Stellungnahmen

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) zum Rahmenprogramm für die Geistes- und Sozialwissenschaften (Zeitraum 2026-2032) des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt

Offene Gesellschaften brauchen offenes Denken. Einer repräsentativen Umfrage zufolge messen 61% der deutschen Bevölkerung wissenschaftlicher Erkenntnis eine wichtige Rolle in gesellschaftlichen Debatten bei (Wissenschaftsbarometer 2025). Gesellschaftswissenschaften und die von ihnen hervorgebrachten Erkenntnisse sind zentral für sachliche Auseinandersetzungen und ein wichtiger Motor für die Weiterentwicklung unserer Demokratie. Der Einschätzung des Ministeriums, das den Geistes- und Sozialwissenschaften eine herausragende Bedeutung im Wissenschaftssystem Deutschlands beimisst, ist daher zuzustimmen. Als der größte soziologische Wissenschaftsverband in Deutschland wollen wir im Folgenden gleichwohl einige Anregungen für die Umsetzung der geplanten Leitlinien und für künftige Förderrichtlinien geben. 

  • Der Rahmen für die Förderung der Jahre 2026 bis 2032 ist gesetzt. Das Programmpapier zeigt deutlich die Erfolge bestehender Initiativen, Zentren und Einrichtungen. Wir begrüßen die nachhaltige Strategie des Ministeriums, an der Grundfinanzierung bestehender Einrichtungen festzuhalten und einschlägige Forschungs(daten)infrastrukturen weiter zu fördern. Die Geistes- und Sozialwissenschaften stehen bereit, um das Gemeinschaftswerk der Hightech Agenda für Deutschland aktiv mitzugestalten. Breite Expertise ist abrufbar, und exzellente Forschungsteams sind vorhanden. Die Verknüpfung des Rahmenprogramms mit der Hightech Agenda, wie vorgesehen, ist daher konsequent. Wir bringen dem Bundesministerium das Vertrauen entgegen, die Innovationskraft unseres Wissenschaftsfeldes für die Hightech Agenda einzusetzen und plädieren dafür, Projekte der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nicht nur in den technologiebezogenen Programmen zu fördern, sondern den Weg für unabhängige Forschungsleistungen mit einem eigenem Förderprogramm frei zu machen. 
  • Neben der Ausrichtung an Orientierung, Lösungen und Legitimation im Bereich technischer Entwicklung muss Raum für sozialwissenschaftliche Reflexion und Kritik bleiben. Begriffe wie Innovation, Technik und Partizipation dürfen nicht selbst zu Techniken verkürzt werden. Es gilt nicht nur, Akzeptanz für technische Neuerungen zu erhöhen, sondern auch die in der technischen Entwicklung inhärenten Spannungen, Konflikte und Machtverhältnisse zu analysieren. Partizipation und Governance müssen daher selbst Gegenstand sozialwissenschaftlicher Analyse sein. 
  • Offenheit und Vielfalt als ein geteiltes Grundverständnis unserer demokratisch verfassten Gesellschaft zu setzen und hierzu Forschungen besonders zu fördern, begrüßen wir ausdrücklich. Sozialwissenschaftliche Forschung trägt hierzu in doppelter Hinsicht bei: Sie schärft den Blick für die Komplexität gesellschaftlicher Phänomene und entwickelt Begriffe, Modelle und Konzepte. Dies zeigt sich insbesondere auch in den hervorgehobenen Forschungsfeldern der Antisemitismusforschung, Extremismusforschung sowie Radikalisierungsforschung. Hier bedarf es einer reflexiven Forschung, die über dem gewünschten Anwendungsbezug die Reflexion der eigenen Begrifflichkeit nicht aus dem Auge verliert. Die Politik kann diese begrifflichen Instrumente nicht vorgeben und nicht definieren. Wissenschaft muss in ihrem eigenen Agieren autonom bleiben, nicht zuletzt dort, wo es um einen Anwendungsbezug geht.
  • Universitäten und drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte qualifizieren in den Geistes- und Sozialwissenschaften hochengagierte junge Talente, die mit ihren Ideen unsere Zukunft mitgestalten werden. Diese jungen Menschen sind hoch motiviert für Weiterentwicklung und für Neues, wie auch für die kritische analytische Durchdringung von Neuerungsprozessen und deren Folgen. Ein großes Förderprogramm für Wissenschaftler*innen in frühen Karrierephasen der Geistes- und Sozialwissenschaften wäre ein zentraler Schlüssel zur Stärkung der Innovationsfähigkeit unseres Landes. 

Zu bedenken möchten wir schließlich geben, dass die Höhe der für die Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften vorgesehenen Mittel mit 700 Mio. Euro seit Jahren konstant geblieben ist. Vor dem Hintergrund von Inflation und Tarifsteigerungen bedeutet das aber, dass faktisch jedes Jahr weniger Mittel für die vom Bund geforderte Forschung zur Verfügung stehen. 

Für den Vorstand der DGS, Monika Wohlrab-Sahr und Diana Lengersdorf