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Call for Papers Die ökologische ist eine soziale ist eine generationale Frage Prekäre Zukünfte, herausgeforderte Verhältnisse der Generationen und emanzipative Potenziale der Veränderung

Sitzung der Sektion ›Soziologie der Kindheit‹ auf dem 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ›Zukünfte der Gesellschaft‹ vom 28.09.-02.10.2026 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz 

Wir leben in einer Gegenwart, in der die Menschheit trotz oder wegen immer größerer Transformationen der Natur zugleich immer weniger in der Lage ist, ihre Naturverhältnisse zu kontrollieren. Mitursächlich dafür sind aus der Vergangenheit stammende, die westliche Moderne konstituierende, gegenwärtige Praktiken, die zu akuten wie tiefgreifenden ökologischen Polykrisen führen, wodurch Lebensgrundlagen drohen unwi-derruflich zerstört zu werden – und die Zukunft zunehmend prekär wird. Das Prekär-Werden der Zukunft fordert derweil das moderne Selbstverständnis des Zukünftigen zwischen Projektion, Imagination und Planung im Besonderen heraus und lässt das fortschrittliche Zukunftsversprechen bröckeln – zukünftige Ge-nerationen werden es aller (naturwissenschaftlichen) Voraussicht nach nicht nur nicht ›besser‹ haben als gegenwärtige, sondern der Gestaltungsraum von Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftsformen ebenso wie von gesellschaftlichen Naturverhältnissen wird kleiner werden (zumindest gemessen an westlich-modernen Parametern). Gesellschaftlich und kulturell ist das fortschrittliche Zukunftsversprechen der Moderne vielfach verbunden mit Kindheit und Jugend – von der gesellschaftlichen Reproduktion durch das Gespann Kindheit-Familie-Schule/Bildung über das Autonomie- und Prosperitätsversprechen (in) einer zukünftigen Gegenwart bis zum Entwerfen einer Zukunft. Zum aktiven Entwerfen einer (eigenen) Zukunft werden Kinder und Jugendliche indes nicht nur aufgefordert; die Gestaltbarkeit dieser Zukunft ist auch ein Versprechen an sie, das die hiesigen ungleichen (Generationen-)Verhältnisse legitimiert. 

›Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!‹ skandiert(e) in diesem Sinne bekanntlich Fridays for Future, ähnliche Parolen finden sich global bei allen ökologisch inspirierten Kinder- und Jugendbewegungen. Von einer ›symbolischen Umkehrung des Generationenverhältnisses‹ (Fabian Kessl) lässt sich hier insofern sprechen, als dass diese Bewegungen gegenüber den Erwachsenen die Position der Mündigen und auch Vernünftigen einklagen – wodurch ein diskursiv und institutionell gestütztes Arrangement hierarchisch-generationalen Ordnens, zumindest temporär, in Zweifel gezogen wird. Denn es ist ja die Unmündigkeit des Kindes, die seine Erziehung verlangt, die erlaubt, seine Stimme zu diskreditieren sowie von demokratischen Wahlen auszuschließen – und es zugleich moralisch zu überhöhen. 

Doch nicht nur kann eine bessere oder gestaltbare Zukunft nicht weiter garantiert werden, die generationale Ordnung wird angesichts der ökologischen Polykrisen insgesamt enorm herausgefordert – inklusive ihrer Gesellschaft reproduzierenden Funktionen. Dabei ist die ökologische auch eine soziale Frage – bereits dies ein Umstand, der weder in der Soziologie noch in der Öffentlichkeit ausreichend reflektiert wird –, sind doch die Gesellschaften des Globalen Südens sowie die weniger privilegierten sozial-ökonomischen Milieus des Globalen Nordens bereits stärker von den Effekten der ökologischen Polykrise betroffen. Die ökologische Frage ist es indes nicht nur auch eine soziale, sie ist insbesondere auch eine inter- wie intragenerationale Frage. So besteht ein Problemzusammenhang zwischen liberaler Demokratie als Staats- und Lebensform, politischer, sozialer und ökologischer Erziehung und Bildung samt ihren Voraussetzungen und Zielen, intergenerationaler Gerechtigkeit, sozioökonomischer (intragenerationaler) Ungleichheit und einer angemessenen Einrichtung sowie Neuausrichtung menschlicher respektive gesellschaftlicher Naturverhältnisse. 

Die tiefgreifenden ökologischen Polykrisen provozieren mithin ein Gewahr-werden gesellschaftlicher Naturverhältnisse und der ontologischen Annahmen, epistemischen Instrumente und leitenden Institutionen, die es hervorbringen und stützen. Das Brüchig-werden einstiger moderner Selbstverständlichkeiten und Gewohnheiten durch die ökologischen Krisen schaffen daher auch Bedingungen der Möglichkeit veränderter generationaler Ordnungen und neuer intergenerationaler und mehr-als-menschlicher Bündnisse. 

Vor diesem Hintergrund sind Beiträge willkommen, die den Zusammenhängen von ökologischer, sozi-aler und generationaler Frage respektive von inter-/intragenerationaler, mehr-als-menschlicher und eman-zipativer Frage nachgehen – etwa entlang folgender Dimensionen: 

- gesellschaftstheoretisch und konzeptionell (z.B. zur generationalen Ordnung angesichts der ökologischen Polykrise); 

- gesellschaftsanalytisch (z.B. zur Problemerörterung, Desideraten, ›blinden Flecken‹, Generationen- und Klimagerechtigkeit, Ontologien); 

- empirische Fallstudien (z.B. zu Praktiken und Projekten der Nachhaltigkeit, der Resilienz, oder der Nach-Nachhaltigkeit, des Vorbereitet-seins, oder sozial-ökologisch transformierend). 

Wir bitten um die Einreichung von Abstracts (maximal eine Seite) bis zum 31.03.2026 an: cburmeister@soziologie.uni-kiel.de 

Organisation: Christoph T. Burmeister (Kiel/Berlin)