Sitzung der Sektion ›Soziologie der Kindheit‹ auf dem 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ›Zukünfte der Gesellschaft‹ vom 28.09.-02.10.2026 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Aus kindheitssoziologischer Perspektive ist Kindheit der zentrale Bezugspunkt, um gesellschaftliche Ordnun-gen zu stabilisieren, zu kontrollieren oder neu zu formen. Im historischen Verlauf wurde Kindheit durch er-zieherische Reformen über medizinische Standardisierungen bis hin zu wohlfahrtsstaatlichen Frühinterven-tionen immer wieder zum Gegenstand von Expert:innenwissen, Messpraktiken und Normierungsprozessen und dies wird zukünftig ebenfalls der Fall sein. Auch Kindheit selbst wird in dieser Perspektive als soziales Konstrukt verstanden: Die Vorstellung einer universellen, normierten Kindheit konnte sich so in der Moderne erst herausbilden (Bühler-Niederberger 2005, Kelle 2010, Turmel 2008). Zentraler Motor dieser Entwicklun-gen waren Praktiken der Dokumentation und Vermessung, welche es ermöglichten und forcierten, das Kind als sich entwickelndes Wesen zu konzipieren (Esser 2015).
Diese Praktiken der Vermessung, Intervention und Normierung der Kindheit wirken bis heute fort und neh-men seit der Jahrtausendwende (wieder) zu. Vermessungen dokumentieren dabei nicht einfach Prozesse des Aufwachsens, sondern sie bringen Vorstellungen des guten Aufwachsens von Kindern hervor und machen Kindheit in spezifischer Art und Weise sicht- und regierbar (Kelle & Tervooren 2025). Verknüpft mit dem gesellschaftlichen Ziel, die richtige Ausgestaltung von Kindheit sicherzustellen, wird so stets darauf gedrängt, ›eine [immer] stärker geordnete Kindheit zu erreichen‹ (Bühler-Niederberger 2005, S. 23, Hervorhebung i. O.). Diese Ordnung korrespondiert mit den gegenwärtigen sozialinvestiven Logiken, innerhalb derer Kinder zum ›Hoffnungsträger der Gesellschaft‹ (Correll & Lepperhoff 2013, S. 88) avanciert sind. Ihr gesellschaftli-cher Status ist damit einzigartig – sie repräsentieren ›das höchste Potential der Produktivität; die Investition in das kindliche Humankapital verspricht den höchstmöglichen Gewinn in der Zukunft‹ (Olk 2007, S. 46). Im-mer bedeutsamer wird es somit, das richtige Aufwachsen für Kinder zu gestalten. Daher wird es notwendig, den Zugriff auf Kindheit auf unterschiedliche Weisen sicherzustellen wie über die engeren Verflechtungen von öffentlicher und privater Erziehung (z.B. Betz 2025) oder auch die steigenden Anforderungstableaus an
Eltern/Sorgeberechtigte (u.a. Eunicke 2024) sowie pädagogisches und medizinisches Fachpersonal von den Frühen Hilfen bis zur Schule.
In der algorithmisierten und datafizierten Gesellschaft gibt es nun neue Möglichkeiten, Kindheit als Zukunfts-sicherung zu ordnen und damit einhergehend das richtige Aufwachsen von Kindern zu gestalten. Die Aus-breitung datengenerierender und -gesteuerter Technologien in nahezu alle Bereiche des sozialen Lebens und die Allgegenwart von ›Datenbeziehungen‹ (Couldry & Mejias 2019) haben die Normalisierung der Datafizie-rung des alltäglichen Lebens weiter vorangetrieben (Amadori & Mascheroni 2024). Diese Praktiken der Vermessung, Intervention und Normierung haben Auswirkungen auf gegenwärtige Kinder und ihre Kind-heit(en), auf ihre Zukunft (Zukünfte) und auf zukünftige Kindheitsvorstellungen.
Neben dem Blick auf die Ausgestaltung von Kindheit, zeichnet sich eine kindheitssoziologische Perspektive auch dadurch aus, dass sie sich für die soziale Akteur:innenschaft von Kindern interessiert: Kinder werden seit den 1990er-Jahren einerseits zur wichtigsten Zielgruppe sozialpolitischen Handelns erhoben. Anderer-seits führt die Position von Kindern als Zukunftssicherung der Gesellschaft gleichzeitig dazu, dass ihre Bei-träge im Hier und Jetzt ›gesellschaftlich als irrelevant und unwichtig – eben als bedeutungslose oder illegale Schattenarbeit – abgewertet werden‹ (Olk 2007, S. 52). Sie haben demnach primär einen symbolischen Sta-tus. Aus kindheitssoziologischer Perspektive interessiert daher, wie Kinder Praktiken der Vermessung und Datafizierung aktiv aufgreifen, an ihnen mitwirken, sie in kinderkulturelle Praktiken integrieren oder ihnen durch eigensinnige und widerständige Umgangsweisen begegnen – in der Gegenwart, aber auch mit Blick auf eigene Zukunftsentwürfe.
Mit der Einnahme einer kindheitstheoretischen Perspektive auf die gegenwärtige, die datafizierte Gesell-schaft wird nun fokussiert, dass Kinder generational ungleich situiert sind, denn auch Algorithmen entziehen sich (ihrer/der) Sichtbarkeit und Kontrolle. Die geschieht z.B. in der Schule dadurch, dass Kinder abhängig vom (Nicht-)Wissen über Datenschutzbestimmungen von Schulleitungen (Persson 2021) und Lehrkräften (Mascheroni & Siibak 2021) sind. Zudem sind Kinder diejenigen Subjekte, über deren Leben heute schon vor Geburt Daten gesammelt, getrackt, gespeichert und genutzt werden (Barassi 2020). Algorithmisierung und Datafizierung sind ein integraler und zugleich alle Lebensbereiche und Lebensabschnitte umfassender Be-standteil des Lebens von Kindern – und von Erwachsenen, die in familialen Konstellationen oder rechtlichen, medizinischen, pädagogischen Kontexten mit der Gestaltung von Kindheit befasst sind.
Die Vermessung der Kindheit in der datafizierten Gesellschaft ist somit keine grundsätzlich neue Erschei-nungsform. Vielmehr kann sie als eine gegenwärtig spezifische Ausprägung einer langen bestehenden Logik von Vermessung, Intervention und Normalisierung betrachtet werden. Gleichzeitig eröffnet die aktuelle Technologie-Landschaft neue Machtfelder, die bislang in der Kindheitssoziologie und breiter noch: der inter-disziplinären Kindheitsforschung noch wenig adressiert wurden. Auch Kinder gestalten als soziale Akteur:in-nen diese datafizierte Gesellschaft durch sehr unterschiedliche Beiträge mit.
Vor dem Hintergrund der skizzierten Entwicklungen und Problemfelder freuen wir uns auf konzeptionelle, empirisch und methodologisch oder auch historisch ausgerichtete Beiträge zum Themenfeld ›Kindheit als Zukunftssicherung. Vermessen, Intervenieren und Normieren in der datafizierten Gesellschaft‹ für den DGS-Kongress in Mainz.
Wir bitten um die Einreichung von Abstracts (300 Wörter exkl. Referenzen)
bis zum 31.03.2026
an: eunicke@uni-mainz.de, tbetz@uni-mainz.de und jessica.schwittek@uni-due.de
Organisation:
Nicoletta Eunicke, JGU Mainz
Tanja Betz, JGU Mainz
Jessica Schwittek, Universität Duisburg-Essen
Referenzen
Amadori, G., & Mascheroni, G. (2024). Situating data relations in the datafied home: A methodological ap-proach. Big Data & Society, 11(1). doi.org/10.1177/20539517241234268
Barassi, V. (2020). Child data citizen. How Tech Companies Are Profiling Us from before Birth. MIT Press.
Betz, T. (2025). Das Verhältnis zwischen Kindertageseinrichtung und Familie: Positionen und Perspektiven von Eltern in der Frühen Bildung, Betreuung und Erziehung. Bildung und Erziehung, 78(3), 367–384. doi.org/10.7788/buer-2025-780307
Bühler-Niederberger, D. (2005). Kindheit und die Ordnung der Verhältnisse: Von der gesellschaftlichen Macht der Unschuld und dem kreativen Individuum. Juventa.
Correll, L., & Lepperhoff, J. (2013). Kinder im familienpolitischen Diskurs: Vom unsichtbaren Familienmitglied zum Hoffnungsträger der Gesellschaft. In Kompetenzteam Wissenschaft des Bundesprogramms Elternchance ist Kinderchance, L. Correll & J. Lepperhoff (Hrsg.), Frühe Bildung in der Familie. Perspektiven der Familienbil-dung (S. 81–91). Beltz Juventa.
Couldry, N., & Mejias, U. A. (2019). Data colonialism: Rethinking big data’s relation to the contemporary sub-ject. Television & New Media, 20(4), 336–349. doi.org/10.1177/1527476418796632
Esser, F. (2015). Fabricating the Developing Child in Institutions of Education. A Historical Approach to Docu-mentation. Children & Society, 29(3), S. 174–183. doi.org/10.1111/chso.12113
Eunicke, N. (2024). Generationale Ordnung zwischen Familie, Zuhause und Schule: Positionen von Kindern und Lehrkräften zum Hausbesuch. In A. Schierbaum, M. Diederichs, K. Schierbaum (Hrsg.), Kind(er) und Kind-heit(en) im Blick der Forschung (S. 285–303). Springer VS. doi.org/10.1007/978-3-658-42625-5_16
Kelle, H. (2010). ›Age-Appropriate Development‹ as Measure and Norm: An ethnographic study of the prac-tical anthropology of routine paediatric checkups. Childhood, 17(1), 9–25. doi.org/10.1177/0907568209351548
Kelle, H., & Tervooren, A. (2025). Normalisierung von Beobachtung und Dokumentation im frühpädagogi-schen Feld. Eine kritische kindheitstheoretische Perspektive. In S. Koch, K. Jergus, B. Lochner, L. Schildknecht, & M. Hübenthal (Hrsg.), Kritik (in) der Frühpädagogik. Positionierungen und Verhältnisbestimmungen zu frü-her Kindheit (S. 103–117). transcript. doi.org/10.14361/9783839471111-007
Mascheroni, G., & Siibak, A. (2021). Datafied Childhoods. Data Practices and Imaginaries in Children’s Lives. Peter Lang.
Olk, T. (2007). Kinder im ›Sozialinvestitionsstaat‹. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 27(1), 43–57.
Persson, J. (2021). A day-in-the-life of a datafied child – oberservations and theses. In I. Stapf, R. Ammicht Quinn, M. Friedewald, J. Heesen & N. Krämer (Hrsg.), Aufwachsen in überwachten Umgebungen. Interdiszip-linäre Positionen zu Privatheit und Datenschutz in Kindheit und Jugend (S. 295–312). Nomos.
Turmel, A. (2008). A Historical Sociology of Childhood. Developmental Thinking, Categorization and Graphic Visualization. Cambridge University Press.