Zeit ist eine relevante Dimension sozialer Ordnungsbildung, denn Erfahren bzw. Erleben und Handeln sind zeitlich verfasst. An diesem Punkt konvergieren die Systemtheorie Luhmanns, der Pragmatismus und die Praxistheorie sowie die phänomenologische Soziologie, um nur einige der wichtigsten Theorieströmungen zu nennen. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ansätzen liegen darin, ob bzw. wie sie die Bedeutung historischer Zeitordnungen für die Zeiterfahrung bzw. die Zeit des Handelns einschätzen. Lassen sich universale Zeitstrukturen ausmachen, wie man es in der Tradition der Phänomenologie annimmt, oder muss man davon ausgehen, dass Zeit und Zeiterfahrung historisch-gesellschaftlich bestimmt sind, wie es insbesondere in der Systemtheorie (Nassehi 2008) vertreten wird.
Thomas Luckmann (1987) zufolge muss die innere Zeit mit jener der anderen synchronisiert werden, damit Sozialität möglich ist. In der Folge entstehen sozial objektivierte Zeitkategorien (ebd.; Zerubavel 1982), die das weitere Erleben sinnhaft rahmen, das Soziale koordinierbar machen (Elias 1984) und Zeit als produktiv nutzbar erfahren lassen. Allerdings kommt es auch zu Konflikten, wenn die Synchronisation fehlschlägt, die gesellschaftlichen Zeitstrukturen widersprüchlich sind oder unerfüllbare Anforderungen an die Subjekte gestellt werden. Daraus entstehen Phänomene wie die Zeitknappheit (Rosa 2005), das Warten (Göttlich 2018) und der Stress (Selig/Mundt/Henkel 2022). Solche Vermittlungsprobleme sind weniger dringlich, wenn man die Zeit des Sozialen als eigenständig begreift – abgesetzt von der Erlebenszeit der Individuen (Nassehi 2008). Es entsteht aber ein neues Problem: die Vermittlung unterschiedlicher sozialer Zeiten etwa der Familie, der beruflichen Anforderungen usw.
Die Verbindung mit differenzierungstheoretischen Betrachtungen zeigt, dass sowohl soziale Zeitstrukturen als auch das Zeitempfinden höchst unterschiedlich sein können. Das betrifft soziale Ungleichheiten, die unterschiedliche Verfügbarkeit von Zeit und vor allem das ungleich verteilte Gefühl von Zeitautonomie. Zudem zeichnen sich einzelne gesellschaftliche Bereiche durch teils unterschiedliche Tempi, Rhythmen und Zeithorizonte aus, an die sich die Individuen schließlich anpassen müssen. Dies leitet soziologisch dazu an, Vergleiche zwischen verschiedenen Zeitstrukturen bzw. Zeitregimen anzustellen und eröffnet auch weitere historische und kulturelle Kontrastierungen. Es lässt sich aber auch auf die Bewältigung der Probleme fokussieren und die Bedingungen positiver Zeiterfahrungen wie Flow und Muße analysieren.
Im Zentrum der Tagung stehen daher unter anderem folgende Fragen:
Ist es klug, universale Formen der Zeitlichkeit anzunehmen? Ist die innere Zeiterfahrung notwendigerweise eine je individuelle Zeiterfahrung?
Lassen sich unterschiedliche historische Zeitordnungen voneinander unterscheiden?
Wie ist das Verhältnis von universalen Formen der Zeitlichkeit und gesellschaftlichen Zeitordnungen?
Welche Bedeutung hat Zeit für die Bildung gesellschaftlicher Ordnung?
Mit welchen theoretischen und begrifflichen Mitteln lassen sich das Erleben und die Struktur von Zeit miteinander verbinden?
Was sind die Bedingungen dafür, die innere mit der sozialen Zeit in Einklang zu bringen und wie entstehen Zeitkonflikte?
Wodurch unterscheiden sich ›sinnvolle Zeitnutzung‹ und ›Zeitverschwendung‹?
Welche Zeitkompetenzen sind in einer von Globalisierung, Kapitalismus und Digitalisierung geprägten Gegenwart wichtig und wer verfügt über sie?
Hat die Technik eine Zeit, die von der inneren Zeiterfahrung zu unterscheiden ist?
Welche Zeitstruktur kennzeichnet einzelne gesellschaftliche Bereiche und wie lassen sie sich empirisch erforschen?
Wie wird über Zeit Macht ausgeübt und worin äußert sich Widerstand?
Willkommen sind sowohl theoretisch orientierte Beiträge aus der Leibphänomenologie, der Postphänomenologie, der Philosophischen Anthropologie, der Wissenssoziologie, der Systemtheorie und der Kritischen Theorie, als auch methodische und empirische Beiträge. Insbesondere bietet es sich an, bereits erforschte Phänomene auf den Zeitaspekt hin genauer zu betrachten und damit gegenständlich zum Erkenntnisinteresse beizutragen. Zudem eröffnet sich die Möglichkeit, Erkenntnisse aus der Biografieforschung, der Emotionssoziologie, der Soziologie sozialer Gedächtnisse, der Kultursoziologie, der Raumsoziologie, der Organisationssoziologie oder anderen Speziellen Soziologie zu nutzen, um Einblicke in die soziale Herstellung von Zeitstrukturen und individuellen Aneignungspraktiken zu erhalten.
Senden Sie bitte die Beitragsvorschläge im Umfang von 1-2 Seiten bis zum 09.10.2026 an Alexander Schmidl (alexander.schmidl@fau.de). Sie erhalten vom Arbeitskreis zeitnah eine Rückmeldung, das Programm wird Ende Oktober veröffentlicht. Die Teilnahme zur Tagung ist kostenlos, Reisekosten können leider keine übernommen werden.
Literatur
Elias, Norbert. 1984. Über die Zeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Göttlich, Andreas. 2018. Warten und Warten-Lassen. Reflexionen zur sozialen Auferlegung von Zeit. Sozialer Sinn 19(2): 281–308.
Luckmann, Thomas. 1987. Gelebte Zeiten – und deren Überschneidungen im Tages- und Lebenslauf. In: Reinhart Herzog & Reinhart Koselleck (Hg.). Epochenschwelle und Epochenbewußtsein: 283–304 München: Fink.
Mundt, Ingmar; Julia Sellig & Anna Henkel (Hg.). 2022. 10 Minuten Soziologie: Stress. Bielefeld: transcript.
Nassehi, Armin. 2008. Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer soziologischen Theorie der Zeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Rosa, Hartmut. 2005. Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Zerubavel, Eviatar. 1982. The Standardization of Time. A Sociohistorical Perspective. American Journal of Sociology 88(1): 1–23.