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Identität und Interdisziplinarität
Georg Vobruba
Distanz und Engagement
Die Soziologie operiert in einer Doppelposition: Sie untersucht die Gesellschaft, in der sie selbst stattfindet. Daraus entsteht ein dauerhaftes Spannungsverhältnis zwischen Distanz und Engagement. Der Text rekonstruiert, wie die Disziplin ihren Objektbereich erst durch neue Abstraktionen und den ›Tatsachenblick‹ formte. Anhand von Spencer, Comte, Durkheim, Marx und Weber wird gezeigt, wie sich die Frage nach dem angemessenen Verhältnis von Distanz und Engagement der Soziologie zu ihrem Objektbereich von einem forschungspraktischen zu einem epistemischen Problem entwickelt. Mit der Wissenssoziologie entsteht schließlich jenes Reflexivitätsniveau, auf dem die Soziologie in der Lage ist, auch sich selbst zu beobachten. Die Systemtheorie baut diesen Reflexivitätsgewinn systematisch aus, überzieht aber das Generieren von Distanz. Engagement ermöglicht Forschung, kann aber Erkenntnis verzerren; Distanz muss aktiv hergestellt werden. Ohne Distanz verliert die Soziologie ihre Qualität als Wissenschaft.
Sociology operates in a dual position: it examines the society in which it itself takes place. This gives rise to a constant tension between distance and engagement. This text reconstructs how the discipline shaped its field of study through new abstractions and the ›factual perspective‹. Drawing on Spencer, Comte, Durkheim, Marx and Weber, it demonstrates how the question of the appropriate balance between distance and engagement in sociology’s relationship with its field of study evolved from a practical research issue into an epistemological problem. With the emergence of the sociology of knowledge, a level of reflexivity finally arises at which sociology is able to observe itself as well. Systems theory systematically expands this gain in reflexivity, but it obscures the process of establishing distance. Engagement enables research but can distort understanding; distance must be actively established. Without distance, sociology loses its status as a science.
Forschen, Lehren, Lernen
Anne K. Krüger
Generative KI und die neue Bewertungskrise in der Wissenschaft
Die Qualitätssicherung in der Wissenschaft steckt in einer Krise. Diese Krise ist nicht neu, verschärft sich jedoch aktuell durch den Einsatz von generativer KI. Dies führt nicht nur zu einem rasanten Anstieg an Publikationen, Konferenzeinreichungen und Drittmittelanträgen. Damit gehen auch zentrale Probleme für das wissenschaftliche Begutachtungs- und Bewertungssystem einher. Einerseits steht das Peer Review als zentrale Qualitätssicherungsinstanz vor der Herausforderung, die stetig wachsende Anzahl an Einreichungen zu bewältigen. Dies führt dazu, dass zunehmend generative KI in der Begutachtung genutzt wird und auch werden darf. Andererseits steckt damit auch das Bewertungssystem insgesamt in der Krise, da Publikationen und Drittmittel bislang als zentrale Währung in der Verfolgung einer wissenschaftlichen Karriere galten. Vor diesem Hintergrund betrachtet der Beitrag diese Entwicklungen nicht als Problem, das nach einer technischen Lösung durch mehr generative KI verlangt, sondern diskutiert vielmehr den permanent in der Wissenschaft vorherrschenden Wettbewerb als zentrales Problem hinter der Nutzung von generativer KI und den damit verbundenen Entwicklungen.
Quality assurance in academia is in crisis. While this crisis is not new, the use of generative AI is currently exacerbating it. The use of generative AI is leading to a rapid increase in publications, conference submissions, and grant applications. It is also creating major challenges for the academic peer review and evaluation system. Peer review, the central quality assurance mechanism, is overwhelmed by the ever-growing number of submissions. This has led to increased use and acceptance of generative AI in peer review. The evaluation system as a whole is also in crisis because publications and external funding have traditionally been the primary currency for advancing in an academic career. Rather than viewing these developments as a technical problem requiring a technical solution, this article discusses the constant competition in academia as the central problem underlying the use of generative AI and its consequences.
Ivana Spasić, Thomas Schmidt-Lux
›Democratic backsliding made manifest in the academic sphere‹
Serbien erlebt unter der Präsidentschaft von Aleksandar Vučić eine verschärfte Erosion demokratischer Strukturen und Prozesse. Vor diesem Hintergrund hat Thomas Schmidt-Lux im Mai ein Interview mit Ivana Spasić geführt, die als Soziologin an der Universität Belgrad arbeitet. Spasić beschreibt eine schrittweise Verschärfung staatlicher Eingriffe in die Hochschulen, die weniger durch offene Repression als durch den strategischen Einsatz bürokratischer, administrativer und rechtlicher Instrumente erfolgt. Polizeiliche Durchsuchungen an der Universität Belgrad, Akkreditierungsverfahren, Finanzkontrollen, Gehaltskürzungen sowie Eingriffe in Forschungsinfrastrukturen sind dabei zentrale Elemente einer umfassenden Strategie, kritische Universitäten und die studentische Protestbewegung zu schwächen. Spasić plädiert für verstärkte internationale wissenschaftliche Solidarität sowie eine kritischere europäische Aufmerksamkeit gegenüber den Entwicklungen in Serbien. Zugleich kann der Fall Serbiens als beispielhaft für die Lage von Wissenschaft in autoritären politischen Kontexten betrachtet werden.
Under the presidency of Aleksandar Vučić, Serbia has experienced an accelerating erosion of democratic institutions and processes. Against this backdrop, Thomas Schmidt-Lux conducted an interview in May with Ivana Spasić, a sociologist at the University of Belgrade. In the interview, Spasić describes a gradual intensification of state interference in higher education, driven less by overt repression than by the strategic use of bureaucratic, administrative, and legal instruments. Police raids at the University of Belgrade, accreditation procedures, financial audits, salary cuts, and interventions in research infrastructures emerge as key elements of a broader strategy to weaken critical universities and the student protest movement. Spasić argues for stronger international academic solidarity and greater European attention to developments in Serbia. At the same time, the Serbian case can be understood as an instructive example of the challenges facing academia under authoritarian political conditions.
Hier der Text zum Download
Ann-Christin Bächmann, Johannes Giesecke, Andreas Haupt, Corinna Kleinert, Kathrin Leuze, Reinhard Pollak, Tim Sawert, Wiebke Schulz
Zwischen Vergemeinschaftung und Entfremdung
Der Beitrag untersucht auf Basis einer standardisierten Online-Befragung von 155 Forschenden aus dem Feld der überwiegend quantitativ orientierten Ungleichheits- und Sozialstrukturforschung Rückmeldungen zum 42. DGS-Kongress in Mainz sowie Gründe für eine Nichtteilnahme an diesem Kongress. Wir unterscheiden dabei vier Gruppen: aktive Teilnehmende, Gäste bzw. Organisator:innen, Verhinderte bzw. Abgelehnte sowie nicht teilnehmende, aber potenziell interessierte Personen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Mehrheit der Befragten – die allerdings eine selektive Gruppe innerhalb der Stichprobenbasis bilden – dem DGS-Kongress grundsätzlich offen gegenübersteht. Gleichzeitig werden deutliche Passungsprobleme artikuliert, insbesondere von quantitativ arbeitenden Soziolog:innen. Diese bemängeln eine geringe methodische Repräsentation ihrer wissenschaftlichen Community, attraktivere konkurrierende Fachkonferenzen sowie eine geringe inhaltliche Anschlussfähigkeit zentraler Kongressformate. Insgesamt positiv bewertet werden Sektionsveranstaltungen und Ad-hoc-Gruppen, während Plenarveranstaltungen und übergreifende Formate als weniger relevant wahrgenommen werden. Wir interpretieren die Befunde als Hinweis auf zunehmende Entfremdungsprozesse innerhalb der Fachgemeinschaft. Als zentrale Herausforderungen identifizieren wir die Einbindung des wissenschaftlichen Nachwuchses, die Förderung fachübergreifender Vernetzung sowie die Schaffung neuer, interaktiver Diskussionsformate.
Based on a standardised online survey of 155 researchers working in the field of predominantly quantitatively oriented research into inequality and social structures, this paper examines feedback on the 42nd DGS Congress in Mainz, as well as the reasons for non-attendance. We distinguish between four groups: active participants, guests or organisers, those unable to attend or whose applications were rejected, and non-participants who are potentially interested. The results show that the majority of respondents – who, however, constitute a selective group within the sample – are generally open to the DGS Congress. At the same time, significant issues regarding the conference’s suitability are highlighted, particularly by sociologists working in quantitative research. They criticise the limited methodological representation of their academic community, more attractive competing specialist conferences, and the limited relevance of the content in key conference formats. Section events and ad hoc groups are rated positively overall, whilst plenary sessions and cross-cutting formats are perceived as less relevant. We interpret these findings as an indication of growing alienation within the academic community. We identify the integration of early-career researchers, the promotion of interdisciplinary networking, and the creation of new, interactive discussion formats as key challenges.
DGS-Nachrichten
- Stellungnahme zum Rahmenprogramm für die Geistes- und Sozialwissenschaften
- Aus der Vorstandsarbeit
- Veränderungen in der Mitgliedschaft
Berichte aus den Sektionen
- Sektion Soziologie der Kindheit
- Sektion Wissenssoziologie
Nachrichten aus der Soziologie
- Georg Vobruba
In memoriam Günter Dux - Stefan Schwendtner, Wolfgang Knöbl
In memoriam Reinhard Kreckel - Hans-Dieter Klingemann
In memoriam Ekkehard Mochmann - Stipendienprogramm der Sächsischen Lehmbaugruppe
- Dissertationspreis der Sektion Migration und ethnische Minderheiten
- Habilitationen
- Call for Papers
- Critical Friends?! Zum Verhältnis von Rassismus-, Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung
- Confessions of Bad Taste: Interdisciplinary Perspectives on Guilty Pleasures
- Tagungen
- Digitalisierung der Arbeitswelten
- Demokratische Kultur erforschen und gestalten
Jahresinhaltsverzeichnis