen ergeben sich mehrere Themenbereiche für Sammelband-Beiträge:
Reflexionen auf die gesellschaftliche Bedingtheit und Wirkmächtigkeit soziologischer Begriffe:
• Welche diskursiven Mechanismen führen zur Entstehung und Normalisierung von Umbrella-Terms in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen?
• Wie verlaufen Prozesse der Konstruktion und Legitimation solcher Sammelbegriffe? Welche Rolle spielen verschiedene Akteur*innen und Institutionen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft dabei?
• Was ist der soziale Hintergrund der Konjunkturen von Umbrella-Terms? Welche strukturellen Ungleichheiten liegen ihnen zugrunde bzw. werden von ihnen (re-) produziert?
• Inwiefern beeinflussen (akademische) Umbrella-Terms die Selbstwahrnehmung und Identitätskonstruktion in unseren Forschungsfeldern?
Reflexionen auf den analytischen Mehrwert soziologischer Begriffe:
• Welche Chancen liegen in der Nutzung und Bearbeitung von Trendbegriffen in der Soziologie?
• Wie müssen Begriffe konstruiert und Methoden gestaltet werden, um die Komplexität sozialer Gegebenheiten jenseits von Umbrella-Terms nicht aus dem Blick zu verlieren?
• Wie werden bestimmte Begriffe in der konkreten empirischen Forschung verwendet und welcher Mehrwert hinsichtlich der Generierung von Erkenntnissen ergibt sich daraus?
Zusammenfassend suchen wir Beiträge, die...
... sich mit dem Phänomen der Begriffskonjunktur auseinandersetzen und hierbei z. B. Konzepte diskursiver Macht, Ideologie und struktureller Ungleichheit in der Sprache in den Blick nehmen.
... erkenntnistheoretische oder epistemologische Zugriffe auf Felder der Soziologie diskutieren.
… Prozesse und Folgen der Einführung und Etablierung von dominanten Sammelbegriffen untersuchen und hierbei systematischen Ursachen und Widersprüchen auf den Grund gehen.
… eine historische Perspektive auf Begriffskonjunkturen richten.
… die Rolle von Umbrella-Terms für den praktischen Einfluss sozialwissenschaftlicher Forschungsergebnisse und Erkenntnisse auf Gesellschaft und Politik diskutieren.
… die Interessen- und Klassenkonflikte im Kontext wissenschaftlicher Kategorien und Forschung untersuchen.
... den analytischen Mehrwert von soziologischen (Trend-)Begriffen diskutieren.
Zeitplan
• Einreichung Abstracts (200 Wörter, an: kontakt-starkeworte(at)lists.fau.de): 31. Januar 2026
• Rückmeldung bzw. Aufforderung zum Full Paper: Februar 2026
• Einreichung Full Paper (50.000 Zeichen): August 2026
• Review bzw. Rückmeldung: September/ Oktober 2026
• Einreichung finale Version beim transcript Verlag: Dezember 2026
• Veröffentlichung Sammelband: Sommer/Herbst 2027